Betriebswirtschaftslehre
Einst sicherte ein findiger Olivenbauer seine Ernte durch ein Termingeschäft ab. Rund 4000 Jahre später wird eine Vielzahl von Geschäften quer über den Erdball auf Termin abgeschlossen. Gehandelt werden solche Derivate auf Währungen oder Erdöl; nicht nur an Börsen, sondern auch außerbörslich zwischen zwei Geschäftspartnern. Unser Frankfurter Experte gibt einen Überblick über Derivate und die weltweit wichtigsten Handelsplätze.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Kaum ein Markt ist in den vergangenen Jahren so schnell und mit einer solchen Intensität gewachsen wie der Markt für Derivate. Und es geht weiter, denn clevere Banker und Financial Engineers entwickeln immer neue oft sogar exotische derivative Konstrukte und bringen sie zum Einsatz.
Doch selbst das komplexeste Produkt basiert auf den seit Jahrzehnten bekannten klassischen derivativen Instrumenten. Es handelt sich demnach immer um ein Termingeschäft. Und: Der Wert dieses Geschäfts leitet sich von einem bereits vorliegenden originären Marktwert des Underlying, des Basiswertes zum Beispiel in Form einer Aktie oder eines Index, ab.
Geschäfte dieser Art sind übrigens keine Erfindung der letzten Jahrzehnte. Bereits 2000 Jahre vor Christus verkauften Olivenbauern ihre Ernte auf Termin. Diese Termingeschäfte zählen sicher zu den ältesten.
Anders als vor 4000 Jahren kann heute beim Derivatehandel zwischen einem börslichen und einem außerbörslichen Handel unterschieden werden. Letzterer wird auch OTC-Handel genannt. Die Abkürzung OTC steht für „over the counter" also den Handel „über den Tresen". Wenn Derivate an der Börse gehandelt werden, dann ausschließlich an den Terminbörsen wie zum Beispiel der European Exchange (Eurex), der Chicago Mercantile Exchange (CME) oder der New York Mercantile Exchange (NYMEX).
Termingeschäfte die zum Beispiel an der Eurex gehandelt werden, müssen standardisiert sein. Der Grund dafür ist einfach: Nur auf diese Weise kann ihre Übertragbarkeit beziehungsweise der schnelle unkomplizierte Handel, garantiert werden. Ein weiteres Übertragen wäre bei einer individuellen Lösung nicht so einfach möglich.
Ganz anders sieht dies allerdings bei den OTC-Derivaten aus. Hier können die vertragsschließenden Parteien alle Komponenten selbst verhandeln und diese letztendlich auch individuell festlegen. Das bringt durchaus Vorteile - etwa bei einem individuellen Absicherungsgeschäft. Der Nachteil liegt hier allerdings in der eingeschränkten Übertragbarkeit, denn die Komponenten eines OTC-Derivats sind maßgeschneidert auf den „ersten" Vertragspartner.

Eine weitere wichtige Unterscheidung wird bei Derivaten in Bezug auf die Bedingtheit des Geschäfts gemacht. So genannte unbedingte Termingeschäfte, zum Beispiel in Form von Futures oder Forwards, müssen zwingend ausgeführt werden.
Anders sieht es allerdings bei bedingten Geschäften aus, beispielsweise in Form eine Puts oder Calls. Hier wird dem Käufer ein Wahlrecht (Option) eingeräumt. Der Käufer entscheidet demnach, ob er die Option ausübt oder nicht. Der Verkäufer der Option geht eine Stillhalterposition ein. Er ist somit der „stille" Gegenpartner.
Neben bedingten und unbedingten Derivaten sind SWAPs eine andere Form von hoch strukturierten Finanzinstrumenten. Im Rahmen derer werden zum Beispiel Zahlungsströme miteinander ausgetauscht. SWAPs kommen in der Regel bei großen und institutionellen Investoren oder bei Unternehmen zum Einsatz. Nicht selten sind diese an ein anderes Grundgeschäft (etwa einen Kredit, bei welchem Zinsänderungen durch den SWAP abgesichert werden sollen) gekoppelt.
Die Bank als Maßschneider
Der OTC-Derivatemarkt ist vielfältig. Meist fungieren große Banken als Anbieter von außerbörslich gehandelten Derivaten. Sie entwickeln Derivate als Problemlösungen für ihre Kunden - passgenau. Die Anwendungsgebiete sind sehr unterschiedlich, sie betreffen etwa den Devisen-, Zins- oder den Aktienmarkt.
In den meisten Fällen geht die vertragsschließende Bank die Gegenposition zur Kundenposition ein. Sie kann trotzdem jederzeit ein weiteres Geschäft mit einem anderen Kunden abschließen, sofern dieser ein gegensätzliches Interesse hat, wie der Kunde, für den das Derivat entwickelt wurde. Diese Chance minimiert das Risiko der Bank.
Als Ende der 1980er Jahre die Deutsche Terminbörse (DTB) gegründet wurde, hatte niemand zu hoffen gewagt, dass diese Börse so erfolgreich sein würde. Denn die Konkurrenz aus London, Paris und New York war groß. Dennoch setzte sich die kleine deutsche Derivatebörse mit einem guten, fairen und schnellen Marktmodell durch.
