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Titelbild zum Beitrag: Disneyfiziert!
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Disneyfiziert!

Kommerzialisierte Erlebniswelten: Freizeiteinrichtungen und Stadtteile

Am 17. Juli 1955 eröffnete Walt Disney in Kalifornien seinen ersten Themenpark. Bereits am ersten Tag ließen sich 30.000 im Magic Kingdom verzaubern. Der große Erfolg führte zu weiteren Parks auf der ganzen Welt - in Florida, Japan, Frankreich und Hongkong. Seither revolutionierte Disney nicht nur die Freizeitbranche. Auch Zoologische Gärten und selbst ganze Stadtteile greifen auf dieses Konzept zurück. Und das nicht ohne gesellschaftliche Folgen.

Von Professor Dr. Albrecht Steinecke, Universität Paderborn

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No sex, no drugs, no rock ‘n‘ roll - auf diese einfache Formel lässt sich das Erfolgskonzept von Walt Disney bringen. In seinen Themenparks herrscht keine schmuddelige Atmosphäre wie auf einem Rummelplatz mit Losverkäufern, Boxbudenbesitzern und betrunkenen Gästen. Stattdessen wird den Besuchern eine saubere, sichere und alkoholfreie Traumwelt geboten, in der sie sich einen Tag lang sorgenfrei unterhalten lassen können.

Sie sollen dort die Beschwernisse und Sorgen des Alltags vergessen und vollkommen in eine Gegenwelt eintauchen, die sich mit einer bunten Mischung aus Nostalgie und Fortschritt, Phantasie und Abenteuer präsentiert. Dazu hat Walt Disney ein völlig neuartiges Konzept entwickelt: Sein Magic Kingdom besteht nicht aus einer Ansammlung von einzelnen, unverbundenen Attraktionen und Fahrgeschäften (wie das bei einer Kirmes immer noch der Fall ist). Stattdessen sind die Parks klar in mehrere thematische Welten gegliedert: Neben der idyllischen Main Street und dem futuristischen Tomorrowland gibt es noch das spannende Adventureland, das aufregende Frontierland und das romantische Fantasyland. Bevölkert wird dieses magische Königsreich von characters wie Mickey Mouse, Goofy und Mary Poppins, die dem Publikum aus den Comics und Filmen von Walt Disney hinlänglich bekannt sind.

Das jeweilige Thema der einzelnen Welten dient dabei als roter Faden, der die Besucher durch den Park leitet - wie durch ein Filmset mit unterschiedlichen Szenen. Um die Illusion perfekt zu machen, kommt ein abgestimmter Mix aus Kulissen, Pflanzen, Musik, Gerüchen und Animateuren zum Einsatz. Gleichzeitig wird alles dafür getan, Illusionsbrüche zu vermeiden: So benutzen die kostümierten Mitarbeiter zum Beispiel unterirdische Gänge, um ihre Welt direkt zu erreichen, ohne sich durch andere Bereiche des Parks bewegen zu müssen. Durch diese umfassende Inszenierung verlieren die Besucher nach kurzer Zeit jeglichen Raum- und Zeitbezug; sie können sich ganz dem Vergnügen hingeben.

In dieser entspannten Freizeitatmosphäre steigt die Bereitschaft zum Konsum - zum einen in den thematisch passend gestalteten Restaurants, zum anderen in den zahlreichen Shops, die speziell am Ende des Tages aufgesucht werden, um eine Erinnerung an den Besuch mit nach Hause zu nehmen. Mit diesem innovativen Themen-Konzept entwickelte Walt Disney nicht nur die Blaupause für viele Freizeitparks in Europa (die bis dahin eher den Charakter einer stationären Kirmes hatten), sondern auch für andere Freizeit- und Kultureinrichtungen.

Von Disney lernen, heißt siegen lernen: Wie Zoologische Gärten zu Themenwelten umgebaut werden

Traditionell handelt es sich bei Zoologischen Gärten um museumsähnliche, öffentliche Einrichtungen, in denen Wildtiere als Exponate in Käfigen und Gehegen präsentiert werden. Sie sind Orte der Forschung und des Artenschutzes, haben zugleich aber auch eine wichtige Erholungsfunktion (so gehen 38 Prozent aller Bundesbürger einmal jährlich in einen Zoo). Damit stehen sie aber in einer wachsenden Konkurrenz zu anderen Vergnügungseinrichtungen wie Freizeitparks, Urban Entertainment Centern oder Markenerlebniswelten - und müssen über ein entsprechend zeitgemäßes, attraktives Angebot verfügen.

Multifunktionalität, Erlebnisorientierung, Thematisierung - mit diesen Grundprinzipien hat Walt Disney vor mehr als 50 Jahren die Standards der Freizeitbranche gesetzt, die allerdings erst mit einiger Verspätung in öffentlichen Einrichtungen umgesetzt wurden. In Deutschland war der Zoo Hannover der Vorreiter bei der Gliederung in thematische Welten und der erlebnisorientierten Inszenierung der Wildtiere. Seit dem Jahr 2000 gibt es keine einzelnen Gehege und Tierhäuser mehr, sondern vier Szenarien, die den Besuchern einen ungewöhnlichen Blick und eine direkte Begegnung mit den Tieren ermöglichen: Gorillaberg, Dschungelpalast, Meyers Hof und Sambesi.

