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Titelbild zum Beitrag: Die Sache mit der Macht
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Die Sache mit der Macht

Machtbegriff und Machtverhältnisse in internationalen Beziehungen

Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden. Das war zumindest die Meinung des Naturforschers Adelbert von Chamisso. Auf die Frage, ob Macht in der internationalen Politik Probleme schafft oder sie vielleicht sogar löst und ob sie eher gestärkt oder gezähmt werden sollte, geht eine Politikexpertin aus Hannover ein. Sie gibt im Rahmen dessen auch Auskunft darüber, inwieweit Macht männlich oder weiblich ist.

Von Professor Dr. Christiane Lemke, Leibniz Universität Hannover

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Internationale Beziehungen sind in vielfältiger Weise durch Machtverhältnisse geprägt. Schon in der Bezeichnung eines Landes als „Weltmacht", oder in Begriffen wie „Militärmacht", „Wirtschaftsmacht" und „Zivilmacht" kommt zum Ausdruck, wie sehr das internationale System durch Machtverhältnisse charakterisiert wird.

Anders als in der Innenpolitik existiert in den internationalen Beziehungen aber weder ein allgemein anerkanntes Machtzentrum, noch gibt es eine verfassungsmäßig geregelte Gewalten- und Aufgabenteilung auf der internationalen Ebene. So hat im Völkerrecht jeder Staat, unabhängig von seiner Größe und der politischen Verfasstheit gleiches Recht und gleiche Stimme in den internationalen Organisationen, wie beispielsweise in den Vereinten Nationen.

Macht global nicht gleich verteilt

Tatsächlich sind Machtverhältnisse in der Weltpolitik jedoch ungleich verteilt. Ein Gleichgewicht der Macht existiert, global gesehen, nicht. Stattdessen wird Machtverteilung auf der internationalen Ebene je nach theoretischer Ausrichtung, entweder als unipolar - mit den Vereinigten Staaten als führender Weltmacht oder einer dominanten Rolle des neuen American Empire - beschrieben, oder es wird eine multipolare Machtverteilung angenommen, in der mehrere, regional unterschiedene Machtzentren existieren - neben den Vereinigten Staaten insbesondere auch die Europäische Union und der asiatisch-pazifische Raum.

Aufgrund der faktisch gegebenen ungleichen Machtverteilung zwischen Staaten und Regionen, welche ein Ergebnis historischer, ökonomischer, militärischer und geopolitischer Entwicklungen ist und auch als „institutionalisierte Ungleichheit" (Zürn 2007) bezeichnet wird, kommt es immer wieder zu Spannungen und Konflikten.

Ob Macht in der internationalen Politik durch Erzwingungsprozesse („hard power") erworben und gehalten wird, oder ob sie durch Aushandlungs- und Überzeugungsprozesse („soft power") hergestellt wird, ist eine zentrale Frage für die Beschäftigung mit der internationalen Politik.

Ein Verhältnis zwischen Ungleichen

Theoriegeschichtlich geht das klassische sozialwissenschaftliche Machtkonzept auf Max Weber zurück. Weber bezeichnete Macht als „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht." (Weber 1956: 38) Macht ist nach Weber Bestandteil aller sozialen Beziehungen; diese beruhen wiederum auf einem Verhältnis zwischen Ungleichen. Der Machtbegriff erscheint bei Weber allerdings als eine amorphe, vieldeutige Kategorie, da die Willensdurchsetzung von vielerlei Bedingungen abhängen kann.

Weber führte daher den präziser bestimmten Begriff von Herrschaft ein, um solche sozialen Zusammenhänge zu charakterisieren, in denen eine „Fügsamkeit" unter Ungleichen hergestellt wird. Ausgehend von seinem Machtbegriff unterschied Weber drei Formen legitimer Herrschaft: legale, traditionale und charismatische Herrschaft, die durch verschiedene Ausformungen von Befehlsgewalt und Gehorsamspflicht charakterisiert werden. Der von Weber geprägte Ansatz, Macht als Willensdurchsetzung, oder als Macht „über andere" zu definieren, wurde, insbesondere nach dem 2. Weltkrieg, zur Grundlage der neu entstehenden Theorien internationaler Beziehungen und er prägt die Debatte bis heute.

Macht setzt soziale Beziehungen voraus

Alternativ zu diesem Konzept kann man den interaktiven Machtbegriff von Hannah Arendt unterscheiden, der in jüngerer Zeit auch in der Analyse internationaler Beziehungen rezipiert wird. Auch für Arendt setzt Macht soziale Beziehungen voraus, aber sie beinhaltet nicht einfach Willensdurchsetzung, sondern soziales Handeln, Aktivität und sprachlich vermittelte Überzeugungsarbeit. Macht ist nach Arendt zu verstehen als Fähigkeit, „mit anderen" zu agieren.

„Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit ihnen zu handeln."

