Betriebswirtschaftslehre
Fliegen ist kein Luxus mehr. Besonders wenn Passagiere bei der Wahl des Abflug- und Zielflughafens sowie beim Catering an Bord bereit sind Abstriche zu machen, ist Fliegen heutzutage sogar zum Schnäppchenpreis möglich. Nicht nur die klassischen Fluggesellschaften kommen durch die so genannten Billigflieger unter Druck. Selbst die Bahn muss mittlerweile im Inland mit den günstigen Airlines für jedermann um Marktanteile und Passagiere konkurrieren. Über die Geschichte, die Ursachen für günstige Ticketpreise und die Probleme der Billigfluggesellschaften berichtet ein Tourismusprofessor vom Bodensee.
Von Professor Dr. Jörn W. Mundt, Berufsakademie Ravensburg
Im Jahre 1967 war es soweit: Die erste Billigfluggesellschaft Southwest Airlines wurde in Dallas gegründet. Sie konnte ab 1971 im zu dieser Zeit noch regulierten Luftverkehrsmarkt der USA zunächst nur innerhalb des Bundesstaates Texas fliegen. Erst nach der Liberalisierung des US-Luftverkehrsmarktes durch die Carter-Administration im Jahr 1978 war es 1979 möglich, die erste bundesstaatenübergreifende Verbindung von Dallas nach New Orleans aufzunehmen.
Während sich Southwest Airlines mit seinen Direktflügen auf der Kurz- und Mittelstrecke zu einer der fünf größten Fluggesellschaften der USA entwickelte, musste der ab 1977 auf der Langstrecke zwischen London und New York fliegende kostengünstige Skytrain der britischen Fluggesellschaft Laker Airways bereits 1982 aufgrund unfairer Wettbewerbspraktiken etablierter Fluggesellschaften den Betrieb wieder einstellen - Laker Airways ging in Konkurs. Erst nach der weitgehenden Deregulierung des europäischen Luftverkehrsmarktes begann 1995 die zehn Jahre zuvor gegründete private irische Charterfluggesellschaft Ryanair mit zehn Flugzeugen sieben Routen nach dem Modell von Southwest Airlines zu befliegen und wagte damit in Europa den Schritt in den Markt der Billigflüge.
Im gleichen Jahr gründete der griechische Reedersohn Stelios Haji-Ioannou in London die Fluggesellschaft EasyJet - ebenfalls nach dem Vorbild von Southwest Airlines. Nachdem beide Fluggesellschaften einen unerwartet großen Erfolg verbuchten und mit einem rasanten Wachstum den europäischen Luftverkehrsmarkt in Bewegung brachten, gab es um die Jahrtausendwende Dutzende von Neugründungen, teilweise auch von traditionellen Netzfluggesellschaften in Europa, Nordamerika, Australien und Südostasien.
Was ist eine Billigfluggesellschaft eigentlich genau und was versteht man unter Netzfluggesellschaft?
Billigfluggesellschaften sind Airlines, die ihre Punkt-zu-Punkt-Flüge bei meist sehr eingeschränktem oder gar keinem Bordservice deutlich unter den Preisen von normalen oder so genannten Netzfluggesellschaften anbieten. Billigfluggesellschaften werden landläufig auch als Low Cost Carrier (kurz: LCC), No Frills Airline oder Low Budget Airline bezeichnet.
Eine Netzfluggesellschaft hingegen bietet nicht nur einen im Flugpreis inbegriffenen Kabinenservice, sondern verknüpft ihre Flüge über Drehkreuze zu einem dichten Netz, so dass man über Umsteigeverbindungen mit durchgechecktem Gepäck weltweit eine große Anzahl von Orten erreichen kann.
In erster Linie werden mit teilweise extrem niedrigen Flugpreisen Personenkreise angesprochen, für die bislang Flugreisen aus Kostengründen nicht in Frage kamen. Herb Callaher, einer der Gründer und langjähriger Vorstandsvorsitzender von Southwest Airlines, brachte es auf den Punkt: „Wir konkurrieren nicht mit anderen Fluggesellschaften, sondern mit landgebundenen Verkehrsmitteln".
Die niedrigen Flugtarife werden durch Realisierung verschiedener Kosteneinsparungen möglich. Damit sind niedrigere Kosten von 35 bis 60 Prozent gegenüber Netzfluggesellschaften realisierbar (Binggeli; Pompeo 2002).
Wo sparen Billigfluggesellschaften Kosten ein?
Eine Studie der European Cockpit Association (ECA), des europäischen Dachverbandes der nationalen Pilotengewerkschaften, identifizierte
als Kostenvorteile von Billigfluggesellschaften.
