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Erfolgreicher Prototyp

Das ökonomische Dilemma der Kulturproduktion

Warum kämpfen private Vorstadttheater regelmäßig um ihre Existenz und weshalb können auch renommierte Opern- und Konzerthäuser oft nur mit staatlicher Hilfe überleben? Der Grund liegt in dem Dilemma der Kulturproduktion. Während ein Automobilhersteller kontinuierlich Produktivitätszuwächse realisieren kann, bleiben diese beim Schaffen von Kultur weitestgehend aus. Eine Münchner Expertin geht auf die Kostenkrankheit der Kulturproduktion genauer ein und erklärt, warum Festivals oder Kunstausstellungen paradoxerweise dennoch durchaus ökonomisch erfolgreich sein können.

Von Professor Dr. rer. pol. Marie Luise Kiefer, München

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Baumol/Bowen zeigten in ihrer Studie, dass die permanenten finanziellen Schwierigkeiten kultureller Institutionen wie Sprech-, Musiktheater oder Ballett strukturelle Ursachen haben, die auf einen im Vergleich zu anderen Wirtschaftssektoren niedrigen Produktivitätszuwachs kultureller Produktion zurückgehen. Während die (Arbeits-)Produktivität in anderen Branchen vor allem der industriellen Fertigung dank Technikentwicklung und Kapitaleinsatz seit der Industrialisierung ständig gesteigert werden konnte, blieb sie im so genannten „stagnant sector" der Kultur- und Dienstleistungsproduktion weitgehend unverändert.

Keine steigende Produktivität bei Schubert-Quartett

Um ein gern zitiertes Beispiel aus dem Musikleben zu nehmen: die Aufführung eines Schubert-Quartetts von 45 Minuten Dauer erfordert heute wie zu Schuberts Zeiten nebst Instrumenten drei Mann-Stunden, weder Technik noch Kapital konnten bislang die für eine Live-Aufführung erforderliche menschliche Arbeit (und Kreativität) ersetzen. Das ökonomische Problem für die Künste wie für die humanitären Dienstleistungen ist, dass sie als Folge ihrer stagnierenden Arbeitsproduktivität relativ zur „produktiven" Gesamtwirtschaft immer teurer werden, ihre relativen Preise also unaufhörlich steigen.

„Unit labor costs of production in the live performing arts (or more generally in the service sector) steadily increase because the wage rates in this sector are rising at a rate similar to that in the economy as a whole, while labor producivity in the arts is more or less constant. This is the essence of the so-called Cost Disease" (Frey 2003:73).

Während also der Produktivitätszuwachs in den so genannten „produktiven" Sektoren der Wirtschaft steigende Löhne und sinkende Arbeitszeiten bei weitgehend stabilem Lohnkostenanteil an den Gesamtkosten der Produktion erlaubt, ist ein solcher Ausgleich bei stagnierender Produktivität, wie eben in der künstlerischen Produktion, nicht möglich, ja deren Produktionskosten steigen, weil sie arbeitsintensiv sind, im Vergleich zum Kostenanstieg durchschnittlicher Güter immer schneller (Baumol 1997:99). Werden kulturelle und humanitäre Dienstleistungen über den Markt bereitgestellt hat dieser unausweichliche Kostenanstieg zur Folge, dass die Versorgung damit nach Quantität wie Qualität abnimmt (von der Ploeg 2008).

Ständig teurer werdende Kultur

Baumols Cost Disease liefert also eine überzeugende ökonomische Begründung dafür, warum Institutionen der darstellenden Künste in anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten stecken und dass sie, wenn die Gesellschaft ein breites kulturelles Angebot wünscht, kontinuierlich und mit steigenden Beträgen subventioniert werden müssen. Allerdings wird die Tatsache allein, dass ein ständig sich verteuerndes kulturelles Angebot nur schwer eine kostendeckende Nachfrage auf dem Markt findet, für Ökonomen noch kaum eine ausreichende Begründung für dessen Subventionierung durch den Staat sein.

Die Probleme, ob, in welchem Umfang und vor allem mit welcher Begründung der Staat in die Finanzierung kultureller Produktion, wie es in den meisten Ländern Westeuropas geschieht, eingreifen soll oder nicht, sind nicht Gegenstand dieses Artikels. Die Arbeiten von Baumol und Kollegen haben diese immer normativ-ideologisch aufgeladenen Debatten aber zweifellos versachlicht und auf eine objektive Grundlage gestellt.

