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Titelbild zum Beitrag: Der Kampf um die Millisekunde
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Der Kampf um die Millisekunde

Die Deutsche Börse AG im Fokus

Eine Börse bestimmt nicht nur Aktienkurse, sie stellt Händlern auch historische und aktuelle Marktdaten zur Verfügung - letztere blitzschnell. Bei alledem spielt neben einer ausgeklügelten IT auch die Statistik sowie der Faktor Mensch eine wichtige Rolle. Sven Grzebeta von der Deutschen Börse AG sprach mit economag.de nicht nur über den Kampf um die Millisekunde. Der Experte gab auch Auskunft darüber, wie clevere Statistiker an der Börse gutes Geld verdienen können. 

Die Fragen stellte Rainer Berger

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>> Herr Grzebeta, spielt die Statistik bei der Bestimmung eines Aktienkurses eigentlich eine Rolle?

Ja, das tut sie. Bei der rein technischen Kurs- oder Preisfestellung kommen Algorithmen zum Einsatz, die Käufe und Verkäufe im Orderbuch zusammenbringen und Aktienkurse vor ihrem Zustandekommen auf Angemessenheit prüfen. Das heißt es wird analysiert, in welchem Maße der neu errechnete Kurs vom alten abweicht. Diese Vorgehensweise soll der Fehlbepreisung einer Aktie vorbeugen. Solche Algorithmen sind allerdings aus dem Blickwinkel eines Statistikers beinahe trivial. In der Kapitalmarktperspektive, also bei der Entwicklung der Kurse aufgrund unterschiedlicher Einschätzungen und Interessen der Marktteilnehmer, spielen statistische Effekte allerdings eine sehr wichtige Rolle.

>> Und wann kommen komplexere statistische Verfahren bei Ihnen zum Einsatz?

Besonders wenn wir die Marktseite genauer beleuchten. Wenn wir beispielsweise hinterfragen, was einen Händler dazu bewegt eine Kauf- oder Verkaufsorder für eine bestimmte Aktie zu tätigen.

Bei der Beantwortung einer solchen Frage hilft die Statistik: Im Rahmen statistischer Modelle berücksichtigen die Handelsteilnehmer historische und aktuelle Marktdaten und prüfen dabei, wie wahrscheinlich es ist, mit einer bestimmten Anlagestrategie zu einem bestimmten Zeitpunkt Geld zu verdienen - ohne unnötig viel zu riskieren. Auch die Bestimmung des Risikos unternimmt der Händler meist mit Hilfe statistischer Modelle. 

>> Das heißt, man kann an der Börse mit Hilfe der Statistik Geld verdienen?

Ja, in bestimmten Marktsituationen durchaus. Es gibt sogar Händler, die sich ausschließlich auf den so genannten algorithmischen Handel konzentrieren. Diese Händler sitzen nicht nur in den großen Bankhäusern. Auch kleinere Player betreiben dieses Geschäft mittlerweile sehr gekonnt und erfolgreich.

>> Was verbirgt sich genau hinter diesem algorithmischen Handel?

Um lukrative Handelschancen zu identifizieren, bedienen sich diese Händler statistischer Modelle. Im Rahmen derer analysieren sie historische Kurs- und Marktentwicklungen und setzen diese in einem längeren Betrachtungszeitraum zueinander in Beziehung. Im Ergebnis identifizieren sie Korrelationen. Sobald sich nun ein Kurs von einer solchen Korrelation entfernt, setzen diese Händler darauf, dass es sich dabei um eine Fehlbewertung handelt und dass sich der Kurs über kurz oder lang wieder anpassen wird.

Genau genommen handelt es hierbei um ein Arbitragegeschäft. Deswegen wird in diesem Zusammenhang häufig auch von Stat Arb, also Statistical Arbitrage, gesprochen. Diese Form des Handels ist in Europa vor zwei bis drei Jahren in Mode gekommen, in den USA sind diese Verfahren schon länger üblich. Man benötigt dafür leistungsfähige und besonders schnelle Handels- und Börsensysteme, sonst funktioniert es nicht. 

>> Und solchen Händlern geben Sie wichtige statistische Rohdaten an die Hand?

Richtig. Dafür sind die Kollegen im Marktdatenbereich zuständig. Gerade für sie ist die Statistik Tagesgeschäft. Sie stellen den Händlern und Interessierten allerdings nicht nur historische, sondern auch aktuelle Daten zur Verfügung - letztere sogar in „real time". Beim Veröffentlichen der aktuellen Kurse ist mittlerweile der Kampf um die Millisekunde entbrannt. Denn wir geben die aktuellen Kurse unverzüglich bekannt. Viele tägliche Statistiken stellen wir als Börse kostenlos zur Verfügung.