Über Macht verfügt niemals ein einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur solange existent, wie die Gruppe zusammenhält." (Arendt 1970:45) Macht bedarf nach Arendt stets der Legitimität; das heißt, dass diejenigen, die Macht ausüben, hierzu autorisiert sein müssen. Macht, die nicht autorisiert ist, wird zur Gewalt, wie Arendt anhand ihrer Studien über die nationalsozialistische Herrschaft und die Sowjetunion zeigt.

Zwei Denkschulen: Realismus und Institutionalismus

Aufgrund eines fehlenden, allgemein als legitim betrachteten Machtzentrums wurden die internationalen Beziehungen zunächst als „anarchisch", das heißt ohne Herrschaft, charakterisiert. Internationale Politik sei, so ein prominenter Vertreter der sich als „realistisch" bezeichnenden Denkschule, wie alle Politik stets ein „Kampf um Macht." (Morgenthau 1963: 60). Daher müssten Staaten ihre nationalen Interesse klar formulieren und stets bestrebt sein, ihre Macht in den Außenbeziehungen zu festigen; auch eine Machtausdehnung, insbesondere um die eigene Sicherheit zu gewährleisten, wird von den Realisten unter diesen Bedingungen als legitim betrachtet.

Mit der Bedeutungszunahme internationaler Organisationen geriet diese Position jedoch immer mehr in die Kritik. Zum einen konnte die Priorität, die der Realismus den militärischen und Sicherheitsinteressen zuschreibt, angesichts weltweiter wirtschaftlicher Verflechtungen immer weniger aufrechterhalten werden.

Regime, die kooperieren

Wirtschaftliche Beziehungen gewannen angesichts der Globalisierung des Weltmarktes immer größere Bedeutung. Zum zweiten erforderten globale ökologische und soziale Probleme eine verstärkte Kooperation zwischen Staaten. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und einer befürchteten Ressourcenknappheit werden seit einiger Zeit beispielsweise im Umwelt- und Klimaschutz allgemeine Regeln und Normen entwickelt, in Verträgen festgeschrieben und von internationalen Organisationen überwacht, ein Prozess, von dem sich die Länder eine nachhaltige und effektive Politik versprechen.

Kooperationen im Rahmen von „Regimen", etwa dem Umweltregime, gelten dabei als zukunftsweisender Weg einer nachhaltigen Weltklimapolitik. Auch im Bereich der Menschenrechte besteht die Erwartung - insbesondere nach dem Wegfall der ideologischen Konfrontation im Ost-West-Konflikt - über die Stärkung internationaler Normen und Regeln und normbasiertes politisches Verhalten sowie die Aufwertung von menschrechtspolitischen Instrumenten auch in den Ländern, in denen grobe Menschenrechtsverletzungen begangen werden, zur Verbesserung der internationalen Menschenrechtslage beizutragen.

Macht stärken oder zähmen

Global Governance, das Regieren mithilfe von Normen und Regeln ohne eine „Weltregierung", wird vom Institutionalismus als eine Form der Normen geleiteten Gestaltung internationaler Beziehungen betrachtet. Realisten und Institutionalisten stimmen zwar darin überein, dass die Macht von Staaten unterschiedlich verteilt ist. Während die machtpolitisch orientierten Realisten jedoch die Macht von Staaten als primäres Steuerungsinstrument weiterentwickeln und stärken wollen, sehen die Institutionalisten verbindliche Normen und die dadurch bewirkte Einhegung und Zähmung von Macht als primäres Steuerungsinstrument internationaler Beziehungen.

Die realistische Denkschule steht internationalen Organisationen dementsprechend skeptisch bis ablehnend gegenüber, da sie die Macht von Staaten beschränken können, während die Institutionalisten ihre Erwartungen in globale Regulationsverfahren und eine Durchsetzung von allgemeingültigen Regeln, Normen und Verhaltensweisen setzen.

Macht durch Kommunikation

Vor allem in der deutschsprachigen Diskussion übt heute die von Jürgen Habermas entwickelte Theorie des kommunikativen Handelns einen wichtigen Einfluss aus (vgl. Habermas 1981). Machtverhältnisse werden, so Habermas, durch ökonomische und soziale Beziehungen konstituiert, und können, einmal etabliert, durch Kommunikationsprozesse vermittelt und verändert werden. Gesetzte Normen und Verhaltensweisen werden dabei hinterfragt und neue Regeln entwickelt. Vor allem im Sozialkonstruktivismus findet diese theoretische Konzeption heute Verbreitung. So schreibt etwa der Berliner Politikwissenschaftler Thomas Risse:

„Lernen und Überzeugen spielen nicht nur in multilateralen Verhandlungen und trisektoralen Netzwerken eine Rolle, sie sind auch Mechanismen zur Sozialisation von Akteuren in neue Regeln...In der internationalen Politik gibt es nicht etwa einen Mangel an Regeln und Normen, sondern wir leben in einem äußerst stark regulierten und verrechtlichen internationalen System." (Risse 2007: 78f.)

