Volkswirtschaftslehre
Zu den wohl bedeutendsten deutschen Ökonomen des 20. Jahrhunderts zählt Alfred Müller-Armack. Dieser Name ist eng mit dem Begriff der Sozialen Marktwirtschaft verbunden, er kann sogar als einer der Väter unserer Wirtschaftsverfassung angesehen werden. Der Name Müller-Armack ist folglich neben Ludwig Erhard eng mit dem Begriff des deutschen Wirtschaftswunders verbunden. Eine Kölner Wirtschaftsdidaktikerin beleuchtet den Werdegang von Alfred Müller-Armack genauer und würdigt sein Werk.
Von Anja Eckstein, Universität zu Köln
Der Nationalökonom und Kultursoziologe Alfred Müller-Armack wurde am 28. Juni 1901 in Essen geboren. Er galt als zielstrebiger und ehrgeiziger Mensch, mit erheblichem Optimismus. Auch Eigenschaften wie Kommunikations-, Kompromiss- und Problemlösefähigkeit wurden ihm zugeschrieben. Sein hohes Maß an wissenschaftlicher Kompetenz begünstigte zudem seine wissenschaftliche Karriere.
Mit 22 Jahren promovierte er bei Leopold von Wiese, einem Kölner Soziologen und Ökonomen. 1926 folgte bereits die Habilitation an der Universität zu Köln. Das Thema seiner Arbeit lautete „Ökonomische Theorie der Kulturpolitik". Sie stellte die erste systematische Untersuchung zu konjunkturpolitischen Fragen Deutschlands dar.
In Köln wurde er 1934 zum Außerordentlichen Professor ernannt. 1938 ging Müller-Armack, zunächst als Außerordentlicher Professor, an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und erhielt dort 1940 einen Lehrstuhl für Nationalökonomie und Kultursoziologie.
Im Jahr 1950 wurde er Professor für wirtschaftliche Staatswissenschaften und Leiter des Institutes für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln. Hinzu kamen unter anderem die Tätigkeiten als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums und als Mitglied der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in den Jahren 1947 bis 1966.
Seine politische Karriere entwickelte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Zunächst wurde er Berater im Prozess der Umstellung Deutschlands von der nationalsozialistischen auf eine marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaft. 1952 berief ihn der Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard zum Leiter der wirtschaftspolitischen Grundsatzabteilung in das Bundesministerium.
Neben der Sozialen Marktwirtschaft verbindet sich der Name Müller-Armack auch mit Fragen der Europa-Politik. So hatte er einen entscheidenden Anteil an der Ausarbeitung und dem Abschluss der Römischen Verträge im Jahre 1957. Müller-Armack erwarb sich in diesen Jahren ein großes Ansehen in Bezug auf die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, bei der er 1960 den Vorsitz des Konjunkturausschusses stellte.
Für seine Verdienste erhielt er 1962 das Bundesverdienstkreuz der Klasse Großes Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband. Nach dem Kanzlerwechsel 1963 schied Müller-Armack aus dem Bundesdienst aus.
Am 16. März 1978 verstarb Alfred Müller-Armack nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 76 Jahren in Köln.
Zur Person
Der Name Alfred Müller-Armack wird heute vor allem mit dem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft in Verbindung gebracht. Er wirkte aber auch entscheidend bei der Realisierung der europäischen Vereinigung mit. Gleichzeitig beschäftigte er sich mit der Konjunkturforschung und -politik, mit den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus und Fragen der Wirtschafts-, Kultur- und Religionssoziologie. Zudem galt er als kompetenter Berater bei der Bildungsarbeit im Rahmen der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er war ein Gelehrter von internationalem Ruf und Autor zahlreicher wirtschaftswissenschaftlicher Standardwerke.
Insbesondere Leopold von Wiese hatte mit seiner für seine Zeit liberalen Weltauffassung als Doktorvater großen Einfluss auf Müller-Armack. Insgesamt publizierte dieser in einem Zeitraum von 55 Jahren, vor allem in Form von themenbezogenen Aufsätzen. In diesem Zeitraum, welcher geprägt war durch Umbrüche im gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Leben, lassen sich bei Müller-Armack entsprechend verschiedene Ausrichtungen in seinen Publikationen feststellen. Dieser Weg führte ihn von der Krisentheorie zur Konjunkturforschung und zur allgemeinen politischen Theorie mit anthropologischem und geschichtsphilosophischem Hintergrund.
