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Titelbild zum Beitrag: Die Waage und das Gleichgewicht
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Die Waage und das Gleichgewicht

Stabilitätspolitik: Gestern und Heute

Auch eine Volkswirtschaft kann einen Schock erleiden. Die Folge sind plötzliche Ungleichgewichte im ökonomischen System, die sich in Form von Arbeitslosigkeit oder Inflation äußern können. Doch was ist zu tun, wenn eine Volkswirtschaft krankt? Eine hilfreiche Medizin stellen stabilitätspolitische Maßnahmen dar. Gerade diese werden allerdings von vielen Makroökonomen kritisiert. Ihrer Meinung nach ist eine Instabilität in einer funktionierenden Volkswirtschaft eher unwahrscheinlich. Sollten sie bedingt durch einen Schock dennoch auftreten, dann sind sie ein kurzfristiges Phänomen. Ein Hagener Professor geht der Frage über Sinn und Unsinn der Stabilitätspolitik auf den Grund.

Von Professor Dr. Helmut Wagner, FernUniversität in Hagen

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Stabilitätspolitik ist ein Sammelbegriff für die politischen Bemühungen, die Stabilität des ökonomischen Systems einer Volkswirtschaft zu verbessern oder unter Umständen auch erst zu gewährleisten.

Zielsetzung einer solchen Politik ist zu verhindern, dass (resistente) Ungleichgewichte im ökonomischen System entstehen oder fortbestehen. Konkret zielt Stabilitätspolitik in erster Linie auf die Vermeidung beziehungsweise Reduzierung von Inflation und Arbeitslosigkeit ab. Allerdings erfordert Stabilitätspolitik auch den Einsatz knapper Ressourcen. Sie ist folglich nur dann angebracht, wenn ihr Nutzen größer ist als ihre Kosten. 

Staatliche Maßnahmen: Sinn oder Unsinn?

Zumindest hinsichtlich der Vermeidung von Arbeitslosigkeit ist jedoch der Nutzen von Stabilitätspolitik in der modernen Volkswirtschaftslehre umstritten. Ein Nutzen stabilitätspolitischer Eingriffe tritt nur auf, wenn es im bestehenden Wirtschaftssystem tatsächlich Instabilitätstendenzen gibt, die sich immer wieder in mit unbeschäftigtem Ressourcenangebot oder unbefriedigter Nachfrage verbundenen Marktungleichgewichten niederschlagen. Es besteht heute jedoch in der Makroökonomie ein weitgehender Konsens darüber, dass in einem funktionierenden, nicht durch staatliche Regulierungen behinderten Marktsystem eine langfristige Instabilität des Marktsystems eher unwahrscheinlich ist. Umstritten ist dagegen weiterhin, ob es kurz- bis mittelfristige Instabilitätstendenzen gibt, die stabilitätspolitische Eingriffe rechtfertigen. So unterstellen Vertreter der so genannten "Neuklassischen Makroökonomie" vollkommene Lohn- und Preisflexibilität und folglich stets geräumte Märkte. Konjunktur- und Beschäftigungsschwankungen werden hier auf Veränderungen des Angebotsverhaltens aufgrund unerwarteter Präferenz- oder Technologieänderungen zurückgeführt. 


Wer war eigentlich John Maynard Keynes?

Keynes zählt zu den bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Gelebt hat er in Großbritannien von 1883 bis 1946. Er studierte unter anderem bei Alfred Marshall und Arthur Cecil Pigou. Er war nicht nur Ökonom, sondern auch Mathematiker und Politiker. Sein Bestreben war es stets, praktische Probleme zu lösen. Seine Sichtweise wurde in hohem Maße von den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise geprägt. Diese war auch historischer Hintergrund für sein bedeutendes Hauptwerk im Jahr 1936 - der so genannten „General Theory of Employment, Interest and Money". Gegen Ende des zweiten Weltkriegs wirkte er als Vertreter von Großbritannien bei der Entstehung des Bretton-Woods-Systems, dem internationalen Währungsfonds und der Weltbank mit. Seine Überlegungen nehmen bis heute gleichermaßen Einfluss auf die ökonomische als auch auf die politische Theorie.


Sinnvoll bei Geld- und Fiskalpolitik

Ein Beschäftigungsrückgang hat in diesem Theorieansatz nichts mit unfreiwilliger Arbeitslosigkeit zu tun. Dagegen betont die Keynesianische Makroökonomie seit jeher die Existenz von Lohn- und/oder Preisrigiditäten und begründet so die Existenz von unfreiwilliger Arbeitslosigkeit und damit die Notwendigkeit von stabilitätspolitischen Eingriffen. Der so genannten "Neukeynesianischen Makroökonomie" ist es mit dem Ansatz der Mikrofundierung sogar gelungen, Lohn- und Preisinflexibilitäten, und damit auch unfreiwillige Arbeitslosigkeit, als das Ergebnis nutzenmaximierender Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte zu erklären.