Kritik am Begriff der Macht

Die Verwendung des Machtbegriffs in der Analyse internationaler Beziehungen ist immer wieder kritisch kommentiert und hinterfragt worden. Ob Macht überhaupt eine grundlegende Strukturkategorie ist, wird vor allem in poststrukturalistischen Arbeiten bezweifelt. Die britische Autorin Cynthia Weber (1995) geht beispielsweise davon aus, dass staatliche Macht in einem historischen Prozess konstruiert worden sei und einer diskursiven Praxis entspringe. Sie argumentiert, dass Staatlichkeit mit ihrer klassischen Konzeption von Souveränität durch spezifische Konfigurationen von Macht und Wissen dazu diene, um eben diese Machtverhältnisse aufrechtzuerhalten (vgl. auch Burchill/Linklater 1996:183). Daher könne Macht nicht als „objektive" wissenschaftliche Kategorie verwendet werden.

Macht ist männlich...

Kritik kommt auch von feministischen Forschungsansätzen. Die amerikanische Politikwissenschaftlerin J. Ann Tickner (1992) argumentiert beispielsweise, dass der in der Realistischen Denkschule zugrunde gelegte Machtbegriff eine „männlich" geprägte Konstruktion darstellt, indem traditionelle männliche Attribute wie das rationale, strategische Kalkül und das Streben nach Macht als allgemeinmenschliche Verhaltensmuster angenommen und dann auf das Agieren von Staaten angewandt werden.

... und Sicherheit weiblich

Für Tickner ist das Streben nach Macht kein Grundprinzip menschlicher Ordnung, sondern es stellt nach ihrer Auffassung vielmehr die Ursache für viele Probleme der internationalen Beziehungen dar; erst das Machtstreben und die militärische Aufrüstung habe zu einer ernsthaften Sicherheitsbedrohung der Welt geführt, so Tickner, und eine die Sicherheit gefährdende Dominanzkultur verhindere die Bearbeitung anderer wichtiger Probleme der internationalen Politik. Dementsprechend plädiert Tickner für einen neuen Sicherheitsbegriff, bei dem „weiblich" geprägte Verhaltensmuster und Werte, wie die Fähigkeit zur Verständigung, das Bedürfnis nach Schutz, und kollektive Sicherheit im Mittelpunkt stehen.

Macht und internationale Zivilgesellschaft

In der neueren Literatur bezeichnet der Machtbegriff einen komplexen sozialen Zusammenhang, der auch empirisch überprüfbar sein soll. Michael Barnett und Raymond Duval (2005) entwickeln beispielsweise ein mehrdimensionales Machtkonzept, mit dem sie sich von einem einseitigen, dominanten Machtbegriff abgrenzen.

Allerdings wird heute nicht mehr von einem uneingeschränkten Einfluss von Staaten auf Machtverhältnisse und Machtverteilung ausgegangen. Vielmehr sind neben die Staaten als zentrale Akteure auch internationale zivilgesellschaftliche Gruppen getreten, die nichthierarchische Organisationsformen bilden und Teil einer internationalen Zivilgesellschaft sind.

Macht in Staat und Gesellschaft

Die Forschergruppe „Global Civil Society" an der London School of Economics gibt beispielsweise an, dass die Zahl der Nicht-Regierungsorganisationen unterschiedlicher Prägung seit Beginn der 1990er Jahre enorm angewachsen sei. Beim internationalen Klimaschutz, in der Handelspolitik oder bei Menschenrechtsfragen agieren inzwischen nicht mehr nur Staaten, sondern eine Vielzahl von zivilgesellschaftlich verankerten Organisationen, die neue Foren globaler Kommunikation nutzen und die klassischen Formen internationaler Beziehungen verändern. Neben die „Staatenwelt" der internationalen Politik ist damit die „Gesellschaftswelt" getreten, die, teilweise mit einem Konsultativstatus bei den Vereinten Nationen, Einfluss auf die Inhalte und Formen internationaler Politik ausübt.

 

Autorin

Prof. Dr. Christiane Lemke ist Professorin für Politische Wissenschaft an der Leibniz Universität Hannover und Sprecherin des Jean Monnet European Center of Excellence

 

Literatur

Arendt, Hannah: Macht und Gewalt, dt. München 1970

Barnett, Michael/Raymond Duvall: Power in International Politics, in: International Organization, Winter 2005, S. 39-75

Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bd., Frankfurt a. M. 1981

Morgenthau, Hans Joachim: Macht und Frieden, Gütersloh 1963 (engl. Politics Among Nations, New York 1948)

Risse, Thomas: Global Governance und kommunikatives Handeln, in: Peter Niesen (Hg.): Anarchie der kommunikativen Freiheit, Frankfurt a. M. 2007, S. 78f.

Tickner, J. Ann: Gender and International Relations. Feminist Perspectives on Achieving Global Security, New York 1992

Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1956

Zürn, Michael: Institutionalisierte Weltpolitik. Jenseits der Alternative ´Global Governance´ versus ´American Empire´, in: Politische Vierteljahresschrift 48. Jg., H.4/2007, S. 680-704

 

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