Titelthema
Die meisten großen Unternehmen tun es: Sie investieren im Ausland. Sie bauen Fertigungen in fernen Ländern, fusionieren miteinander oder übernehmen - mehr oder weniger freundlich - einen ausländischen Wettbewerber. Die Ursachen solcher Investitionen sind sehr vielfältig, gleiches gilt für die Wirkungen solcher „Deals" auf die Unternehmen und die Volkswirtschaften. Ein Münchener Experte beleuchtet Auslandsinvestitionen genauer. Im Rahmen dessen zeigt er nicht nur, wie auf einen Schlag der weltweit größte Süßwarenhersteller entsteht, sondern auch warum die Rohstoffknappheit künftig Auslandsinvestitionen für viele Unternehmen noch attraktiver machen wird.
Von Diplom-Kaufmann Simon Neumair, Ludwig-Maximilians-Universität zu München
Wirtschaftliches Handeln findet heute zunehmend im globalen Kontext statt. Neben dem Wachstum des Außenhandels sind die zunehmende Mobilität und der an Bedeutung gewinnende Einsatz des Produktionsfaktors "Kapital" ein wesentlicher Indikator für die Globalisierung der Wirtschaft.
Die weltweite Liberalisierung des internationalen Handels und der Finanzmärkte, der freie Zugang zu Arbeitsmärkten mit niedrigen Kosten sowie die sich aufgrund wachsender Kaufkraft wandelnden Nachfragestrukturen in dynamischen Wachstumsmärkten (unter anderem in Ost- und Südostasien sowie Lateinamerika) machen eine verstärkte unternehmerische Präsenz auf ausländischen Märkten erforderlich. Dabei treffen global agierende Unternehmen ihre Standortentscheidungen aufgrund von Standort- und Marktbedingungen, wobei nationalstaatliche Grenzen als den Handlungsspielraum limitierender Faktor praktisch nicht mehr ins Kalkül gezogen werden.
Neue, die Kosten der Raumüberwindung reduzierende Technologien und eine zentrale Koordination internationaler Unternehmensaktivitäten ermöglichen eine neuartige Fragmentierbarkeit der Wertschöpfung. Die geographische Neuordnung betrieblicher Aktivitäten führt zur globalen Optimierung der gesamten Wertschöpfungskette. Verschiedene Produktions- und Vertriebsstätten eines Unternehmens sind miteinander und/oder mit anderen Unternehmen verbunden. Möglich wird dies erst durch die internationale Tätigung von Direktinvestitionen.
Grundsätzlich stellen Auslandsinvestitionen Kapitalanlagen eines Investors außerhalb des Staatsgebietes dar, in dem dieser ansässig ist. Dabei lassen sich zwei Formen von Auslandsinvestitionen unterscheiden:
Wo liegen die Unterschiede zwischen Direkt- und Portfolioinvestitionen?
Der wesentliche Unterschied zwischen beiden Formen besteht darin, dass bei der Direktinvestition der Investor nach einer unmittelbaren Managementkontrolle strebt, die er langfristig ausüben möchte. Mit der Portfolioinvestition verbindet sich dagegen nicht der Wunsch nach dauerhaftem Einfluss, vielmehr ist sie ertragswirtschaftlich motiviert oder wird zur Risikodiversifikation vorgenommen. Das Interesse am Investitionsobjekt ist meist von kurz- bis mittelfristiger Dauer. Allerdings muss man beachten, dass sich beide Motive nicht zwingend ausschließen müssen, da in der Praxis mit Direktinvestitionen häufig auch das Ziel der Maximierung der Eigenkapitalrendite verfolgt wird. Neben dem Motiv liegt ein weiterer wesentlicher Unterschied in der Transaktionsform. Während es bei der Portfolioinvestition nur zu einer rein monetären Kapitalübertragung kommt, kann die Direktinvestition sowohl einen monetären, einen realen (Sachleistungen) als auch einen intangiblen Vermögenstransfer (Technologie, Management-, Marketing- oder Organisations-Know-how), die Thesaurierung im Ausland erwirtschafteter Gewinne oder eine Kapitalaufnahme auf den Finanzmärkten des Auslands umfassen (vgl. Haas/Neumair 2006: 215).
