Titelthema
Wer steht eigentlich hinter einem erfolgreichen Kinofilm? Genau genommen ein ganzes Team, bestehend aus etwa Drehbuchautor, Regisseur, Schauspielern und Kameramännern sowie last but not least dem Produzenten. Letzterer ist in alle Phasen der Produktion eingebunden und damit auch verantwortlich für den finanziellen Erfolg. Mit Uschi Reich, Produzentin bei der Bavaria Film, sprach economag.de über die Notwendigkeit eines guten Drehbuchs, Tops und Flops und den wachsenden Anteil deutscher Filme im Kino.
Die Fragen stellte Rainer Berger
Meist beginnt alles mit dem Rechteerwerb. Dem schließt sich die Suche nach einem geeigneten Autor an. Er beginnt mit dem Buch, während nach Regisseur und der geeigneten Besetzung Ausschau gehalten wird. Es macht Sinn, dass der Drehbuchautor die mögliche Besetzung kennt. Erst wenn das Drehbuch wirklich gut genug ist, wird die Finanzierung des Films geklärt. Wenn auch diese steht, folgen die Dreharbeiten und die so genannte Post-Produktion. Ist auch letztere abgeschossen, ist der Film auf den Kinoleinwänden zu sehen.

Nicht immer. Ich fange an und ziehe nach der ersten Phase bereits einen möglichen Regisseur ins Vertrauen und denke an die Besetzung. Als Produzentin habe ich meist eine klare Idee davon, welcher Schauspieler in welche Rolle schlüpft und mit welchen Schauspielern der Film letztendlich ein Erfolg werden könnte.
Ja, beispielsweise. Grundlage eines Films ist allerdings immer eine Idee. Sie kann von einem Roman, aber durchaus auch von einem Zeitungsartikel inspiriert sein.
Kurz gesagt: für alle. Genau das ist das Berufsbild der Produzentin. Der Stoffankauf, das so genannte „Packaging", das heißt die Zusammenführung von Autor, Regisseur und Schauspielern, die Drehbuchentwicklung, die Finanzierung, das Durchführen des Drehs und letztendlich die Herausbringung des Films gemeinsam mit einem Verleih - alles liegt in meinen Händen und damit in meiner Verantwortung.
Das Risiko liegt immer in der Finanzierung. Jede Filmproduktion hat ein genaues Budget - dieses sollte nicht überschritten werden, da der Produzent ansonsten vor einem ernstzunehmenden Problem steht. Ist das Budget eingehalten, reduziert sich das Risiko auf die eingebrachten Bar- und Eigenmittel. Da ein Film erst dann produziert wird, wenn auch ein Verleih gefunden ist, sind Einnahmen an der Kinokasse garantiert. Wie hoch diese ausfallen ist aber zu Beginn ungewiss, da erst die Verleihvorkosten gedeckt werden.
Uschi Reich ist gebürtige Kemptenerin. 1968-72 studierte sie an der Hochschule für Fernsehen und Film. Sie ist Inhaberin einer eigenen Produktionsfirma, Regisseurin und Autorin. Ab 1987 war sie TV-Produzentin für die Bavaria und Chefdramaturgin für über 200 Marienhof-Folgen. 1995 wechselte sie zu Constantin und verantwortete die "German Classics". Nach eineinhalb Jahren kehrte sie als Geschäftsführerin zur Bavaria Filmverleih und Produktions GmbH zurück und produzierte erfolgreiche Kinder- und Jugendfilme. Im letzten Jahr trat sie unter anderem durch die Produktion des aktuellen Caroline Link-Films und als eine der Produzenten von Buddenbrooks in Erscheinung.
So ist es in der Regel. Viele Filme lassen sich ohne Verleih gar nicht finanzieren, da beispielsweise die staatliche Filmförderung nur dann in Anspruch genommen werden kann, wenn ein Verleih gefunden ist.
