Volkswirtschaftslehre
Kaum zu glauben, aber in Entwicklungs- und Schwellenländern helfen bereits sehr kleine Geldbeträge, um die Existenz einer ganzen Familie nachhaltig zu sichern. Muhammad Yunus hat in Bangladesch aus dieser Tatsache ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt: die Grameen Bank. Die Organisation, die mittlerweile neben der eigentlichen Bank viele weitere Non-Profit-Unternehmen umfasst, vergibt bereits seit mehr als drei Jahrzehnten erfolgreich Mikrokredite - vor allem an Frauen. Im Jahr 2006 wurde die Grameen Organisation und ihr Gründer Muhammad Yunus mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Ein Jenaer Professor wirft einen Blick hinter die Kulissen dieser Bank und zeigt ihre Funktionsweise und ihr Selbstverständnis auf.
Von Professor Dr. Wolfgang Eibner, Fachhochschule Jena
und Dipl.-Wirt.-Ing. Michael Anding, München
Warum sind eigentlich viele Entwicklungsländer dauerhaft rückständig? Eine der zentralen Ursachen liegt darin begründet, dass die übergroße Mehrheit der Bevölkerung in diesen Ländern nicht aktiv in den Wirtschaftskreislauf als produktive Anbieter und Nachfrager von Wirtschaftsleistungen einbezogen ist. Der Kreislauf von produzieren (und damit auch Geld verdienen) und konsumieren kommt für die breite Masse der Bevölkerung nicht in Gang. Eine Möglichkeit diesen Kreislauf in Gang zu setzen, besteht darin, die landlose Landbevölkerung ebenso wie die Slumbewohner in den Städten über Kleinstkredite im Rahmen einer umfassenden Selbständigenförderung zu unterstützen. Ein sehr gelungenes Beispiel für eine solche armutsorientierte Entwicklungsfinanzierung ist die Arbeit der Grameen Bank in Bangladesch.
Die Bank für mittellose Existenzgründer
Gegründet wurde die Bank von Professor Muhammad Yunus, der 2006 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz für die Armen erhielt. Seine Bank vergibt so genannte „Mikrokredite" zur unternehmerischen Selbsthilfe an Mittellose und ermöglicht ihnen dadurch eine Existenzgründung und -sicherung (vgl. YUNUS/ JOLIS, 2003). Die Bank refinanziert sich primär über öffentliche Gelder und Entwicklungshilfe. Nur über eine solch gezielte „Anschubfinanzierung" Mittelloser ist in der Dritten Welt Selbständigkeit und eine Stärkung der viel zu geringen volkswirtschaftlichen Kaufkraft breiter Schichten zu erreichen.
Die Idee eine „Bank für die Armen" zu etablieren, stammt von Muhammad Yunus, damals Leiter eines ländlichen Wirtschaftsprogramms an der Universität von Tschittagong, im äußersten Süden von Bangladesch. Nach einer Hungersnot im Jahre 1974 unternahm Yunus eine Exkursion in ein nahe gelegenes Dorf. Er kam mit einer Liste von 42 armen Familien wieder, die nur wegen ein paar Cents in leibeigenschaftsähnlicher Armut festsaßen.
Muhammad Yunus wurde am 28. Juni 1940 in Chittagong in Bangladesch geboren. Er studierte in den 1960er Jahren an der US-amerikanischen Vanderbilt University Volkswirtschaftslehre. Anfang der 1970er Jahre erhielt er eine Professur in seiner Geburtsstadt in Bangladesch. Yunus kann als Begründer des Mikrofinanz-Gedankens angesehen werden. Im Jahr 2006 wurde er dafür mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.
Yunus wird mit dem Satz zitiert: „Als ich die Gesamtsumme ausgerechnet hatte, die sie benötigten, bekam ich den größten Schock meines Lebens. Alles in allem waren es 27 US-Dollar! Ich fühlte mich beschämt, Teil einer Gesellschaft zu sein, die nicht einmal 27 US-Dollar für 42 hart arbeitende, qualifizierte menschliche Wesen bereitstellen konnte." (Vgl. [www D. Murphy 11/2004].) So lieh er den 42 Familien die benötigten 27 US-Dollar, um ihnen aus ihrer Notsituation zu helfen.
