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Titelbild zum Beitrag: Gut zu wissen, was der andere tut
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Gut zu wissen, was der andere tut

Ausgewählte Ansätze zum Preisverhalten im Oligopol 

Der Energiemarkt ist ein Oligopol. Wenige Stromanbieter konkurrieren um eine Vielzahl von Haushalten. Doch konkurrieren sie wirklich? Vielfach ist in Oligopolen von Preisstarrheiten oder sogar von Kartellen, also Preisabsprachen der Anbieter untereinander, die Rede. Sicher ist, dass Oligopolisten sehr sensibel auf die Maßnahmen ihrer Konkurrenten reagieren. Sie müssen also bei all ihren Aktionen die Reaktionen ihrer Konkurrenten mitberücksichtigen. Ein Trierer Volkswirt geht in diesem Zusammenhang auf das Phänomen von Preisstarrheiten in Oligopolen ein und erläutert die Neigung von Oligopolen zu Kartellen. Zur Begründung lässt sich auch die Spieltheorie verwenden.

Von Professor Dr. Heinz-Dieter Hardes, Universität Trier

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Oligopol bedeutet in der Übersetzung „eine geringe Zahl von Anbietern eines Marktes". Eine eindeutige Abgrenzung nach einer bestimmten Zahl von Anbietern wird dabei nicht vorgenommen. Man spricht von engen Oligopolmärkten, wenn nur wenige Großanbieter mit hohen Marktanteilen den Gesamtumsatz des Marktes oder einer Branche auf sich verteilen. In weiten Oligopolen ist die Zahl der Anbieter hingegen nicht eindeutig von einem polypolistischen Wettbewerb abgegrenzt, jedoch treten typische Merkmale von Oligopolmärkten wie Preisabsprachen und Produktdifferenzierung im Unterschied zum Polypol auf.

Sensibles Preisverhalten

Neben den Merkmalen der Anbieterstrukturen ist die wechselseitige Abhängigkeit der Anbieter als verhaltensrelevantes Merkmal im Oligopol hervorzuheben. Die Abhängigkeit der Anbieter hat zur Folge, dass diese bei geplanten Aktionen jeweils die Reaktionen der Konkurrenten zu berücksichtigen haben. Dieses Merkmal wird insbesondere durch den Grad der Produktdifferenzierung beeinflusst. Im homogenen Oligopol unterscheiden sich die Produkte nicht, so dass die Abhängigkeit der Anbieter hier relativ hoch sein wird. Mit steigendem Grad an Produktdifferenzierung im heterogenen Oligopol wird die wechselseitige Abhängigkeit der Anbieter hingegen vermindert.

Zwei Varianten von Modellkonzepten des Preisverhaltens im Oligopol werden im Folgenden knapp vorgestellt:

  1. Das Modell einer geknickten Nachfragefunktion in einem homogenen Oligopol ohne Preisabsprachen, um häufige Preisstarrheiten an Oligopolmärkten zu erklären.
  2. Das Bertrand-Modell in einem engen heterogenen Oligopol, um eine Neigung zu Preisabsprachen und Kartellvereinbarungen zu begründen. 

1. Homogenes Oligopol: starre Preise

Als Erklärungsproblem gilt zunächst eine beobachtbare Tendenz zur Preisinflexibilität in einem homogenen Oligopol ohne Absprachen zwischen den Anbietern (nicht-kooperatives Oligopol).

Zu den Annahmen des Modells:

  • Auf der konjekturalen Preis-Absatz-Funktion (PAF) eines Oligopolisten wird ein bestimmter Preis in der Ausgangssituation angenommen.
  • Ein Oligopolist versucht, im Rahmen seiner Preisplanung mögliche Reaktionen der Konkurrenten aufgrund der oligopolistischen Abhängigkeit zu berücksichtigen. Erwartet werden asymmetrische Preisreaktionen der Konkurrenten, die aus der Annahme eines an Marktanteilen orientierten Preisverhaltens abgeleitet sind. Der Oligopolist nimmt an, dass eigene Preissenkungen die Konkurrenten gleichfalls zu Preissenkungen veranlassen würden, um Marktanteile nicht zu verlieren. Andererseits würden eigene Preiserhöhungen die Konkurrenten nicht zu Preisänderungen veranlassen, weil deren Marktanteile dadurch erhöht werden könnten.