Er beschäftigte sich mit konjunkturpolitischen Fragen der Gegenwart, insbesondere in seiner Dissertation und Habilitationsschrift. Diese Schriften und weitere Artikel folgten der monetären Konjunkturtheorie, die besagt, dass ökonomische Schwankungen durch Störungen von Außen auftreten, insbesondere durch die unterschiedlich zur Verfügung gestellten Kredite des Bankwesens.
Müller-Armack prägte innerhalb dieser Schriften den Begriff der Konjunkturpolitik. Der Staat müsse mittels der Konjunkturpolitik Fehlentwicklungen, also als zu groß eingeschätzten Schwankungen in der Wirtschaftsgesellschaft, entgegensteuern. Des Weiteren verfasste er verschiedene stiltheoretische und religionssoziologische Schriften in den Jahren 1932 bis 1964, denn mit der Wirtschaftskrise von 1929 kam es zu einem Bruch der Konjunkturtheorie - auch Müller-Armack wendete sich damals anderen Veröffentlichungen zu.
So erschien 1932 die Monographie „Entwicklungsgesetze des Kapitalismus" und 1933 „Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich", eine pro-faschistische Schrift. Es ist aber davon auszugehen, dass sich diese Bejahung lediglich auf das staatliche Ordnungsprinzip und die Wirtschaftspolitik bezog.
Wie die Einstellung Müller-Armacks überdies zum Nationalsozialismus zu werten ist, bleibt in der Auseinandersetzung noch weitgehend unerforscht. Und auch er selbst äußerte sich später nicht über seinem Verhältnis zum Nationalsozialismus, obwohl es relativ viele autobiographische Aufzeichnungen von ihm gibt.
Deutlich wird, dass er sich in den Jahren nach 1933 von seiner anfänglichen Begeisterung distanzierte, auch wenn er die passive Parteimitgliedschaft beibehielt. Gleichzeitig wurde Müller-Armack zeitweise Unterstützer der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung durch das Nationalsozialistische Regime richtete.

Die Schriften zur Begründung der Sozialen Marktwirtschaft wurden in den Jahren 1944 bis 1960 verfasst. 1946 erschien sein Buch: „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft", welches die theoretischen Grundlagen der heutigen Wirtschaftsordnung festlegte und die Idee und den Begriff der Sozialen Marktwirtschaft manifestierte. Er verstand darunter aber nicht nur das Konzept zu einer Wirtschaftsordnung, für ihn war sie ein Modell einer umfassenden Gesellschaftsordnung. Die genaue Ausgestaltung des Konzeptes blieb aber offen, insbesondere im Hinblick auf sich ändernde Rahmenbedingungen innerhalb der Wirtschaftsgesellschaft.
Mit der Idee der Sozialen Marktwirtschaft verband Müller-Armack sowohl die Ermöglichung einer individuellen Freiheit, in der die Mitglieder der Gesellschaft innerhalb eines rechtlichen und sittlichen Rahmens frei und selbstverantwortlich handeln können, als auch einen sozialen Ausgleich und eine Chancen- und Leistungsgerechtigkeit. Kern der Sozialen Marktwirtschaft ist noch immer der Wettbewerb, ohne den eine funktionierende Wirtschaftsordnung nicht möglich ist.
Um unerwünschte Entwicklungen oder zu starke Schwankungen der Konjunktur auszuschließen oder zumindest abzufedern, muss der Staat mit einer entsprechenden Wettbewerbspolitik steuernd eingreifen. Gleichzeitig hat er dafür Sorge zu tragen, dass die Güter, die nicht über den Wettbewerb abgedeckt werden, zum Beispiel Bildung, sozial gerecht verteilt werden. Insbesondere ist dies deshalb wichtig, da der Wettbewerb all diejenigen ausschließt, die nicht aus eigener Kraft für sich sorgen können, so beispielsweise Kinder.
