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Titelbild zum Beitrag: Professor und Popstar
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Professor und Popstar

Wirtschaftsnobelpreisträger 2008: Paul Krugman

Er polarisiert und besitzt die Gabe, ökonomische Sachverhalte spielend leicht einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln - Paul Krugman. Im Oktober 2008 erhielt der linksliberale US-Amerikaner den Wirtschaftsnobelpreis für „die Analysen der Handelsmuster und Räume wirtschaftlicher Aktivität". Damit zeichnete die schwedische Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel auch einen Kritiker der Bush-Regierung aus. Ein Hohenheimer Volkswirt portraitiert den Preisträger.

Von Professor Dr. Harald Hagemann, Universität Hohenheim, Stuttgart

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Kaum ein anderer Nobelpreisträger in den Wirtschaftswissenschaften dürfte bereits zuvor außerhalb des engeren Kreises seiner Fachkollegen so bekannt gewesen sein wie der Preisträger des Jahres 2008 Paul Krugman, Ökonomieprofessor an der Universität Princeton und „Popstar" in einem. Dies liegt an Krugmans seltener Gabe komplizierte ökonomische Zusammenhänge in brilliantem Stil und in zugespitzter Form einem breiten Publikum zu vermitteln, seit Januar 2000 zweimal pro Woche in der New York Times, seit 2007 ergänzt durch einen Blog.

Feind der US-Konservativen

Seine prononcierten linksliberalen, keynesianischen Positionen, sein ebenso provokanter wie medienwirksamer und polarisierender Stil sowie sein unermüdlicher Kampf gegen die Machenschaften der Bush-Administration haben ihm vor allem die erbitterte Feindschaft der amerikanischen Konservativen eingebracht. Charakteristisch für diese Seite des Krugmanschen Wirkens ist sein letztes in Deutschland erschienenes Werk Nach Bush. Das Ende der Neokonservativen und die Stunde der Demokraten (2008), das in den USA bereits 2007 unter dem Titel The Conscience of a Liberal erschien. In diesem Buch analysiert Krugman vor allem die politischen Ursachen einer wachsenden Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung in den USA seit den 1970er Jahren, insbesondere warum es den Neokonservativen durch die Machtübernahme in der Republikanischen Partei und geschicktes Ausnutzen der Rassenfrage gelang, eine Wende in den Südstaaten und politische Mehrheiten für eine Politik zu erzielen, die gegen die wirtschaftlichen Interessen einer Mehrheit gerichtet gewesen ist.

Frühzeitig vor Finanzkrise gewarnt

Während sein deutscher Verlag auf dem Klappentext von Nach Bush noch betont, dass Krugman zwar „seit Jahren als Anwärter auf den Wirtschaftsnobelpreis" gelte, „sein politisches Engagement dürfte einer Vergabe des Preises an ihn aber im Wege stehen", sollte diese Aussage nur wenige Monate später auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise und unmittelbar vor Ablauf der Bushschen Präsidentschaft falsifiziert werden. Insofern überrascht es nicht, dass in den Medien der Verleihung des Nobelpreises an einen Ökonomen, der frühzeitig vor den Folgen der Immobilienblase und der drohenden Finanzkrise gewarnt hatte, weithin eine große symbolische Bedeutung zuerkannt wurde, ein Eindruck, dem das schwedische Nobelpreiskomitee in der offiziellen Laudatio (2008) durch Konzentration auf die wissenschaftlichen Leistungen Krugmans bewusst und zurecht entgegenzuwirken versucht.

Es begann in Yale

Paul Krugman wurde am 28. Februar 1953 in New York geboren und wuchs auf Long Island auf. Er studierte zunächst Volkswirtschaftslehre an der Yale University, wo er 1974 den Bachelor erwarb und als Forschungsassistent von William Nordhaus sich frühzeitig mit Energie- und Rohstofffragen auseinandersetzte. Danach wechselte er an das Massachusetts Institute of Technology, wo er bereits 1977 promoviert wurde. Am MIT zählten vor allem Robert Solow und der aus Deutschland stammende Rüdiger Dornbusch zu seinen einflussreichsten Lehrern. So hat Dornbusch den jungen Krugman für Probleme der internationalen Makroökonomik einschließlich Währungsfragen inspiriert, wo Krugman (1979a) einen der wichtigsten Beiträge zur ersten Generation der Währungskrisenmodelle leistete und später das grundlegende Modell für die Entwicklung von Wechselkursen innerhalb von Zielzonen formulierte (1991b).