Der Grund für den Knick

Die subjektiven Erwartungen asymmetrischer Preisreaktionen bei Änderung der eigenen Preispolitik finden ihren Niederschlag im Verlauf der individuellen PAF des betreffenden Oligopolisten. Bei individuellen Preiserhöhungen und konstanten Preisen der Konkurrenten würden sich die eigenen Marktanteile verringern. Der einzelne Oligopolist müsste starke negative Mengeneffekte der Nachfrage erwarten. Bei einer Preissenkung würden dagegen die Mengeneffekte vergleichsweise geringer ausfallen. Denn wegen der wahrscheinlichen Preisreaktionen der Konkurrenten würden Verschiebungen des eigenen Marktanteils bei Preissenkungen entfallen.

Die asymmetrischen Preiserwartungen des Oligopolisten führen dann zu unterschiedlichen Steigungen der subjektiven PAF, ausgehend von der Ausgangssituation. Die Preiselastizität der Nachfrage wird relativ höher eingeschätzt bei individuellen Preiserhöhungen, dagegen relativ geringer bei allgemeinen Preissenkungen. Die angenommenen Preiserwartungen des Oligopolunternehmens führen auf der Basis des Ausgangspreises zu einer geknickten subjektiven PAF. 


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Kein Interesse an Preissenkungen

Die Konsequenz der asymmetrischen Preiserwartungen, die Knickstelle der PAF, liefert eine mögliche Erklärung von beobachtbaren Preisstarrheiten. Wenn erwartet wird, dass die Konkurrenten auf Preissenkungen gleichfalls ihre Preise senken werden, um ihre Marktanteile zu verteidigen, mag die individuelle Neigung des Oligopolisten zur effektiven Senkung von Preisen gering sein.

Preissteigerungen eher im Gleichschritt

Wenn hingegen bei individuellen Preiserhöhungen Reaktionen der Konkurrenten wahrscheinlich ausbleiben, wird eine Neigung zu Preiserhöhungen nur bei größeren allgemeinen Änderungen der Kosten- und Nachfragebedingungen zu vermuten sein. Bei einzelwirtschaftlichen Änderungen wird die Neigung zu Preiserhöhungen zurückhaltend ausfallen.

Erwartete Preisreaktionen der Rivalen

Im Modell führt der Knick der Nachfragefunktion formal zu einer Sprungstelle oder zu einem Unbestimmtheitsbereich der Grenzerlösfunktion. Diese Eigenschaft der Sprungstelle bewirkt, dass (geringfügige) Kostenänderungen in diesem Bereich nicht zu Änderungen der gewinnmaximalen Preis-Mengen-Kombination des Oligopolisten führen (vgl. die Verläufe der Grenzkosten in Abb. 1).

 

Ausgehend vom Punkt A, der Ausgangssituation auf der individuellen PAF, führt die Erwartung asymmetrischer Preisreaktionen der Rivalen zu einem Knick dieser Funktion, der eine Sprungstelle der Funktion der Grenzerlöse (GE) zur Folge hat. Änderungen der einzelwirtschaftlichen Grenzkosten (GK -> GK') führen im diskontinuierlichen Bereich der Sprungstelle nicht zu Änderungen des gewinnmaximalen Preises des Oligopolunternehmens.

Berücksichtigen, was der andere denkt

Das Modell der geknickten einzelwirtschaftlichen PAF eignet sich somit als eine plausible Erklärung für ein relativ starres Preisverhalten in einem nicht-kooperativen Oligopol. Die Ursachen der Preisstarrheiten liegen in wechselseitigen Erwartungen der Anbieter hinsichtlich der möglichen preispolitischen Reaktionen der Konkurrenten. 

Bei steigenden Kosten (oder wachsender Nachfrage) zögern die Anbieter mit einzelwirtschaftlichen Preiserhöhungen, weil sie erwarten, die Konkurrenten würden es ihnen nicht gleichtun, mit der Folge zu erwartender Verluste an Marktanteilen. Bei geringeren Kosten (oder reduzierter Nachfrage) befürchten die Anbieter hingegen, dass die anderen Anbieter eines Oligopols einzelwirtschaftliche Preissenkungen als plötzlichen Preiskrieg mit der Gefahr eines risikohaften Kampfes um Marktanteile deuten könnten. Die Unstetigkeit oder Sprungstelle der Funktion der einzelwirtschaftlichen Grenzerlöse führt zu einem Bereich starren Preisverhaltens der Anbieter.

