Politikwissenschaft
Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden Menschen in Deutschland in den Schulen zu Untertanen oder Patrioten erzogen. Ziel war es, die vorherrschende Staatsform zu legitimieren und nicht zu gefährden. Heute verfolgt die politische Bildung hierzulande ein ganz anderes Ziel: Mündige Bürger und Demokraten. Unser Experte aus Eichstätt-Ingolstadt erklärt, warum dies so wichtig ist.
Von Professor Dr. Joachim Detjen, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Die politische Bildung ist so alt wie die Menschheit. Das ist bei näherer Betrachtung keine Überraschung, denn jede Gesellschaft muss ihre politische Ordnung den Gesellschaftsmitgliedern vermitteln. Heute wie damals geschieht dies vorrangig in der Schule. Das moderne Schulwesen beginnt mit der Gründung von Schulen durch die absolutistisch regierten Fürstenstaaten im 17. Jahrhundert. Seit dieser Zeit, das heißt von Beginn an, werden die Schulen mit der Aufgabe betraut, einen Beitrag zur politischen Bildung und Erziehung der jungen Generation zu leisten.
Auf die Frage, worin nun genau dieser Beitrag bestehen soll, wurden und werden unterschiedliche Antworten gegeben. Diese lassen sich zu vier grundsätzlichen Funktionen zusammenfassen:
Die zweite, dritte und vierte Funktion haben gemeinsam, dass sie auf die Bestandssicherung der politischen Ordnung gerichtet sind. Mit guten Gründen kann man behaupten: Die Sicherung der politischen Ordnung ist der eigentliche Grund dafür, dass die politische Bildung überhaupt als staatliche Aufgabe begriffen wird.
Die Mündigkeit des Individuums als generelles Ziel der Bildungsbemühung geht historisch auf den Neuhumanismus zurück. Der Neuhumanismus war eine Intellektuellenbewegung, die etwa ab 1750 in Deutschland zu wirken begann. Das neuhumanistische Ideal war die Beförderung rein menschlicher Bildung und Erhöhung aller Geistes- und Gemütskräfte zu einer schönen Harmonie des inneren und äußeren Menschen.
Zusammengefasst kann man dieses Ideal als Mündigkeit bezeichnen. Das Ideal war gegen die Aufklärungspädagogik gerichtet, die vor allem auf die Nützlichkeit von Bildungsgütern setzte. Der bekannteste Neuhumanist ist Wilhelm von Humboldt. Er initiierte die preußische Schulreform nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon 1806, die deshalb deutlich den Geist des Neuhumanismus atmete.
Allerdings verlor die Schulreform bald an Schwung. Ihre Intentionen gingen bei der Umsetzung in die praktische Schulpolitik verloren. Ein Grund dafür war, dass der Obrigkeitsstaat, aber auch die Eltern ihre weniger idealistischen Ansprüche durchsetzten. Dem Obrigkeitsstaat kam es auf die Ausbildung eines Untertanengeistes, den Eltern auf praktische Nützlichkeit an. Die Mündigkeit des Einzelnen als Bildungsziel gelangte erst wieder in der Bundesrepublik Deutschland zur Geltung. Dies ist jedoch kein Zufall!
Denn das Ziel der Mündigkeit entspricht in besonderer Weise dem demokratischen Verfassungsstaat. Dieser setzt das mündige Individuum nämlich nicht nur in den privaten Rechtsbeziehungen voraus. Er setzt Mündigkeit auch im Bereich der politischen Meinungsbildung und der politischen Artikulation voraus. Der demokratische Verfassungsstaat lebt davon, dass seine Bürger in politischen Dingen urteils- und handlungsfähig sind.
