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Titelbild zum Beitrag: Helle Köpfchen
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Helle Köpfchen

Hochbegabung

Sie sind nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen. Hochbegabte Kids können zwar positiv auffallen, aber sich gut und gerne auch negativ zur Schau stellen. Nicht selten überfordern sie ihre Eltern und Lehrer, weil sie in vielen Fällen nicht angemessen gefordert und gefördert werden. Was Hochbegabung ausmacht und wie sie zu messen ist, erklärt unser Fachmann von der Ostsee.  

Von Professor Dr. Christoph Perleth, Universität Rostock

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Was genau misst der IQ? Die meisten Menschen und auch viele Wissenschaftler verwenden den Begriff des Intelligenz­quotienten IQ als Maß für die Höhe der geistigen Leistungsfähigkeit. Dabei wird ange­nommen, dass man das gesamte Spektrum der intellektuellen Leistungsfähigkeit in einer einzigen Zahl ausdrücken kann. Und, so wird meist argumentiert, wenn der Wert über einem IQ von 130 liegt, dann gilt man als hochbegabt. Dies klingt willkürlich und das ist es auch. Umso mehr als die Bandbreite der Bezeich­nungen, mit denen die betreffenden Kinder und Jugend­liche belegt werden, sehr weit ist: Sie reicht von hochbegabt über besonders befähigt, hoch talentiert, Genie, spitzenbegabt, Überflieger bis zu hochintelligent.

Der Vorschlag, Hochbegabung über einen IQ von 130 zu definieren, hat durchaus eine solide wissenschaftliche Grundlage und ist nicht ganz so willkürlich gewählt, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag, Der IQ gibt an, wie stark die individuelle, intellektuelle Leistungsfähigkeit einer Person - erfasst in der Regel über einen Intelligenz- oder Fähigkeitstest - vom Durch­schnitts­wert der Vergleichsgruppe ab­weicht. Der individuelle IQ definiert sich über die Abweichung vom Mittelwert 100, dies ist die durchschnittliche Leistung einer bestimmten Altersstufe. Ein Beispiel: Erzielt die 12jährige Meike einen IQ von 100, so bedeutet dies, dass die Hälfte aller 12jährigen gleich gute oder bessere Leistungen als Meike zeigt, die andere Hälfte schlech­tere Leistungen als sie.

Den Durchschnitt ermitteln

Die wichtigste Kennzahl oder Statistik für eine Verteilung neben dem Mittelwert ist die Standard­abweichung (vgl. im folgenden Perleth & Sierwald, 2000). Dies stellt gewissermaßen (intuitiv, nicht exakt statistisch, die Formel ist aus mathematisch-statistischen Gründen kompli­zierter!) die durch­schnittliche Abweichung vom Mittelwert einer Verteilung dar. Die Standard­abweichung der IQ-Werte beträgt 15. Wessen IQ somit weniger als 15 vom Mittelwert IQ=100 abweicht, liegt im Bereich des breiten Durchschnitts. Bei allen normalverteilten Merkmalen gilt, dass cirka 68 Prozent in den Bereich einer Standardabweichung um den Mittelwert fallen.

Zum Beispiel haben die meisten 12jährigen - ziemlich genau 68 Prozent - einen IQ zwischen 85 bis 115. Wer einen IQ höher oder gleich 115 erzielt, gehört zu den besten 16 Prozent seiner Vergleichs­gruppe. Schüler oder Erwachsene mit IQ-Werten über 130, die also Leistungen von mindesten 2 Standardabweichungen über dem Mittelwert erzielen, rechnet man gewöhnlich zu den Hoch­begabten, dies sind ca. 2-3 Prozent der Altersstufe- bzw. Vergleichs­gruppe. Der IQ stellt somit kein absolutes Maß für die Höhe der allgemeinen Intelligenz einer Person dar, sondern hängt von der Wahl der Vergleichsgruppe ab. Je nach Vergleichsgruppe oder Altersstufe kann die­selbe Test­leistung mit einem unter­schied­lichen IQ bewertet werden. Ein 10jähriges Mädchen und ein 18jähriger Junge werden in der Regel für dieselbe Anzahl in einem Test gelöster Aufgaben völlig unterschiedliche IQen zugesprochen bekommen.