Weil Arme über keine Sicherheiten verfügen, sind sie bei konventionellen Banken nicht kreditwürdig. Deshalb lieh Yunus für sich selbst Geld von einer Bank, um es anschließend an die Landbevölkerung weiter zu verleihen. Im Jahr 1976 eröffnete er schließlich seine eigene Bank: die Grameen Bank. Grundlegendes Ziel war und ist es, der Landbevölkerung Bangladeschs mit Kleinstkrediten zu helfen - ohne nach Sicherheiten zu verlangen. Das Volumen eines Kredits liegt üblicherweise zwischen 30 und 50 US-Dollar.
Wegen einer höheren Rückzahlungsmoral und um die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu verbessern, werden Kredite hauptsächlich an Frauen vergeben. Für eine Kreditaufnahme müssen sich die Frauen zu einer Gruppe von fünf zusammenschließen, um die Rückzahlung sicherer zu gestalten. Jedes Mitglied einer solchen Gruppe kann einen Kredit bekommen. Zu Beginn allerdings erhalten nur zwei Frauen eine finanzielle Unterstützung. Bei fristgemäßer Rückzahlung können dann auch die anderen drei einen Kredit beantragen.
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Bei außergewöhnlichen Vorkommnissen, zum Beispiel wenn der Ehemann mit dem Geld verschwindet, die eine Rückzahlung verhindern, kann ein neuer Kredit beantragt werden. Der erste Kredit wird dann in einen langfristigen Kredit umgewandelt, der frei von Zinsen ist und bei dem der Kreditnehmer selbst entscheiden kann, wann er den Kredit zurückzahlt.
Die Rückzahlung erfolgt mittels wöchentlicher Ratenzahlungen. Das Darlehen kommt entweder von Nichtprofit-Organisationen oder von Institutionen im Besitz der Kreditnehmer der Grameen Bank. Wenn das nicht ausreicht, versucht die Grameen Bank Geld von einer gewinnorientierten Organisation für einen möglichst niedrigen Zinssatz zu leihen.
Es gibt keine schriftlich fixierten Regelungen zwischen der Bank und ihren Kreditnehmern; alles wird in gegenseitigem Vertrauen mündlich vereinbart. Wenn ein Kunde nicht in der Lage ist, seinen Kredit rechtzeitig zurückzuzahlen, kann er seine Tilgungen aussetzen. Und: Unabhängig von der Zinshöhe darf die Zinssumme den Betrag des Darlehens nicht überschreiten.
Das System der Bank basiert auf gegenseitigem Vertrauen, Kreativität, Mitbestimmung und Offenheit. Die Besitzer der Bank sind die Kreditnehmer selbst. Sie besitzen 90 Prozent und die Regierung ist mit 10 Prozent beteiligt. Die Leitung der Bank wird jährlich aus den Mitgliedern der Bank gewählt, sie entscheidet auch über die Kreditvergabe.
Im Gegensatz zu konventionellen Banken sind die Filialen der Grameen Bank in den ärmeren Gegenden vor Ort. Die Angestellten gehen von Tür zu Tür, um den Armen Kredite anzubieten. Hierbei gibt es ein Auswahlverfahren, das die Kreditvergabe festlegt. In Katastrophenfällen wie beispielsweise einer Überflutung, schließen die Zweigstellen in den betroffenen Gebieten und die Bankangestellten gehen in die Dörfer und helfen den Betroffenen, indem sie finanzielle Unterstützung geben. Die gesamten hierfür nötigen Mittel garantiert die Bank.
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Die Grameen Bank verleiht Geld, ohne Ratschläge oder Hinweise zu geben. Auf diese Weise soll die Landbevölkerung Kreativität entwickeln. In den Jahren nach 1976 wuchs die Zahl der Mitglieder der Grameen Bank enorm. Ein positiver Nebeneffekt: Frauen werden von ihren Ehemännern und der Gesellschaft in immer höherem Maße respektiert, da sie bevorzugt Kredite von der Grameen Bank erhalten. Mehr Menschen engagieren sich in Bangladeschs Politik; Mitglieder der Grameen Bank lassen sich für Wahlen aufstellen. Die Geburtenrate ist rückläufig und mehr Kinder besuchen die Schule. Daraus resultiert eine niedrigere Analphabetenquote, die von 90 Prozent auf 70 Prozent gefallen ist.

