Volkswirtschaftslehre
Während Mikroökonomen das Verhalten einzelner Wirtschaftsakteure analysieren, betrachten die Makroökonomen deren Gesamtheit. Dies ist alles andere als graue Theorie, schließlich analysiert die Makro Phänomene wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit und Inflation. Sie kann auch Wirtschaftspolitiker dabei unterstützen, eben diese Phänomene in den Griff zu bekommen. Zwei Kieler Ökonomen zeigen auf, was sich genau hinter der Makro verbirgt und wie die Mikro in neuerer Zeit diese Wissenschaft beeinflusst.
Von Prof. Dr. Hans-Werner Wohltmann und Dr. Thorsten Hermes, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Die Wirtschaftstheorie kann vereinfachend in zwei große Zweige aufgeteilt werden: in die Mikroökonomik und in die Makroökonomik. Die Fragestellungen der Makroökonomik haben sich seit der Begründung dieses volkswirtschaftlichen Zweiges durch John Maynard Keynes im Jahre 1936 (General Theory of Employment, Interest and Money) nicht grundlegend geändert, auch wenn die verwendeten Analysemethoden und Modellrahmen fortlaufend neu- und weiterentwickelt werden. In der Makroökonomik geht es im Wesentlichen immer noch darum,
Schlagwörter wie Inflationsrate, Arbeitslosigkeit, Bruttoinlandsprodukt, Außenhandel, Produktionspotential oder Staatsverschuldung zeigen, dass sich die makroökonomische Theorie mit aktuellen wirtschaftspolitischen Problemen befasst. Aus der Sicht eines Ökonomen kann dabei jedes dieser exemplarischen Schlagwörter mit zwei Problemstellungen verbunden sein.
So kann man sich einerseits die grundsätzliche Frage stellen, warum z. B. Arbeitslosigkeit in einer Volkswirtschaft existiert. Zur Beantwortung dieser Frage muss ein makroökonomisches Modell gefunden werden, das in der Lage ist zu erklären, wie Arbeitslosigkeit entstehen kann. Dieses Modell sollte die für die Fragestellung relevanten empirischen Fakten möglichst genau widerspiegeln.
Andererseits kann ein Ökonom die politische Frage stellen, welche (wirtschaftspolitischen) Maßnahmen ergriffen werden können, um Arbeitslosigkeit abzubauen. Dazu nutzt er ein makroökonomisches Modell und analysiert die Wirkungen, die von wirtschaftspolitischen Maßnahmen, wie z. B. Geldpolitik, Steueränderungen oder Änderungen der Angebotsbedingungen, auf die Volkswirtschaft als Ganzes ausgehen.
Kennzeichen eines makroökonomischen Modells ist immer, dass es auf der Basis von aggregierten Größen formuliert wird. Es wird also nicht das Verhalten eines einzelnen Wirtschaftssubjekts und seine Interaktion mit anderen Wirtschaftssubjekten analysiert, sondern das Verhalten und die Wechselwirkungen zwischen bestimmten Gruppen von Wirtschaftssubjekten, so genannten Wirtschaftssektoren. Wirtschaftssektoren sind der Haushaltssektor, der Unternehmenssektor, der Staat sowie das Ausland. Diese Sektoren treffen dabei auf gesamtwirtschaftlichen Märkten aufeinander, z.B. auf dem Gütermarkt oder auf dem Arbeitsmarkt.

Zur Finanzierung seiner Ausgaben erhebt der Staat Zwangsabgaben in Form direkter und indirekter Steuern von den Haushalten und Unternehmen. Greift der Staat durch eine Veränderung seine Ein- oder Ausgaben aktiv in das Wirtschaftsgeschehen ein, um z. B. in einer konjunkturellen Abschwungphase die Wirtschaft zu stützen, spricht man von Fiskalpolitik. Zum Sektor Staat wird auch die Zentralbank eines Landes gerechnet. Ihr kommt die Aufgabe zu, eine ausreichende Geldversorgung der Wirtschaft sicherzustellen. Wichtigstes Ziel der Zentralbank ist es, die Preisniveaustabilität zu sichern. Von Geldpolitik spricht man, wenn die Zentralbank aktiv in das Wirtschaftsgeschehen eingreift. Zum vierten Wirtschaftssektor, dem Ausland, zählen alle Wirtschaftssubjekte, die nicht der inländischen Wirtschaft zugerechnet werden. Es handelt sich hierbei um Wirtschaftseinheiten, die ihre ökonomische Aktivität außerhalb der inländischen Volkswirtschaft entfalten und mit dem Inland ökonomische Transaktionen durchführen. Hierzu zählen neben Güter- und Dienstleistungsexporten und -importen vor allem Kapitalexporte und -importe.