Kultur als Event

Baumols Gesetz ist heute weitgehend unbestritten. Dennoch gibt es erstaunliche „Paradoxien", wie Frey (2003:74ff.) den Boom bei Musikfestivals und Spezialausstellungen nennt, die oft innerhalb weniger Wochen ein Publikum anziehen, das Hunderttausende zählt. Dort kann man offenbar kostendeckend arbeiten. Frey führt eine Reihe von Gründen auf der Nachfrage- wie auf der Angebotsseite als Erklärung für den Boom an. Neben relativ weit verbreitetem Wohlstand ist für die erstaunliche Nachfrage sicherlich mit entscheidend die „Eventisierung" von Kultur, die als bewährter, Akzeptanz steigernder Mechanismus vor allem der Unterhaltungskultur gilt (Saxer 2007:222f.). Die damit verbundene Steigerung des „Nachrichtenwertes" und der Aufmerksamkeitsfokussierung, die nicht zuletzt auch durch größere Medienbeachtung garantiert wird, erschließt neue Besuchergruppen.

Hinzu kommt die gelungene Verknüpfung mit touristischen Bedürfnissen (Festivals finden ja in der Regel an attraktiven Orten statt), die Tourismusanbieter für günstige Paketangebote nutzen, wodurch potentielle Festivalbesucher wiederum von Entscheidungs- und Transaktionskosten mit Blick auf das kulturelle Event entlastet werden. Auf der Angebotsseite sind für Frey vor allem relativ niedrige Produktionskosten entscheidend, weil zentrale Ressourcen aus dem regulären Kulturbetrieb übernommen und die Fixkosten so niedrig gehalten werden können. Der hohe Aufmerksamkeitswert garantiert zudem reichlich fließende Sponsorengelder. Aber auch weniger administratives Reglement, größere Kreativitätsräume und Karrierechancen für die künstlerischen Akteure spielen wohl eine Rolle.

Massenhaft Meisterstücke

Wird Baumols Gesetz durch den anhaltenden Festivalboom außer Kraft gesetzt? Hier scheint eher ein Phänomen wirksam zu sein, das für die Massenmedien seit jeher von zentraler Bedeutung ist: dass kulturelle Produkte nicht nur öffentlichen Gutcharakter haben, also keine Konsumrivalität bei ihrer Nutzung besteht, sondern dass von einem „Masterpiece" kultureller Produktion, dass aus einem geordneten Bündel kreativer, künstlerischer und anderer immaterieller Produktionsfaktoren besteht, fast unbegrenzt Kopien gezogen werden können.

Die Aufführung eines Schubert Quartetts benötigt heute zwar wie zu Schuberts Zeit drei Mann-Stunden, aber die Aufführung heute ist keineswegs auf das Präsenzpublikum im Konzertsaal beschränkt, sondern kann dank Technikentwicklung als Übertragung im Radio und/oder als Konzertmitschnitt auf CD ein Millionenpublikum erreichen oder einsammeln. Baumols Cost Disease betrifft, jedenfalls beim heutigen Stand der Technik, ohne Einschränkung die Produktion kultureller Artefakte wie eben eine Konzertaufführung, eine Operninszenierung oder das Drehen eines Films oder einer Fernsehserie. Dabei gilt es jedoch die Grenze zwischen Masterpiece- und Kopienproduktion zu beachten, die für die Massenmedien relativ klar gezogen werden kann, weniger offensichtlich hingegen bei den darstellenden Künsten ist.

Distributive Produktivität steigern

Wenn Throsby (1994: 9) feststellt, dass sich der „Output" der darstellenden Künste keineswegs einfach definieren lasse, dann verweist das auch auf diese Trennungsschwierigkeit.

„Superficially, the output of a symphony orchestra is a concert, or that of a theater company is a performance of play. But there is a difference between the manufacture of the production - the setting up, the rehearsing, the integration of various elements into a single interpretation of a score or a script - and a performance, which is a repetitive process that reproduces the same ‚output' over and over again. Furthermore, interpretation of output in these terms does not capture the fact that the purpose of a performance is to provide a ‚cultural experience' for an audience which itself may be thought as the final product (...)".

Baumols Cost Disease greift voll auf der ersten der drei Outputstufen, ist bei den darstellenden Künsten - nicht aber bei den Massenmedien - abgeschwächt wirksam auch auf der zweiten, auf der dritten jedoch sind Produktivitätszuwächse auch bei den Künsten dank vermehrter Publikumsproduktion möglich. Der Festival-Boom lässt sich ökonomisch also als ein Versuch der Kulturveranstalter interpretieren, das distributive Potential kultureller Artefakte als öffentliche Güter mit der Möglichkeit der Kopien- und damit auch Publikumsproduktion ähnlich wie die Massenmedien intensiver zu nutzen. Wenn Repertoire-Aufführungen zu Opernfestivals zusammengestellt und in der spielfreien Zeit an der Hauptspielstätte womöglich an anderem Ort wiederholt werden, wenn Museen aus ihren Beständen Spezialausstellungen bestücken, die zwischen den Leihgebern wandern, dann wird eine Strategie in Richtung der Ausschöpfung distributiver Produktivität verfolgt.