>> Warum ist dieses Angebot kostenfrei, gehört das zum guten Ton einer Börse?

Es ist eine Dienstleistung, die unseren Börsenplatz attraktiver macht. Insofern ist es eine Form des Marketings, statistische Materialien dieser Art kostenfrei anzubieten. Dahinter steckt das Verständnis, dass sich auf einem transparenteren Markt mehr Handelsmöglichkeiten ergeben.

Demgegenüber gibt es aber auch Dienstleistungen, die wir gegen Entgelt anbieten.

Eine Bank oder ein Anleger kann bei uns ganz individuell und ad hoc eine Anfrage stellen, etwa zu einem bestimmten Beta zwischen zwei Aktien. Auch das machen wir.


Was ist ein Beta-Faktor?

Ein Beta setzt die Entwicklung eines Aktienkurses beispielsweise mit der Entwicklung des Dax in Beziehung. Diese Kennzahl gibt damit Auskunft über das Risiko eines Aktieninvestments. Aktien lassen sich gemäß des Beta-Faktors in drei Gruppen einteilen: Ist das Beta größer eins, dann schwankt der Aktienkurs in unserem Beispiel stärker als der Dax. Bei einem Beta gleich eins, bewegt sich der Aktienkurs wie der Dax und liegt das Beta bei kleiner eins, dann schwankt der Kurs schwächer als der Dax.


>> Wie schaffen Sie es, dass sich die Transaktionen der einzelnen Händler quer über den Erdball millisekundenschnell in einem Kurs niederschlagen?

Das ist eine Frage der Technik, also der Hard- und Software, sowie des Daten-Netzwerkes, das wir nutzen. Wenn all das effizient funktioniert, ist es uns durchaus möglich, nahezu unverzüglich einen aktuellen Kurs zu veröffentlichen. Gute Beispiele hierfür sind unsere elektronischen Handelssysteme Xetra und Eurex, mit denen wir den Kassa- und Terminhandel betreiben.

Im Normalfall gibt ein Händler seine Order irgendwo auf der Welt auf. An Eurex kann ein Händler aus Sydney beispielsweise einen Zugangspunkt in Australien nutzen, für Xetra können Händler nahezu überall in Europa aber auch auf Gibraltar und neuerdings sogar in Dubai auf einen Zugangspunkt zurückgreifen. Der „direkte Draht" nach Frankfurt ist eine gesicherte börseneigene Datenverbindung. Hat der Händler seine Order erst dort hineingeschossen, wird die Transaktion blitzschnell ins Orderbuch eingestellt und daraufhin der Kurs bestimmt. Somit ist mittlerweile fast nur noch die Lichtgeschwindigkeit die beschränkende Determinante. 

>> Wie viele solcher Transaktionen wickeln Sie in Frankfurt täglich ab?

Unseren Rechner erreichen täglich im Schnitt rund zehn Millionen Transaktionen von Teilnehmern. An guten Tagen kommen daraus über eine Million Geschäfte zustande. Wobei zu berücksichtigen ist, dass ein Geschäft immer aus einer Kauf- und Verkaufseite besteht. Eine Million Geschäfte entsprechen folglich rund zwei Millionen ausgeführter Orders.

>> Sie setzen heutzutage bei der Bestimmung eines Aktienkurses also vor allem auf die IT. Gibt es dabei auch noch Handarbeit? Anders gefragt: Sind bei der Kursbestimmung noch Mitarbeiter involviert?

Bei den oben angesprochenen elektronischen Handelsplattformen Xetra und Eurex ist dies nicht mehr der Fall

Eine Ausnahme ist allerdings das Parkett. Hier ist der Handel noch intermediärsbasiert. Bis dato ist dort sogar noch die Mitwirkung eines so genannten Skontroführers vorgeschrieben. Er ist kein Mitarbeiter der Deutschen Börse, sondern Angestellter eines Wertpapierhandelshauses. Er ist von uns beauftragt, den Kurs festzustellen. Das macht er natürlich nicht willkürlich. Er berücksichtigt selbstverständlich auch Börsenvorschriften, hat jedoch einen gewissen Spielraum, um die jeweils spezifische Marktsituation zu berücksichtigen. 

>> Was genau ist die Aufgabe eines Skontroführers?