Zur statistischen Qualifizierung einer Direktinvestition wird von den meisten nationalen und internationalen statistischen Ämtern ein Beteiligungsgrad von 10 Prozent herangezogen. Dies bedeutet, dass ab einer Beteiligungsquote von 10 Prozent nicht mehr alleine von Rendite- und Spekulationsmotiven auszugehen ist, sondern das Kontrollmotiv im Mittelpunkt steht. Dabei besteht die Frage, ob sich die Beteiligungshöhe auf die Kapital- oder die Stimmrechtsbasis bezieht. Die Deutsche Bundesbank geht daher davon aus, dass eine Direktinvestition dann vorliegt, sobald ein Beteiligungsgrad in Höhe von mindestens 10 Prozent entweder beim Kapital oder den Stimmrechten erreicht ist. Direkt- und Portfolioinvestitionen werden in der Kapitalbilanz als Teil der Zahlungsbilanz erfasst (vgl. Deutsche Bundesbank 1999: 59; Büter 2007: 109).
Direktinvestitionen erweitern maßgeblich den unternehmerischen Entscheidungsspielraum über Ländergrenzen hinweg; bei Investitionen in mehrere Länder kommt es zur Entstehung multinationaler Unternehmen. Nicht nur hinsichtlich der Standortwahl, sondern auch der Marktbearbeitungsform ist eine Direktinvestitionstätigkeit in höherem Maße Bestandteil des Prozesses der unternehmerischen Strategiewahl und tiefer in die gesamte Unternehmensstrategie eingebunden als der Außenhandel. Große Bedeutung besitzt die sorgfältige Analyse des Investitionsstandortes. Auch müssen Risiken durch Informations- und Kommunikationsbarrieren, unterschiedliche Verhaltens- und Organisationstraditionen sowie rechtliche Kenntnisse und der Umgang mit administrativen Hürden und Prozessen beachtet werden.
Da es bei Direktinvestitionen häufig auch zum Transfer personeller Ressourcen kommt, fällt zusätzlich das Problem der adäquaten Mitarbeiterauswahl an.
Analog zu den allgemeinen Zielen einer Internationalisierung lassen sich auch für Direktinvestitionen im Besonderen markt- oder absatzorientierte, beschaffungs- oder faktororientierte, kosten- oder aber ertragsorientierte sowie politische und umweltorientierte Motive unterscheiden (vgl. Haas/Neumair 2006: 69f.; Haas 2007: 69f. Werneck 1998: 28ff.; Oppenländer/Gerstenberger 1992: 4):
(1) Markt- und absatzorientierte Motive liegen in der Erschließung oder Entwicklung ausländischer Märkte. Rund 80 Prozent aller deutschen Direktinvestitionen erfolgen aus diesen Motiven. Hierbei sind binnenmarkt- und exportorientierte Direktinvestitionen zu unterscheiden. Werden die Leistungen im Gastland abgesetzt, handelt es sich um binnenmarktorientierte Direktinvestitionen. Bei exportorientierten Direktinvestitionen steht dagegen die Versorgung von Drittmärkten oder des Heimatmarktes im Vordergrund. Neben Marktgröße und Marktwachstum in den Zielländern stellt auch die Kundennachfolge einen wichtigen Bestimmungsgrund für markt- und absatzorientierte Direktinvestitionen dar. Unternehmen (zum Beispiel Zulieferbetriebe) folgen ihren Kunden (etwa Industrieunternehmen) ins Ausland, um die Geschäftsbeziehungen aufrecht zu erhalten („Kielwasserinvestitionen").
Ein weiterer Grund liegt im Vorhandensein protektionistischer Barrieren in den Zielländern. Direktinvestitionen werden getätigt, um Handelshemmnisse zu umgehen, zum Beispiel als Folge von Exportselbstbeschränkungsabkommen bei im Gastland nicht akzeptierten Exportaktivitäten, und diese Märkte „von innen" zu erschließen.
