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Ein Quantum Glück

Oder: Warum ist es für Privatanleger schwierig, an der Börse das Richtige zu tun?

Der DAX ist im Keller. Neben den Brokern sind vor allem die Privatanleger verunsichert. Was ist zu tun in Zeiten wie diesen und wie können schmerzhafte Verluste im eigenen Depot vermieden werden? Unser Bankexperte Michael Bloss beschreibt nicht nur frappant die aktuelle Finanz- und Vertrauenskrise an den Börsen weltweit, er gibt auch drei nützliche Tipps für Privatanleger in Krisenzeiten.

Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main

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Welche Fähigkeiten und Eigenschaften machen einen Börsenhändler erfolgreich? Zu Beginn ist sicher das fachliche und analytische Know-how zu nennen. Außerdem sollte er über Kapital verfügen und - das sollte auf keinen Fall vernachlässigt werden - „Fides et ratio" besitzen, also Glaube und Vernunft.

Doch sobald die Börse im positiven wie auch im negativen Sinne ins Wanken gerät, verlieren viele Börsenhändler die Vernunft und letztendlich auch den Glauben. Anleger verhalten sich genau dann nicht mehr rational: Sie gehen etwa davon aus, dass wenn ein Anlagegut steigt, andere Marktteilnehmer mehr Informationen haben und schließen sich somit der Investitionsentscheidung der vermeintlich besser informierten Händler an. Die Konsequenz: Die Preise für das Anlagegut steigen in die Höhe. Auf diese Weise können so genannte Blasen entstehen.

Der falschen Herde folgen

Dieses Verhalten gilt letztendlich auch bei fallenden Märkten - das ist aktuell zu beobachten: Ist die Verkaufswelle erst einmal angerollt, so wird diese durch das beschriebene Verhalten der Händler weiter verstärkt. Dieser wahre Herdenzwang entsteht aufgrund einer asymmetrischen Informationslage. Des Weiteren wird sie auch durch die in einigen Menschen verankerte Gier nach mehr verstärkt und gegebenenfalls durch Berichterstattungen in den Medien weiter angefacht.

Die Folge kann eine Kettenreaktion sein, die die Märkte in die Tiefe zieht. Der indische Ökonom Banerjee[1] schreibt dazu:

Angenommen man steht vor zwei Restaurants und weiß nicht in welches man gehen soll, so entscheiden sich die meisten Besucher für das Restaurant, in welchem schon Gäste sitzen, da man davon ausgeht, dass diese die bessere Information besitzen.

Den Beginn der Krise verschlafen

Werfen wir einen Blick auf die aktuelle Finanzkrise. Den Beginn der Krise oder die ersten Auswirkungen haben viele private Investoren nicht registriert. So stand der DAX am Jahresanfang 2008 bei über 8.000 Punkten. Dass die Party damals bereits vorbei war, haben viele Privatanleger allerdings nicht zu Kenntnis genommen. Erst als die Krise sich deutlich zuspitzte, haben die ersten Anleger reagiert.

Ein Grund für diese verzögerte Reaktionszeit der Privaten ist durch die Informationspolitik der Medien zu erklären. Am Anfang richtete sich die Berichterstattung über das nahende Unheil nur an Fachpublikum, zum Beispiel auf Konferenzen sowie den Nachrichtendiensten Reuters und Bloomberg. Den Weg in die Massenmedien fand die Krise erst im Sommer 2008. Sie rissen das Thema an sich und schlachteten es aus. In der Folge sind viele Bankabteilungen mit diesem Thema falsch umgegangen. Dort wurde nicht mit einem solchen Ausmaß an Verwerfungen gerechnet.

Aus dem vielfältigen medialen Interesse resultierte extremer Druck auf die Märkte. Verunsicherte Privatanleger löcherten ihre Bankberater mit Fragen rund um die Sicherheit des Ersparten. Damit wurde auf einen Schlag nahezu alles - an das Privatanleger bis dato glaubten - in Frage gestellt, selbst die Sicherheit des klassischen Sparbuchs.