Durchgehend akzeptiert hingegen wird in der Makroökonomie heute die generelle Notwendigkeit von Stabilitätspolitik im Sinne einer angemessenen Geld- und Fiskalpolitik zur Inflationsvermeidung und zur Schuldenbegrenzung. Umstritten ist jedoch, in welcher strategischen Form Stabilitätspolitik betrieben werden sollte.

Die traditionelle Art der Stabilitätspolitik ist "diskretionär". Eine diskretionäre Politik beruht auf ad hoc- oder Ermessensentscheidungen der jeweiligen Politiker; sie wird immer wieder auf Basis der jeweils vorliegenden Informationen neu bestimmt, weswegen sie manchmal auch als "aktivistische" Politikvariante bezeichnet wird. 


Die antizyklische Konjunkturpolitik nach Keynes

Das bekannteste Beispiel diskretionärer Politik ist die keynesianische antizyklische Konjunkturpolitik. Seit dem Ende der 1960er Jahre wird dieses Politikkonzept stark kritisiert. Die entscheidenden Einwände beziehen sich zum einen auf die Möglichkeit, dass der Staat durch sein diskretionär-aktivistisches Eingreifen die Konjunkturschwankungen noch verstärkt, was mit langen und instabilen Wirkungsverzögerungen der Politikeingriffe begründet wird. Außerdem wird eine mögliche Zeitinkonsistenz diskretionärer Wirtschaftspolitik, die einen Inflationsbias in der Volkswirtschaft begründen kann, betont (Zeitinkonsistenz beschreibt den Anreiz, von einer vorher angekündigten Politik später wieder abzuweichen). Zum anderen wird die früher dominierende Sichtweise des Staates als Gemeinwohlmaximierer ersetzt durch die vermutlich realistischere Annahme der den Eigennutz maximierenden Berufspolitikern, die in Wahldemokratien selbst "politische Konjunkturzyklen" auslösen können.


Erwartungen durch klare Regeln stabilisieren

Diese Einwände gegen eine diskretionäre Stabilitätspolitik münden häufig in den Vorschlag einer konsequenten Regelbindung, bei der sich die Politiker auf eine langfristige Strategie, sprich eine Regel, festlegen sollen. Dies wird im Allgemeinen mit folgenden Argumenten begründet: Eine Regelbindung

  • stabilisiere die Erwartungen der privaten Wirtschaftssubjekte,
  • versetze die Politikbehörden eher in die Lage, dem politischen Drängen von Interessengruppen nach einer expansiveren Ausgabenpolitik zu widerstehen, und
  • gebe den privaten Individuen bessere Kriterien an die Hand, um die Leistungen der Politikbehörden beurteilen und wenn nötig kritisieren zu können.

Ein Streitpunkt ist hierbei die Fristigkeit einer Regelbindung. Soll die Regel langfristig starr festgelegt oder eher flexibel gehalten werden? Diese Frage ist in der Volkswirtschaftslehre stark umstritten. Für eine langfristig starre Festlegung spricht das Zeitinkonsistenz-Argument diskretionärer Wirtschaftspolitik, für eine eher flexible Festlegung der Nutzen der Flexibilität bei größeren Schockeinwirkungen und nicht sofort wirksam werdenden Preisanpassungen.

Eine Lösung dieses Entscheidungsproblems wird heute vor allem in institutionellen Anreizstrukturen und Sanktionsmechanismen gesucht, die das Zeitinkonsistenzproblem bei diskretionärer Politik abschwächen sollen („eingeschränkte Diskretionarität"). 


Was ist ein Schock?

Wenn sich in einer Volkswirtschaft eine exogene Variable plötzlich verändert, dann sprechen Makroökonomen von einem Schock. Dieser kann negativer oder positiver Natur sein. Als negativ wird beispielsweise ein Ölpreisschock, also ein sprunghafter Anstieg des Ölpreises, angesehen. Als positiv kann eine technische Innovation angesehen werden, zum Beispiel im Rahmen der Internettechnologie. Unabhängig davon, ob negativ oder positiv, Schocks haben nachhaltige Auswirkungen auf Volkswirtschaften, ihnen folgen immer Anpassungsprozesse.


Stabilität international gewährleisten

Schließlich stellt sich die Frage, ob Stabilitätspolitik international koordiniert werden sollte, und wenn ja, wie dies am effektivsten und effizientesten geschehen kann.

Die zunehmende globale ökonomische Interdependenz erfordert zweifelsohne zusätzliche stabilitätspolitische Anstrengungen oder Vorsichtsmaßnahmen, die nicht nur auf nationaler Ebene angesiedelt werden können. So werden beispielsweise aufgrund der Integration nationaler Finanzmärkte monetäre Schocks schneller und direkter von einem Land zum anderen weitergegeben, die Spillover-Effekte nehmen an Gewicht zu. Folglich besteht sicherlich auch ein Bedarf an international koordinierter Stabilitätspolitik. Die Frage ist jedoch, wie diese Koordination konkret gestaltet werden sollte. Der Nutzen eines institutionalisierten Informationsaustauschs und auch die Eignung marktordnungspolitischer Koordination sind unbestritten. Dagegen bestehen zunehmend Bedenken hinsichtlich der Effizienz und der Durchsetzbarkeit einer international koordinierten Feinsteuerung durch Prozesspolitik - sowohl aufgrund theoretischer Überlegungen als auch aufgrund der Erfahrungen früherer Versuche.