Üblicherweise werden also etwa 2 Prozent einer Altersgruppe mit einem IQ von 130 und höher als intellektuell hochbegabt oder weit überdurchschnittlich intelligent eingestuft. Wenn man aller­dings mehrere Faktoren von Begabung unterscheidet, wie es aktuelle Intelligenz- und Begabungs­modelle häufig tun (vgl. Heller, 2000, und die unten angeführten Modelle), wäre mit mehr Hoch­begabten zu rechnen, nämlich etwa 2 bis 3 Prozent pro Bereich, wobei manche Personen in mehreren Bereichen hochbegabt sein können, so dass man die Zahlen nicht einfach addieren darf.

Vorbild: Das Hochbegabungsmodell Renzullis

Das weltweit wohl bekannteste Hochbegabungsmodell hat Renzulli 1993 vorgelegt. Sein Drei-Ringe-Modell konzipiert Hochbegabung als Schnittpunkt von überdurch­schnitt­licher Begabung, Kreativität und Aufgabenengagement. Unter Begabung versteht Renzulli eine breite Palette von kognitiven Variablen: Neben allgemeinen Denkfähigkeiten und speziellen Begabungen wie sprachliche oder räumliche Fähigkeiten nennt er auch Merkmale der Informationsverarbei­tung, die moderneren informationstheoretischen Vorstellungen von Intelligenz etwa der von Sternberg 1991 entnommen sind. Schließlich erinnert Renzulli mit der Anpassung an neue situative Bedingungen der Lebens­umwelt (1993, S. 218) an die Wechslersche Intelligenzdefinition (vgl. Heller, 2000).

Zur Kreativität rechnet Renzulli (1993) zunächst die traditionellen Guilfordschen Variablen Flüssigkeit (Ideenreichtum), Flexibilität (ungewöhnliche Problemlösungen finden können) und Originalität (vgl. Heller, 2000) und führt dann eine Reihe populärer, aber eher unpräziser Begriffe an: Offenheit für Erfahrungen, neugierig, spekulativ, abenteuerlustig und geistig spielerisch bereit sein, Risiken im Denken und Handeln einzugehen, Sensibilität fürs Detail oder die Bereitschaft, auf äußere Anregungen wie auch auf eigene Ideen und Gefühle hin zu handeln und zu reagieren. Aufgabenengagement umfasst neben Interessen, Begeisterung, Leistungsstreben, Beharrlichkeit oder einem starken Selbstkonzept auch Lern- bzw. Arbeitsstrategien und insbesondere metakognitive Fertigkeiten wie das Erkennen der relevanten Fragestellungen in speziellen Problemkontexten oder die Einschätzung der Qualität der eigenen Leistungsprodukte.

Neben der fehlenden Abgrenzung von Begabungs?, Kreativitäts- und motivationalen Variablen wird an Renzullis Hochbegabungsmodell besonders kritisiert, dass nur wenig über die funktionellen Zusammenhänge der drei Variablenbereiche und  ihre Auswirkungen auf Leistungen ausgesagt wird (siehe hierzu etwa Perleth, 1997; Rost, 1991). Das Modell leidet unter einer gewissen Unschärfe, die durch die eklektizistische Zusammenstellung von Variablen bedingt ist, die irgendwie mit Hochbegabung und außergewöhnlichen Leistungen zusammenhängen.

Einen Schritt weiter: Mönks Modell

Eine direkte Weiterentwicklung des Hochbegabungsmodells von Renzulli stellt das Modell von Mönks (1992) dar. Mönks übernimmt von Renzulli die drei personinternen Faktoren überdurch­schnittliche intellektuelle Fähigkeiten, Aufgabenengagement (von Mönks als Aufgabenzu­wendung bzw. Motivation bezeichnet) und Kreativität, bettet diese aber in ebenfalls drei Faktoren des Lernumfelds ein: Familie, Freundeskreis (Peers) und Schule, da sich ohne eine fruchtbare Interaktion mit einer förderlichen Lern­umwelt das Potential des hochbegabten Kindes nicht entfalten könne (Mönks, 1992).