Die ökonomischen Aktivitäten der Wirtschaftssektoren lassen sich als Angebot und Nachfrage auf verschiedenen Märkten darstellen. Bei den wirtschaftlichen Aktivitäten der Sektoren geht es um den Tausch von Gütern, Geld, Arbeit, Wertpapieren und Devisen sowie um die Nutzung von Sachkapital. Demzufolge betrachtet man in der Makroökonomik den gesamtwirtschaftlichen Gütermarkt, den Arbeitsmarkt, den Wertpapiermarkt, den Geldmarkt, den Devisenmarkt und den Markt für Sachkapital. Je nach Modellart können dabei einzelne Märkte auch unberücksichtigt bleiben.
Die Märkte sind Aggregate der jeweiligen Einzelmärkte und lassen sich wie folgt charakterisieren: Auf dem Arbeitsmarkt treffen das gesamtwirtschaftliche Arbeitsangebot und die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage aufeinander. Die unterschiedlichen Arbeitsleistungen werden dabei zu einem homogenen Faktor Arbeit zusammengefasst. Auf diesem Markt bieten die privaten Haushalte Arbeit an, während die Unternehmen Arbeit nachfragen, um diese zusammen mit anderen Produktionsfaktoren (insbesondere Sachkapital) in den Produktionsprozess einzusetzen. Auf dem Markt für Sachkapital werden Angebot und Nachfrage des vorhandenen Sachkapitalstocks zum Ausgleich gebracht. Dieser Markt wird in der langfristig ausgerichteten Wachstumstheorie explizit berücksichtigt. In der kurzfristigen Makroökonomik sind sowohl Modelle mit als auch ohne Berücksichtigung des vorhandenen Sachkapitals entwickelt worden.
Der gesamtwirtschaftliche Gütermarkt erfasst das gesamtwirtschaftliche Güterangebot sowie die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Sachgütern und Dienstleistungen. Rein gedanklich entsteht dieser Markt durch Aggregation aller einzelnen Gütermärkte einer Volkswirtschaft; insofern ist das vom Unternehmenssektor bereitgestellte aggregierte Güterangebot ein Güterbündel. In der Makroökonomik werden die verschiedenen inländischen Güter zu einem homogenen Gut zusammengefasst. Dieses homogene Gut ist universell verwendbar, und zwar von den privaten Haushalten für Konsumzwecke, von den Unternehmen für Investitionszwecke und vom Staat für öffentliche Verwendungen. In einer offenen Volkswirtschaft tritt das Ausland als weiterer Nachfrager auf dem inländischen Gütermarkt in Erscheinung. Die Höhe der inländischen Exporte entspricht dabei der ausländischen Nachfrage nach dem Inlandsgut. Im Fall einer offenen Volkswirtschaft werden außerdem auch im Ausland produzierte Güter vom Inland nachgefragt. Die Importgüter treten dann in Konkurrenzbeziehung zu den Inlandsgütern.
Traditionell wird der Unterschied zwischen Makro- und Mikroökonomik hauptsächlich darin gesehen, dass in der Makroökonomik das Verhalten von Wirtschaftssektoren auf aggregierten Märkten untersucht wird, während in der Mikroökonomik das Verhalten einzelner Haushalte und Unternehmen sowie ihre Interaktion auf einzelnen Märkten analysiert werden. Eine eindeutige Abgrenzung zwischen mikroökonomischer und makroökonomischer Theorie fällt allerdings in den letzten Jahren zunehmend schwerer, da insbesondere in der neueren Makroökonomik viele mikroökonomische Erklärungsansätze genutzt werden (siehe unten). Gleichwohl unterscheidet sich die Problemstellung in der Makroökonomik wesentlich von der Problemstellung der Mikroökonomik.
Anhand des Gütermarktes kann dieser Unterschied deutlich gemacht werden: In der Mikroökonomik wird das Verhalten der Marktteilnehmer auf einem genau definierten Markt für ein bestimmtes Gut oder Güterbündel (wie z. B. der Automobilmarkt) analysiert. Dabei können verschiedene Marktkonstellationen betrachtet werden (z. B. Monopolmarkt oder ein hoher Grad an Wettbewerb). Alle anderen Märkte, d. h. sowohl die anderen Märkte für andere Güter als auch z. B. Arbeits- oder Geldmarkt, werden dabei als gegeben angenommen. Eine typische mikroökonomische Fragestellung im Rahmen einer solchen partialanalytischen (isolierten) Betrachtungsweise wäre jetzt, welcher Preis sich auf diesem Markt bildet und wie groß Angebot und Nachfrage bei diesem Preis sind. In der Makroökonomik „verschwindet" dieser Markt im aggregierten Gütermarkt. Nicht mehr der einzelne Preis oder die einzelne Nachfrage eines Haushalts nach diesem Gut sind relevant, sondern die Frage, wie hoch das Preisniveau in der Volkswirtschaft als Ganzes und wie hoch die gesamte Nachfrage aller Haushalte nach allen Gütern ist. Aufgrund dieses hohen Aggregationslevels können auch die anderen Märkte nicht mehr wie in der Mikroökonomik einfach vernachlässigt werden, so dass totalanalytische Betrachtungsweisen erforderlich sind.
