Volkswirtschaftslehre
Der Eurokurs ist im Höhenflug. Der Dollar steckt in der Krise. Die Folge: Während sich die europäischen Produkte in den USA deutlich verteuern, werden Produkte aus den USA für Europäer spürbar günstiger. Das Auf und Ab der beiden Währungen beeinflusst nicht nur Preise, sondern in letzter Konsequenz auch die Weltkonjunktur. Deswegen diskutieren Experten immer wieder über die Neuorganisation der globalen Währungsordnung, um dadurch die negativen Effekte des freien Spiels der Wechselkurse auf die Weltwirtschaft abzumildern. Ein Professor aus dem hohen Norden zeigt drei Lösungsvorschläge auf und geht zudem auf die Auswirkungen von Auf- und Abwertungen ein.
Von Professor Dr. Joachim Weeber, FH Nordakademie, Elmshorn
Der Eurokurs steigt und das nachhaltig. Doch das war nicht immer der Fall. Besonders in den ersten Jahren nach der Euro-Einführung verlor die junge Gemeinschaftswährung an Wert. Mittlerweile ist der Euro allerdings aus den Kinderschuhen gewachsen und verzeichnet seit 2006 einen positiven Trend. Derzeit notiert er im Vergleich zum US-Dollar auf einem Niveau, das in der Vergangenheit nicht einmal die Deutsche Mark zu erreichen vermochte.
Doch wo liegen eigentlich die Probleme deutlicher Auf- und Abwärtsbewegungen auf den weltweiten Devisenmärkten? Und welche Möglichkeiten gibt es, vor allem die negativen Folgen starker Wechselkursbewegungen zu vermeiden oder zumindest zu mildern?
Starke Veränderungen der Währungsrelationen werden meist mit großen ökonomischen Krisen in Verbindung gebracht, zum Beispiel mit der Asienkrise 1997, der Wirtschaftskrise in Russland 1998 oder der Argentinienkrise Ende der 1990er Jahre. In den betroffenen Volkswirtschaften führten sie nicht nur zu finanzwirtschaftlichen, sondern auch zu massiven realwirtschaftlichen Problemen.
Auch für Deutschland können solche Störeffekte von „falschen" und sich schnell veränderten Wechselkursen für die Realwirtschaft veranschaulicht werden. Hilfreich ist dafür der Blick auf einen wichtigen Indikator der Standorttheorie: die Lohnstückkosten beziehungsweise beispielhaft deren Entwicklung in der ersten Hälfte der 1990er Jahre.
Bezogen auf die damals noch nationalen Währungen der EU-Staaten waren die Lohnstückkosten im damaligen Westdeutschland in einem mit anderen Ländern vergleichbarem Ausmaß gestiegen. Aber: In einer „einheitlichen" Währung ausgedrückt war die Entwicklung in Westdeutschland damals im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften erheblich ungünstiger. Das heißt, die sich verschlechternde internationale Wettbewerbsposition der deutschen Wirtschaft war wechselkursbedingt. Ohne die Folgen veränderter Währungsrelationen hätte es die deutsche Standortdebatte Mitte der 1990er Jahre, mit ihrer Konzentration auf die Steigerung der inländischen Arbeitskosten, nicht gegeben.
Die Aufwertung der eigenen Währung schwächt tendenziell die Wettbewerbsfähigkeit vor allem der Staaten, die vergleichsweise intensiv in die internationale Arbeitsteilung eingebunden sind. Das Ausmaß der Beeinträchtigung ist dabei umso größer,
So hat etwa die italienische Exportindustrie unter der derzeitigen Wechselkurssituation besonders zu leiden. Während zu Zeiten der italienischen Lira die Abwertung der heimischen Währung inländische Kostensteigerungen ausgleichen konnte, führt der starke Euro heute bei den sich vor allem über den Preis positionierenden Gütern zu einer Verschärfung der internationalen Wettbewerbsposition der italienischen Exportindustrie. Denn in den letzten Jahren sind in Italien die Lohnkosten im Vergleich zur Produktivitätsentwicklung deutlich überproportional gestiegen.
Diese negativen Effekte auf der Ausfuhrseite werden für Volkswirtschaften allerdings dadurch kompensiert oder zumindest abgemildert, dass bei einer Aufwertung der heimischen Währung die Preise für Importgüter sinken oder deren Anstieg geringer als im Vergleich zur internationalen Handelswährung ausfällt. Dadurch können negative Auswirkungen auf die Kaufkraft und damit auf die Konsumtätigkeit der privaten Haushalte vermieden werden. Die konjunkturelle Entwicklung wird also stabilisiert. Eine solche Wirkung lässt sich anhand der aktuellen Ölpreisentwicklung nachvollziehen: So milderte die starke Euro-Aufwertung der letzten Monate den Rohölpreis für deutsche Importeure um nahezu ein Drittel. Der Grund: Rohöl wird in US-Dollar gehandelt.