Wenn ich dieses Patentrezept kennen würde, dann hätte ich als Produzentin keine Sorgen mehr.
Ein wichtiges Moment ist sicher die Glaubwürdigkeit der Story, der im Film geschaffenen Welt und der Charaktere. Mit letzteren sollte sich der Zuschauer identifizieren. Neben der Glaubwürdigkeit ist eine gewisse Logik und Erzählweise wichtig. Kurzum: Ein sehr gutes Drehbuch ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg.
Für Deutschland kann ich diese Frage eindeutig mit Ja beantworten. In den USA mögen das Drehbuch und die Besetzung gleich wichtig sein.
Hierzulande gibt es eigentlich kaum einen Star, für den die Zuschauer ins Kino gehen würden - vielleicht Til Schweiger.
Ja, durchaus. Die Drehbuchentwicklung läuft fast zu hundert Prozent mit und bei mir ab. Was den Dreh angeht, bin ich natürlich auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Regisseur angewiesen. Wichtig ist, dass der Regisseur und ich als Produzentin am gleichen Strang ziehen. Wir müssen die gleiche Vision und Idee verfolgen. Ist dies nicht der Fall, dann wäre das fatal. Ich habe mich auch schon - im Vorfeld - gegen Regisseure entschieden, weil sie eine komplett andere Vision von dem Stoff hatten als ich.
Ja, das muss ich. Ich schaue mir jeden Tag Muster an und erhalte ein detailliertes Bild vom Stand der Dinge. Zu beidem gebe ich auch täglich Feedback.
Das ist unser Risiko. Ich hatte meistens Glück. Bei jeder Produktion gebe ich außerdem immer einer Nachwuchskraft in verantwortlicher Position eine Chance. Des Weiteren arbeite ich in den Bereichen Regie, Kamera und Ausstattung oft mit Menschen, die ich bereits kenne und schätze. Selbstredend schaue ich natürlich selbst viele Filme. Gefallen mir bei einem Film die Ausstattung oder die Kostüme besonders gut, dann notiere ich mir die Namen der entsprechenden Personen.
Wenn man einige Jahre in der Branche dabei ist, kennt man ohnehin die meisten. Die Branche ist nämlich nicht so groß.
Die wilden Hühner und das Leben (2009), Drehbuch, Produzentin
Im Winter ein Jahr (2007/2008), Produzentin
Die wilden Hühner und die Liebe (2006/2007), Drehbuch, Produzentin
Die wilden Hühner (2005/2006)
TKKG - Das Geheimnis um die rätselhafte Mind-Machine (2005/2006), Produzentin
Bibi Blocksberg und Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen (2002, 2003/2004), Produzentin
Das fliegende Klassenzimmer (2003), Emil und die Detektive, 2001,
Pünktchen und Anton, 1999, Produzentin
In Bezug auf die guten Leute ist das sicher so, wie in allen anderen Branchen auch. Bei Themen kann die Konkurrenz durchaus groß sein. Als ich damals beispielsweise die Rechte für die Wilden Hühner gekauft habe, gab es auf diesem Markt viel Konkurrenz. Davon darf man sich allerdings nicht abschrecken lassen - das Leben mit der Konkurrenz ist für mich normal und auch motivierend. Ich mag Wettbewerb.
Ehrungen sind schön, denn man wird, mit dem was man tut, wahrgenommen. Auf die konkrete Arbeit wirkt sich ein solcher Preis allerdings weniger aus. Eine Ausnahme wäre sicherlich der Oscar.
Als Produzentin fängt man allerdings bei jedem Film neu an.
Kino ist Zielgruppe. Vor jeder Produktion muss ich mir klar sein, für wen ich einen Film produziere: für die Kleinen oder für die Großen, überwiegend für Männer oder für Frauen. Kinofilme, die bei Jung und Alt sowie bei Männern und Frauen gleichermaßen funktionieren, gibt es selten - wenn, sind sie dann ein Volltreffer.