Es gibt 16 grundlegende Prinzipien von denen erwartet wird, dass sie von allen Mitgliedern der Grameen Bank mit dem Ziel verinnerlicht werden, der in Bangladesch zu helfen (analog [www Grameen Bank 01/2008b]):
Im Jahr 1989 begann die Grameen Bank mit zusätzlichen Kreditprogrammen zur Finanzierung von Toiletten, Sickergruben und Wasserversorgung. Des Weiteren gründete die Grameen Bank eine Reihe von überwiegend genossenschaftlich organisierten Non-Profit-Unternehmen, die sich mit einer Vielzahl von Aktivitäten für Arme engagieren: Diese Unternehmen sind mittlerweile bekannt als die "Grameen Familie" (vgl. [www Grameen Family 02/2007]). Zu den wichtigsten zählen die folgenden:
Das gesamte Projekt der Kleinstkredite der Grameen Bank wird mittlerweile von der Zentralbank gesponsert und bekommt Unterstützung von den staatlichen Geschäftsbanken.
Im Oktober 1983 wurde das Grameen Banken Projekt durch ein Gesetz der Regierung in eine unabhängige Bank umgewandelt. Im Gegensatz zur Situation bei konventionellen Banken zahlen 98 Prozent der Kreditnehmer der Grameen Bank ihr Geld pünktlich zurück.
Alles begann mit 42 Familien im Jahre 1974. Im Januar 2007 hatte die Grameen Bank 6,95 Millionen Darlehensnehmer, 97 Prozent von ihnen sind Frauen. Mit 2.343 Zweigstellen bietet sie ihre Dienste in 75.359 Dörfern an und deckt damit mehr als 90 Prozent der Dörfer in Bangladesch ab; 2.120 der 2.343 Zweigstellen arbeiten bereits mit Computern. Die Grameen Bank verzeichnet landesweit ein beständiges Wachstum ihrer Kundenzahl.
Seit ihrer Gründung bis Januar 2007 kann die Grameen Bank kumulierte Auszahlungen von 6,009 Milliarden US-Dollar vorweisen, wovon eine Gesamtsumme von 5,344 Milliarden zurückgezahlt wurde; das entspricht einer Rückzahlungsquote von 98,48 Prozent der fälligen Kreditbeträge. [Daten aus [www Grameen Bank 02/2007b].
Die gesamten Einnahmen der Grameen Bank betrugen im Jahr 2005 112,40 Millionen US-Dollar.
Die Gesamtsumme der Ausgaben lag bei 97,19 Mio. US-Dollar. Verbindlichkeiten aus Krediten von 34,74 Mio. US-$ waren der größte Posten der Ausgaben (36 Prozent). Gehälter, Wertberichtigungen und Pensionen summierten sich auf 25,37 Mio. US-Dollar als zweitgrößten Ausgabeposten (26 Prozent). Im Jahr 2005 erwirtschaftete die Grameen Bank einen Gewinn von 15,21 Millionen US-Dollar.
Der Gewinn wird vollständig in einen Rehabilitationsfonds eingezahlt, der für die Katastrophenhilfe eingerichtet wurde. Dies geschieht in Erfüllung eines Vertrages mit der Regierung, die im Gegenzug die Grameen Bank von der Zahlung der Körperschaftssteuer frei stellt (vgl. [www Grameen Bank 02/2007]).
Der Beitrag der Grameen Bank zum BIP Bangladeschs beläuft sich mittlerweile auf mehr als 1,1 Prozent (vgl. [www Grameen Bank 12/2007]). Das Einkommen der Kunden der Grameen Bank liegt schätzungsweise mehr als 50 Prozent über dem von Vergleichsgruppen in nicht unterstützten Dörfern. Die Landlosen haben von den Kleinstkreditprogrammen am meisten profitiert, gefolgt von denjenigen mit kleinem Landbesitz. Dies hat zur Folge, dass die Zahl von Mitgliedern der Grameen Bank, die unter der Armutsgrenze leben, auf rund 20 Prozent gesunken ist.
