Titelthema
Grenzüberschreitungen sind mittlerweile ein Bestandteil moderner Gesellschaften. Dabei hat diese Loslösung vom nationalen Raum sehr verschiedene Dimensionen. Man denke nur an das World Wide Web, international agierende Konzerne wie Banken, die weltweite Zusammenarbeit zwischen Forschungsinstituten und Bildungseinrichtungen oder auch Migrationsbewegungen. Wie schwer dieses Phänomen der Transnationalen Vergesellschaftung zu fassen ist, zeigt unser Experte aus Trier.
Von Professor Dr. Martin Endreß, Universität Trier
Ein Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie unter der Leitwährung Transnationalität wird gegenwärtig zunächst keinen Überraschungseffekt erzielen. Zu selbstverständlich und vertraut scheint die damit signalisierte Perspektive dem Beobachter aktueller gesellschaftlicher Vorgänge. Jedoch vermag die vermeintliche Selbstverständlichkeit eines die lokalen, regionalen, nationalen und auch kontinentalen Grenzen überschreitenden disziplinären Blickes nicht darüber hinweg zu täuschen, dass sich alltägliche, politische und wissenschaftliche Debatten in der produktiven Überschreitung typischerweise national geprägter analytischer Perspektiven wie Begrifflichkeiten weiterhin bemerkenswert schwer tun. Das begründet die Aktualität und Relevanz des Themas des Soziologiekongresses 2010.
In sozio-historischer Perspektive ist die fortgesetzte Dominanz national ausgerichteter Analysen wenig überraschend. Denn die Entwicklung von Staatlichkeit im späten 19. Jahrhundert und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist hinsichtlich der Konzentration von ökonomischen und militärischen Ressourcen, von Legitimations- und Akzeptanzprinzipien sowie von Wohlfahrtsregimen ganz fraglos durch national-kulturelle Selbstverständigungshorizonte geprägt gewesen. Alle flankierenden Institutionalisierungsbemühungen transnationaler Art blieben von den sie tragenden Nationalstaaten dominiert.
Der Höhepunkt dieser nationalstaatlichen Konzentrationsprozesse war wohl in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren zu beobachten. Seither, insbesondere seit den späten 1970er Jahren kann aufgrund ökonomischer, kultureller und politischer Entwicklungen von einem fortschreitenden Irritations-, wenn auch nicht schon Erosionsprozess dieser Konstellation gesprochen werden. Diese vielschichtigen, keineswegs einlinigen Wandlungsprozesse sind verschiedentlich treffend auf den Topos einer Zerfaserung der klassischen nationalstaatlichen Konfiguration gebracht worden.
Eine Zerfaserung, kein Ende. Denn eine prinzipielle Verabschiedung wie beispielsweise vom nationalstaatlichen Gewaltmonopol ist nicht in Sicht, auch wenn die Rahmenbedingungen des Einsatzes militärischer Gewaltmittel zunehmend durch entsprechende Voten internationaler Organisationen gesetzt werden. Offenkundig bleibt nämlich vor allem: Die ökonomischen Grundlagen nationalstaatlichen Handelns verdanken sich dem Besteuerungsmonopol des Staates, dessen Rahmenbedingungen sich angesichts von konkurrierenden Besteuerungspolitiken und verschärften Wettbewerbsbedingungen modifizieren, die aber die fiskalische Bedeutung von Steuern für Nationalstaaten im Kontext von Globalisierungsprozessen keineswegs verringert haben - und sie bestimmen damit ebenso die Finanzierung der von ihnen getragenen suprastaatlichen Organisationen.
Auch die zunehmende Institutionalisierung von internationalen Organen der Rechtsstaatlichkeit bleibt bis auf weiteres an nationalstaatliche Akteure als Beklagte wie Kläger gebunden. Selbst die Legitimität transnationalen Regierens und Entscheidens ist weiterhin abhängig von nationalstaatlichen Ratifizierungen. Die hier leitenden Legitimitätsvorstellungen werden in Anlehnung an diejenigen nationalstaatlich verfasster Demokratien konzipiert. Der klassische und bisweilen längst für überholt erklärte Nationalstaat bleibt damit bis dato also ein eminenter Akteur: Bezugs- und Zurechnungspunkt von (politischer) Akzeptanz. Und: Bei aller inhaltlichen Öffnung nationaler Diskurse auf transnationale Frage- und Problemstellungen bleibt ebenso festzuhalten, dass sich politische Beteiligungen und bürgerschaftliches Engagement dominant weiterhin an nationalstaatlichen Handlungskontexten orientieren.
Angesichts dieses Sachstandes nimmt das Titelthema des Soziologiekongresses Abschied von überzogenen Globalisierungsdiagnosen und Proklamationen einer Weltgesellschaft ebenso wie von lediglich vordergründig Erklärungswert mit sich führenden begrifflichen Innovationen wie der Rede von einer Weltstaatengesellschaft. Demgegenüber konzentriert sich die Soziologie auf eine analytische Perspektive: Es lassen sich fortschreitend und forciert Prozesse beobachten, die zur Ausbildung von Sozialformen jenseits klassischer nationalstaatlicher Grenzziehungen führen: Die transnationalen Vergesellschaftungen.
So kommt diesem Kongressthema zugleich programmatische Bedeutung zu. Es signalisiert im Blick nach vorne die Rückbesinnung der Soziologie auf die analytische Tragfähigkeit ihrer klassischen Begrifflichkeiten und Kategorien; hier des Begriffs der Vergesellschaftung, wie er sowohl von Georg Simmel und deutlicher noch von Max Weber ins Zentrum gerückt wurde, um sich von einem verdinglichten Gesellschaftsbegriff zu verabschieden und die soziologische Analyse konsequent auf Prozessanalysen umstellen zu können. Diese Befreiung des Blicks von den Kolossalfiguren Nationalstaat und Gesellschaft negiert dabei weder die ungebrochene Relevanz nationaler und staatlicher Deutungsmuster wie Akteurzurechnungen, noch übersieht sie den Umstand, dass Unternehmen, Banken, Nichtregierungsorganisationen beziehungsweise zivilgesellschaftliche Organisationen, Verbände, supra-nationalstaatliche Organisationen sowie Internet-communities zunehmend jenseits klassischer nationalstaatlicher Grenzen agieren.
