Soziologie
Wer beherrscht hier wen? Ohne einen Steuermann an Bord fühlen sich heute viele Menschen verloren. Obwohl die Mehrzahl der Besitzer eines Navigationssystems früher ebenso von A nach B gekommen ist, darf die wohlklingende Stimme im Auto nicht mehr fehlen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß genügt der Blick ins Netz, weil dutzende Internetseiten Wegbeschreibungen mit Kartenausschnitten liefern. Können wir uns in der heutigen Gesellschaft nur noch mit Hilfe hochentwickelter Technik orientieren und verlieren wir dadurch eventuell an Orientierung?
Von Dr. Cornelius Schubert, Technische Universität Berlin
Unter Techniksoziologen ist es ausgemachte Sache, dass mit der Institutionalisierung der Soziologie vor rund 100 Jahren zeitgleich die Technik aus der Soziologie exkommuniziert wurde. Zusammen mit der Technik entledigte man sich unter anderem auch der Natur, um als eigenständige Disziplin Soziales nur durch Soziales zu erklären. Indem man von den nicht-sozialen Bedingungen des Sozialen absah, konnte die Gesellschaft aus soziologischer Sicht als Wesen sui generis verstanden und die Soziologie in Abgrenzung zu anderen Wissenschaftszweigen etabliert werden.
Seit rund 40 Jahren jedoch nimmt die Kritik an der strikten Trennung von Technik und Gesellschaft zu. Einerseits werden nunmehr die technischen Infrastrukturen, ähnlich wie soziale Institutionen, als elementare Bausteine der Gesellschaft verstanden. Andererseits zeigt sich deutlich, dass technische Entwicklungen keiner Eigenlogik folgen, sondern dass technische Artefakte immer sozial geformt sind. Beide Kritiklinien diagnostizieren einstimmig die begriffliche Abwesenheit von Technik in der Mehrzahl soziologischer Theorien, während sich in modernen Gesellschaften menschliches Handeln und technisches Wirken zunehmend vermischen und gegenseitig durchtränken.
Allerdings sind sich auch die Theoretiker der technischen Zivilisation uneins darüber, wie nun Technik und Zivilisation genau zusammen hängen. William Ogburn, der Erfinder des Begriffs des sozialen Wandels, sah den technischen Fortschritt als Taktgeber eben dieses Wandels. Schon 1922 formulierte er im Konzept des cultural lag das Hinterherhinken und den Aufholzwang weiter Gesellschaftsteile hinter der technischen Entwicklung. Aus dieser Perspektive wird sozialer Wandel durch technischen Fortschritt getrieben. Im Prozess der Zivilisation emanzipieren sich die Menschen zwar von den sozialen und natürlichen Bedingungen ihres Lebens, aber nur um sich den Bedingungen ihrer technischen Umgebung unterwerfen zu müssen.
Dagegen hält Lewis Mumford zu Beginn der 1930er Jahre die These, dass jedem technischen Fortschritt ein sozialer Wandel vorausgeht. Ohne die vorherige Änderung gesellschaftlicher Institutionen kann sich keine neue Technik durchsetzen. So sieht Mumford beispielsweise keine große Transformation durch die Erfindung der Dampfmaschine, sondern einen knapp 700 Jahre andauernden Prozess der schleichenden Mechanisierung der Gesellschaft. Mit den Routinen der mittelalterlichen Klöster begann die Mechanisierung der Zeit und die Ordnung des Lebens. Die Dampfmaschine bildet schließlich den vorläufigen Endpunkt, nicht den Anfang der Entwicklung. Es lässt sich nicht endgültig entscheiden, welche Perspektive nun die richtige ist. Vielmehr beleuchten sie zwei Seiten einer Medaille: einerseits die soziale Formung der Technik und andererseits die technischen Folgen für die Gesellschaft. Jedoch weisen sie noch auf einen dritten Punkt hin, nämlich die Beziehung von Zivilisation, Technik und Umwelt.
In seiner kritischen Analyse der technologischen Gesellschaft hat Jaques Ellul in den 1950er Jahren auf ein Grundmuster der Technik hingewiesen. Durch Technik kann sich der Mensch vor den Naturgewalten schützen und ihre Kräfte gleichzeitig für sich nutzbar machen. Technik bedeutet also Beherrschung der Natur. Die Kritik an der technischen Zivilisation besteht nun darin, dass sich dieses Muster der Beherrschung auf die gesamte Gesellschaft ausbreitet und dass sich die Menschen der technisierten Zivilisation ebenso nach diesem Muster zu richten haben - aber man kann die technische Zivilisation auch von der anderen Seite betrachten.
