Volkswirtschaftslehre
Die Gesellschaft überaltert und die Kosten für das Gesundheitssystem explodieren. Eine Nuss, die viele Politiker in entwickelten Volkswirtschaften knacken müssen. Unser VWL-Experte aus Wien erklärt am Beispiel des Gesundheitssystems, warum Wohlstand nicht nur Segen, sondern auch Fluch sein kann.
Von Professor Dr. Ferry Stocker, Fachhochschule Wiener Neustadt
Die Demographie ist für Ökonomen ein berechenbares Problemfeld - aber dennoch höchst brisant. Im Mittelpunkt von demographischen Analysen steht die Überalterung der Gesellschaft und die damit verbundene Kostenexplosion im Gesundheitssystem. Die bereits bestehende Finanzierungslücke wird dort ohne tief greifende Reformen immer größer. Bleiben Reformen aus, dann droht über kurz oder lang sogar die Unfinanzierbarkeit des Gesundheitssystems. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob wir uns den Wohlstand, in dem wir hierzulande leben, überhaupt leisten können oder ob es einen Fluch des Wohlstands gibt.
Einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung einer Volkswirtschaft steht kaum etwas im Wege, wenn ein funktionierendes Rechtssystem vorliegt, die Märkte offen sind, eine Leistungsorientierung der Wirtschaftsakteure vorherrscht und Preis- sowie Finanzmarktstabilität gewährleistet ist. In diesem Fall kann sich eine Volkswirtschaft selbst oder gerade ohne nennenswerte Bodenschätze positiv entwickeln und Jahr für Jahr wachsen. Was westeuropäische Volkswirtschaften in rund 200 Jahren erreicht haben, ist unter diesen institutionellen Rahmenbedingungen für Volkswirtschaften im 21. Jahrhundert bereits in fünf Jahrzehnten möglich.
Ein solch wirtschaftlicher Wachstumsprozess hat aber auch eine Kehrseite: Aus dem Blickwinkel eines Ökonomen wandeln sich in wirtschaftlich prosperierenden Volkswirtschaften Kinder zu einer durchaus kostspieligen Angelegenheit, da sie oft erst nach einem Vierteljahrhundert einen produktiven Beitrag zum Volkseinkommen leisten, während Kinder in armen Volkswirtschaften schon sehr früh durch Arbeit zum oft kargen Familieneinkommen beitragen. Mit steigendem Wohlstand einer Volkswirtschaft und vor allem auch mit steigendem Einkommen der immer besser ausgebildeten weiblichen Arbeitnehmer steigen zudem die Opportunitätskosten des Kinderkriegens und -aufziehens in hohem Maße. In der Folge nimmt der Kinderwunsch ab und die Gesellschaft beginnt zu überaltern.
Weiter verstärkt wird diese Überalterung vom medizinischen Fortschritt. Krankheiten lassen sich leichter heilen, die Lebenserwartung der älteren Menschen nimmt zu. Aber: Mit zunehmendem Alter steigt dennoch die Anfälligkeit für Krankheiten, die nun kostspielig geheilt werden können. In der Konsequenz steigen in diesen Volkswirtschaften die Gesundheitskosten.
Im Gesundheitssektor gilt häufig das Say'sche Gesetz, das besagt, dass sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft. Ist ein neues Medikament, eine neue Therapie für eine Erkrankung oder ein Gebrechen verfügbar, so ist dafür auch eine Nachfrage gegeben, wenn das neue Medikament besser (zum Beispiel mit weniger Nebenwirkungen verbunden) oder die neue Therapie einfacher und kostengünstiger angewendet werden kann. Mehr und mehr Personen können sich dann das neue Medikament oder die neue Therapie leisten. Kein Wunder also, dass der Gesundheitssektor wächst und wächst.