Ein multidimensionales Hochbegabungsmodell

Perleth & Heller (1994) verstehen unter (Hoch-)Begabung die kognitiven, motiva­tiona­len und sozialen Möglichkeiten des Individuums, auf einem oder mehreren Gebieten gute bis herausragende Leistungen zu erzielen. Im Rahmen der Münchner Hochbegabungsstudie (Heller, 2001) wurde in Anlehnung an Gagné (1985) oder die Marland Defini­tion des U.S. Office of Education (vgl. Gallagher, 1993) ein multidimensionales Hoch­bega­bungsmodell konzipiert, in dem drei Gruppen von Prädiktorvariablen (Begabungs­faktoren, motivationale und Persönlichkeits­merk­male sowie Lernumweltvariable) bei entsprechend günstiger Konstellation in Leistung umge­setzt werden können. Dabei werden folgende unab­hängigen Begabungsdimensionen (exemplarisch) unter­schieden:

  1. Sprach­liche, mathe­matische und nonverbale/räumliche Intelligenz
  2. Kre­ativität,
  3. Soziale Kompetenz
  4. Künstlerische bzw. musikalische Fähigkeiten sowie
  5. Psychomotorische Fähigkeiten.

Erweitert: Das dynamische Begabungsmodell

Perleth (1997) gibt einen kritischen Überblick über Konzeptionen von Hochbegabung und diskutiert das Verhältnis von Begabung und Erfahrung bei der Leistungsgenese. Sein dynamisches (Hoch-)Begabungsmodell erweitert das obige Modell der Arbeitsgruppe von Heller vor allem um eine Entwicklungsperspektive von der frühen Kindheit bis zur Berufs­ausbildung und verknüpft den Hochbegabungs- mit dem Expertisebegriff. Ausgehend von angeborenen Merkmalen der Informa­tions­verarbeitung wie Aspekten der Aufmerksamkeit, der Wahrnehmung oder die Informations­ver­arbeitungsgeschwindigkeit entwickeln sich Begabungsbereiche, wobei Bedingungen der Lern­umwelt eine entscheidende Rolle spielen. Im Lauf der Schulzeit werden motivationale Merkmale (Interessen, Stressbewältigung, Durch­haltevermögen usw.) und der erfahrungsbasierte Aufbau einer leistungsfähigen Wissensbasis für die Entwicklung von Leistungsexzellenz zunehmend wichtiger. In der Lernumwelt spielen zunächst Eltern, später Lehrkräfte und schließlich Peers die prominente Rolle.

Differenzierte Bilder von Hochbegabten

Während in der Öffentlichkeit gravierende psychologische Probleme Hochbegabter bis hin zur Lern-Behinderung gerade aus der einzelfallbasierten Erfahrung von Elternvereinen und Beratungs­stellen heraus diskutiert werden (z.B. Stapf, 1998), ergibt sich aus breit angelegten empirischen Studien ein weniger dramatisches Bild. So zeigen Befunde aus der Münchner (Perleth & Sierwald, 2001) sowie der methodisch besonders herausragenden Marburger Hoch­begabungsstudie (Rost, 1993), dass Hochbegabte nicht schlechter angepasst sind als andere Schüler, sondern dass in sozialen und Persönlichkeitsmerkmalen eher noch Unterschiede zugunsten der Hochbegabten vor­liegen.

So schrieben sich die hochbegabten Kinder und Jugendlichen günstigere Werte hinsichtlich der Leistungsorientierung, der Kausalattribuierung oder der Verarbeitung von Misserfolg zu (Perleth & Sierwald, 1992). Nach Rost (1993) sind sie sogar beliebter als durchschnittlich begabte Kinder und wurden seltener ausgeschlossen. Rost (1993) folgert, dass Lern- und Verhaltensstörungen sowie emotionale oder soziale Probleme bei hochbegabten Kindern nicht gehäuft anzutreffen sind, son­dern dass diese sich vor allem durch ihre besonderen Begabungen von anderen Kindern unterscheiden.

Reale Problemfelder

Andererseits liefert eine Fülle von einzelfallbasierten Studien den Nachweis, dass bei Hoch­begabten gerade aufgrund ihrer Hochbegabung Probleme resultieren. Autonomie, Nonkon­formis­mus, eine starke Persönlichkeit (Willenskraft), erhöhte Sensibilität oder Perfektionismus können zu Konflikten mit Eltern, Lehrern und Peers bis hin zur Frustration oder sozialen Isolierung (z.B. Winner, 1996) oder Schulunlust (Winner, 1997) führen. Zudem entwickelten sich manchmal Begabung und Leistung in der jeweiligen Domäne dyssynchron zu den übrigen Enwicklungsbereichen (Terrassier, 1985). Stapf und Stapf (1988) vermuten, dass ab einer bestimmten Intelligenzhöhe die skizzierten Probleme zunähmen.