Es fand ebenfalls eine Verschiebung vom Ackerbau hin zum Kleinhandel mit einer hohen Rate von Selbständigen statt. Diese Verschiebungen im Beschäftigungsverhalten haben auch einen indirekten positiven Effekt auf die Beschäftigung und Bezahlung anderer landwirtschaftlich beschäftigter Arbeiter. Was als innovative örtliche Initiative begann, ist an einen Punkt gelangt, an dem die Armutsbekämpfung auf nationaler Ebene positiv beeinflusst wird, wie auch Abbildung 2 nahelegt:

Dieser große Erfolg der Grameen Bank in der Entwicklung Bangladeschs war und ist Vorbild für eine Vielzahl anderer Institute und sogar für die Weltbank, die sich - wenn auch betragsmäßig noch eher symbolisch - seit 1999 im „World Bank Group's Microfinance Institutional Action Plan" in der Mikrokreditvergabe engagiert:
Ziel dieses Aktionsplanes ist es, den institutionellen Aufbau eines dauerhaft belastungsfähigen Mikrokredit-Finanzierungssektors zu fördern und bestehende Strukturen der Kleinstkreditvergabe weiter zu stärken, um ihr Portfolio und ihren Wirkungskreis ausdehnen zu können.
An weiteren privaten Organisationen im Bereich der Kleinstkreditvergabe sind neben der Grameen Bank vor allem zu nennen:
Aktuell können weltweit in über 60 Ländern über 130 Millionen völlig verarmte Menschen bei Mikrokreditbanken Kleinstkredite in Anspruch nehmen und sich dadurch mit einfachen Tätigkeiten selbständig machen.
Die folgende Abbildung veranschaulicht abschließend den starken Anstieg der Bedeutung des entwicklungspolitischen Instruments der Mikrokreditvergabe:
Professor Dr. Wolfgang Eibner lehrt Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik an der Fachhochschule Jena im Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen sowie an einer Reihe privater Hochschulen.
Diplom-Wirtschaftsingenieur Michael Anding war langjähriger Mitarbeiter von Professor Dr. Eibner und ist aktuell Portfoliomanager bei der E.ON Sales & Trading GmbH in München.
Udo RETTBERG, 2007: Kleinstkredite neu verpackt. Banken legen Fonds, Anleihen und Zertifikate auf, in: Handelsblatt, Nr. 44 vom 2./3./4.3.2007, S. 34
Muhammad YUNUS/ Alan JOLIS, 2003: Banker to the Poor: Micro-Lending and the Battle against World Poverty, New York 2003
[www ACCION 01/2008]:
http://www.accion.org/NETCOMMUNITY/Page.aspx?pid=492&srcid=254, Zugriff am 9.1.2008
[www Grameen Bank 01/2007]:
http://www.grameen-info.org/bank/hist2005$.html, Zugriff am 16.1.2007
[www Grameen Bank 02/2007]:
http://www.grameen-info.org/bank/GBGlance.htm, Zugriff am 19.2.2007
[www Grameen Bank 12/2007]:
http://www.grameen-info.org/bank/contribu.html, Zugriff am 31.12.2007
[www Grameen Bank 01/2008a]:
http://www.grameen-info.org/bank/Statement1US$.htm, Zugriff am 9.1.2008
[www Grameen Bank 01/2008b]:
http://www.grameen-info.org/bank/the16.html, Zugriff am 9.1.2008
[www Grameen Family 01/2008]:
http://www.grameen-info.org/gfamily.html, Zugriff am 9.1.2008
[www D. Murphy 11/2004]:
Dave MURPHY: Covey describes 8th habit, San Francisco Chronicle vom 13. November 2004, in:
http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?file=/chronicle/archive/2004/11/13/ BUGLD9QLT81.DTL, Zugriff am 19.02.2007