(2) Beschaffungs- oder faktororientierte Motive spielen besonders bei rückwärtsgerichteten, vertikalen Direktinvestitionen (vgl. unten) eine bedeutende Rolle. Durch die Beschaffung von Technologie, Humankapital, Rohstoffen, Vorprodukten und vielem mehr werden der langfristige Zugang und die Versorgung mit - oftmals standortgebundenen - Inputfaktoren für das investierende Unternehmen gesichert, Kostenvorteile realisiert und Einfluss auf die Produktionsprozesse und Qualität der Inputfaktoren gewährleistet.
Direktinvestitionen als Folge knapper werdender Rohstoffe
Vor allem wegen der fortschreitenden Verknappung von Rohstoffen, besonders im Energie- und metallischen Bereich, spielen beschaffungsorientierte Motive für Direktinvestitionen eine immer größere Rolle, was sich unter anderem an den drastisch zugenommenen chinesischen Direktinvestitionen in südamerikanische und afrikanische Bergbauunternehmen ablesen lässt.
(3) Kosten- und ertragsorientierte Motive stehen bei der Nutzung von Kostenvorteilen durch die Realisierung von Einsparungen zum Beispiel bei Produktions- und Transportkosten, insbesondere aber bei Lohn- und Lohnnebenkosten, im Vordergrund. An dieser Stelle setzt die Diskussion um die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland („job export") an, wie sie in Deutschland unter anderem an den Beispielen des AEG-Werks in Nürnberg oder des Nokia-Werks in Bochum geführt wurde.
(4) Politische Motive beziehen sich auf die Rahmenbedingungen, die von Unternehmen nicht unmittelbar beeinflusst oder verändert werden können. Sie stellen eine notwendige, nicht aber hinreichende Bedingung für die Durchführung von Direktinvestitionen dar. Günstige Rahmenbedingungen können etwa eine sichere politische Lage und Rechtsordnung, eine stabile gesamtwirtschaftliche Situation oder eine gut ausgebaute Infrastruktur sein. Vor allem für Direktinvestitionen in Entwicklungs- und Schwellenländern spielen solche Faktoren eine besondere Rolle. Dabei werden heute nicht nur Investitionsbarrieren abgebaut, sondern Investitionen auch gezielt gefördert. Die Maßnahmen dafür reichen von Subventionen über Steuervergünstigungen bis zu günstigen Krediten und der großzügigen Bereitstellung von Infrastruktur.
(5) Umweltmotive führen schließlich, beispielsweise im Grundstoff- und Produktionsgüterbereich, zu Investitionsentscheidungen im Ausland, wenn die Produzenten dort nicht nur mit niedrigeren Umweltschutzauflagen zu rechnen haben, sondern auch die Wahrnehmung von Umweltgefahren unter der Bevölkerung nur schwach ausgeprägt ist.
Insgesamt hängt die Entscheidung zur Tätigung einer Direktinvestition kaum von nur einem einzigen Motiv, sondern in der Regel von mehreren Faktoren ab. Ferner können sich die Motive im Laufe der Zeit auch ändern. Beispielsweise kann durch die Erschließung von Zulieferern in einem ausländischen Markt zu einer ursprünglichen Lohnkosten- später auch eine Beschaffungsorientierung hinzutreten. Binnenmarktorientierte werden häufig zu exportorientierten Direktinvestitionen, wenn die Produktion vom ursprünglichen Zielland der Direktinvestition aus immer mehr auf den Export in benachbarte Länder der Region abzielt.
Da Direktinvestitionen auf allen Tätigkeitsfeldern eines Unternehmens vorgenommen werden können, lassen sie sich auch hinsichtlich der Position in der Wertschöpfungskette unterscheiden. Relevant ist hier vor allem die Unterscheidung zwischen vertikalen und horizontalen Direktinvestitionen (vgl. Haas/Neumair 2006: 217; Büter 2007: 110).
