Betriebswirtschaftslehre
Derivate sind einfach ausgedrückt handelbare Rechte. Ihre Bewertung ergibt sich aus dem Preis der zugrunde liegenden Basiswerte, zum Beispiel einer Aktie oder eines Rohstoffs. Was auf den ersten Blick recht schlicht klingt, hat es durchaus in sich. Derivate werden heute in hoher Zahl täglich auf Terminbörsen gehandelt. Der Grund: Pfiffige Investoren können damit nicht nur Zeit und Geld sparen, sondern auch mit fallenden Kursen Gewinne erzielen. Wie das geht und welche Akteure auf den Terminbörsen aktiv sind, erklärt ein Bankexperte.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Der Markt für Derivate boomt. Dabei sind derivative Finanzinstrumente so verschieden und vielfältig wie deren Anwendungsgebiete. Während Investoren früher sehr kritisch auf diesen Markt blickten, sehen sie heute in ihm vor allem lukrative Chancen.
Derivate werden an der Terminbörse gehandelt. Die Eurex ist eine der weltweit größten Terminbörsen. Der durchschnittliche Tagesumsatz im Februar 2008 lag bei 8,5 Millionen Kontrakte die über die vollelektronische Plattform gehandelt wurden. Die Eurex entstand 1998 aus einem Zusammenschluss der Deutschen Terminbörse (DTB) mit der Swiss Options and Futures Exchange (Soffex).
Doch was verbirgt sich hinter einem Derivat? Der Begriff findet sich in ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. In der Naturwissenschaft stellt ein Derivat ein Abkömmling eines Grundstoffes dar. Ähnlich verhält es sich auch bei derivativen Finanzinstrumenten, wobei hier der Grundstoff in den meisten Fällen eine Aktie oder ein Index (zum Beispiel der Dax®) ist. Bei der Auswahl der „Grundstoffe" sind hier nur wenige Grenzen gesetzt. Der Wert eines Derivats ergibt sich unter anderem aus der Entwicklung der relevanten Basiswerte, dem so genannten Underlying.
Was ist ein Underlying?
Das Underlying ist nichts anderes als der Basiswert, der einem Future- oder Optionsgeschäft zugrunde liegt. Er ist wesentlicher Vertragsgegenstand und Grundlage eines Termingeschäfts.
An der Börse gehandelte Derivate lassen sich in bedingte (Optionen) und unbedingte Termingeschäfte (Futures) unterscheiden.
Die Option beinhaltet das Recht, unter bestimmten Bedingungen das Derivat zu einem vorher vereinbarten Wert zu kaufen oder zu verkaufen; der Akteur muss also nicht unbedingt handeln. Aus diesem Grund wird bei Optionen auch von bedingten Termingeschäften gesprochen. Ganz anders gestaltet es sich bei Futures: Hier liegt dieses Wahlrecht hingegen nicht vor, deswegen ist hier auch von unbedingten Termingeschäften die Rede.
Gut zu wissen!
Es gibt sowohl Kauf- als auch Verkaufsoptionen. Kaufoptionen sind so genannte Calls und Verkaufsoptionen werden im Fachjargon Puts genannt. Auch die Calls und Puts können ver- und gekauft werden.
Der Investor eines so genannten Long Calls geht davon aus, dass der Basiswert steigen wird. Der Verkäufer (Short) geht davon aus, dass das Underlying seitwärts leicht fallen wird.
Beim Put ist dies genau umgekehrt: Der Long-Put-Investor geht davon aus, dass der Basiswert fallen wird. Der Short-Put-Investor geht von einem leichten Anstieg oder einem Seitwärtstrend aus. Die Begriffe Long und Short zeigen somit lediglich an, ob ein Termingeschäft gekauft (Long) oder verkauft (Short) wird.
Bei einem Future Geschäft ist die Ausrichtung noch klarer. Ein Long Future Investor geht von einem Steigen des Basiswerts aus, während der Short Future Investor auf das Sinken spekuliert. Der Investor setzt somit auf eine aktive Bewegung des Underlying. Dies unterscheidet den Investor zum Beispiel von einem Short Optionsinvestor, welcher oft einen Profit von der Statik des Underlying erwirtschaftet.
Die Vorteile von Terminbörsen und den darauf gehandelten Instrumenten sind sehr vielfältig.
Risikoscheue Investoren haben auf Terminbörsen die Möglichkeit ihr Risiko auf Spekulanten zu übertragen. Dies wird neudeutsch „hedging" genannt. Hierfür erhält der Spekulant von dem Investor, dem so genannten Hedger, eine Prämie.