An sich muss sich aus dieser Situation nicht zwangsläufig ein ökonomisches Finanzierungsproblem von Gesundheitsleistungen ergeben. Dies entsteht zum einen erst dann, wenn im System eine Informationsasymmetrie zwischen Patient und Anbietern von Gesundheitsleistungen vorliegt. Dem Patienten fällt es in der Regel sehr schwer zu beurteilen, ob eine verordnete Therapie aus Kosten-Nutzenüberlegungen die richtige Wahl ist. Dieser Umstand ermöglicht Anbietern von Gesundheitsleistungen, Behandlungen auf Kosten des Patienten durchzuführen, die eigentlich nicht notwendig sind.
Dieses Problem der asymmetrischen Informationsverteilung zwischen Patient und den Anbietern der Gesundheitsleistungen verschärft sich in den meisten Fällen dadurch, dass der Patient keinen Anreiz hat, kritisch die Effizienz medizinischer Maßnahmen zu hinterfragen. In den meisten Fällen kommt er nämlich nicht direkt für die Kosten seiner Behandlung auf, sondern nur indirekt über seine geleisteten Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung. Damit übernimmt in letzter Konsequenz die Gesellschaft diese Kosten. Genau in dieser Dreieckskonstellation zwischen Anbieter von Gesundheitsleistungen, Patient und Versicherung/Gesellschaft liegt nun das Problem der explodierenden Kosten.
Anders gestaltet sich das Problem bei den privaten Krankenversicherungen. Sie stehen im Wettbewerb zueinander und agieren als gewinnmaximierende Unternehmen. Steigende Kosten wälzen sie auf die Prämien der Versicherten ab. Das hat Auswirkungen auf ihre Wettbewerbsfähigkeit. Ihr Anreiz nach innovativen Wegen zu suchen, die unter dem Strich kostengünstigere Behandlungen erlauben - ist folglich sehr hoch. Aus diesem Grund setzen private Krankenkassen zum Beispiel stärker auf die Förderung der Präventionsmedizin als gesetzliche Krankenversicherungen.
Inwieweit nun die Logik der privaten auch bei den gesetzlichen Krankenversicherungen greift, ist durchaus umstritten: Schließlich wälzen auch die Gesetzlichen höhere Kosten auf ihre Beitragszahler, aber in letzter Konsequenz auf den Steuerzahler und damit die Gesellschaft ab.
Man könnte im Gesundheitssystem aber auch die Ursache für eine Malthusianische Falle vermuten, die das erarbeitete Wohlstandsniveau einer Volkswirtschaft ganz grundsätzlich in Gefahr bringt: Je reicher eine Gesellschaft wird, desto größer ist die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen, die aus sozialen Erwägungen im immer größeren Ausmaß auch vom staatlichen Gesundheitssystem zur Verfügung gestellt werden. Die damit verbundenen Kosten steigen so stark, dass die zu ihrer Finanzierung aufzubringenden Steuern die Leistungsbereitschaft mehr und mehr schmälern und damit das Wachstum, auf dem auch das staatliche Gesundheitssystem beruht, dämpfen oder gar zum Erliegen bringen.
Thomas Robert Malthus (1766-1834) widersprach heftig der damals gängigen Meinung, dass eine wachsende Bevölkerung auch gleichzeitig eine größere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit nach sich zieht. Er vertrat den Standpunkt, dass eine Bevölkerung exponential wächst, wohingegen das Angebot von Lebensmitteln nur linear zunimmt. Die Konsequenz: Nachfrage und Angebot nach Lebensmitteln entwickeln sich in einer Scherenbewegung auseinander und die Lebensmittelpreise steigen, wohingegen die Reallöhne sinken. Hunger und Armut in einigen gesellschaftlichen Schichten sind seiner Meinung nach die Folge.
Aber: Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass die Probleme im Gesundheitssystem durch die Marktwirtschaft entstanden sind. Denn Wachstums- und Effizienzeffekte einer Marktwirtschaft basieren darauf, dass die Akteure die Kosten all ihrer Handlungen auch selbst tragen müssen. Und gerade das ist im Gesundheitssystem überwiegend nicht der Fall.
Professor Dr. Ferry Stocker ist Fachbereichsleiter für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Wiener Neustadt und lehrt an zahlreichen in- und ausländischen Universitäten und Hochschulen.