Im Jahr 1998 fusionierte die DTB mit der Swiss Options and Futures Exchange (SOFFEX) zur European Exchange (Eurex). Die Eurex zählt heute zu den wichtigsten Terminbörsen der Welt und ist, gerechnet nach Handelsvolumen, einer der größten Marktplätze im Derivatehandel.
Was verbirgt sich hinter DJ EURO STOXX 50® und Euro Bund Future?
Der DJ EURO STOXX 50® ist ein breitgefächerter Europäischer Aktienindex, welcher als Pendant zum deutschen DAX® angesehen werden kann. Er bildet folglich die Aktienmarktentwicklung für den Euroraum ab. Es stehen sowohl Optionen als auch Futures zum Handel an der Eurex zur Verfügung.
Der Euro Bund Future ist ein Rentenfuture, welchem eine 8,5-10,5-jährige fiktive 6-prozentige Bundesanleihe zu Grunde liegt. Somit kann ein Investor aktiv auf Zinsänderungen reagieren und sowohl spekulativ als auch aus Absicherungsaspekten diesen handeln. Dabei hat er die Wahl, sowohl Optionen als auch den Future selbst in seine Strategien aufzunehmen. Der Euro Bund Future ist für den Handel an der Eurex und in den USA zugelassen.
Im Februar 2008 lag das Handelsvolumen bei zirka 179 Millionen Kontrakten. Dies entspricht einem Anstieg von knapp 32 Prozent gegenüber dem Vergleichsmonat im Vorjahr, in dem rund 136 Millionen Kontrakte gehandelt wurden. Taucht man etwas tiefer in die Statistik ein, so kann man schnell erkennen, dass die Produkte auf den DJ EURO STOXX 50® sowie auf den Euro Bund Future die meistgehandelten Gattungen sind.
Die Eurex bietet allerdings ein breit gefächertes Produktspektrum (unter anderem Index-, Aktien-, Renten-Produkte) an. Neue Trends werden schnell berücksichtigt. Ein Beispiel: Kreditderivate (iTraxx®).
Die Mutter aller Terminbörsen ist das Chicago Board of Trade (CBoT). Hier wurde 1848 zum ersten Mal ein standardisierter Terminkontrakt gehandelt. Im Jahr 2007 wurde das CBoT von der anderen großen Chicagoer Terminbörse der CME gekauft.
In New York ansässig und nicht vom Handel wegzudenken ist die NYMEX, die weltgrößte Warenterminbörse, und das NYBOT (New York Board of Trade). Die NYMEX entstand aus dem Zusammenschluss der New York Mercantile Exchange und der COMEX (New York Commodity Exchange) im Jahre 1994. Haupthandelsgegenstand sind unter anderem Warenprodukte wie Öle und Metalle.
Daneben gibt es in den USA eine ganze Reihe weiterer Terminbörsen, die sich sowohl spezialisiert haben, als auch das komplette Terminmarktangebot bedienen.
Als wichtige Terminbörse in Europa ist neben der Eurex die Vierländerbörse Euronext zu nennen. Sie betreibt die London International Financial Futures and Option Exchange (LIFFE) in London. Mitte 2006 gab die Euronext ihre Fusion mit der New York Stock Exchange (NYSE) bekannt und firmiert seit dem unter dem Namen NYSE EURONEXT. Der Pariser Derivatemarkt Marché à Terme International de France (MATIF) und MONEP werden ebenfalls von der Euronext betrieben. Die London Metal Exchange (LME) gehört neben den Adressen in den USA (NYMEX) und in Singapore (SIMEX) zu den großen Metallwarenbörsen weltweit.
In Asien ist nach Osaka vor allem Singapore als weitere wichtige Drehscheibe für den Derivatehandel zu nennen. Die dort ansässige SIMEX (Singapore International Monetary Exchange) wurde im Jahre 1984 gegründet und fusionierte 1999 mit der Stock Exchange of Singapore.
Der Handel mit Derivaten ist mittlerweile weltumspannend. Durch die beschriebenen Börsenfusionen wurden effektive und schnelle Marktplätze mit guter Infrastruktur und letztendlich auch mit viel Liquidität geschaffen. Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren weiter fortsetzen, denn das Wachstum der Derivatemärkte ist noch nicht zu Ende.
Was einst als Absicherung einer Olivenernte begann findet heute in der Finanzwelt - in Bezug auf die Komplexität und die Ausgestaltung - seinen vorläufigen Höhepunkt. Wobei hier die Betonung auf „vorläufig" liegen muss. Es ist also mit Spannung zu erwarten, wie es weitergeht, die Derivate-Weltstory!
Michael Bloss ist Wertpapierspezialist und Prokurist der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Gleichzeitig ist er Lehrbeauftragter im Masterstudiengang International Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen. Sein Fachgebiet sind terminbörsengehandelte Derivate sowie deren Strategien. Er ist zudem Autor und Mitautor von diversen Publikationen zu terminbörsenrelevanten Themen.