In der Praxis kommen Direktinvestitionen entweder als internationale Kooperationen oder als voll beherrschte Unternehmen vor. Internationale Kooperationen treten vor allem in Form von Joint Ventures auf. Dabei handelt es sich um eine langfristige und vertraglich festgelegte Beteiligung zweier oder mehrerer Unternehmen aus verschiedenen Wirtschaftsgebieten am Kapital eines Unternehmens im Zielland, wodurch ein Gemeinschaftsunternehmen entsteht. Unerheblich ist dabei, ob dieses neu gegründet oder Beteiligungsanteile daran erworben werden. In jedem Fall fließen Marktkenntnis und Know-how des Partners mit ein. Aufgrund des geteilten Kapitaleinsatzes verringert sich das Risiko und die Beteiligung eines lokalen Partners steigert die Akzeptanz im Gastland (vgl. Werneck 1998: 22).
Die Gründung voll beherrschter Unternehmen, so genannter Wholly Foreign Owned Enterprises, in Gestalt von Auslandsniederlassungen oder Tochtergesellschaften erfordert dagegen einen Kapitaleinsatz in Höhe von 100 Prozent. Auslandsniederlassungen (Repräsentanzen) besitzen keine eigene Rechtspersönlichkeit. Die Aktivitäten im Gastland unterliegen vornehmlich den Handlungsanweisungen und der Kontrolle des Stammhauses im Mutterland, das auch die Haftung übernimmt. Dagegen zeichnen sich Tochtergesellschaften durch rechtliche Selbständigkeit und die Haftung mit dem im Ausland investierten Kapital aus (vgl. Haas/Neumair 2006: 629; Zentes et al. 2006: 81).
Tochtergesellschaften können sowohl durch Neugründung als auch Akquisition (Übernahme) entstehen. Im Rahmen von Neugründungen kommt es zum kompletten Aufbau eines Unternehmens auf der „grünen Wiese" („greenfield investment"). Wettbewerbspolitisch bedeutet dies, dass ein neuer Wettbewerber mit einer neuen Gesellschaft in einen Auslandsmarkt eindringt (vgl. Büter 2007: 112). Beispielhaft ist die Errichtung ausländischer Produktionsstätten in der Automobilindustrie (zum Beispiel Audi im ungarischen Györ, Opel im polnischen Gliwice, BMW oder Daimler in Spartanburg beziehungsweise Tuscaloosa, beide im US-Bundesstaat South Carolina).
Akquisitionen stellen dagegen Übernahmen schon bestehender Unternehmen im Gastland dar („brownfield investment"). Typisch für Akquisitionen ist der Beibehalt der rechtlichen Selbständigkeit des erworbenen Unternehmens. Aus Sicht des Marketings bedeutet dies, dass der bisherige Marktauftritt in der Regel bestehen bleibt. Häufig kommt es gerade auch deshalb zu Akquisitionen, das heißt zum Erwerb einer oder mehrerer Marken auf Produkt- oder Unternehmensebene („corporate brand"). Die Akquisition kann auch in eine Fusion übergehen, bei welcher das übernommene Unternehmen nicht nur seine rechtliche Selbständigkeit verliert, sondern auch seinen spezifischen Marktauftritt einbüßt (vgl. Zentes et al. 2006: 280). Fusionen und Übernahmen (engl. Mergers & Acquisitions oder kurz M&A) haben in den letzten beiden Jahrzehnten einen neuen Stellenwert erhalten. Sowohl Volumen als auch strategische Bedeutung derartiger Transaktionen haben deutlich zugenommen. Megafusionen bewirken besondere Aufmerksamkeit, zumal derartige Transaktionen zumeist spontane Reaktionen auf den internationalen Finanzmärkten zur Folge haben.
Die größten Mergers & Aquisitions Ende der 1990er Jahre
Zu einer der größten und inzwischen wieder rückgängig gemachten Fusionen zählte die der Automobilhersteller Daimler-Benz und Chrysler zu DaimlerChrysler im Jahre 1998. Eine weitere große Fusion war die der Chemiekonzerne Ciba-Geigy und Sandoz zum heutigen Pharma- und Life-Science-Konzern Novartis im Jahr 1996. Auch die Übernahme des deutschen Telekommunikationsanbieters Mannesmann durch den britischen Konkurrenten Vodafone im Jahr 2000 zählt zu den großen Transaktionen der letzten Jahre.
Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der weltweiten Direktinvestitionsbestände seit Anfang der 1980er Jahre. Während der weltweite Direktinvestitionsbestand 1980 noch bei cirka 550 Mrd. US-$ lag, waren es 2006 bereits fast 12.000 Mrd. US-$, was mehr als einer Verzwanzigfachung entspricht. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, den späten 1990er Jahren und zu Beginn des neuen Jahrtausends wurde eine deutliche Zunahme internationaler Unternehmenszusammenschlüsse und -übernahmen beobachtet, die durch die weltweite Deregulierung und die fortschreitende Liberalisierung verschiedener Wirtschaftssektoren, vor allem innerhalb der Europäischen Union, weiter verstärkt wird.
Die durch den Zusammenbruch der New Economy ausgelöste Depression zu Beginn des neuen Jahrtausends schwächte das M&A-Wachstum zunächst ab. Seit 2004 nehmen Fusionen und Übernahmen dagegen wieder deutlich zu. Neben dem Verkehrs- und Pharmabereich treten M&A-Transaktionen aufgrund weltweiter Deregulierungs- und Liberalisierungstendenzen vor allem im Finanz- und insbesondere im Telekommunikationssektor auf. Übernahmen häufen sich aber auch in der Immobilien- und Bauwirtschaft, der Softwarebranche sowie der Nahrungsmittelindustrie.
Die größten Mergers & Acquisitions in den letzten Jahren
Auch in den letzten Jahren gab es eine Vielzahl von Transaktionen. Zu den großen zählt in der Luftfahrtbranche die Akquisition der Swiss durch die Lufthansa. In der Pharmabranche war die Übernahme von Sanofi-Synthélabo durch Aventis sowie von Hexal durch Novartis bemerkenswert. Die führende Videoabspielinternetseite you.tube.com wurde durch den weltweit größten Suchmaschinenbetreiber Google übernommen. Der Mobilfunkanbieter Debitel soll von seinem Konkurrenten Freenet aufgekauft werden. Der weltweit größte Süßwarenhersteller entstand indes durch die Fusion des Schokoladenriesen Mars mit dem Kaugummihersteller Wrigley.
Hervorzuheben gilt es auch den Rohstoffsektor. Aufgrund der gestiegenen Rohstoffnachfrage und der drastisch zunehmenden Rohstoffpreise verstärken sich beispielsweise in jüngerer Zeit spektakuläre M&A-Transaktionen in der Metall- und Bergbauindustrie. So übernahm der indische Stahlkonzern Mittal-Steel für 46 Mrd. US-$ den europäischen Stahlproduzenten Arcelor, während der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto 2007 rund 38 Mrd. US-$ für den kanadischen Aluminiumhersteller Alcan zahlte.
Die derzeitige Fusionswelle charakterisiert sich dadurch, dass Wachstumsziele, die Erschließung neuer Märkte sowie der Erwerb neuer Kompetenzen die bedeutendsten Motive für Fusionen und Übernahmen darstellen. Ferner dürften sich derartige Transaktionen in Zukunft weitgehend unabhängig von der Unternehmensgröße vollziehen, denn neben Großunternehmen erkennt auch zunehmend der Mittelstand deren Bedeutung (vgl. Haas 2007: 65f.).
Was die sektorale Entwicklung der internationalen Direktinvestitionen betrifft, sind deutliche Verschiebungen zu erkennen. Während 1970 noch ca. 25 Prozent der weltweiten Direktinvestitionen auf den Primären Sektor, das heißt rohstofforientierte Produktionen, und 30 Prozent auf Dienstleistungen entfielen, nimmt der Tertiäre Sektor heute bereits mehr als 60 Prozent aller Direktinvestitionen ein, auf Rohstoffe (zum Beispiel Bergbau, Erdöl) entfallen dagegen nur noch weniger als 10 Prozent (vgl. Abbildung 2).