Nach der Promotion ging Krugman, der später auch an der University of California in Berkeley, der London School of Economics und der Stanford University unterrichtete, als Assistenzprofessor zunächst an die Yale University (1977-80). Kaum bekannt und für viele heute sicherlich überraschend ist, dass Krugman für ein Jahr Mitglied des Council of Economic Advisors von Präsident Ronald Reagan war und sogar große Teile des Economic Report of the President 1983 verfasste. Die weltweite schwere Rezession im Gefolge des zweiten Ölpreisschocks hatte zur Folge, dass der damalige Vorsitzende des CEA Martin Feldstein 1982 nicht nur Krugman, sondern auch die politisch nahezu ebenso 'inkorrekten' Neukeynesianer Larry Summers und Greg Mankiw anheuerte. Nach diesem einjährigen Intermezzo in der Politikberatung ging Krugman 1983 an das MIT zurück, wo er im nachfolgenden Jahr eine engere und äußerst fruchtbare Kooperation mit Elhanan Helpman begann, die unter anderem zur Veröffentlichung des gemeinsamen Werkes Market Structure and Foreign Trade: Increasing Returns, Imperfect Competition, and the International Economy (1985) führte, einem Meilenstein in der Entwicklung der „Neuen Handelstheorie".

Frühe Würdigung

1991 erhielt Krugman die John Bates Clark Medal, die die American Economic Association seit 1947 alle zwei Jahre an einen jungen amerikanischen Ökonomen unter 40 verleiht, der bedeutende Beiträge zur Wirtschaftstheorie geleistet hat (Dixit 1993). Beginnend mit Paul Samuelson, dem ersten Träger der John Bates Clark Medaille, ist Krugman nach Friedman, Tobin, Arrow, Klein, Solow u.a. bereits der zwölfte Empfänger dieser bedeutenden Auszeichnung, der später den Nobelpreis erhalten sollte. Darüber hinaus erhielt er zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter die Ehrendoktorwürde der FU Berlin 1998 und den Recktenwald Preis der Universität Erlangen-Nürnberg 2000.

Routinierter Autor

Krugman schrieb zahlreiche Bücher, die sich an ein breiteres Publikum richten, darunter The Age of Diminished Expectations (1990), Pop Internationalism (1996) und The Return of Depression Economics (1999), in denen er die lange wirtschaftliche Stagnation Japans in den 1990er Jahren sowie die Finanzkrisen in Asien und Lateinamerika analysiert. Krugman ist auch (Mit-)Verfasser ökonomischer Lehrbücher, darunter zur Mikro- und Makroökonomik mit seiner zweiten Ehefrau und Kollegin in Princeton Robin Wells. Am bedeutendsten ist sicherlich das gemeinsam mit Maurice Obstfeld verfasste Werk International Economics: Theory and Policy, das sich seit seinem Erscheinen 1989 (8. Auflage 2008) schnell zum international führenden Lehrbuch zur Außenwirtschaft entwickeln sollte.

Preiswürdig: Außenhandel und Geografie

Den Nobelpreis erhielt Krugman für seine wissenschaftlichen Arbeiten zur Analyse internationaler Handelsströme und Herausbildung von Ballungsräumen, mit denen er die Grundlagen zur Entwicklung der „Neuen Außenhandelstheorie" und der „Neuen Ökonomischen Geografie" legte. Dabei spielen steigende Skalenerträge und monopolistische Konkurrenz eine entscheidende Rolle. Krugman selbst erkennt in der Klärung der Rolle steigender Skalenerträge in der Wirtschaftstheorie das wichtigste Thema in seinem Werk (1995, S. 41). Firmeninterne steigende Skalenerträge in der Produktion, der Wunsch der Konsumenten nach Produktvielfalt und die damit verbundene monopolistische Konkurrenz stehen bereits im Zentrum von Krugman (1979b).

Erklärung des internationalen Handels über Ricardo und Heckscher-Ohlin hinaus

Hiermit gelang es ihm zu erklären, warum ein Großteil des internationalen Handels intrasektoraler Natur ist und auch bei geringer Bedeutung komparativer Vorteile zwischen entwickelten Volkswirtschaften mit vergleichbaren Ressourcen und Technologie, etwa im Bereich der Automobilindustrie, stattfindet. Diesen Tatbestand konnte die von Ricardo, Heckscher-Ohlin und anderen entwickelte Außenhandelstheorie bis dato nicht erklären.

Agglomeration und Migration

Der Keim der Neuen Ökonomischen Geografie, der hierin bereits angelegt ist, wurde im Kern-Peripherie-Modell von Krugman (1991a) voll entwickelt, das heute als Ausgangspunkt der Neuen Ökonomischen Geografie gilt. Steigende Skalenerträge spielen auch bei der Herausbildung von Ballungsräumen eine entscheidende Rolle, wobei die Agglomeration durch geldliche Externalitäten gefördert wird, da ein größerer Markt eine größere Produktvielfalt und geringere Kosten ermöglicht. Die weltweit zu beobachtende starke Agglomeration wird durch niedrigere Transportkosten und die Handelsliberalisierung verstärkt.