Die Verwendung nur eines Flugzeugtyps, also eine homogene Flugzeugflotte, senkt die Wartungs- und Lagerhaltungskosten für Ersatzteile. Zudem können die Piloten alle Flugzeuge der Flotte fliegen und dadurch wie die Kabinenbesatzungen flexibel eingesetzt werden. Auch das schnelle Wachstum der Billigfluggesellschaften trägt erheblich zu den niedrigeren Kosten bei, weil durch die vielen neu eingestellten, jungen Mitarbeiter die durchschnittlichen Personalkosten niedrig bleiben. Wegen dieses Wachstums sind sie vor allem für Nachwuchspiloten interessant, weil sie hier damit rechnen können, am schnellsten zum Flugkapitän befördert zu werden.
Anfangs flogen die meisten dieser Fluggesellschaften wie zum Beispiel Southwest Airlines oder EasyJet ausschließlich verschiedene Versionen der Boeing 737, mittlerweile hat jedoch auch Airbus mit seinen Schmalrumpfflugzeugen der Typenfamilie A 320 in diesem Segment einen beachtlichen Marktanteil errungen.
JetBlue Airways startete im Jahre 2000 in New York mit einer komplett neuen A 320-Flotte und für die Ablösung der Boeing 737-Flotte hat Airbus eine spezielle Version der A 319 für EasyJet mit vier statt der ursprünglich zwei Notausgänge über den Flügeln entwickelt, um der durch dichtere Bestuhlung erhöhten Passagierzahl in den Maschinen entsprechen zu können.
Die meisten Billigfluggesellschaften meiden die großen Flughäfen und konzentrieren sich eher auf in der Peripherie der großen europäischen Siedlungsagglomerationen gelegene Flughäfen oder andere Regionalflughäfen wie zum Beispiel Stansted und Luton in Großbritannien, Frankfurt Hahn, Lübeck und Friedrichshafen in Deutschland oder Skavsta in Schweden.
Dadurch werden nicht nur Landegebühren gespart, auch die Umkehrzeiten sind auf diesen, oft weit unter der Kapazität genutzten Flughäfen kürzer, so dass mehr Flüge pro Tag und Flugzeug als bei „normalen" Fluggesellschaften durchgeführt werden können. Weitere Produktivitätsgewinne entstehen durch den Verzicht auf einen Bordservice, der die Reduktion der Flugbegleiter auf das gesetzlich vorgeschriebene Minimum ermöglicht.
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Durch den Bordverkauf von Mahlzeiten, Getränken und teilweise auch Fahrkarten für den Flughafentransfer werden weitere Einnahmen erzielt. Indem die Flugbegleiter auch die durch den Verzicht auf Bordservice in der Regel weniger verschmutzte Kabine säubern, können zudem Zeit und Kosten gespart werden.
Einige Billigfluglinien steuern zum Teil auch Metropolenflughäfen wie zum Beispiel Genf, München oder Amsterdam an. Allerdings verzichten auch sie meist konsequent auf Interlining und sogar auf Umsteigeverbindungen und reduzieren damit nicht nur ihre Kosten, sondern auch die Zahl der Verspätungen.
Was ist Interlining?
Interlining ist die gegenseitige Anerkennung von Flugtickets verschiedener Fluggesellschaften. Voraussetzung dafür sind Preisabsprachen zwischen den Teilnehmern. Das klassische Interlining gilt nur für Vollzahlertickets und wird von der International Air Transport Association (IATA) zwischen traditionellen Netzfluggesellschaften organisiert, die über das von ihr betriebene Clearing House auch die Abrechnung dafür vornimmt. Aufgrund der Verordnung 1459/2006 EG sind in Europa Preisabsprachen jedoch seit 2007 im Rahmen des IATA-Interlining verboten.
Die Flugzeugumläufe werden so geplant, dass die Maschinen abends wieder am Heimatflughafen sind. Dadurch entfallen Hotel-, Transfer- und Aufenthaltskosten für die Besatzungen. Wurden Billigflüge in den Anfangsjahren in den USA noch ganz normal über Reisebüros mit entsprechender Zahlung von Provisionen verkauft, werden sie nach einem Zwischenstadium des Telefonverkaufs mittlerweile zu über 90 Prozent über das Internet abgesetzt.
Dadurch machen die Vertriebskosten hier nur einen Bruchteil der von „normalen" Fluggesellschaften aus. Zwar zahlen auch die IATA-Fluggesellschaften mittlerweile keine Provisionen für die Vermittlung ihrer Flüge mehr, aber die Entgelte für die Computer-Reservierungssysteme (CRS), über die in den Reisebüros gebucht wird, machen noch einen erheblichen Teil ihrer Vertriebskosten aus. Durch den Verzicht auf Sitzplatzreservierungen sparen die meisten Billigfluggesellschaften weitere Kosten. Bei vielen kann man mittlerweile auch online oder über einen Automaten am Flughafen einchecken, so dass die Abfertigungskosten noch einmal deutlich gesenkt werden konnten. Auch Billigfluggesellschaften verwenden flexible Preissysteme zur Ertragsoptimierung (Yield Management). Wie bei den Netzfluggesellschaften steigen auch hier die durchschnittlichen Flugpreise mit zunehmender zeitlicher Nähe zum Abflugtermin an.