Stabilitätspolitik muss Strukturwandel berücksichtigen

Wie unterscheidet sich nun die heutige Stabilitätspolitik in Theorie und Praxis von der vor etwa 20 bis 30 Jahren verfolgten Politik? In aller Kürze kann man festhalten:

Die Stabilitätspolitik von heute muss geänderten Rahmenbedingungen und insbesondere dem in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten stattgefundenen Strukturwandel Rechnung tragen. Die neuen Rahmenbedingungen zeichnen sich im Wesentlichen durch Folgendes aus:

  • Die (Wirtschafts-)Welt ist heute durch die zunehmende Globalisierung offener und stärker verflochten.
  • Es existiert eine „globale" Marktwirtschaft. Die Teilung in eine planwirtschaftliche und eine marktwirtschaftliche Welt ist (im Wesentlichen) überwunden. Im Großen und Ganzen gibt es nur noch Marktwirtschaften unterschiedlichen Entwicklungsstandes.
  • Einige Regionen beziehungsweise Länder befinden sich allerdings noch in einem Systemtransformationsprozess (Transformations- und Entwicklungsökonomien).
  • Einige Regionen beziehungsweise Länder haben sich wirtschaftlich eng zusammengeschlossen (zum Beispiel in der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion).

Stabilitätspolitische Herausforderungen

Dadurch entstehen neue stabilitätspolitische Herausforderungen besonderer Art. Die makroökonomische Theorie hat sich diesen neuen Anforderungen schrittweise angepasst. Eine grundlegende wissenschaftlich-methodische Weiterentwicklung innerhalb der Disziplin hat auch zu neuen stabilitätspolitischen Erkenntnissen geführt, die in den letzten Jahren zum Teil bereits in die Praxis der Stabilitätspolitik eingegangen sind. Als die zwei aktuell dominierenden Theorielinien in der Makroökonomie kann man die so genannte „Neue Neoklassische Synthese" (eine Verbindung von Neukeynesianischer und Neuklassischer Makroökonomie) sowie die „New Open Economy Macroeconomics" bezeichnen, die sich in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten herausgebildet haben.


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Beide kommen teilweise zu anderen stabilitätspolitischen Implikationen als die traditionellen Theorieansätze des IS-LM- und des Mundell-Fleming-Modells. Auch werden seit einiger Zeit Informationsbeschränktheit und Unsicherheit stärker in die Modellanalyse integriert. In diesen neuen Theorieansätzen werden der Kommunikation und einer längerfristigen Verpflichtung (Commitment) auf einen bestimmten stabilitätspolitischen Kurs zentrale Bedeutung für den Erfolg der Stabilitätspolitik zugeschrieben. 

Die Rolle der Spieltheorie

Überhaupt hat sich in den 1980er und 1990er Jahren die stabilitätspolitische Analysemethodik durch den Übergang von der Kontrolltheorie zur Spieltheorie gewandelt (Untersuchung strategischer Entscheidungssituationen). Auch die Praxis der Stabilitätspolitik hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten sichtbar gewandelt. Hierbei kann man vor allem drei Aspekte anführen:

  • Die Zentralbanken sind heute in den meisten großen Volkswirtschaften unabhängig.
  • Transparenz, Rechenschaftspflicht und Kommunikation gewinnen einen immer größeren Stellenwert.
  • Neue stabilitätspolitische Konzepte wie (insbesondere) „Inflation Targeting" sind in zahlreichen Ländern bereits erfolgreich eingeführt worden.

Insgesamt konnte durch solche Maßnahmen der stabilitätspolitische Erfolg gesteigert werden. Weltweit hat die Inflation in den letzten zwei Jahrzehnten abgenommen, was allerdings teilweise auch der Globalisierung und dem damit verbundenen erhöhten Konkurrenzdruck auf den einzelnen Märkten zuzurechnen ist. Zudem sind auch die Inflationsschwankungen ebenso wie die realen Konjunkturschwankungen zurückgegangen. Ob und wie lange dieser Trend anhält, bleibt allerdings eine offene Frage.

 

Autor:

Professor Dr. Helmut Wagner ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik, an der FernUniversität in Hagen. Er ist zudem Gastprofessor an der Princeton University. Weitere Informationen zur Person unter: http://www.fernuni-hagen.de/HWagner/ 

 

Literatur:

Wagner, Helmut (in Vorbereitung für 2008), Stabilitätspolitik - Theoretische Grundlagen und institutionelle Alternativen, 8. Auflage, München

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