Müller-Armack sah die Soziale Marktwirtschaft also als ein sorgfältiges Zusammenspiel von Wettbewerbs- und Sozialpolitik, welches durch eine geschickte Austarierung eine Bevorzugung einer Seite vermeiden muss.
Sein wissenschaftliches Vermächtnis zur Sozialen Marktwirtschaft ist eng mit der Person Ludwig Erhards verbunden. Während Müller-Armack das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft zwar konzipierte, setzte Erhard das System der Sozialen Marktwirtschaft innerhalb der eigenen Partei und mittels seiner Position als Bundeswirtschaftministers in Deutschland durch.
Diese Zusammenarbeit gilt bis heute als ein klassisches Beispiel für ein gegenseitiges Ergänzen einer theoretischen Ausarbeitung und der Schaffenskraft eines pragmatisch veranlagten Politikers innerhalb der Wirtschaftspolitik. Gemeinsam stehen sie für das, was später als sogenanntes Wirtschaftswunder bezeichnet wurde, auch wenn Müller-Armack selbst gegen diese Bezeichnung war, da für ihn die Wirtschaft lediglich Erfolge und keine Wunder erzielen kann und der Aufschwung nur Folge einer konsequenten Wirtschaftspolitik war.
Anja Eckstein ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehr- und Forschungsbereichs Wirtschaftswissenschaft, Bildungsökonomie und Ökonomische Bildung an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln
Alfred Müller-Armack: Ausgewählte Werke (Sammlung hg. von Ernst Dürr u. a.): Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik. Studien und Konzepte zur Sozialen Marktwirtschaft und zur Europäischen Integration, 2. Auflage, Bern, Stuttgart 1976 (Beiträge zur Wirtschaftspolitik, Band 4)
Alfred Müller-Armack: Ausgewählte Werke (Sammlung hg. von Ernst Dürr u. a.): Diagnose unserer Gegenwart. Zur Bestimmung unseres geistesgeschichtlichen Standorts, 2. Auflage, Bern, Stuttgart 1981 (Beiträge zur Wirtschaftspolitik, Band 32)
Alfred Müller-Armack: Ausgewählte Werke (Sammlung hg. von Ernst Dürr u. a.): Religion und Wirtschaft. Geistesgeschichtliche Hintergründe unserer europäischen Lebensform, 3. Auflage, Bern, Stuttgart 1981 (Beiträge zur Wirtschaftspolitik, Band 33)
Alfred Müller-Armack: Ausgewählte Werke (Sammlung hg. von Ernst Dürr u. a.): Genealogie der Sozialen Marktwirschaft. Frühschriften und weiterführende Konzepte, 2. Auflage, Bern, Stuttgart 1981 (Beiträge zur Wirtschaftspolitik, Band 34)
Ludwig Erhard; Alfred Müller-Armack (Hg.): Soziale Marktwirtschaft. Ordnung der Zukunft. Manifest ´72, Frankfurt/M., Berlin, Wien 1972.
Daniel Dietzfelbinger: Soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsstil. Alfred Müller-Armacks Lebenswerk, Gütersloh 1998 (Zugl.: ders.: Univ.-Diss., München 1997)
Daniel Dietzfelbinger: Von der Religionssoziologie zur Sozialen Marktwirtschaft: Leben und Werk Alfred Müller-Armacks. In: Politische Studien 373 (Zweimonatszeitschrift für Politik und Zeitgeschehen), 51. Jg., München 2000, S. 85-99
Heinz Grossekettler: Alfred Müller-Armack (1901-1978). In: Westfälische Jurisprudenz, Beiträge zur deutschen und europäischen Rechtskultur, Münster 1999, S. 329-348
Günter Beaugrand: Die Konrad-Adenauer-Stiftung. Eine Chronik in Berichten und Interviews mit Zeitzeugen, Sankt Augustin 2004 (Hg.: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.), Internet: http://www.kas.de/wf/de/33.5266/ Download: 17. Oktober 2007
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http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MuellerArmackAlfred/index.html
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/truemmerland/431450/
http://www.weltchronik.de/bio/cethegus/m/muellerarmack.html
http://www.welt.de/print-welt/article716438/Mein_Vater_waere_unzufrieden.html
http://miami.uni-muenster.de/servlets/DocumentServlet?id=2669