Nach dem Vorbild der Disney-Parks verfügt auch der neue Erlebniszoo Hannover über einen eigenen character (die Sympathiefigur Tatzi Tatz) und im Themenbereich Sambesi können die Besucher eine Bootsfahrt durch die gesamte Anlage unternehmen (bei diesem klassischen ride wird das Boot auf unsichtbaren Schienen durch den Fluss gesteuert). Auch andere deutsche Zoos wurden in den letzten Jahren mit großem Aufwand zu solchen Tiererlebniswelten umgebaut - zum Beispiel der Zoom in Gelsenkirchen oder der Zoo Leipzig.

Doch die Wirkungen von Walt Disney beschränken sich nicht auf den Freizeit- und Unterhaltungsbereich, denn er war überdies ein konservativer Visionär, der umfassende Vorstellungen über das künftige Alltagsleben der Amerikaner entwickelt hat - also auch über ihre Arbeits- und Wohnsituation.

Es ist keine Show - es ist das Leben! Die städtebaulichen Visionen von Walt Disney

Bereits in den 1960er Jahren hatte Walt Disney das Konzept für eine Stadt der Zukunft entworfen: EPCOT (Experimental Prototype Community of Tomorrow). Es basierte auf einer eigenartigen Mischung aus konservativen Wertvorstellungen und technischen Fortschrittsideen. Einerseits sollten die 20.000 Einwohner neue Kommunikations- und Transporttechnologien (Monorail) nutzen können, andererseits waren detaillierte Verhaltensregeln geplant; neben der Haustierhaltung und dem übermäßigen Alkoholkonsum sollten auch außereheliche Lebensgemeinschaften untersagt sein.

Ein schwacher Abglanz dieser nicht realisierten städtebaulichen Visionen ist der Themenpark Epcot in Orlando, der mit seinen Länder- und Firmenpavillons allerdings eher den Charakter einer dauerhaften Weltausstellung hat. Doch die Grundidee, eine neue thematische Idealstadt zu schaffen, wurde in den 1990er Jahren von der Walt Disney Company in anderer Form umgesetzt - durch den Bau von Celebration in Florida. Bei diesem künstlichen Ort handelt es sich nicht um eine der üblichen autogerechten suburbs mit einheitlichen Einfamilienhäusern auf großen Grundstücken, sondern um eine traditionelle amerikanische Kleinstadt mit einem dicht bebauten Ortskern, einer Hauptstraße mit breiten Bürgersteigen und einer abwechslungsreichen Architektur (das Straßenbild ist den Kunden aus der Main Street der Themenparks bereits hinlänglich vertraut).

Technischer Fortschritt und soziale Kontrolle - diese Mischung findet sich auch im städtebaulichen Konzept von Celebration wieder: Einerseits können Einwohner und Geschäftsinhaber über ein eigenes Glasfasernetz miteinander kommunizieren, es gibt ein hochwertiges Bildungs- und Gesundheitsangebot und die Entwürfe der öffentlichen Gebäude stammen von international bekannten Architekten. Andererseits gibt es einen strikten Kanon von Verhaltensregeln, die alle Bewohner zu respektieren haben - von der Farbgestaltung der Vorhänge über die Auswahl der Pflanzen in den Vorgärten bis hin zur Häufigkeit des Rasenmähens.

Während das Konzept der Stadt von Kritikern als keimfreies Vorkriegsidyll vom Reißbrett oder Vision einer idealistischen Vergangenheit geschmäht wurde, standen die Käufer Schlange, um ein Haus erwerben zu dürfen: Als die ersten 470 Wohneinheiten im Jahr 1996 angeboten wurden, lagen ca. 5.000 Bewerbungen von Interessenten vor. In der Endphase sollen einmal 20.000 Menschen in Celebration wohnen und arbeiten; im Jahr 2007 belief sie die Einwohnerzahl bereits auf 9.500.

Aufgrund des großen Erfolgs hat das Beispiel der Disney-Stadt Celebration inzwischen in den USA und anderswo längst Schule gemacht: So bietet zum Beispiel die Taylor Woodrow Company in Kalifornien Häuser in Siedlungen zum Verkauf an, deren Namen Programm sind. Ortsbezeichnungen wie Tranquility, Tradition oder Old Town signalisieren dabei die jeweilige thematische Ausrichtung. Für jede Neubausiedlung wird außerdem eine spezielle Story formuliert, die den Käufern einen besonderen Lebensstil und eine (nicht vorhandene) Geschichte des Ortes vermitteln soll. In Einzelfällen geht diese Praxis soweit, dass historical marker aufgestellt werden, auf denen die Biographie fiktiver Bewohner erzählt wird.

Doch die Walt Disney Company hat mit ihren städtebaulichen Ideen und dem Projekt Celebration nicht nur einen indirekten Einfluss auf Projektentwicklungsgesellschaften und Architekten gehabt; teilweise tritt sie auch als eigenständiger Akteur bei der Umgestaltung traditioneller Stadtviertel auf - wie das Beispiel New York zeigt.