Das lässt sich am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen: Ein Händler ist bereit eine Aktie zum Beispiel für 12 Euro zu kaufen, ein anderer möchte dafür mindestens 10 Euro erhalten. Ein Problem, dass der Skontroführer löst. Er entscheidet, wo genau zwischen 10 und 12 Euro der Preis letztendlich liegt. Bei seinen Überlegungen zieht er die aktuelle Marktlage, beispielsweise den letzten Kurs, aber auch seine Erfahrung zu Rate. Wichtig ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass der Skontroführer neutral ist.

>> Die Handelsvolumina auf den elektronischen Marktplätzen nehmen zu, geht dem Skontroführer deswegen über kurz oder lang die Arbeit aus?

Das stimmt, es werden mehr und mehr Aktien beispielsweise über Xetra gehandelt. Der Anteil gehandelter Aktien auf dem Parkett hingegen geht zurück. Dennoch muss sich der Skontroführer keine Sorgen machen. Der Grund liegt in dem zunehmenden Handel von Investmentfonds über die Börse. Des Weiteren werden auch in Zukunft Smallcaps bevorzugt über das Parkett gehandelt. Gerade beim Handel der Aktien der kleineren Aktiengesellschaften macht es weiterhin Sinn, auf die Kompetenz und Erfahrung des Skontroführers auf dem Parkett zu setzen, denn er führt Angebot und Nachfrage in einem Wertpapier zusammen und kann bei Bedarf auch selber vorübergehend Liquidität bereitstellen, in dem er einen Überhang in Angebot oder Nachfrage mit seinem eigenen Handelsbestand bedient. 

>> Werden heute eigentlich auch Wertpapiere außerhalb der Börse gehandelt?

Ja, das ist durchaus möglich. Das Stichwort ist hier „over the counter" oder kurz gesagt OTC: Zwischen Banken werden Wertpapiere auch außerbörslich gehandelt. Letztendlich steht es jedem frei, seine Aktien an einen Dritten zu verkaufen. Das können im Übrigen sowohl Privatpersonen als auch Banken, allerdings muss man sich dann immer noch um die Umbuchung der Wertpapiere vom Depot des Verkäufers auf das des Käufers kümmern, weil die meisten Wertpapiere heute nur noch papierlos von Depotstellen wie etwa Banken verwaltet werden, und nicht mehr als gedruckte Stücke ausgegeben werden.

>> Haben OTC-Geschäfte auch Auswirkungen auf den Aktienkurs?

Andersherum wird ein Schuh daraus. Ohne die Börsen beziehungsweise die dort festgestellten Kurse hätten es die OTC-Akteure schwerer. Denn auch wenn sie außerbörslich handeln, berücksichtigen sie die Aktienkurse, die an der Börse festgestellt wurden; sozusagen als Referenzmarke. Die OTC-Transaktion selbst wirkt allerdings nicht direkt auf den börslichen Aktienkurs, weil OTC-Geschäfte nicht im börslichen Orderbuch berücksichtigt werden. 

>> Eine letzte Frage noch: Wie wurden eigentlich Aktien früher gehandelt?

Ganz früher war der Aktienhandel eine zwischenmenschliche Sache. Die Akteure trafen sich etwa auf den Börsenplätzen in London oder Frankfurt und kauften beziehungsweise verkauften ihre Wertpapiere. Damals tauschten sie diese auch physisch miteinander aus. Später wurde an den Börsen nur noch gehandelt, wohingegen der physische Austausch der Wertpapiere zeitlich verzögert erfolgte. So wurden beispielsweise nach einer erfolgreichen Transaktion Wertpapiere in Paketen vom Verkäufer zum Käufer geliefert.

Ein wichtiger Meilenstein im Börsenhandel war die Erfindung des Telefons beziehungsweise des Telegraphs Ende des 19. Jahrhunderts. Er ermöglichte den fernmündlichen Handel.

Computer fanden an den Börsen bereits sehr früh Verwendung. Der Kassenverein, der Vorläufer der Deutschen Börse, setzte Computer bereits 1964 ein, um die Abrechnung zu beschleunigen. In den 1970er Jahren hielten weitere Großrechner an allen Börsen der Welt Einzug. In Deutschland war der von Computern und Telekommunikation unterstützte Präsenzhandel bis zur Einführung von Xetra 1997 der Normalfall - und er ist in Form des intermediärsbasierten Handel auf dem Frankfurter Parkett bis heute erfolgreich.

>> Herr Grzebeta, ich danke Ihnen für das interessante Gespräch.

 

Zum Interviewten

Sven Grzebeta ist im Business Development Equities & ETFs bei der Deutsche Börse AG in Frankfurt am Main tätig.

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