Daneben gibt es auch Arbitrageure und Spreader. Erstere versuchen am Börsenplatz A etwas zu kaufen, das sie am Börsenplatz B teurer verkaufen können, wenn dies gelingt, streichen sie Arbitragegewinne ein. Ein Spreader ist darauf aus, durch eine Handelskombination einen Gewinn zu erzielen: Er verkauft beispielsweise den Terminkontrakt, der ihm zu teuer erscheint, und kauft den, welchen er als zu preiswert empfindet. Die Differenz der beiden Kontraktpreise zueinander streicht er als Gewinn ein.

Eine Besonderheit an Terminbörsen: Dort lassen sich Instrumente (zum Beispiel ein Index) verkaufen, die nicht im Besitz des Verkäufers sind. Ganz im Gegensatz zu Kassabörsen, dort muss der Verkäufer auch im Besitz dieser Instrumente sein. Die Folge: Auf Terminbörsen kann aktiv auf einen Preisverfall spekuliert werden. Das heißt: Ein Akteur kann heute etwas verkaufen, was er nicht besitzt, um es dann zu einem späteren Zeitpunkt, im Falle sinkender Preise, günstiger zurückzukaufen. Diese Strategie ist gerade in unruhigen Börsenzeiten sehr attraktiv, da die Akteure auf den Terminbörsen von fallenden Börsenkursen durchaus profitieren können.
Ein weiterer Grund für die Attraktivität von Terminmärkten ist die schnelle und kostengünstige Abwicklung sowie die Möglichkeit mit einem einzigen Instrument einen Gesamtmarkt, zum Beispiel den Dax®, abzudecken. Ein Beispiel: Ein Investor möchte ein Dax®-Depot aufbauen. Eine 1:1 Abdeckung erhält er nur dann, wenn er von allen 30 Dax®-Werten Anteile kauft. Die Folge ist ein hoher Kostenblock aufgrund der anfallenden Transaktionskosten. Zudem ist die zeitintensive Abwicklung von 30 Kassamarktordern nicht zu vernachlässigen.
Entscheidet sich der Investor hingegen für den Kauf eines Dax®-Futures kann er Transaktionskosten und Zeit sparen. Denn er erzielt mit einer einzigen Transaktion den gleichen Effekt. In diesem Fall besitzt der Investor eine Terminmarktableitung, also ein Derivat, auf den Dax®. Wertpapiere besitzt er hingegen nicht, er ist folglich auch kein Aktionär. Sein Positionsbuch (in dieses werden die Terminkontrakte eingebucht, dies geschieht analog Aktien im Depot) bewegt sich jedoch analog der Dax®-Aktienindexbewegung.
Aber: Auch bei einem solchen Future-Investment fallen Finanzierungskosten an. Diese werden im Future-Preis verrechnet. Dieser setzt sich aus dem Kassapreis zuzüglich der Finanzierungskosten abzüglich der entgangenen Erträge (Dividenden) zusammen. Da der Dax® ein so genannter Perfomanceindex ist und die Dividenden hier bereits auf der Kassaseite rechnerisch reinvestiert werden, werden in diesem Fall dem Kassaindex nur noch die Finanzierungskosten zugeschlagen.
Aus dem Begriff Termingeschäft ergibt sich bereits, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt enden muss. International ist der Verfallstag an den Terminbörsen der dritte Freitag im Monat. Hier laufen die Optionskontrakte auf Aktien, Indices etc. aus.
In allen Quartalsendmonaten (März, Juni, September und Dezember) kommen am dritten Freitag noch die auslaufenden Indexfutures hinzu. An diesen vier Freitagen im Jahr spricht man vom großen Verfallstag, den Börsianer auch Hexensabbat nennen. Da an diesen Tagen ein weit überdurchschnittliches Volumen an den Terminbörsen gehandelt wird, kann dieser Tag und können oft auch die Tage vorher von zunehmender Volatilität und Hektik geprägt sein. Große Investoren versuchen ihre Terminmarktpositionen zu managen. Dies geschieht zwar auch an anderen Tagen, jedoch gerade an den Verfallstagen nimmt die Wichtigkeit zu.
Anzeige
Derivate: Die komplexe Theorie mit der Praxis verbunden.
Du möchtest in diesem Buch blättern? Ein Klick genügt.
Michael Bloss, Dietmar Ernst
Derivate - Handbuch für Finanzintermediäre und Investoren
2008. XIX, 299 S., gb., € 39,80, ISBN 978-3-486-58354-0
Entschließt sich ein Investor seine Position über den Verfallstag hinaus halten zu wollen, so muss er einen Rollover vornehmen. Er rollt also seine Position auf einen späteren Zeitpunkt weiter. In der Praxis wird hier das Ursprungsgeschäft geschlossen und das neue Geschäft zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgemacht. Da dieses zeitgleich erfolgt, spricht man von einer gerollten Position. Gerade bei gegenläufigen Marktentwicklungen sind Rollover an der Tagesordnung. Man verschiebt somit seine ursprüngliche Haltung auf einen späteren Verfallstermin.