Kostenkrankheit heilen

Zwar ist jede Opernaufführung, anders als die Wiederholung im Fernsehen, mit nicht unerheblichen Aufführungskosten verbunden und Spezialausstellungen sind mit hohen Versicherungs- und Transportkosten belastet, aber: ein Großteil der teuren Inputfaktoren (bei der Oper zum Beispiel Inszenierungs- und Ausstattungskosten; bei Ausstellungen Konzeptionskosten oder gar Anschaffungskosten der Werke) können erneut genutzt und vermarktet werden. Privattheater bevorzugen daher eben auch nicht nur populäre Stücke, die ein größeres Publikum anzulocken versprechen, sie tendieren bei Erfolg vor allem auch dazu diese über lange Zeitstrecken zu spielen, um die distributive Produktivität möglichst auszuschöpfen.

Baumols Cost Disease bleibt auch für die Massenmedien gültig, wird hier aber durch vielfältige Produktions- und vor allem Distributionsstrategien entschärft (vgl. Kiefer 2005). Die Distribution kultureller Artefakte hat mit dem Aufkommen der Massenmedien oder massenmedialer Techniken einen säkularen Produktivitätszuwachs erfahren. Denn einmal produziert können Kopien eines kulturellen Masterpiece auf materiellen (etwa Bücher, Tonträger) oder immateriellen (etwa Fernsehen, Internet) Trägern in fast unbegrenzter Zahl und mit geringen, zumeist sinkenden Produktionskosten verbreitet werden.

Massenmedien sind, wie Baumol/Baumol (1997:191) zu Recht feststellen

„by no means immune to the cost disease",

das gilt aber nur für ihren Produktions-, nicht für ihren Distributionsbereich. Nur dank dieser distributiven Produktivität sind privatwirtschaftlich organisierte Rundfunkmedien als für den Rezipienten frei (wenn auch nicht kostenlos) empfangbare Dienstleistungen möglich: als Werbeträger stellen sie ihr distributives Potential ein Millionenpublikum zu erreichen der Werbung treibenden Wirtschaft gegen Entgelt zur Verfügung. Von daher ist auch verständlich, dass für Medienökonomen das Kerngeschäft werbefinanzierten Fernsehens nicht die Programm-, sondern die Publikumsproduktion ist.

So halten Owen/Wildman (1992:3) in ihrem Klassiker zur Fernsehökonomik fest:

„The first and most serious mistake that an analyst of television can make is to assume that advertising-supported television broadcasters are in the business to broadcast programs. They are not. Broadcasters are in the business of producing audiences. The audiences, or means of access to them, are sold to advertisers. The product of a television station is measured in dimensions of people and time".

Quintessenz

Es bleibt zusammenfassend also festzuhalten: Baumols Cost Disease ist für die Produktion kultureller Artefakte nach wie vor gültig. Allerdings müssen Masterpiece- und Kopienproduktion getrennt analysiert werden, denn nur für die erstere gilt Baumols Gesetz, während die letztere, zumal durch massenmediale Techniken, säkulare Produktionszuwächse erfahren hat, und auch die darstellenden Künste können von Strategien der Kopien- und Publikumsproduktion profitieren. Bei den hier nicht berücksichtigten humanitären Dienstleistungen stellt sich die Situation anders dar, als Kopienproduktion, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt möglich ist, Baumols Gesetz die Produktion also insgesamt bestimmt.

 

Autorin

Dr. rer. pol. Marie Luise Kiefer war Honorarprofessorin für Kommunikationsökonomie und Medienforschung an der Universität Wien.

 

Literatur

Baumol, William J., William G. Bowen (1966), Performing Arts - The Economic Dilemma. New York

Baumol, William J, Hilda Baumol (1997), The Mass Media and the Cost Disease" In: Towse, Ruth (Hg.), a.a.O., 180-194

Baumol, William J. (1997), Performing Arts. In: Towse, Ruth (Hg.), a.a.O., 98-100

Frey, Bruno S. (2003), Arts & Economics. Analysis & Cultural Policy. 2. Auflage. Berlin u.a.

Frey, Bruno S., Isabella Busenhart, Angel Serna (1994), Ökonomik der Kunst. Eine europäische Perspektive. In: Kyrer, Alfred, Wolfgang Roscher, Genießen - Verstehen - Verändern. Kunst und Wissenschaft im Gespräch. Interuniversitäre Rindvorlesung: Hochschule „Mozarteum" und Universität Salzburg. Studienjahr 1992/93, Salzburg, 15-26

Kiefer, Marie Luise (2005), Medienökonomik. 2. Auflage. München, Wien

Saxer, Ulrich (2007), Politik als Unterhaltung. Zum Wandel politischer Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft. Konstanz

Throsby, David (1994), The Production and Consumption of the Arts: A View of Cultural Economics. In: Journal of Economic Literature, Vol. XXXII, 1-29

Towse, Ruth (1997) (Hg.), Baumol's Cost Disease . The Arts and other Victims. Cheltenham, Northhampton

Van den Ploeg, Frederick (2007), Sustainable Social Spending and Stagnant Public Services: Baumol's Cost Disease Revisited. In: FinanzArchiv Vol. 63, No. 4, 519-547

 

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