Soziologie
Das Wissen von Experten ist für Forscher oft eine wahre Schatztruhe. Es ist nicht nur breit und fundiert, sondern in der Regel auch sehr tief greifend. Aber: Expertenwissen kann nicht über ein stereotypes Frage-Antwort-Schema erhoben werden. Innerhalb eines Interviews muss der Forscher den Experten dazu bewegen, sein Erfahrungswissen und seine Deutungen bestimmter Sachverhalte Preis zu geben. Welche Spielregeln Forscher dabei beachten sollten, erklären zwei Sozialforscherinnen.
Von Dr. Aglaja Przyborski, Universität Wien und Professor Dr. Monika Wohlrab-Sahr, Universität Leipzig
Experteninterviews dienen heute in vielen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen als Erhebungsinstrument, insbesondere in solchen, die sich auf Entwicklungen von Organisationen beziehen. Dabei werden methodische Fragen, die die Spezifik dieses Instruments und der damit generierten Daten betreffen, jedoch oft vernachlässigt. Die Gespräche mit Experten erscheinen häufig als pure Informationslieferanten, über deren Zustandekommen und Status man nicht weiter nachzudenken braucht. Im deutschen Sprachraum wurde dies erstmals von Meuser und Nagel (1991) problematisiert und damit eine nachhaltige Diskussion angestoßen (vgl. Bogner/Littig/Merz 2005).
Jedem, der einmal ein Experteninterview geführt hat, werden schnell die Besonderheiten dieses Verfahrens klar. Diese hängen essentiell mit dem Status und der gesellschaftlichen Funktion von „Experten", mit der daraus resultierenden spezifischen Beziehung im Interview und mit den Besonderheiten des „Expertenwissens" zusammen.
Der Begriff des „Experten" bezieht sich auf eine besondere Art des Wissens: „Experte" wird man, weil einem ein Sonderwissen zugeschrieben wird und man es selbst für sich in Anspruch nimmt. Das verbindet sich häufig mit Berufsrollen, zunehmend aber auch mit Formen spezialisierten außerberuflichen Engagements. Mit diesem Sonderwissen wird gleichzeitig auch Deutungsmacht zuerkannt und in Anspruch genommen.
Einmal geht es also um spezialisierte Formen des „Betriebswissens" (Meuser/Nagel 1991) über institutionalisierte Zusammenhänge, Abläufe und Mechanismen. Der Experte fungiert hier vor allem als Zugangsmedium zur untersuchten Einrichtung und als deren Repräsentant. Er weiß, welche Regeln gelten, gerade dort, wo diese nicht formalisiert sind. Das andere Mal geht es um die Inanspruchnahme, Behauptung und Zuweisung von Deutungsmacht, etwa bei Personen, die eine öffentliche Rolle als „Sachverständige" einnehmen.
Beides kann sich auch verbinden: Eine Personalmanagerin etwa kann ihr Wissen über die Abläufe bei der Personalauswahl und die dabei zur Geltung kommenden Mechanismen darlegen und gleichzeitig Deutungsmacht darüber beanspruchen, über welche Kompetenzen ein „geeigneter" Arbeitnehmer heute verfügen muss.
Oft beschränkt sich die Vorbereitung auf ein Experteninterview primär auf die sachbezogene Auswahl der an den Experten zu richtenden Fragen. Im Unterschied dazu schlagen wir vor, auch hier die Prinzipien der Gesprächsführung bei qualitativen Interviews (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008; Schütze 1983) zur Geltung zu bringen. Diese zielen darauf, dass möglichst viel von der gewünschten Information durch den Interviewpartner selbstläufig präsentiert wird, und das besondere Beziehungsgefüge des Interviews berücksichtigt wird.
Die Auswahl der Interviewpartner wird durch die Entscheidung, welches Expertenwissen geeignetes Datenmaterial für die Untersuchung liefern kann, strukturiert. Die zentrale Schwierigkeit besteht darin, Personen zu finden, die mit den institutionellen Mechanismen des fraglichen Bereichs tatsächlich vertraut sind und darüber entsprechend Auskunft geben können.
Beim Interview ist dem Expertenstatus des Gegenübers Rechnung zu tragen. Dabei sollte man selbst - freilich auf anderem Gebiet - ebenfalls eine Expertenrolle einnehmen, gleichzeitig aber seinen Wissensbedarf gegenüber dem Experten bekunden.
Bereits im Vorgespräch muss klar werden, dass es nicht primär um allgemeine Rahmendaten der Organisation oder Prinzipien der Unternehmensphilosophie geht, sondern um das Wissen des Gegenübers über bestimmte Abläufe, die mit den formulierten Prinzipien in der Regel nicht identisch sind. Wesentlich ist es, die Bereitschaft des Experten zu stimulieren, dem in dieser Hinsicht unkundigen Forscher auf die Spur zu helfen.