Hinzu kommt, dass sich durch die niedrigeren Einfuhrpreise Handlungsspielräume der Zentralbank für Zinssenkungen ergeben können, wenn sich die Entlastung bei den Einfuhrpreisen in einer moderateren Preisentwicklung im Inland niederschlägt.
Die Auswirkungen von Wechselkursveränderungen machen sich auch in der Zahlungsbilanz bemerkbar. Sie stellt die wirtschaftlichen Verflechtungen eines Landes mit dem Ausland dar.
Was ist die Zahlungsbilanz?
Die Zahlungsbilanz erfasst für einen bestimmten Zeitraum alle wirtschaftlichen Transaktionen eines Landes mit dem Ausland und gibt damit Auskunft über den Grad der globalen Verflechtung einer Volkswirtschaft. Sie setzt sich aus verschiedenen Teilbilanzen zusammen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Leistungsbilanz und der Kapitalbilanz. Die Leistungsbilanz wiederum setzt sich aus vier Teilbilanzen zusammen, der Handelsbilanz, der Dienstleistungsbilanz, der Bilanz für Erwerbs- und Vermögenseinkommen und der Bilanz der laufenden Übertragungen.
Wie bei allen Bilanzen, so gilt auch in der Zahlungsbilanz das Prinzip der doppelten Buchführung (Buchung/Gegenbuchung). Wichtig: Die Zahlungsbilanz berücksichtigt Stromgrößen, keine Bestandsgrößen. Damit unterscheidet sie sich ganz wesentlich von Bilanzen im betriebswirtschaftlichen Sinne.
Die Zahlungsbilanz wird in Deutschland monatlich von der Bundesbank herausgegeben.
Die erwarteten Folgen von Aufwertung und Abwertung der eigenen Währung auf die Handelsbilanz, einer wichtigen Teilbilanz der Zahlungsbilanz, sind dabei nur mit einer zeitlichen Verzögerung festzustellen. Ursache hierfür ist das Auseinanderfallen von Preis- und Mengeneffekt. Während sich der Preiseffekt nahezu unmittelbar einstellt, reagiert die Mengenkomponente mit einer zeitlichen Verzögerung auf veränderte Währungsrelationen. Bei einer Abwertung bleibt die Import- und Exportmenge zunächst konstant, während die Preise für die Im- und Exporte schneller reagieren:
Bei einer Abwertung entsteht beim Blick auf die Handelsbilanz das Bild einer J-Kurve, während bei einer Aufwertung der Spazierstockeffekt entsteht.
Experten diskutieren bereits seit vielen Jahren die vielfältigen Folgen von Ungleichgewichten in Handels- beziehungsweise Leistungsbilanzen, dabei rücken meist die USA in den Fokus.
Vor allem das durch eine negative US-Handelsbilanz verursachte hohe Leistungsbilanzdefizit der USA wird in Fachkreisen diskutiert. Denn in Verbindung mit einer merklichen Abkühlung der US-amerikanischen Konjunktur ergibt sich daraus ein hohes Risiko für die Weltwirtschaft. Ein US-Leistungsbilanzdefizit in Höhe von derzeit rund 6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes der Vereinigten Staaten wird dauerhaft als nicht tragbar angesehen.
Für den Abbau einer solchen strukturellen Fehlentwicklung ist ein schwächerer US-Dollar zwar keine hineichende, aber eine durchaus notwendige Bedingung. Eine Abwertung des US-Dollar liegt folglich im Interesse der US-amerikanischen Wirtschaftspolitik. Eine solche Entwicklung hat allerdings erhebliche Auswirkungen auf die Absatzchancen europäischer und asiatischer Exporteure, denn gerade für sie stellen die USA einen der bedeutendsten Exportmärkte dar.
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Das Auf und Ab einer Währung kann demnach erhebliche Auswirkungen auf verschiedene Volkswirtschaften haben. Vielerorts wird intensiv darüber diskutiert, ob und wie negative Effekte solcher Währungsschwankungen durch eine Neuordnung der internationalen Währungsordnung abgemildert werden können:
Am weitesten geht sicherlich der Vorschlag der Einführung einer Weltwährung. Sie wird beispielsweise von Robert A. Mundell diskutiert. Eine solche Weltwährung beseitigt insbesondere die Probleme, die durch Wechselkursschwankungen entstehen, gleichzeitig nimmt sie aber auch den einzelnen Volkswirtschaften die Möglichkeit, den Wechselkurs als Instrument einer wohlstandsvermehrenden Wirtschaftspolitik einzusetzen. Weitere nicht zu vernachlässigende ökonomische Probleme, wie zum Beispiel die Übertragung inflationärer Impulse zwischen den einzelnen Volkswirtschaften, kommen hinzu. Zudem ist die Einführung einer Weltwährung in den einzelnen Volkswirtschaften politisch kaum durchsetzbar und damit ohnehin in der theoretischen Diskussion verhaftet.
