Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Wie sehr wünschen sich die Europäischen Staaten derzeit eine Lösung auf das in Fachkreisen genannte Griechenland-Problem. Das Land steckt in einer Finanzklemme, die Schulden des Staates belaufen sich auf horrende Summen. Können der Euro und die Europäische Union daran zerbrechen?
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Das Wort Katastrophe ist griechischen Ursprungs. Es bedeutet Wendung zum Niedergang. Wort und Bedeutung bringen die aktuelle ökonomische Situation im Land der Götter treffend auf den Punkt. Doch wie kam es soweit und wie konnte ein EU-Staat aus der Eurozone überhaupt in eine so prekäre Lage kommen?
Griechenland wurde 1981 als zehnter Staat in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen. 2002 erfolgte auch in der südosteuropäischen Volkswirtschaft die Einführung des Euro. Seither nahm die Staatsverschuldung Jahr für Jahr drastisch zu. Laut einer Schätzung des Magazins Wirtschaftswoche wird diese im Jahr 2010 unglaubliche 108 Prozent des BIP betragen, andere Quellen sagen sogar eine noch dramatischere Entwicklung voraus.
Hinsichtlich der Netto-Staatsverpflichtungen scheint die Lage laut Wirtschaftswoche nahezu aussichtslos: Hier ist Griechenland mit 875 Prozent des BIP belastet. Allein im Jahr 2010 kommt es laut Statistischem Bundesamt zu einer notwendigen Refinanzierung von 50 Milliarden Euro.
Vor der Einführung des Euro konnten die Griechen eigenständig - durch Abwerten der Drachme - Wirtschafts- und Stabilitätspolitik betreiben. Seit 2002 steht ihnen dieses Instrument nicht mehr zur Verfügung, denn die Europäische Zentralbank (EZB) betreibt seither mit dem Ziel der Preisstabilität eine gemeinsame Geldpolitik. Sie agiert als supranationale Organisation unabhängig und frei von politischem Einfluss.
Ein Problem besonders für die so genannten PIGS-Staaten (Portugal, Irland, Griechenland und Spanien). Die nachfolgende Grafik zeigt den Spread der einzelnen Anleihen im Vergleich zu Anleihen der Bundesrepublik Deutschland.
Angesichts des ausufernden Staatsdefizits nahm der Druck auf Griechenland besonders in den letzten Wochen und Monaten zu: Die Rendite zweijähriger griechischer Anleihen stieg in der Spitze auf 6,65 Prozent. Die Ratingagentur Fitch senkte das Rating für Griechenland von A- auf BBB+. Dabei wurden auch andere EWU-Länder in Mitleidenschaft gezogen - allen voran Portugal und auch Spanien.
Das schlechtere Rating lies die Kapitalbeschaffungskosten Griechenlands weiter steigen. Dies drängte den Staat regelrecht an die Wand. Eine heikle Situation für Griechenland aber auch für die Eurozone. Schließlich hat der Fall von Lehman Brothers gezeigt, welche Folgen ein Zahlungsausfall in einer wirtschaftlich stark verflochtenen Welt haben kann.
Zum Vergleich: Griechenland hat Wertpapiere in Höhe von 290 Milliarden Euro ausstehen, mehr als das doppelte der Ausstände der Investmentbank Lehman Brother im Herbst 2008 (140 Mrd. USD).[1]
Weises und vorausschauendes Handeln ist gefragt und notwenig, um einen Flächenbrand zu vermeiden, zumal im April und Mai 2010 die größten Teile der ausstehenden Rentenpapiere zur Prolongation anstehen.

Der Euro hat in den vergangenen Wochen, vor allem nach dem Bekanntwerden der kritischen Situation, deutliche Volatilität aufgenommen und die Frage aufgeworfen, ob das einst hohe Niveau des Euro wirklich gerechtfertigt war.
Die Europäische Union hat einen Sondergipfel einberufen, auf dem eine nachhaltige Hilfsstrategie für Griechenland beschlossen wurde. Dabei sollen die EU-Staaten Griechenland bei der Umsetzung eines strikten Plans zum Abbau der hohen Staatsverschuldung unterstützen.