Wenn Sie einen interessanten Stoff auf dem Schreibtisch haben, aber die Frage nach der Zielgruppe oder dem Genre nicht beantworten können, dann sollten Sie den Film möglichst nicht produzieren. Das gilt für das Kino. Beim Fernsehen ist das anders, hier spielen neben der Zielgruppe auch Fernsehgewohnheiten eine entscheidende Rolle.
Bei deutschen Filmen spielt Merchandising eine eher untergeordnete Rolle. Wir hatten bei den Wilden Hühnern oder den Kästnerfilmen immer großes Glück mit dem Soundtrack und dem Hörbuch.
Mit DVDs lässt sich heutzutage manchmal Geld verdienen. Mit dem Kino erst dann, wenn über 3 Millionen Menschen ins Kino gehen. Die Verleiher zahlen ja zur Produktion meist eine hohe Garantie, die durch die Erlöse vorrangig rückgeführt wird.
Für mich persönlich waren das sicher die Kästnerfilme: Das fliegende Klassenzimmer und Pünktchen und Anton. Diese Filme waren auch erfolgreich. Für das Klassenzimmer habe ich die meisten Preise bekommen, etwa den bayerischen und den deutschen Filmpreis.
Wichtig war für mich auch Kammerflimmern - auch wenn dieser Film an den Kinokassen leider nicht erfolgreich war. Die Hühnertrilogie und jetzt Im Winter ein Jahr von Caroline Link, weil ich dieses Drehbuch von Anfang an geliebt habe und der Film so geworden ist, wie ich ihn mir gewünscht habe. Da bin ich sehr froh, dass ich den produzieren konnte. Aber mir ist jeder Film auf seine Art wichtig, weil ich mir für jeden Film selbst eine besondere Herausforderung suche, auch wenn es nur ein kleiner Fernsehfilm ist, wie gerade z. B. Der Froschkönig:
„Ein Dreh sollte nie zu früh begonnen werden. Ein Drehbuch sollte erst dann realisiert werden, wenn der Produzent hundertprozentig davon überzeugt ist. Am Dreh hat der Produzent mit so vielen kleinen und großen Problemen zu kämpfen, dass er nicht auch noch ein Drehbuch verbessern kann", so Reich.
Natürlich kannte ich alle alten Verfilmungen genau - mit all ihren Stärken und Schwächen. Besonders die alte schwarz-weiß Verfilmung finde ich auch heute noch sehr gut. Sie hatte eine große Emotionalität, besonders bei den erwachsenen Figuren. Aber: Eine Interpretation von Kästner stellte mich vor ganz andere Herausforderungen als damals. Wie kann ich beispielsweise in einer hoch technisierten und mobilen Welt glaubhaft erzählen, dass zwei Freunde sich einfach nicht mehr gesehen haben. Da musste ich die deutsch-deutsche Geschichte heranziehen. Zudem musste ein Jungeninternat gefunden werden, das auch heute noch glaubhaft existiert, ohne dass dort nur reiche Kinder leben - hier griff ich auf den Leipziger Thomanerchor zurück. Kurz gesagt: Das Lösen solcher Herausforderungen mündet im Konzept des Films.
Na ja, eine ziemlich große. Der deutsche Film erfährt dank spezieller nationaler Filmförderfonds seit einigen Jahren eine erfreuliche kulturelle Förderung. Folglich wurden und werden hierzulande mehr Filme produziert. Der Anteil deutscher Filme im Kino ist deutlich angestiegen. Und diese sind durchaus erfolgreich. Hier bieten wir Hollywood wirklich die Stirn.
Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende: Der deutsche Film wird sich weiter entwickeln, vor allem was das Geschichten Erzählen angeht. Ich denke, dass er künftig gute Chancen im internationalen Vergleich hat. Er ist einfach ehrlicher und ein bisschen wahrer.
Titelbild by Tomhope (Photocase)