Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Einst französische Kolonie, dann ein jahrzehntelang währender Konflikt, der letzten Endes in einem Krieg mündete und schließlich eine sozialistische Republik. All das prägte die Geschichte Vietnams im letzten Jahrhundert. Heute gilt Vietnam trotz sozialistischer Regierung in Teilen als offene Volkswirtschaft. Dies ist nur einer von vielen Widersprüchen in diesem Land. Unser Wirtschaftsexperte Michael Bloss war vor Ort und zeichnet ein spannendes und zugleich interessantes Bild.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Der Vietnamkrieg in den 1960er und 70er Jahren prägte das Land schwer. Die Wunden sind auch heute noch tief in den Menschen zu spüren. 1976 - nach dem Krieg - entstand die Sozialistische Republik Vietnam aus der Vereinigung des kommunistischen Nord- und des zuvor antikommunistischen Südvietnams. Heute leben rund 85 Millionen Menschen auf einer Fläche von rund 330 Tausend Quadratkilometern. Die Hauptstadt ist Hanoi. Ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum im Süden ist Ho Chi Minh Stadt - das ehemals Saigon hieß.

Tiefgreifende wirtschaftliche Veränderungen vollzogen sich erstmals 1986 durch die Reform „Doi Moi" - sie stand für Erneuerung. In den Jahren danach wandelte sich die Plan- zu einer Marktwirtschaft. Die angestoßenen Reformen trugen vor allem in den letzten zehn Jahren Früchte. Vor drei Jahren war allerdings eine deutliche Überhitzung des Wirtschaftsystems zu beobachten: Die vietnamesische Börse wies eine Blasenbildung auf und konsolidierte in der Folge deutlich.
Dabei muss berücksichtigt werden: Die wenigsten großen Unternehmen im Land sind an der vietnamesischen Börse gelistet. Der Grund: Sie befinden sich noch immer zu hundert Prozent in Staatsbesitz. Sie sind meist unrentabel und folglich oft verschuldet. Ob sie diese Schulden jemals tilgen können, ist heute noch unklar. Für die vietnamesischen Banken könnte jedoch genau dies früher oder später zu einem ernsten Problem werden. Schließlich sind diese Unternehmen auch nur schwer nach westlichen Bilanzstandards zu bewerten.

Ein ganz ähnliches Bild zeichnet sich auf dem Immobilienmarkt: Große Investorengruppen, besonders aus Singapur, haben in den vergangenen Jahren viel Geld in den vietnamesischen Immobilienmarkt gepumpt. Die Renditen dieser Investments wurden nicht veröffentlicht. Insider mutmaßen, dass diese deutlich unter den Planrechnungen der Investoren zurückliegen. So zog beispielsweise der Kauf des Gebäudekomplexes des Saigon-Hilton durch eine große Investmentkette aus Singapur trotz deutlichen Investitionen keine nennenswerten Steigerungsraten für den Käufer nach sich.
Für klassische ausländische Investoren steht der Immobilienmarkt in Vietnam nicht offen. Möglich ist lediglich ein Erbpachtrecht über maximal 60 Jahre. Dennoch prägen die modernen Büro- und Hotelbauten das Stadtbild Saigons. Einfache Wohnhäuser und Hütten stehen dort neben modernen Bauten aus Glas und Granit. Beim Anblick solcher Prachtbauten darf jedoch nicht vernachlässigt werden, dass das soziale Gefälle in der Bevölkerung in Städten wie Saigon - ebenso auf dem Land - gewaltig ist. Vietnam zählt heute noch zu den ärmsten Ländern Asiens.
Doch der Wille zum Wachstum und der Wunsch es zu etwas zu bringen ist in der Bevölkerung eindeutig vorhanden. Dieser Wille ist für Touristen in nahezu jeder Dienstleistung spürbar. Was jedoch bremst diesen freien Entwicklungsgeist?
Besonders das sozialistische Staatsregime. Es entzieht einem liberalen System die Grundlage. Ein weiteres massives Problem in Vietnam ist das nicht oder nur teilweise funktionierende Infrastruktursystem. So ist der Verkehr im Stadtkern von Saigon nahezu ungeregelt. Vorhandene Verkehrsregeln werden nicht beachtet, Verkehrsschilder bestenfalls als „Empfehlung" angesehen.
Vieles wird auf Motorrädern transportiert. Sie rattern allenorten laut hupend über mit Schlaglöchern übersäte Straßen. In Saigon wird Medienberichten zufolge über den Bau einer U-Bahn nachgedacht. Sie könnte ansatzweise das Verkehrsproblem der 6-Millionen-Einwohner-Metropole lösen. Ob oder wann diese jedoch wirklich gebaut wird, ist allerdings ungewiss.
Neben der Infrastruktur weißt auch das Bildungssystem in Vietnam - im Vergleich zu den westlichen Volkswirtschaften - Mängel auf. So liegen die Kenntnisse eines frisch gebackenen Akademikers, beispielsweise eines Master of Science International Finance, weit unter dem Niveau eines europäischen oder nordamerikanischen Absolventen.
Ein Beispiel: Während westliche Studierende bereits im Bachelor Studiengang „International Finance" mit den Grundzügen der Spieltheorie vertraut sind, ist dieses Thema im vietnamesischen Masterstudiengang komplettes Neuland. Zwar versuchen die Studierenden durch viel Fleiß diese Defizite aufzuholen, stoßen jedoch immer wieder an Grenzen. Fehlende Betreuung durch Professoren, schlechte Ausstattung und der nur bedingte Zugang zu Wissensmedien erschweren dies.
Erste Schritte sind bereits unternommen: So werden nach und nach Professorenaustauschprogramme und der offene „Einkauf" fremder Lehrkräfte vorangetrieben. Durch dieses „Entwicklungshilfeprogramm" könnte in den nächsten Jahren eine deutliche Verbesserung erreicht werden.
Welchen Weg wird Vietnam nehmen? Diese Frage kann weder klar noch abschließend beantwortet werden. Einerseits wird, hauptsächlich durch äußere Einflüsse, beispielsweise ausländische Direktinvestitionen und den damit verbundenen Know-how-Transfer, Vietnam deutlich weiter wachsen. Dies setzt allerdings auch voraus, dass mittel- bis langfristig neben liberalen Rahmenbedingungen auch das Bildungssystem reformiert und die Infrastruktur im Land von Grund auf aufgebaut wird.
Vietnam wird weiter wachsen. Ob das Wirtschaftswachstum einen ähnlich rasanten und nachhaltigen Verlauf nehmen wird wie in den Tigerstaaten Singapur, Südkorea, Taiwan und Hongkong, ist allerdings nicht anzunehmen.
Michael Bloss ist Wertpapierspezialist und Prokurist der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives im Masterstudiengang International Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Gastdozent an namhaften Universitäten und Hochschulen. Sein Fachgebiet sind terminbörsengehandelte Derivate sowie deren Strategien. Er ist Autor und Mitautor von diversen Publikationen zu terminbörsenrelevanten Themen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board des Masterstudienganges International Finance (IFMSc) der HfWU.