Die EU-Kommission und die EZB werden die Realisierung der Maßnahmen scharf überwachen und - wenn nötig - weitere Schritte fordern und umsetzen.
Europa steht damit am Scheideweg: Verknüpft es die sich abzeichnenden Hilfen für Griechenland mit den wirtschaftlich notwendigen Auflagen und Sanktionen, würde es Anreize für die Griechen schaffen, ihre wirtschaftlichen Probleme selbst lösen.
Kommt es dagegen nur zu vagen Auflagen, könnten Griechenland und möglicherweise die anderen schwächere EU-Staaten dauerhaft Hilfe benötigen. Es stellt sich die Frage, wie geht es weiter?
Die anderen Staaten stützen Griechenland und greifen zum Beispiel mit einem Europäischen Bond (gesamtschuldnerische Haftung der Euroländer) dem bankrotten Land unter die Arme. [2] Dies würde zum einen jedoch Nachahmerstaaten auf den Plan rufen und zum anderen die unterstützenden Staaten sehr belasten. Allein für Deutschland kommt bei einem Anstieg des Zinsniveaus von 100 BP (1 Prozent) eine Mehrbelastung von 3 Milliarden Euro zu.[3] Auch bei einer klassischen bilateralen Kredithilfe wäre die Belastung für jedes Geberland sehr hoch und die damit verbundenen Risiken höher als bei der diskutierten Anleihenvariante.
Griechenland meldet offiziell Staatsbankrott an. Dies wäre ein bis dato einzigartiger Vorgang in der Eurozone, die Auswirkungen auf den Euro und die Europäische Union wären nicht zu überblicken! Doch Staatsbankrotte sind leider keine Seltenheit. Seit 1750 (erste offizielle und belastbare Aufzeichnungen) sind 70 Fälle von Staatsbankrotten bekannt.[4] Jedoch geschahen diese immer isoliert und waren nicht in einem gemeinsamen Währungs- und Zinsraum anzutreffen.
Gegen den Staatsbankrott spricht außerdem die Verwobenheit der einzelnen Banken untereinander. Sollte es dazu kommen, wären alle großen Geschäftsbanken rund um den Globus betroffen. Ein ähnliches Szenario wie beim Bankrott von Lehman Brothers ist dann zu erwarten. Die Gefahr eines Liquiditätskollapses ist hier jederzeit gegeben. Die Auswirkungen wären fatal.
Der Austritt Griechenlands aus der Eurozone. Dies würde zwar eine Lösung für den Währungsraum schaffen, Europa jedoch politisch entzweien. Ein solcher Schritt kann nur als deutlicher Rückschritt und Rückschlag für die Union und die Eurozone gewertet werden. In der Folge würden auch der europäische Binnenmarkt sowie die politische Integration zur Disposition stehen.
Des Weiteren wäre eine Wiedereinführung der nationalen Währung kaum zu realisieren. Ein deutlicher Preisverfall der Anleihen könnte im Vorfeld der Wiedereinführung große Probleme verursachen. Die Märkte würden einen Zahlungsausfall sofort einpreisen und eine zukünftige staatliche Kreditfinanzierung erschweren. Die in Euro liegenden Währungspositionen des Austrittlandes weisen für das Land große Wechselkursrisiken auf. Die durch die Leistungsbilanzdefizite aufgebauten Netto-Auslandsschulden machen dies massiv deutlich.
Die Lage ist angespannt, jedoch nicht hoffnungslos. Wie in einer Ehe gilt auch in der Eurozone in guten und in schlechten Zeiten versprochen wird, so sollte auch Europa das Problem gemeinsam anpacken. Die Staaten sind zur gegenseitigen Hilfe und zum gegenseitigen Eingestehen von Fehlern aufgerufen, denn nur zusammen sind wir stark.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance an der HfWU und unterrichtet als Lehrbeauftragter an weiteren namhaften Universitäten und Hochschulen.
[1] Quelle: Commerzbank AG CM-Research
[2] Hilfe aufgrund Art. 119 EGV: Gegenseitiger Beistand.
[3] Schätzung der NZZ unter Berufung auf die Europäische Investitionsbank (EIB)
[4] Quelle: NZZ: Konsequenzen eines Staatsbankrotts in der Euro-Zone.