Titelthema
Lehrer tragen Verantwortung - und zwar jede Menge. Fünf Tage die Woche vertrauen Eltern darauf, dass ihre Kinder nach besten Wissen und Gewissen gebildet werden und sie alle Unterstützung und Förderung erfahren, die sie benötigen. Dass dieser Anspruch nicht die Realität eines jeden Lehrers widerspiegelt, ist kein Geheimnis. Unser Experte vom Rhein weiß jedoch: Umdenken zahlt sich aus.
Von Professor Dr. Gerd Hansen, Universität Köln
Was zeichnet guten Unterricht aus? Oder anders gefragt: Wie können Schüler optimal unterstützt und gefördert werden? In diesem Kontext versteht sich die Unterstützende Didaktik als Rahmenkonzept für Unterricht an Allgemeinen Schulen und an Förderschulen. Theoretischer Bezugspunkt ist dabei eine gemäßigt konstruktivistische Interpretation von Lehr- und Lernprozessen. Sie fügt sich damit nahtlos in den innerhalb der aktuellen Didaktikdiskussion vollzogenen Paradigmenwechsel ein - weg von einem passiv-rezeptiven hin zu einem aktivitätsbezogenen und konstruktiven Verständnis von Lehr- und Lernprozessen im Unterricht. Mit dieser neuen Sicht sind auch grundlegende Veränderungen der Aufgaben und Anforderungsprofile für Lehrkräfte verbunden.
Als eine zentrale Aussage dieser Neuorientierung bestimmt die Unterstützende Didaktik die Gleichwertigkeit von Beziehung und Inhalt, die in traditionellen Didaktiken meist anders gesehen wird. In der Regel besteht dort eine Priorisierung der Inhaltsaspekte: Im Unterricht wird einseitig die Vermittlung von Lerninhalten fokussiert, während dialogischen und kommunikativen Faktoren im besten Falle eine nachrangige Bedeutung zuerkannt wird. Die Lehrer-Schüler-Beziehung wird also entweder mehr oder weniger vernachlässigt oder deutlich hierarchisiert gedacht. Die Schüler erscheinen als die unwissenden Empfänger, denen ein mit Fachwissen ausgestatteter Lehrer Inhalte eintrichtert.
Die Unterstützende Didaktik bestimmt dieses Verhältnis anders. Die Vermittlung von Wissen wird durch Ausblendung der Beziehungsebene deutlich erschwert. Erfolgreiches Lernen kann nur in und mit sozialen Beziehungen hervorgebracht werden. Aber Beziehung alleine reicht nicht. Es braucht eine bestimmte Qualität der Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler, um die Wahrscheinlichkeit für erfolgreiche Lehr- und Lernprozesse zu erhöhen. Wie nun lässt sich eine solche Qualität kennzeichnen?
Die Unterstützende Didaktik orientiert sich zur Beantwortung dieser Frage an grundlegenden Annahmen und Erkenntnissen der Humanistischen Psychologie, hier insbesondere am Prinzip der Personenzentriertheit, welches untrennbar mit dem Namen Carl Rogers verbunden ist. Anders als traditionelle, eher lehrerzentrierte Didaktikkonzepte geht die Unterstützende Didaktik in ihren Grundannahmen und praktischen Vorschlägen also eher von der Person des Lernenden und seinen Befindlichkeiten aus. Eine solche Vorgehensweise kann auch als Schülerzentrierung bezeichnet werden.
Eine solche Schülerzentrierung ist durch eine dialogische und kommunikative Beziehungspraxis zwischen Lernenden und Lehrenden gekennzeichnet, in denen sich Letztere in erster Linie als Person - wenngleich durchaus mit besonderen professionsspezifischen Kompetenzen ausgestattet - und weniger als unfehlbare Träger von festen Wissensbeständen einbringen. Die erfolgreiche Vermittlung von Unterrichtsinhalten steht dabei in direktem Zusammenhang mit dem Gelingen eines dialogischen und kommunikativen Beziehungsverhältnisses zwischen Lehrer und Schülern.
Als wesentliche Merkmale einer solchen Beziehungspraxis im Unterricht können in Anlehnung an Rogers die Variablen Real-Sein, einfühlendes Verständnis und Wertschätzung gelten. Das Real-Sein ist dabei die Basis für eine unterstützende Beziehung. Wenn es dem Lehrer gelingt, der zu sein, der er ist, wenn er einen Beziehungsaufbau ohne Mauer oder Fassade gestaltet, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für signifikantes Lernen. Allerdings muss einschränkend festgestellt werden, dass die Empfehlung eines radikalen Real-Sein aus heutiger Sicht nicht mehr zeitgemäß ist. Selbstverständlich gehört nicht jede Gefühlsregung des Lehrers in den Unterricht.