Aber mit der Konzentration soziologischer Analysen auf Vergesellschaftungsprozesse rücken Fragen nach den Formen und Mechanismen des Sozialen ins Zentrum der disziplinären Aufmerksamkeit, die jenseits des Blickes auf transnational operierende Organisationen eben auch das Alltagshandelns von Individuen fokussieren. Mit dieser Erweiterung des Untersuchungsinteresses auf Prozesse einer Transnationalisierung von unten (Steffan Mau) gilt es, zeitliche, räumliche und soziale Konfigurationen des Alltagshandelns und alltäglicher sozialer Beziehungen im Hinblick auf die Veränderungen sozialer Verkehrsformen zu analysieren. Gerade sie vermitteln in der Gegenwart einen ausgeprägten Eindruck von der grundsätzlichen Fragilität jedweder sozialer Ordnungen.
Das gilt für Spannungsverhältnisse zwischen lokalen (Stadt, Region, Nation) und globalen Bezugskontexten gerade auch dann, wenn deutlich ist, dass Transnationalisierung selbst als räumlich begrenztes Phänomen betrachtet werden muss. Es gilt in politisch-soziologischer Perspektive angesichts der Frage, ob Transnationalisierung mehr als die Internationalisierung nationalen Einflusses meint, und ebenso für die Analyse, wem welche Teilhabechancen insbesondere im Kontext transnationaler Handlungs- und Entscheidungskonstellationen zukommen. Zugleich steht die Frage im Raum, ob sich ein Entwicklungsmuster hin zu territorial ausgedehnteren und multinational konfigurierten Formen von Staatlichkeit bis hin zu einem Weltstaat überhaupt ausmachen lässt.
Unter den Vorzeichen von Diversität und Diffusität bleibt die Zurechnung gegenwärtigen sozialen Wandels auf Heterogenisierung oder Homogenisierung uneindeutig. Scheint der Begriff der Transnationalisierung - wie schon der Globalisierungsbegriff - einerseits auf die Unifizierung kultureller Praktiken und das Entstehen von globaler Ökonomie, Politik und Kultur zu verweisen, so steht dieser eben auch für Migrationsbewegungen, die Pluralisierung kultureller Identitäten oder etwa die Auflösung ethischer Gemeinschaftsformen.
Selbst angesichts der globalen Allgegenwärtigkeit einer massenmedialen Unterhaltungs- und Freizeitindustrie und ihres unbestreitbaren Einflusses geht die Rechnung einer kulturellen Homogenisierung bei ethnischer Heterogenisierung nicht einfach auf. Das dokumentieren schon die virulenten ethnischen und religiösen Fundamentalismen. Obendrein lässt sich auch eine Vielfalt von Ethnozentrismen als Pluralität beschreiben. Sie stellt jedoch lediglich eine Vervielfältigung von Monokulturen dar und passt damit so gar nicht zum Bild einer globalen und heterogenen (hybridisierten) Moderne. Die Verhältnisse wie auch ihre Deutung bleiben entsprechend ambivalent.
Offenkundig hat sich die Soziologie mit ihrem Kongressthema 2010 also dem Vorwurf von Ulrich Beck gestellt, bisweilen einem methodologischen Nationalismus verfallen zu sein, den es im Sinne der Qualität ihrer Analysen dringend zu einer kosmopolitisch orientierten und global informierten soziologischen Perspektive zu erweitern gelte, um sich den Problemlagen des 21. Jahrhundert analytisch adäquat stellen zu können.
Die Veränderungsdynamik der sozialen Verhältnisse wie deren Deutung stellen der Soziologie also sowohl methodologische als auch gesellschaftstheoretische Aufgaben: Gesellschaftstheoretisch steht dabei nicht zuletzt die alte Frage von Jürgen Habermas auf der Tagesordnung, ob komplexe Gesellschaften überhaupt noch eine Identität ausbilden können. In methodologischer Hinsicht steht die Soziologie vor der Aufgabe, Begriffe, Konzepte, theoretische Zugriffe und Methoden für die Untersuchung transnationaler Sozialverhältnisse ebenso zu entwickeln, wie dem Begriff Transnationalität selbst präzise analytische Konturen zu geben. Denn die geistig-kulturellen Entstehungsbedingungen (auch) der soziologischen Begrifflichkeit im Kontext des menschheitsgeschichtlich gesehen vermutlich kurzen Interregnums des auf kulturelle, territoriale und politische Einheitlichkeit wie Geschlossenheit abstellenden Typus des Nationalstaates haben das Denken der Soziologie wohl zu lange und zu einseitig bestimmt.
Prof. Dr. Martin Endreß lehrt Allgemeine Soziologie an der Universität Trier. Seine Arbeitsschwerpunkte umfassen die Allgemeine und theoretische Soziologie sowie die Wissenssoziologie und die Soziologien der Politik und des Vertrauens.
Stephan Leibfried / Michael Zürn (Hg.), Transformationen des Staates? Frankfurt/M.: Suhrkamp 2006.
Steffen Mau, Transnationale Vergesellschaftung. Die Entgrenzung sozialer Lebenswelten, Frankfurt/M./New York: Campus 2007.
Ludger Pries, Die Transnationalisierung der sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalgesellschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2008.