Neben den börslichen gibt es auch einen großen Strauß außerbörslicher Termingeschäfte. Über sie war besonders in den vergangenen Monaten viel zu hören. Nicht standardisierte Termingeschäfte, welche bilateral verhandelt und OTC gehandelt werden, sind meist komplexe Finanzkonstrukte zur Erfüllung verschiedener Grundbedürfnisse (hauptsächlich von Finanzintermediären wie Banken und Versicherer) wie zum Beispiel dem Sichern von Kreditpositionen.
Was ist ein OTC Handel?
OTC steht als Abkürzung für „over the counter" - also über den Tresen. Der OTC-Handel ist ein außerbörslichen Handel über Telefon oder elektronische Systeme. Auch wenn der OTC-Handel heute überwiegend über elektronische Systeme abgewickelt wird, wird im deutschen in diesem Zusammenhang auch oft synonym der Begriff Telefonhandel verwendet.
Hierbei kommen häufig SWAPs oder Forwards zum Einsatz. Emittenten, die strukturierte Produkte (Zertifikate) für Retailkunden (klassische Privatkunden) und damit für die breite Masse herausbringen, bedienen sich größtenteils OTC-Optionen (exotischen Optionen), um die Zertifikate darstellen zu können. Die hier gehandelten Optionen besitzen anders als die standardisierten Optionen mehr oder weniger Rechte, werden erst an bestimmten Barrieren aktiviert oder deaktiviert oder haben andere Rückzahlungsprofile. Ohne diese Instrumente wären die, vor allem in Deutschland, so gerne gehandelten Zertifikate nicht möglich.
Was ist ein Swap und was versteht man unter einem Forward?
Ein Swap stellt ein bilaterales Finanzgeschäft dar. Die beiden vertragsschließenden Parteien vereinbaren den Austausch von Zahlungsströmen, Waren etc. Somit handelt es sich um ein klassisches „Tauschgeschäft". Beispiel: Wir tauschen Zinssätze zur Absicherung: Partei A zahlt an Partei B den 12 Monats EURIBOR und erhält im Gegenzug den 12 Monats CHF Libor Satz +1,5 Prozent Aufschlag.
Ein Forward ist ein nicht standarisierter Future. Hier sind die Vertragsbestandteile individuell zu vereinbaren. Es handelt sich jedoch - analog zum Future - um ein unbedingtes Termingeschäft.
Als Ende der 1980er Jahre in Deutschland die DTB (heute Teil der Eurex) gegründet wurde, ahnte niemand, welchen Erfolg diese damals so kleine Börse haben würde. Heute sind sich die Experten einig: Durch die Eurex wurden Deutschland und die Schweiz führend im Handel mit standardisierten Derivaten. Zusammen mit den US-amerikanischen Terminbörsen in Chicago und New York deckt die Eurex annähernd jedes Underlying für den Handel mit Derivaten ab. Diesen Siegeszug wird der Derivatemarkt - auch in Deutschland - weiter fortsetzen. Ein Ende ist vorerst nicht in Sicht. Dies tut sich lediglich dort auf, wo der Mensch (meist in Form von Politik oder Risikobegrenzungen in Form von Internen Regelungen) aus Sorge um die Komplexität der gehandelten Instrumente einschreitet. Solange jedoch das Bedürfnis einiger Investoren zur Absicherung und der Spekulanten zur Erreichung von Überrenditen auf eine Preisbewegung da ist, wird dieser Markt weiter wachsen. Unter Umständen zwar nicht in der Intensität der vergangenen Jahre, aber dennoch deutlich.
Derivate Finanzinstrumente sind die Zukunft einer globalisierten und vernetzten Wirtschaft und Welt. Das schnelle, kostengünstige und effiziente Übertragen von Risiken und die daraus resultierende Möglichkeit Geld zu verdienen, ist genau das, was die einst kleine Terminbörse DTB zur großen Eurex gemacht hat und die Terminmärkte auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter wachsen lässt.
Michael Bloss ist Wertpapierspezialist und Prokurist der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Gleichzeitig ist er Lehrbeauftragter im Masterstudiengang International Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen. Sein Fachgebiet sind terminbörsengehandelte Derivate sowie deren Strategien. Er ist zudem Autor und Mitautor von diversen Publikationen zu terminbörsenrelevanten Themen.
Bloss, Michael; Ernst, Dietmar: Derivate. Handbuch für Finanzintermediäre und Investoren, München 2008.
Bloss, Michael; Ernst, Dietmar; Häcker, Joachim: Derivatives. An authoritative guide to derivatives for financial intermediaries and investors, München 2008.