In diesem Sinne postulierte der Philosoph Theodor W. Adorno: Eine Demokratie, die nicht nur funktionieren, sondern ihrem Begriff gemäß arbeiten soll, verlangt mündige Menschen. Man kann sich verwirklichte Demokratie nur als Gesellschaft von Mündigen vorstellen. Wer innerhalb der Demokratie Erziehungsideale verficht, die gegen Mündigkeit, also gegen die selbstständige bewusste Entscheidung jedes einzelnen Menschen, gerichtet sind, der ist antidemokratisch, auch wenn er seine Wunschvorstellungen im formalen Rahmen der Demokratie propagiert.
Eine politische Bildung, die dem Ziel der politischen Mündigkeit verpflichtet ist, ist daran zu erkennen, dass sie die selbstständige Auseinandersetzung der Lernenden mit der Politik zulässt. Sie versucht nicht, die Ergebnisse der Auseinandersetzung vorwegzunehmen oder in eine gewünschte Richtung zu lenken. Sie bemüht sich aber um eine Verbesserung der Urteilsfähigkeit der Lernenden. Dies schließt notwendigerweise die Vermittlung gehaltvollen politischen Wissens ein.
Die Qualifizierung des Individuums zu einem funktionierenden Mitglied des Gemeinwesens steht nicht in jedem Fall im Gegensatz zur Förderung der politischen Mündigkeit. Handelt es sich nämlich um einen demokratischen Verfassungsstaat, dann ist die Mündigkeit ja gerade die angestrebte Qualifizierung der Menschen. In nichtdemokratischen Staaten sollen die Gesellschaftsmitglieder aber ganz anders funktionieren. Deshalb nimmt die politische Bildung und Erziehung dort eine andere Gestalt an als in einer Demokratie.
So sollten in den monarchischen Obrigkeitsstaaten des 17., 18. und 19. Jahrhunderts Untertanen herangezogen werden. Folglich war die politische Bildung und Erziehung angehalten, Gehorsam, Unterordnung und Pflichtenerfüllung zu predigen. Hierfür eignete sich in erster Linie der Religionsunterricht. Er konnte begründen, dass die Obrigkeit von Gott eingesetzt war und dass die Untertanen der Obrigkeit in erster Linie Gehorsam schuldeten.
In totalitären Diktaturen hatte und hat die politische Bildung den Auftrag, die Individuen so zu formen, dass ihr Denken und Handeln von der verbindlich vorgeschriebenen Ideologie bestimmt wird. George Orwells Roman 1984 liefert eine anschauliche Vorstellung davon, mit welchen Mitteln eine totalitäre Staatsmaschinerie das Denken zu formen versucht. Statt von politischer Bildung sollte man daher besser von politischer Indoktrination sprechen.
In seinem als Klassiker geltenden Roman 1984 beschreibt George Orwell den Schrecken eines totalitären Überwachungsstaates. Paradigmatisch hierfür steht die Formel Big Brother is Watching You. Die Handlung des Romans spielt in einem fiktiven Staat mit dem Namen Ozeanien. Dort unterdrückt eine von einem Großen Bruder geführte Parteielite die übrigen Parteimitglieder und das gemeine Volk (Proles). Von der Gedankenpolizei immer und überall überwacht, arbeiten die Proles für den Staat, ohne es wagen zu können, eigenständig über ihr Schicksal nachzudenken. Der im allgegenwärtigen, nicht abschaltbaren und in beide Richtungen funktionierenden Fernsehen geschürte Hass auf einen mythischen Feind schweißt alle zusammen. Die Muttersprache ist durch eine von schädlichen Begriffen, wie zum Beispiel dem der Freiheit, gereinigte neue Sprache (Neusprech) abgelöst worden.
Die Funktion Stabilisierung der jeweils gegebenen Herrschaftsordnung ist eine Erwartung, die immer in staatlich verordneter politischer Bildung mitschwingt. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um eine Demokratie, einen Obrigkeitsstaat oder eine Diktatur handelt. Der Staat hätte kein Interesse an politischer Bildung, würde er sich davon nicht eine Festigung der Legitimitätsgeltung seiner Ordnung im Bewusstsein der Menschen versprechen.
