Studium & Karriere
Das schaffe ich nie! Kaum eine Aussage hört man in Prüfungszeiten häufiger an Hochschulen. Viele Studierende leiden an Prüfungsangst. Die Angst vor dem Versagen gepaart mit Schlaflosigkeit, Herzklopfen oder Kopfschmerzen kann das Leben auch außerhalb der Prüfungsphasen zur Hölle machen. Wie es nicht so weit kommt und wie wir uns unseren realen und emotionalen Ängsten stellen können, erklärt eine Züricher Psychoanalytikerin.
Von Nina Bakman, Psychologische Beratungsstelle für Studierende für beide Züricher Hochschulen
Studien- und Prüfungsbedingungen haben sich in den letzten Jahren verschärft, die Selektion erscheint manchmal gnadenlos, weil der Erfolg und mit ihm die Zukunft der Studierenden, von winzigen Noten- oder Punktunterschieden abhängt. Die Massenuniversität mit ihrer Anonymität und Unübersichtlichkeit erschwert den Studierenden die Orientierung. Es ist nicht erstaunlich, dass Prüfungsängste unter diesen Bedingungen, die insbesondere für das Wirtschaftsstudium gelten, zunehmen.
Sachlich betrachtet sind Prüfungen eine Bewertung der Kenntnisse. Von den Hochschulinstanzen wird überprüft, ob die Kandidatin oder der Kandidat über genügend Wissen verfügt, um in die nächste Stufe des Studiums zu gelangen. Zum Wesen der Prüfungen gehört immer ein Großteil Ungewissheit: Kein Prüfling weiß, welche Fragen vorkommen werden. Das Neue macht Angst, weil es unvertraut ist. Eine gewisse Nervosität ist durchaus verständlich. Gerade deshalb erfordern faire Prüfungen, dass die Anforderungen transparent gemacht werden.[1] Hier hat die Hochschule eine Verantwortung und könnte einiges verbessern.
Prüfungen haben also einen Realitätsaspekt, der pragmatisch angegangen werden muss. Die beste Voraussetzung, eine Prüfung zu bestehen, ist eine möglichst gute Vorbereitung. Etwas anderes, ein Zaubermittel, gibt es nicht, vom Lernen in letzter Minute ist abzuraten. Wer ein wichtiges Fach vernachlässigt, hat vor der Prüfung eine berechtigte Angst. Der realen Angst kann in der Regel mit handfesten Maßnahmen wie regelmäßiges, kontinuierliches Lernen, das früh genug beginnt, in einem guten individuellen Rhythmus mit Pausen, abgeholfen werden.
Andererseits verbinden sich Prüfungen auch mit Faktoren, die ihnen eine hohe emotionale Bedeutung verleihen. Der Studierende wird von Autoritätspersonen aufgrund von festgelegten idealen Kriterien bewertet und eingeschätzt. Sein Selbstwertgefühl ist dadurch stark betroffen. Es geht auch um eine Bewährungsprobe, bei Abschlussprüfungen um einen Schritt in eine neue Lebensphase - auch um den „Vollzug eines impliziten imaginär-symbolischen Ritus".[2] In vielen Gesellschaften ist der Übergang von Jugend- ins Erwachsenenalter von Ritualen begleitet, die es dem Jungendlichen nicht leicht machen. Die Älteren verlangen einen Preis für den Machtgewinn im Erwachsenenalter.
Zu den realistischen Ängsten können also auch emotionale Ängste, die einem irrational erscheinen, jedoch nicht weniger ernst zu nehmen sind, hinzukommen: die Angst, sich zu blamieren, zu versagen oder sogar durch das Prüfungsurteil vernichtet zu werden. Wichtiges steht auf dem Spiel, Erfolg oder Misserfolg einer Prüfung haben ernsthafte Folgen für das Leben.
Angst ist ein Gefühl der Bedrohung durch etwas Unbestimmtes. Oft wird sie von körperlichen Reaktionen begleitet, die sich in Unruhe, Herzklopfen, Atemschwierigkeiten, Schlaflosigkeit ausdrücken. Wenn diese Erregungszustände andauern, treten zudem häufig somatische Beschwerden wie Kopfweh, Übelkeit, Magenschmerzen, Durchfall auf. Gelingt es den Betroffenen nicht, sich in absehbarer Zeit zu beruhigen und die ängstlichen Vorstellungen (z.B. „Es ist so viel Stoff, ich werde es nie schaffen") mit entgegen gesetzten Vorstellungen (z.B. „Eins nach dem anderen, kleine Schritte") zu bewältigen, können Gefühle der Entmutigung entstehen, sich bis zu einer Depression steigern und Lernblockaden verursachen können.
Länger andauernde oder wiederkehrende Angstzustände sind außerordentlich quälend. Man fühlt sich ihnen hilflos ausgeliefert und auf Schritt und Tritt von ihnen begleitet. Hier entsteht ein Leiden, das es unbedingt nötig macht, Hilfe zu suchen und zu beanspruchen. Welche Formen der Hilfe möglich sind, werde ich später erörtern.