Die makroökonomische Modellwelt (insbesondere die auf Keynes zurückgehende keynesianische Theorie) wird beständig weiterentwickelt. Dabei tauchen immer wieder auch kritische Punkte auf. Eine bekannte Kritik an der makroökonomischen Theorie ist die sogenannte Lucas-Kritik. Der Ökonom Robert Lucas kritisiert, dass ein Modell berücksichtigen muss, dass das Verhalten der Wirtschaftssubjekte auf den einzelnen Märkten davon abhängen kann, ob ein exogener Schock erwartet wird oder mit einer bestimmten Politikmaßnahme gerechnet wird. Ein einfacher, quantitativ eindeutig bestimmbarer und politikinvarianter Zusammenhang z. B. zwischen Konsum und Einkommen wäre dann nicht mehr gegeben, da die Haushalte ihre Konsumentscheidung in Abhängigkeit von solchen erwarteten Konstellationen treffen würden, welche sich in der Zeit ändern können.
Nicht zuletzt aufgrund der Lucas-Kritik ist die neuere makroökonomische Theorie (fast) vollständig mikroökonomisch fundiert. Mikroökonomische Fundierung bedeutet, dass z. B. für den Haushaltssektor nicht mehr ad hoc angenommen wird, dass die Konsumnachfrage einfach durch das verfügbaren Einkommen festgelegt ist, sondern dass mittels einer zu maximierenden Nutzenfunktion unter Berücksichtigung einer Budgetrestriktion genau ermittelt wird, wie groß die Güternachfrage eines Haushalts nach einem Gut ist. Diese ermittelten Güternachfragen werden dann in einem zweiten Schritt aggregiert. Der Vorteil dieser Methode ist darin zu sehen, dass die Nachfrage eines Haushalts nach einem bestimmten Gut sich so auf wenige Parameter (z. B. auf die Preiselastizität der Nachfrage, d. h. auf die Bereitschaft eines Haushalts, bei einer Preisänderung auf dieses Gut zu verzichten und ein anderes Gut zu kaufen) zurückführen lässt. Diese Parameter ändern sich in der Zeit nicht oder nur unwesentlich. Allerdings ist das Aggregationsproblem, von den Verhaltensweisen einzelner Haushalte auf das Verhalten des Haushaltssektors in seiner Gesamtheit zu schließen, in der Regel nicht lösbar. Bei einer Vielzahl von verschiedenen Haushalten mit unterschiedlichen Vorlieben kann das makroökonomische Modell nicht mehr durch exakte Aggregation aufgestellt werden. Deshalb wird der so genannte repräsentative Haushalt eingeführt. Es wird dazu unterstellt, dass sich alle Haushalte rational (nutzenmaximierend) verhalten. Dann reagieren auch alle Haushalte in der gleichen Weise auf Änderungen von z. B. Preisen. Es reicht dann aus, nur das Verhalten eines Haushaltes zu analysieren, welches dann repräsentativ für die Gesamtheit der Haushalte steht.
Aufgrund der zunehmenden mikroökonomischen Fundierung, aber auch wegen der Globalisierung der Märkte, die eine internationale Betrachtungsweise erforderlich macht, steigt der Komplexitätsgrad makroökonomischer Modelle immer mehr an. Solche so genannten intertemporalen allgemeinen Gleichgewichtsmodelle sind in der Regel nur noch mit numerischen Methoden zu analysieren, so dass die neue Makroökonomik eine immer stärkere quantitative Ausrichtung bekommt. Das Verständnis und die Analyse makroökonomischer Problemstellungen sind heute ohne Verständnis quantitativer Methoden nicht mehr vorstellbar.
Prof. Dr. Hans-Werner Wohltmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Makroökonomik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Dr. Thorsten Hermes ist wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Makroökonomik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.
Wohltmann, Hans-Werner (2007). Grundzüge der makroökonomischen Theorie - Totalanalyse geschlossener und offener Volkswirtschaften. 5. Auflage. Oldenbourg Verlag. München und Wien.