Man erkennt leicht, dass diese als Herrschaftslegitimation zu umschreibende Funktion sachlich sehr eng mit der eben vorgestellten Funktion verwandt ist. Denn die Anerkennung einer politischen Ordnung als legitim legt es nahe, sich gemäß den Erwartungen dieser Ordnung zu verhalten, also systemgerecht zu funktionieren. Die Praxis der Herrschaftslegitimation mittels politischer Bildung unterscheidet sich deutlich danach, ob es sich um eine Demokratie, einen monarchischen Obrigkeitsstaat oder eine totalitäre Diktatur handelt.
Politische Bildung in einer Demokratie versucht, die legitimierenden Verfassungsprinzipien so zu vermitteln, dass die Lernenden die Demokratie auch anerkennen. So macht sie begreiflich, dass die Demokratie eine sich um das Gemeinwohl bemühende Ordnung ist, die Herrschaftskontrolle ermöglicht und rechtsstaatliche Sicherheit gewährleistet. Die politische Bildung macht weiterhin klar, dass die politischen Akteure nicht aus Selbstermächtigung handeln, sondern weil sie durch Wahlen legitimiert sind. Die implizite Botschaft lautet, dass die Demokratie aufgrund dieser Qualitäten im Interesse der Menschen liegt.
In den monarchischen Obrigkeitsstaaten stellte die politische Bildung in Gestalt des Geschichts- und des Religionsunterrichts die gegebene Ordnung als gottgegeben und damit als unverrückbar dar. Der Unterricht vermittelte den Schülern zudem, dass das Gemeinwohl in den Händen des Monarchen am besten aufgehoben sei.
In den totalitären Diktaturen diente und dient nicht nur die politische Bildung, sondern jedes Unterrichtsfach und die Schule insgesamt der Herrschaftslegitimation. Das gesamte pädagogische Handeln unterliegt der Pflicht, die Vorzugswürdigkeit der bestehenden Ordnung zu propagieren und jegliche Infragestellung zu unterbinden. Dies schließt die Lobpreisung der politischen Führung ein. Widerspruch hiergegen zu äußern ist für Lehrende und Lernende mit einem existentiellen Risiko verbunden.
Die vierte Funktion ist die Verankerung der staatstragenden Ideologie oder der geistigen Grundlage des Gemeinwesens im Bewusstsein der Menschen. Auch hier unterscheiden sich Inhalt und Praxis der politischen Bildung danach, ob sie in einer Demokratie, einem Obrigkeitsstaat oder einer Diktatur veranstaltet wird. So kennen die modernen Demokratien keine verbindliche Ideologie. Sie basieren vielmehr auf einem weltanschaulichen Pluralismus.
Dieser ist Ausdruck der Freiheitlichkeit der Demokratien. Ihre geistigen Fundamente entstammen gleichwohl im Kern drei Quellen: dem Christentum, dem Humanismus und dem Aufklärungsdenken. Die politische Bildung ist um der Festigung der Demokratie willen gehalten, diese Quellen bewusst zu machen.
In den monarchischen Obrigkeitsstaaten Deutschlands sollte die politische Erziehung vor allem den Patriotismus fördern. Dieser trug im späten Kaiserreich sogar nationalistische Züge. In der Weimarer Republik sollte die politische Bildung - und nicht nur sie - der Pflege des Deutschtums dienen. Dies war eine Reaktion auf den verlorenen Ersten Weltkrieg, der das Selbstbewusstsein der Deutschen gewaltig erschüttert hatte.
In totalitären Diktaturen fungierte und fungiert die politische Bildung zur Propagierung der staatstragenden Ideologie. So waren im Dritten Reich die Schulen der Verbreitung der nationalsozialistischen Weltanschauung verpflichtet. In der DDR dienten die Schulen der Propagierung der marxistisch-leninistischen Ideologie. Einen Zugang für andere Denkweisen gab es in keiner der beiden Diktaturen.
Professor Dr. Joachim Detjen ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Bildung (Didaktik der Sozialkunde) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.