Allerdings: Das Modell hat statischen Charakter, es erklärt die Lage der Ausgangssituation oder der Knickstelle der subjektiven Einschätzungen der PAF nicht. 

Reale Phänomene erklärbar

Das Modell eignet sich jedoch als ein einfacher und plausibler Ansatz, um Preisinflexibilitäten als ein empirisches Merkmal nicht-kooperativer Oligopolanbieter zu begründen. Asymmetrische Erwartungen der Anbieter hinsichtlich der möglichen Reaktionen der Konkurrenten auf eigene Preisänderungen bilden einen maßgeblichen Faktor für relative Preisstarrheiten an realen Oligopolmärkten. Befürchtete Risiken von Preiskämpfen oder Verlusten von Marktanteilen bilden einen strategischen Verhaltensfaktor von Anbietern im Oligopol.

2. Enges heterogenes Oligopol nach Bertrand: Kartellrisiko

In einem Oligopol (Duopol) mit geringer Produktdifferenzierung oder begrenzter Markttransparenz gelten Produktpreise als strategische Parameter eines Preiswettbewerbs zweier unabhängiger Anbieter. Angenommen wird eine beiderseitige Preisfixierung (bei symmetrischen linearen Kostenfunktionen) in Abhängigkeit von den wechselseitigen Erwartungen hinsichtlich der Preissetzungen des anderen Anbieters.

Nicht-abgestimmtes Wettbewerbsverhalten der Oligopolanbieter

Die Logik des Bertrand-Preiswettbewerbs lässt sich grafisch in einem Diagramm mit zwei analogen Reaktionsfunktionen darstellen. Die Reaktionsfunktionen gelten bei unabhängigem Wettbewerbsverhalten der Unternehmen, sie beschreiben jeweils gewinnmaximale Preisfixierungen der Anbieter in Abhängigkeit von gegebenen Erwartungen hinsichtlich der Preise des konkurrierenden Anbieters. Die Iso-Gewinn-Kurven verlaufen um die Reaktionskurven, die zugehörigen Gewinnerwartungen steigen mit der Entfernung von den Achsen (zum Beispiel G1' > G1). Der Schnittpunkt der Reaktionsfunktionen (Punkt C) bildet ein mit den wechselseitigen Erwartungen kompatibles Nash-Gleichgewicht eines Preiswettbewerbs bei unabhängigem Preisverhalten der beiden Anbieter.

 

Gefangenendilemma oder Kartell: (nicht) wissen, was der andere tut

In spieltheoretischer Version lässt sich ein Bertrand-Preiswettbewerb zweier Anbieter in Analogie zum Gefangenendilemma deuten. Das Nash-Gleichgewicht entspricht einer Kombination dominanter Preisstrategien der Anbieter - bei unabhängigem Verhalten - durch die beiderseitige Wahl von Niedrigpreisen (P1 beziehungsweise P2 gleich 4 Euro). Bei diesem Preisverhalten können die Gewinnerwartungen der Anbieter im unteren rechten Feld der Matrix realisiert werden.

Die gemeinsamen Gewinne können demgegenüber durch Preisabsprachen der Anbieter in Richtung des oberen linken Feldes der Matrix verbessert werden. Preisabsprachen ermöglichen abgestimmte beiderseitige Preisstrategien mit der Fixierung höherer Preise und gemeinsamer Gewinnmaximierung in Analogie zum Punkt M in der Abb. 2 (dem Tangentialpunkt der Iso-Gewinn-Kurven der beiden Anbieter). 

 

Somit lässt sich folgern, dass in einem engen Oligopol nach Bertrand, Gewinnanreize zu Preisabsprachen oder zu einem Preiskartell gegeben sind. Ein Preiswettbewerb tendiert zunächst zu einem Nash-Gleichgewicht bei unabhängigem Preisverhalten der Anbieter. Wenn die Anbieter sich der wechselseitigen Marktsituation bewusst werden, dürfte eine beiderseitige Neigung zur Kooperation oder zu Preisabsprachen bestehen.

 

Autor

Dr. Heinz-Dieter Hardes ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Trier.

 

Literatur

Hardes, H.-D./Uhly, A., Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, 9. Aufl., München/Wien 2007, S. 235 ff.;

Pindyck, R. S./Rubinfeld, D. L., Mikroökonomie, 6. Aufl., München 2005, S. 577 ff.

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