Ähnlich wie bei anderen Formen des qualitativen Interviews ist es auch beim Experteninterview sinnvoll, den eigentlich interessierenden Themenbereich mit einer offenen Frage einzuleiten, die den Experten die Möglichkeit gibt, einen Sachverhalt eigenstrukturiert darzustellen. Im Rahmen einer Untersuchung über Personalauswahl könnte diese lauten: „Ich möchte Sie bitten, mir aus Ihrer praktischen Erfahrung einmal zu schildern, wie die Personalauswahl bei Ihnen vor sich geht. Dabei interessieren mich nicht nur die allgemeinen Prinzipien, sondern der tatsächliche Ablauf, wie er sich in der Praxis vollzieht. Wie geht das bei Ihnen vor sich?"
Wenn diese erste Darstellung nicht den gewünschten Detaillierungsgrad annimmt, sollte man den Interviewpartner um Detaillierung bitten oder ihn auffordern, auf Bereiche näher einzugehen, die er bislang nur gestreift hat. Man kann ihn bitten, ein Beispiel zu erzählen, einen typischen Fall zu schildern oder auch eine Situation, in der es zu Schwierigkeiten kam, die gelöst werden mussten.
Ziel dieser Phase ist es, möglichst breite und tiefgründige Information zu bekommen, ohne diese gezielt durch Einzelfragen erheben zu müssen. Die Information soll in ihrer „Einbettung" in konkrete Vorgänge sichtbar werden, da nur so der praktische Charakter des „Betriebswissens" und seiner Genese, aber auch die Einbettung des Deutungswissens in einen bestimmten Erfahrungszusammenhang erkennbar werden.
Bei jedem Expertengespräch wird es für den Wissenschaftler unverzichtbare Fragen geben. Optimalerweise wurde ein Teil davon während der ersten Interviewphase bereits selbstläufig beantwortet. Wenn nicht, können diese Fragen nun im Anschluss gestellt werden. Dabei kann es hilfreich sein, der Expertin die Fragen als Problem zu präsentieren. Im Fall der Personalauswahl könnte dies lauten: „Nun sind ja viele Bewerber vermutlich durch Lektüre und entsprechende Kurse auf Bewerbungssituationen vorbereitet. Wie macht sich das denn bei Ihnen bemerkbar und wie gehen Sie damit um?" Die Grundregel ist auch hier, dass man nicht in ein stereotypes Frage-Antwort-Schema abgleitet, sondern den Interviewpartner dazu stimuliert, etwas von seinem Erfahrungswissen preiszugeben und - darin eingebettet - seine Deutungen zu präsentieren.
Insbesondere wenn Sie am Deutungswissen einer Expertin oder eines Experten interessiert sind, ist danach Gelegenheit, solche Deutungen zu provozieren. Die Interviewpartnerin oder der Interviewpartner soll nun von ihren Erfahrungen abheben, Schlüsse ziehen, Diagnosen wagen und Prognosen entwickeln.
Man könnte dies folgendermaßen einleiten: „Wir haben nun schon eine ganze Zeit über Ihre Erfahrungen bei der Auswahl von Personal gesprochen. Ich würde Sie nun gern abschließend nach einigen eher generellen Einschätzungen fragen. Was würden Sie sagen: Welche allgemeinen Probleme stellen sich heute für einen Betrieb wie Ihren bei der Rekrutierung von Personal?"
Wenn man sich für Verbindungen zwischen allgemeinen gesellschaftlichen Debatten und der Deutungsmacht der Expertin oder des Experten interessiert, kann man nun explizit auf diese Ebene anspielen. Etwa mit der Frage: „Es wird ja in der Öffentlichkeit häufig über die mangelnde Flexibilität von Arbeitnehmern geklagt. Wie stellt sich das denn aus Ihrer Sicht dar?" An dieser Stelle kann es unter Umständen auch ratsam sein, zu einer vorsichtig provozierenden Gesprächsführung überzugehen.
Generell halten wir es für sinnvoll, diese abschließenden Deutungen bei der Auswertung des Interviewmaterials vor dem Hintergrund der stärker selbstläufig entstandenen Gesprächsteile zu interpretieren. Wirklich interessant sind ja nicht isolierte Experten-„Meinungen", sondern der „Sitz im Leben" dessen, was als Deutungsmacht in der öffentlichen Auseinandersetzung erscheint.
Aglaja Przyborski ist seit 2000 Universitätsassistentin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien und Psychotherapeutin in freier Praxis.
Monika Wohlrab-Sahr ist seit 2006 Professorin für Kultursoziologie an der Universität Leipzig.
Bogner, Alexander/Littig, Beate/Menz, Wolfgang (Hg.) 2005². Das Experteninterview. Theorie, Methode, Anwendung, Wiesbaden: VS Verlag.
Meuser, Michael/Nagel, Ulrike 1991. ExpertInneninterviews - vielfach erprobt, wenig bedacht. Ein Beitrag zur qualitativen Methodendiskussion, in:. Garz, D./Kraimer, K. (Hg.): Qualitativ-empirische Sozialforschung. Opladen: Westdeutscher Verlag: 441-471
Przyborski, Aglaja/Wohlrab-Sahr, Monika 2008. Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg
Schütze, Fritz 1983. Biographieforschung und narratives Interview, in: Neue Praxis 3: 283-293.