 


 

Drei goldene Regeln für Privatanleger in Krisenzeiten

  • Ruhe bewahren
    Zugegeben, das ist nicht immer einfach und keineswegs mit der Vogel-Strauß-Politik zu verwechseln. Ruhe bewahren bedeutet vielmehr, seine Entscheidungen von A bis Z zu durchdenken, sich mit einem Bankexperten zu besprechen, bevor eine folgenschwere Entscheidung getroffen wird.
  • Liquidität halten
    Es gibt nur sehr wenige Börsenphasen, in denen an Privatanleger „vollinvestiert" sein sollte. Für Krisenzeiten gilt dies definitiv nicht. Halten Sie immer eine Liquiditätsdecke. In Krisenzeiten sollte diese größer sein und eventuell auch aus Gold bestehen.
  • Kurzschlussreaktionen vermeiden
    Keinem Herdentrieb verfallen und das Handeln nicht an selbsternannten Experten oder Tipps aus dem Fernsehen ausrichten. Den Rat von wirklichen Experten befolgen und niemals ein ganzes Depot an einem Tag auflösen, denn „tomorrow never dies".

 


 

Übereilte Panik

Auch routinierte Privatanleger lösten übereilt ihre kompletten Portfolios auf und kauften nach ersten Anzeichen der Erholung, das heißt bei einem höheren Kurs, dasselbe mit großem Verlust wieder ein. Ausschlaggebend war die Angst, bei einem nachhaltigen Anstieg der Kurse nicht dabei zu sein. Doch als auch dieser ausblieb, gerieten sie erneut in Panik und verkauften abermals.

Die Panik auf den Märkten ist nicht das Ergebnis von Vernunft und Glaube, sondern von blanker Angst. Getragen von medialen Berichterstattungen und nicht zuletzt auch der inneren Stimme, die sagt, dass alle anderen, die bereits ihr Portfolio verkauften, nicht irren können und sicher mehr wissen.

Das klassische Anlageverhalten von nicht institutionellen Anlegern - also von so genannten „Retail Clients" oder Privatkunden - ist prozyklisch und in hohem Maße stimmungsabhängig. Ist die Marktstimmung allgemein gut, kaufen sie. Sinkt die Stimmung, denken sie an den Verkauf.

 


 

Was kann ein Bankberater leisten?

In der letzten Zeit wird viel über die Rolle des Bankberaters gesprochen. Jedoch muss hier differenziert werden: Zum einen nach der Art der Beratung. Handelt es sich um eine Beratung eines Generalisten, welcher das komplette Bankgeschäft abdeckt oder um die eines Spezialisten, welcher explizit für das Geschäft mit Wertpapieren ausgebildet wurde. Des Weiteren muss in den beratenen Produkten unterschieden werden. Ein Anleger, der in Zertifikate investiert, wurde in der Regel zuvor über die Risiken aufgeklärt.

Ein guter Bankberater unterscheidet sich von dem schlechten durch die schnelle „Korrektur" seiner gemachten Fehler. Natürlich kann selbst ein guter Bankberater nicht den Kursverlauf der nächsten sechs Monate vorhersagen, doch sollte er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln einige Szenarien aufzeigen. Privatanleger sollten auf jeden Fall darauf achten, dass die Bankberatung bis ins Detail auf die Kundeninteressen abgestimmt ist und dass der Bankberater eine „tailor-made solution" präsentiert. Ein weiterer wichtiger Punkt: Der Privatanleger muss Vertrauen zu seinem Berater haben. Wenn dies nicht der Fall ist, ist ein Wechsel ratsam.

Allerdings ist in den letzten Jahren auch ein Trend zu erkennen: Entwickelt sich eine Anlage gut, ist alles in bester Ordnung, entwickelt sich eine Anlage schlecht, dann wird dem Bankberater die Schuld gegeben.