Die Rolle der Familie bei der Entstehung von Problemen hochbegabter Kinder und Jugendlicher fasst Tettenborn (1996) zusammen: Strukturmerkmale wie Bildungsniveau und finanzielle Situation, Vernachlässigung hochbegabter Underachiever, Überforderung der Eltern sowie Überforderung der Kinder (Etikettierung!). Auch bei Hochbegabten führt der Leistungsdruck durch die Eltern zu negativen Folgen (beipielsweise Demotivation, Selbstwert­schädigung; Winner, 1996). Daneben spielen Lehrkräfte eine Rolle bei der Entstehung von Verhaltensproblemen Hochbegabter, wenn sie etwa versuchen, die Hochbegabten auf das erwartete Mittelmaß zurechtzustutzen (Stapf, 1998, S. 21). Mönks (1992) weist auf die Rolle der Peers hin, da hochbegabte Kinder und Jugend­liche wegen ihres Andersseins oft keinen rechten Anschluss an Alters- oder Klassen­kameraden finden.

Damit ergibt sich bei hochbegabten Kindern und Jugendlichen aufgrund ihrer außer­ordentlichen Fähigkeiten in vielen Einzelfällen zwar ein erheblicher Beratungs- und spezieller Interventions­bedarf, andererseits erweist sich die Mehrzahl der Hochbegabten als gut angepasst, psychisch stabil und sozial integriert.

Förderung und Unterricht

Die meisten der im deutschsprachigen Raum sowie in der internationalen Literatur diskutierten Hochbegabtenfördermodelle im schulischen Kontext folgen zwei Grundmodellen (z.B. Heller & Hany, 1996): Beim Enrichment-Modell erhalten Hochbegabte in extracurricularen Kursen zusätzliche Förderung in ihrer Domäne. Dies können zum Beispiel nachmittägliche Zusatzkurse oder zusätzliche Leistungskurse sein. Akzeleration meint dagegen die Beschleunigung des Bildungswegs, so dass Hochbegabte die Schule in kürzerer Zeit durchlaufen können. D-Zugklassen, aber auch vorzeitige Einschulung oder Überspringen zählen zu diesen Maßnahmen. Sehr vielen praktischen Förderansätzen ist gemeinsam, dass hochbegabten Kinder und Jugendlichen nicht in eigenen Schulen oder durchgängig in Spezialklassen unterrichtet werden. Im US-amerikanischen Raum resultiert dies nicht zuletzt aus der stärkeren Kurs- und geringeren Jahrgangsorientierung des Schulsystems.

Beim Unterrichten Hochbegabter muss zunächst berücksichtigt werden, dass diese ein umfang­reiches (Spezial-)Wissen mitbringen, besonders in der Grundschule keine Heraus­forderung finden und auf Unverständnis und Ablehnung seitens der Lehrer und Mitschüler stoßen können (z.B. Grewe, 1996), womit bei behinderten Hochbegabten verstärkt zu rechen ist. Generell werden Metho­den des selbstgesteuerten, entdeckenden Lernens für Hochbegabte in einem möglichst indi­vidualisierten Unterricht, der flexibel auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht, als förderlich ange­sehen (z.B. Urban, 1998) - alles Prinzipien, wie sie auch sonst für guten Unterricht empfohlen werden (siehe im Überblick iPEGE, 2009). Weinerts hat dies bereits 1992 etwas provokativ folgender­maßen formuliert: „Auch wenn Hochbegabung früh diagnostiziert werden kann (was in zuver­lässiger Weise nicht mög­lich ist), braucht man kein spezielles Förderprogramm. Es genügt (und ist wahr­scheinlich sogar günsti­ger), den begabten Kindern von Anfang an die für ihre geistigen Bedürfnisse ausreichenden Ent­wick­lungs­anreize, Lernangebote und Gestaltungsmöglichkeiten zu bieten" (Weinert 1992, S. 199).

 

Autor

Professor Dr. Christoph Perleth lehrt pädagogische und heilpädagogische Psychologie mit dem Schwerpunkt Differentielle Psychologie und psychologischer Diagnostik.

 

Literatur

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