Auch wenn es ursprünglich nicht unbedingt ihre Intention war, sind Billigfluggesellschaften auf den innereuropäischen Strecken längst zu einer Konkurrenz für Netzfluggesellschaften geworden.
Dies zeigt sich im steigenden Anteil Geschäftsreisender, die (auch) Billigfluggesellschaften nutzen, weil die meisten Firmen ein starkes Interesse an der Senkung ihrer Reisekosten haben. Mit dem Anfliegen der Billigflieger von Ferienzielen (wie zum Beispiel Mallorca) kommen auch Reiseveranstalter und traditionelle Charterfluggesellschaften unter Druck (vgl. Mercer 2002), denn in Kombination mit den auf den Internetseiten der Billigfluggesellschaften direkt buchbaren Hotels sind diese Reisen oft preisgünstiger als die angebotenen Pauschalreisen.
Im innerdeutschen Verkehr sieht sich die Deutsche Bahn AG gegenüber Billigfluggesellschaften steuerlich benachteiligt, weil sie im Gegensatz zu ihnen Mineralöl- und Ökosteuer zu entrichten hat.
Die in der EU-Verordnung 295/91 von 1991 erstmals vorgeschriebenen Ausgleichszahlungen an Passagiere, die aufgrund von Überbuchung eines Fluges oder aus anderen Gründen nicht mitgenommen werden (die so genannte Denied Boarding Compensation), die auch bei großen Verspätungen fällig wird, übersteigt in vielen Fällen den entrichteten Flugpreis.
Bei der Diskussion in der Europäischen Union über die Verschärfung dieser Regelungen, die im Februar 2005 in Kraft trat, hatten die Billigfluggesellschaften es versäumt, ihre Interessen einzubringen. Erst Ende 2003 wurde mit der European Low Fares Airlines Association ein eigener Interessenverband auf europäischer Ebene gegründet.
Aufgrund der vielen Neugründungen wird es in den nächsten Jahren zu einer Marktbereinigung im Billigflugsektor kommen. Die Übernahmen der von der niederländischen KLM gegründeten Buzz durch Ryanair und von der ursprünglich von British Airways gegründeten Go! durch EasyJet waren erste Anzeichen dafür. Auf dem deutschen Markt hat sich dies mit dem Kauf von dba und LTU durch Air Berlin fortgesetzt.
Zudem zeichnet sich langsam eine Marktsättigung für das Segment Billigflug ab, so dass die Fluggesellschaften zu Veränderungen ihrer Geschäftsmodelle gezwungen sind. So werden die vielen fest bestellten Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge der Billigfluggesellschaften nur dann profitabel eingesetzt werden können, wenn sie auch für Zubringerflüge im Langstreckenverkehr genutzt werden. Der australische Marktführer VirginBlue hat heute schon Interlining-Abkommen mit einer Reihe internationaler Fluggesellschaften wie United Airlines und Etihad. Ab Ende des Jahres wird das Unternehmen mit der neuen Tochtergesellschaft „V Australia" mit einer Flotte neuer Langstreckenmaschinen des Typs Boeing 777-300 ER selbst Flüge über den Pazifik in die USA anbieten. Auch Ryanair denkt schon seit längerem über die Gründung einer Langstreckentochter nach.
Gleichzeitig haben sich auch die Netzfluggesellschaften an die neuen Mitbewerber angepasst und ihre Kosten- und Preisstruktur so geändert (zum Beispiel Lufthansa mit den Better Fly-Tarifen), dass sie zumindest in Teilen die Konkurrenz mit den Billigfluggesellschaften bestehen können. Mit der Verwirklichung der Langstreckenpläne werden sich die Billigfluggesellschaften auf der anderen Seite den Geschäftsmodellen der traditionellen Netzfluggesellschaften anpassen und ihnen auch von dieser Seite Konkurrenz machen.
Professor Dr. Jörn W. Mundt leitet den Studiengang Reiseverkehrsmanagement an der Berufsakademie Ravensburg.
Bingelli, Urs; Pompeo, Lucio 2002: Hyped Hopes for Europe's Low Cost Airlines. In: The McKinsey Quarterly, No. 4.
ECA - European Cockpit Association, Industrial Subgroup 2002: The Low Cost Airlines. Präsentation auf der IFALPA-Konferenz in Stavanger (Norwegen; http://www.eca-cockpit.com/media/lc-lr.pps, 2. Juli 2004).
Groß, Sven; Alexander Schröder (Hrsg.) 2007: Handbook of Low Cost Airlines: Strategies, Business Processes and Market Environment. Berlin: Erich Schmidt.
Mercer Management Consulting 2002: Impact of Low Cost Carriers. Summary of Mercer Study. München, Paris (Power Point Präsentation).
Sterzenbach, Rüdiger; Roland Conrady 2003: Luftverkehr. Betriebswirtschaftliches Lehr- und Handbuch. München, Wien: Oldenbourg (3. Aufl.).