Sichere, saubere Konsumwelt: Das 42nd Street Development Project in New York

Mitten in Manhattan liegt das Quartier der 42nd Street, des Times Square und des Broadway. Aufgrund dieser günstigen Lage entwickelte es sich seit 1890 zu einem bevorzugten Standort der Unterhaltungsbranche. Zunächst fanden sich hier mehrere Theater, in denen weltbekannte Musicals und Stücke aufgeführt wurden, und später zahlreiche Kinos, Restaurants, Bars etc. Mit der Abwanderung der weißen Mittelschicht in die Vororte geriet das Viertel, das einst als cross-roads of the world ein Synonym der US-amerikanischen Großstadtkultur war, seit den 1950er Jahren zunehmend in eine Abwärtsspirale. Es siedelten sich immer mehr Pornokinos und Peepshows an; Obdachlose, Prostituierte und Drogendealer prägten das Straßenbild.

Da keine ausreichenden öffentlichen Mittel zur Revitalisierung des Viertels vorhanden waren, wurde Anfang der 1980er Jahre eine public-private-partnership gegründet, an der neben dem Bundesstaat New York und der Stadt New York auch private Projektentwickler beteiligt waren. Nach anfänglichen Schwierigkeiten erhielt das Projekt eine große Dynamik, als die Walt Disney Company im Jahr 1994 Interesse an der Renovierung des traditionellen New Amsterdam Theatre und an der Eröffnung eines eigenen theme store zeigte. In der Öffentlichkeit verfügte die Walt Disney Company - aufgrund der beliebten Themenparks und populären Zeichentrickfilme - über ein ordentliches, sauberes, familien- und touristenfreundliches Image. Es trug wesentlich dazu bei, dass in den folgenden Jahren weitere renommierte Investoren gefunden werden konnten. Seitdem wurde dieses Viertel zu einem florierenden Vergnügungs- und Geschäftszentrum umgebaut.

Das 42nd Street Development Programme ist kein Einzelfall einer städtebaulichen Entwicklung geblieben. Weltweit sind andere Urban Entertainment Districts/Centers entstanden, an denen die Walt Disney Company zwar nicht direkt beteiligt ist, bei denen aber die Grundideen von Walt Disney als Orientierungspunkte gedient haben - vom Universal CityWalk in Hollywood über den Darling Harbour in Sydney und die Victoria & Alfred Waterfront in Kapstadt bis hin zum Sony Center und den Potsdamer Platz Arkaden in Berlin.

Alles unter Kontrolle: Die Privatisierung des öffentlichen Raumes

Das gemeinsame Merkmal dieser Urban Entertainment Districts/Centers ist ihr privatwirtschaftlicher Charakter: Im Gegensatz zu den öffentlich zugänglichen Innenstädten handelt es sich jeweils um private Areale, in denen die Betriebsgesellschaften über das Hausrecht verfügen. Für die Sicherheit ist nicht mehr die Polizei zuständig, sondern ein privater Sicherheitsdienst. In diesen Quartieren gelten - wie in Celebration - strikte Verhaltensregeln. Im Sony Center in Berlin dürfen die Besucher zum Beispiel nicht auf Treppenstufen sitzen, sondern nur auf den dafür bereit gestellten Bänken. Außerdem ist der Genuss alkoholischer Getränke außerhalb der Restaurants untersagt. Missliebigen Personen wie Obdachlosen oder anderen sozialen Außenseitern kann der Zutritt generell verwehrt werden.

Mit ihrer extremen sozialen Kontrolle und ausschließlichen Konsumorientierung haben diese neuen, glitzernden Stadtquartiere weit reichende gesellschaftspolitische Implikationen: Sie führen einerseits zur Ausgrenzung von Menschen mit abweichendem Verhalten und von finanzschwachen Bevölkerungsgruppen. Andererseits tragen sie zu einem Verlust an bürgerlicher Öffentlichkeit bei, denn das Versammlungs- und Demonstrationsrecht (das in diesen Einrichtungen nicht mehr existiert) gehört zu den zentralen Bestandteilen demokratischer Gesellschaften.

Die Stadt als sicherer, sauberer und vollständig kontrollierter Themenpark - die Vision von Walt Disney ist in diesen Einrichtungen weltweit längst zur Realität geworden. So vergnüglich Mickey Mouse, Goofy und Co. auch einst daher kamen, sie hatten es offenbar faustdick hinter den Ohren!

 

Autor

Professor Dr. Albrecht Steinecke hat den Lehrstuhl für Wirtschafts- und Fremdenverkehrsgeographie an der Universität Paderborn inne. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Trendforschung in Freizeit und Konsum, Erlebnis- und Konsumwelten, Kulturtourismus und Destinationsmanagement. Er ist Herausgeber und Autor zahlreicher Publikationen - unter anderem Tourismus - eine geographische Einführung (Braunschweig 2006), Kulturtourismus (München 2007), Themenwelten im Tourismus (München 2009). In Kürze erscheint sein neues Buch Populäre Irrtümer über Reisen und Tourismus (München 2010).

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