Aber: Regional gebunden und abgeschwächt wurde das Konzept der Weltwährung durchaus umgesetzt - und zwar in Gestalt der Europäischen Währungsunion. Der Vorgänger, das Europäische Währungssystem, stellte zunächst ein Mischsystem aus flexiblen und zugleich festen Elementen von Wechselkurssystemen dar. Sinn und Zweck war es, die Wechselkurse zwischen den Währungen der Staaten der Europäischen Gemeinschaft zu stabilisieren.
Das Ziel sollte eine stabile Währungszone im ökonomischen Kernbereich Europas sein. In einem solchen System können die Wechselkurse der beteiligten Währungen frei schwanken - allerdings lediglich innerhalb einer bestimmten Bandbreite. Überschreitet der Wechselkurs einer Währung diese Bandbreite, treten zuvor festgelegte Mechanismen in Kraft, die den Wechselkurs der entsprechenden Währung wieder in dieses Band zurückführen sollen.

Als Teil eines reformierten Weltwährungssystems wurde diese Idee auch im Zuge der Wechselkurszielzonen zwischen den Währungen der so genannten Triade (USA, Staaten der Eurozone sowie Japan) diskutiert und Ende der 1990er Jahren von dem damaligen Bundesminister der Finanzen Oskar Lafontaine auch propagiert. Aber: Vor allem der US-Dollar lässt sich in ein solches System kaum einbinden, da es für die US-amerikanische Wirtschaftspolitik die faktische Aufgabe ihrer geld- und währungspolitischen Autonomie bedeuten würde, auf die die USA aber keinesfalls verzichten möchte.
Eine weitere Möglichkeit stellt die intensivere Zusammenarbeit der wichtigen Währungen beziehungsweise der entsprechenden Notenbanken in Form von Währungskooperationen dar. Solche Kooperationen wurden allerdings in der Vergangenheit nur dann durchgeführt, wenn alle Beteiligten Vorteile aus einer solchen Zusammenarbeit zogen. So zuletzt bei den ökonomischen Auswirkungen der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 und bei den noch andauernden Finanzmarktturbulenzen im Zuge der Subprimekrise mit ihrem hohen Gefährdungspotenzial für die Stabilität der Weltwirtschaft.
Vorläufer solcher Kooperationen waren das Plaza-Abkommen (1985) und der Louvre-Akkord (1987), wo es vor allem um die Wechselkursstabilisierung des US-Dollar ging.
Die Einbindung der US-amerikanischen Währung in ein umfassendes supranationales Wechselkursgefüge zur bewussten Steuerung und letztendlichem Abbau der globalen Ungleichgewichte dürfte sich auch in Zukunft als schwierig erweisen.
Der Abbau des Handelsbilanz- und des damit verbundenen Leistungsbilanzdefizits der USA wird nur dann ohne schwerwiegende ökonomische Konsequenzen für die Weltwirtschaft durchführbar sein, wenn deren Haupthandelspartner eine moderate, aber für einen mittelfristigen Zeitraum kontinuierliche Aufwertung der eigenen Währung zulassen.
Dies betrifft vor allem den Abbau des Leistungsbilanzdefizits mit China, da hier der bilaterale Passivsaldo der USA das größte Einzeldefizit mit einem anderen Staat aufweist. Die Aufwertung der chinesischen Währung (Renminbi) seit der formalen Auflösung der Wechselkursanbindung an den US-Dollar im Juli 2005 hat sich bisher als noch nicht ausreichend erwiesen.
Doch wie sieht die nähere Zukunft der internationalen Währungsordnung aus? Derzeit gibt es eine deutliche Bewegung in Richtung eines bipolaren Weltwährungssystems, was langfristig möglicherweise durch ein erheblich stärkeres Gewicht des Renminbi ergänzt wird. Zwischen diesen Währungen wird es weiterhin flexible Wechselkurse geben, mit „gelegentlichen" Eingriffen im Sinne eines schmutzigen Floatings. Für den Rest der Welt bieten sich unter diesem Szenario regionale Kooperationen etwa in Form von regionalen Gemeinschaftswährungen an, wie sie zeitweise für die Golfstaaten, den südostasiatischen Raum und einige Staaten Südamerikas bereits diskutiert wurden.
Professor Dr. Joachim Weeber ist als Dozent für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordakademie Elmshorn beschäftigt.