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Zuerst sollen noch einige Faktoren aufgezeigt werden, welche die Belastung durch Prüfungen erhöhen können.[3] Prüfungen bedeuten an sich schon ein gewisses Ausmaß an Stress, das nicht unterschätzt werden darf. Wochenlanges Lernen auf ein wichtiges, aber nicht ganz gewisses Ziel verursacht eine permanente Anspannung, die in einem erträglichen oder sogar stimulierenden Rahmen bleiben kann. Eine negative Einstellung zum Fach, mangelndes Selbstvertrauen, Zweifel an der eigenen Kompetenz, schwierige Aufgaben zu meistern, sind bedeutsame Risikofaktoren. Man ist dann derart mit solchen negativen Gedanken beschäftigt, dass die nötige Energie und Aufmerksamkeit für das Lernen fehlt.[4]
Wegen ihrer subjektiven emotionalen Bedeutung eignen sich Prüfungen besonders dafür, ältere Konflikte, z.B. mit Autoritätspersonen, wieder zu beleben. Die nicht seltene Vorstellung, dass Prüfer einen „fertig machen wollen" ist nicht gerade hilfreich und meistens völlig unrealistisch. Wenn man Studierenden zuhört, die wegen Prüfungsängsten eine Beratung aufsuchen, äußern sie häufig solche Fantasien, die aus ihrer Beziehung zu Autoritäten herrühren. Eine Medizinstudentin, die ihre ersten Prüfungen nicht bestanden hatte, war überzeugt von der „Gemeinheit" der Prüfer, und dass diese sie am Studium hindern wollten. Ein Student der Naturwissenschaften kompensierte sein Minderwertigkeitsgefühl darüber, dass seine Mathematiknote nicht den Voraussetzungen seines Wunschstudiums entsprach, indem er sich einredete, man wolle ihn sowieso nicht zulassen. Das Hinterfragen der eigenen Einstellung ist ein wichtiger Schritt zum Abbauen der Befürchtungen.
Auch bei dieser Frage ist die Unterscheidung zwischen der realen und der emotionalen Angst wichtig. Hält sich die Angst in Grenzen, kann man ihr mit praktischen Maßnahmen begegnen: regelmäßig lernen, beim Aufstellen von Lernplänen kleine und machbare Schritte vorsehen, zusammen mit Kommilitoninnen und Kommilitonen Fragen zum Stoff bearbeiten. Das ermöglicht ein Feedback zur Selbsteinschätzung und ist m.E. ein unabdingbarer Bestandteil des Lernens für Prüfungen, besonders in Fächern, wo die Menge des Stoffes sehr groß ist, wie in den Wirtschaftswissenschaften.
Wird die Angst zu stark und steht in keinem Verhältnis mehr zu den realen Hindernissen, insbesondere wenn sie sich in körperlichen Symptomen äußert, ist es ratsam, eine Beratung aufzusuchen. An jeder Hochschule gibt es eine psychologische Beratungsstelle, die Erfahrung mit Prüfungsproblemen hat. Manchmal genügen zwei bis drei Gespräche, um die Situation wieder in einem anderen, ruhigeren Licht zu sehen. Manchmal kann eine Kurztherapie mit dem Fokus auf die Prüfungsängste diese abbauen. Es geht dann darum, die Ängste anzuschauen, sie auf ihre Quelle zurückzuführen: das heißt, sich den Ängsten zu stellen, um sie dann zu bearbeiten. Wer Angst hat, dass nachts ein Einbrecher unter seinem Bett liegt, tut besser daran, sich mit einer Taschenlampe zu vergewissern, dass dem nicht so ist, als die ganze Nacht im Bett zu zittern .... Schon die Frage: „Wovor habe ich eigentlich Angst?" kann hilfreich sein, wenn man sie zu zweit, mit einer Fachperson, angeht.
Man sollte bedenken, dass körperliche Symptome ausschließlich ein Ausdruck, nicht die Ursache von Ängsten sind. Dann können Medikamente - nur unter ärztlicher Aufsicht - ein Hilfsmittel sein. Gespräche sind jedoch unerlässlich, um die Gründe der Ängste zu entdecken. Wie die Lyrikerin Hertha Müller schreibt: „...im Kopf gebaute ... ausgedachte Angst ist keine bloss eingebildete, sie ist gültig ... da sie so wirklich ist wie die von aussen begründete Angst".[5]
Nina Bakman ist Psychoanalytikerin (SGPSa/IPA) und Beraterin an der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende der beiden Hochschulen Zürichs.
[1] Bachmann, N./Berta, D./Eggli, P./Hornung, R. (1999): Macht Studieren krank? Die Bedeutung von Belastung und Ressourcen für die Gesundheit der Studierenden. Zürich: Hans Huber.
[2] Teuwsen, E. (2000): Prüfung und Beratung - Ritus und Reflexion. In: Studienfachberatung und Prüfungsangst. Universität Zürich.
[3] Gruber, H./Renkl, A. (1996): Alpträume sozialwissenschaftlicher Studierender: Empirische Methoden und Statistik. In: Lompscher, J./Mandl, H. (Hrsg.): Lehr- und Lernprobleme im Studium. Bedingungen und Veränderungsmöglichkeiten. Bern: Huber.
[4] Bakman, N. (2003): Hochschulprüfungen: Hürde oder Alptraum? Beratung und Therapie von Prüfungsängsten. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Vol. 154 -1, S. 5-10.
[5] Müller, H. (2001): Samtpfoten und Ohrfeigen. Das Denken spricht doch mit sich selber völlig anders. In: Neue Zürcher Zeitung, 21.-22. 4. 2001.