So diagnostizierte Gernot Böhme Anfang der 1990er Jahre einen wichtigen Vorteil der technischen Zivilisation in der Freistellung des Menschen von den natürlichen Begrenzungen und damit einen Freiraum für Kultur. Die technische Zivilisation biete den Spielraum, in dem Nahrungsaufnahme zum kulinarischen Genuss, Fortpflanzung zum erotischen Spiel und Kommunikation zum weltumspannenden Zeitvertreib werden kann. Die unterschiedlichen Perspektiven zeigen, dass eine Soziologie der technischen Zivilisation viele Facetten hat, wie auch die Wechselwirkungen zwischen Technik und Gesellschaft vielschichtig und verwickelt sind. Solche Verwicklungen stellen die soziologische Analyse immer wieder vor Herausforderungen, da nicht ganz klar ist, wo die Grenzen der Gesellschaft in der technischen Zivilisation zu finden sind.
Zwei Richtungen sind vorgegeben: Erstens werden die klassischen nationalstaatlichen Grenzen hauptsächlich durch technische Infrastruktursysteme durchbrochen. Die globalen Netze der modernen Transport- und Kommunikationstechnologien sind die Grundbedingungen des fast grenzenlosen Güter-, Menschen- und Informationenverkehrs beziehungsweise -handels. Zweitens stellt die technische Zivilisation die Frage nach den vormals aus der Soziologie exkommunizierten Dingen, der Natur und der Technik, neu.
Die derzeit heftigste Diskussion um den Stand der Dinge in der soziologischen Theorie entfacht sich um die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). Sie versucht, gesellschaftliche Prozesse mehr oder weniger unterschiedslos aus den Wirkungen von Menschen und Nicht-Menschen zu erklären und hat mit dieser Position scharfe Kritik provoziert. Behandelt man nämlich Dinge und Menschen analytisch gleich, so haben die für die Soziologie wichtigen Interpretationsprozesse sozialer Akteure prinzipiell keinen höheren Erklärungsanspruch für gesellschaftliche Phänomene als beispielsweise die mechanische Funktion eines automatischen Türschließers.
Ohne die jeweiligen Kritiklinien hier im Detail nachzeichnen zu können, bietet die ANT eine interessante Perspektive, um die Vermischung und Wechselwirkung von Natur, Technik und Gesellschaft zu untersuchen. Einer der prominentesten Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie, Bruno Latour, weist beispielsweise darauf hin, dass wir es gerade bei vermeintlich natürlichen Objekten mit Zusammensetzungen aus natürlichen und sozialen Prozessen zu tun haben. Diese nennt er dann „Quasi-Objekte". Beispiele für solche Quasi-Objekte sind etwa das Ozonloch oder der Klimawandel. Es können aber auch begradigte Flussläufe sein oder der bewirtschaftete Forst, der eben nicht mehr nur Wald ist. In diesen Dingen, so Latour, vermischen sich soziale und natürliche Eigenschaften untrennbar miteinander. Ein Merkmal der technischen Zivilisation sei es, dass sich derartige Vermischungen immer weiter vermehren.
Aber nicht nur Natur und Kultur vermischen sich, vielmehr noch sind Technik und Gesellschaft untrennbar miteinander verwoben. Klassischer Weise vermutet man auf Seiten der Technik Typen instrumenteller Ordnung, während auf Seite des Sozialen die Spielräume des Handelns offensichtlich sind. Aber auch diese Grenze ist schon eine Zeit lang brüchig. Moderne Technik holt hier kräftig auf und erledigt Aufgaben, die bis vor kurzem den Menschen vorbehalten waren. An der Schnittstelle von Mensch und Technik werden munter Eigenschaften ausgetauscht, die - kritisch formuliert - die Technik immer smarter machen, während die Menschen sich rückentwickeln.
Die Entwicklung der technischen Zivilisation als einseitigen Abstieg der Menschen gegenüber dem Aufstieg der Technik zu verstehen, greift viel zu kurz. Vielmehr geht es darum, genau an dieser Grenze die Veränderungen nachzuzeichnen, die moderne Gesellschaften prägen, nach Differenzen zu suchen und unterschiedliche Konstellationen von Mensch und Maschine miteinander zu vergleichen.
Dr. Cornelius Schubert forscht und lehrt am Institut für Soziologie der Technischen Universität Berlin.