Des Weiteren richtet sich die Beziehungsauffassung der Unterstützenden Didaktik an der Vorstellung einer symmetrischen Kommunikation aus. Diese Vorstellung muss aber eindeutig als Annäherungskategorie verstanden werden. Sie kann und will die Ungleichheit in Lehrer-Schüler-Beziehungen beispielsweise für den Bereich inhaltlicher und thematischer Unterrichtsbezüge nicht in Frage stellen. So sind zum Beispiel schulische Situationen denkbar und im Alltag auch nicht selten, in denen eine potentielle Gleichheit der Beziehung ausgeschlossen ist, zum Beispiel weil die Verantwortungsbalance sich eindeutig in Richtung der Lehrer neigt. Gerade in solchen Situationen unterschiedlicher oder gar gegensätzlicher Situationseinschätzungen kommt es dann entscheidend auf die Einhaltung eines wertschätzenden und respektvollen Umgangs miteinander an, wobei der Lehrkraft per Rolle ein deutliches Übergewicht an Verantwortung für die Ausgestaltung der Beziehungsqualität zufällt.
Die Unterstützende Didaktik bestimmt deshalb eine Haltung als wünschenswert, die zum einen mit dem Begriff eines selektiven Real-Seins und zum anderen mit dem der Symmetrieannäherung gekennzeichnet werden kann. Eine solche Beziehungsqualität betont einerseits den pädagogisch hohen Wert einer persönlichen Begegnung ohne Amtsautoritäts- oder Hierarchiegebahren. Andererseits akzeptiert sie in gewisser Weise auch hierarchische Unterschiede.
Als einfühlendes Verständnis kann die Fähigkeit des Lehrers verstanden werden, Reaktionen von Schülern aus deren Innenperspektive heraus zu verstehen, also ein sensibles Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie sich der Lernprozess aus Sicht der Lerner darstellt. Wertschätzung gegenüber dem Schüler zeigt sich in einer grundlegenden und bedingungslosen Anerkennung seiner Person. Er wird als grundsätzlich respekt- und vertrauenswürdig wahrgenommen und behandelt, und dies unabhängig von seinen Haltungen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Manche Lehrer verwechseln Achtung der Schüler und Einfühlung in ihr Erleben mit weicher oder lascher Nachgiebigkeit. So werden etwa Grenzüberschreitungen nicht mit den vereinbarten Sanktionen belegt (zum Beispiel bei gewalttätigen Aktionen oder Mobbing). Eine solche Haltung entspricht ausdrücklich nicht einem Vorgehen gemäß der Unterstützenden Didaktik.
Warmherzigkeit, Freundlichkeit und Verständnis sind keine pädagogischen Haltungen von laisser-faire und Kraftlosigkeit. Zwar legt die Unterstützende Didaktik Wert auf ein fürsorgliches Unterrichtsklima und einen freundlichen Kommunikationsstil untereinander. Dies bedeutet jedoch nicht den Verzicht auf die aktive Einführung von Aufgaben und die Vereinbarung von Regeln beziehungsweise die Realisierung von Konsequenzen bei deren Nichteinhaltung.
Die positiven Wirkungen einer solchen unterstützenden Beziehungsgestaltung und - in der Folge eines unterstützenden Unterrichtklimas - sind auch empirisch nachgewiesen. Zusammenfassend können drei Wirkungsbereiche genannt werden:
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass die Realisierung der dargelegten Beziehungsvariablen unter dem Gesichtspunkt des Lernens von Sach- und Fachinhalten zwar einerseits als basal gelten kann, andererseits aber alleine nicht hinreichend ist. Für einen erfolgreich unterstützenden Unterricht bedarf es einer Kombination aus positiven sozialen Beziehungsmustern und mehr oder weniger direkt lernunterstützender Interaktionen in Form von beispielsweise Anleitungen, Zeigen, Instruktionen oder Feedback durch den Lehrer.
Professor Dr. Gerd Hansen lehrt Didaktik in schulischen und vorschulischen Rehabilitationsfeldern am Department Heilpädagogik und Rehabilitation der Universität zu Köln.