 


 

Aus dem Bauch heraus

Eine quantitative sowie qualitative Analyse des Marktes erfolgt meist nur am Rande, obwohl sie äußerst wichtig wäre. Diese notwendige Analyse, wird nur von Experten vorgenommen. Der Privatanleger setzt folglich in letzter Konsequenz auf ein Quantum Glück. Privatanleger handeln selten vernunftbasiert. Sie treffen Anlageentscheidungen eher aus dem Bauch heraus und damit auch aus Glaubensgründen.

Glaube steht in diesem Zusammenhang für Vertrauen. In Zeiten wie diesen ist genau das an den Börsen und an den Kapitalmärkten allerdings rar gesät. Folglich liegt derzeit nicht nur eine Finanz-, sondern auch eine schwere Vertrauenskrise vor. Keiner traut dem anderen: Der Banker nicht dem institutionellen Anleger und schon gar nicht dem Broker - selbstverständlich gilt das auch umgekehrt.

 


 

Staatliche Liquiditätsschirme gespannt

Genau das ist eines der Kernprobleme der Liquiditätsschwäche der Geldmärkte sowie an den Kapitalmärkten.[2] Dieser Vertrauensverlust ist nämlich auf die Privatkunden übergeschwappt. Gründe hierfür liegen nicht nur in der Medienberichterstattung der letzten Wochen und Monate, sondern ebenso in dem Bekannt werden der schwindelerregenden Abschreibungsvolumina der Banken, deren Zwangsstützung sowie dem deutlichen Einschreiten einzelner betroffener Staaten. Wo früher noch „weniger Staat, mehr Markt" gefordert wurde, werden heute milliardenschwere staatliche Liquiditätsschirme aufgespannt.

 


 

Verunsicherte Berater

Doch was bedeutet das für Privatanleger? Auch er ist verunsichert. Ihm fehlt nicht nur die fachliche Eignung, um eine Investitionsentscheidung komplett zu durchdenken, sondern auch die Zeit, um sich die notwendigen Fachkenntnisse selbst anzueignen und die Möglichkeit mit anderen Experten ein fachliches Zwiegespräch über eine Anlageentscheidung oder die aktuelle Marktlage zu führen. Der Privatanleger ist entsprechend auf die Expertise des Bankberaters angewiesen, daher sollte dieser nicht ebenfalls verunsichert sein.

Wenn einer gewinnt, verliert der andere

Der Bankberater sollte nicht nur beraten und eine Kauf- oder Verkaufsorder der Privatanleger erfassen. Er sollte vielmehr Schnittstelle zwischen Börse und dem privaten Anleger sein. Denn auch der Bankberater ist ein (wichtiger) Teil des Marktes. Er sollte Entscheidungssicherheit geben und gleichermaßen das wachsame Auge als auch der ermutigende Ratgeber sein.

Trotzdem sollte dem Privatkunden immer eines bewusst sein: Wenn einer gewinnt, verliert ein anderer. So war und ist es seit jeher an der Börse. Ein weiser Börsenprofi hat einmal gesagt, dass an der Börse Stimmungen und die Zukunft gehandelt werden. Wir jedoch sind es, welche es zulassen oder auch nicht, ob diese Zukunft wirklich eintritt.

 

Autor

Michael Bloss ist Wertpapierspezialist und Prokurist der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives im Masterstudiengang International Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Gastdozent an namhaften Universitäten und Hochschulen. Sein Fachgebiet sind terminbörsengehandelte Derivate sowie deren Strategien. Er ist Autor und Mitautor von diversen Publikationen zu terminbörsenrelevanten Themen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board des Masterstudienganges International Finance (IFMSc) der HfWU.

 

 


 

 

[1] Banerjee, Adhijit V. (1992): A Simple Model of Herd Behavior. The Quarterly Journal of Economics, Vol. 107, 797-817

[2] vgl. Bloss, Ernst, Häcker, Eil: Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2008

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