Die höheren Löhne in den industriellen Zentren stimulieren die Migration, wodurch wieder der Markt im Kern vergrößert wird, das heißt die Entwicklung beinhaltet einen Prozess kumulativer Verursachung. Wichtige Impulse für seine regionalökonomischen Arbeiten hat Krugman auch durch die reiche Tradition deutscher Beiträge zur Standorttheorie erhalten, die von Johann Heinrich von Thünen über Wilhelm Launhardt, Alfred Weber und Walter Christaller bis zu August Lösch reicht. Krugmans Kern-Peripherie-Modell hat die Standorttheorie bis heute inspiriert. Einer der wichtigsten Beiträge ist der von Krugman selbst zusammen mit Venables (1995) entwickelte Ansatz, der die Bedeutung von Input-Output-Verflechtungen zwischen Firmen, insbesondere die Ansiedlung von spezialisierten Zulieferbetrieben - als Ergänzung zu den größeren Absatzmärkten -, als Erklärung von Agglomerationstendenzen betont.

Globalisierung stets verteidigt

Krugman hat stets die wohlstandssteigernden Wirkungen einer größeren internationalen Arbeitsteilung hervorgehoben und den Freihandel sowie die Globalisierung gegen Kritiker wie Ralph Nader und Industriepolitiker wie Robert Reich verteidigt. In der seit Mitte der 1990er Jahre stattfindenden „Handel versus Technologie"-Debatte über die Ursachen des qualifikationsspezifischen Strukturwandels der Arbeitsnachfrage zu Ungunsten der gering Qualifizierten in den hoch entwickelten Volkswirtschaften hat er mit der plakativen Aussage „Europe jobless, America penniless" frühzeitig betont, dass die höhere Arbeitslosigkeit in Ländern wie Deutschland und die wachsende Ungleichheit/Lohnspreizung in den USA „zwei Seiten einer Medaille" sind. Diese Krugman-Hypothese unterstellt einen empirischen Trade-off zwischen Arbeitslosigkeit und Lohnungleichheit, wobei die tatsächliche Situation der gering qualifizierten Arbeitskräfte vor allem vom Ausmaß der Flexibilität beziehungsweise Rigidität des Arbeitsmarktes abhängt.

Schließlich sei erwähnt, dass Krugman 2007 ein neues, stark beachtetes Vorwort zu Keynes' General Theory of Employment, Interest and Money verfasst hat, das in deutscher Übersetzung von der Webseite der Keynes-Gesellschaft heruntergeladen werden kann.

 

Autor

Professor Dr. Harald Hagemann ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftstheorie an der Universität Hohenheim in Stuttgart.

 

 

Literatur

Dixit, A. (1993), In Honor of Paul Krugman: Winner of the John Bates Clark Medal, Journal of Economic Perspectives, 7(2), S. 173-188.

Helpman, E. und Krugman, P. (1985), Market Structure and Foreign Trade: Increasing Returns, Imperfect Competition, and the international Economy, Cambridge, Mass.

Krugman, P. (1979a), A Model of Balance-of-Payments Crises, Journal of Money, Credit and Banking, 11, S. 311-325.

Krugman, P. (1979b), Increasing Returns, Monopolistic Competition and International Trade, Journal of International Economics, 9, S. 469-479.

Krugman, P. (1991a), Increasing Returns and Economic Geography, Journal of Political Economy, 99, S. 483-499.

Krugman, P. (1991b), Target Zones and Exchange Rate Dynamics, Quarterly Journal of Economics, 106, S. 669-682.

Krugman, P. (1991c), Geography and Trade, Cambridge, Mass.

Krugman, P. (1994), Past and Prospective Causes of High Unemployment, Federal Reserve Bank of Kansas City Economic Review, 79(4), S. 23-43.

Krugman, P. (1995), Incidents from my career, in: A. Heertje (Hrsg.), The Makers of Modern Economics, Bd. II, Aldershot, S. 29-46.

Krugman, P. (2007), Introduction to The General Theory of Employment, Interest, and Money by John Maynard Keynes, London und New York.

Krugman, P. und Obstfeld, M. (1989), International Economics. Theory & Policy,
8. Aufl., Boston u.a. 2008; dt. Internationale Wirtschaft, 7. Aufl., München 2006.

Krugman, P. und Venables, A. (1995), Globalization and the Inequality of Nations, Quarterly Journal of Economics, 110, S. 857-880.

Royal Swedish Academy of Sciences (2008), Trade and Geography - Economies of Scale, Differentiated Products and Transport Costs, Stockholm.

 

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