Wichtigster Geber von Direktinvestitionen sind mit einem Anteil von über 80 Prozent die Industrieländer. Der Rest stammt aus den Erdöl exportierenden Ländern sowie so genannten Finanzholding-Standorten oder „Offshore"-Oasen (zum Beispiel Antillen, Bahamas, Bermudas). Der Anteil der Entwicklungsländer ist marginal. Als Empfänger dominieren mit einem Anteil von cirka zwei Dritteln ebenfalls die Industrieländer. Weitere wichtige Empfängerregionen sind die ostmitteleuropäischen Transformationsstaaten sowie die ost- und südostasiatischen Schwellenländer. Die geringen in die Entwicklungsländer fließenden Direktinvestitionen konzentrieren sich auf wenige Staaten mit großem Binnenmarkt, fortgeschrittener Infrastruktur und stabilen politischen Systemen.
Abbildung 3 zeigt die regionale Verteilung der weltweiten Direktinvestitionen und stellt ihre wichtigsten Geber und Empfänger gegenüber. Weltweit kamen bis 2007 rund 75 Prozent aller Direktinvestitionen aus nur zehn Ländern (oder mehr als 50 Prozent aus nur fünf Ländern). An oberster Stelle stehen die USA, von denen rund ein Fünftel aller weltweiten Direktinvestitionen stammen. Es folgen mehrere westeuropäische Länder, unter denen sich Deutschland mit einem Anteil von 8,1 Prozent hinter Frankreich auf Platz vier befindet. Auffallend ist die Stellung der Benelux-Länder (zusammen 8,9 Prozent). Ursächlich dafür sind die Finanztransaktionen und Beteiligungen internationaler Unternehmen, die in diesen Ländern ansässig sind. Ferner fällt die auf den fortschreitenden wirtschaftlichen Entwicklungsprozess zurückgehende Position Chinas auf. Dabei ist zu beachten, dass ein großer Teil der chinesischen Direktinvestitionen im Ausland seinen originären Ursprung in Hongkong hat und sich darunter auch umfangreiche Investitionen der Auslandschinesen in Südostasien befinden.
Was die Zielländer internationaler Direktinvestitionen angeht, entfallen mehr als 40 Prozent der weltweiten Direktinvestitionen auf nur fünf Länder, 15 Prozent allein auf die USA, die damit auch auf der Empfängerseite den ersten Platz belegen. Auffallend ist, dass sich China (inklusive Hong Kong) als Folge des anhaltenden Industrialisierungsbooms mittlerweile auf Platz vier vorgeschoben hat. Für die Beneluxländer gelten dieselben Sonderbedingungen wie auf der Geberseite. Während Deutschland auch hier relativ weit vorne rangiert, ist bemerkenswert, dass sich Japan als Empfänger von Direktinvestitionen nicht auf den ersten zehn Plätzen befindet.
Das starke Wachstum von Direktinvestitionen in der Praxis macht die Notwendigkeit zur Erforschung ihrer Wirkungen deutlich. Dabei lassen sich vier Wirkungskategorien unterscheiden (vgl. Haas/Neumair 2006: 236f.; Werneck 1998: 28ff.):
Direktinvestitionen global agierender Unternehmen haben in einigen Regionen der Welt wirtschaftliche und soziale Disparitäten verschärft, was sich etwa an den Wirkungen US-amerikanischer Direktinvestitionen in Mexiko ablesen lässt. Die regen Direktinvestitionen in die so genannten Maquiladora-Betriebe im Norden des Landes, in denen lohnveredelnde Produktionen für den Weltmarkt angesiedelt sind (zum Beispiel Textil-, Elektro- und Computerbranche) haben die Disparitäten gegenüber dem vergleichsweise unterentwickelten, stark agrarisch geprägten Süden des Landes stark verschärft (vgl. Haas/Neumair 2006: 286f.).
Simon Neumair ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeographie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu München.
Büter, Clemens (2007): Außenhandel - Grundlagen globaler und innergemeinschaftlicher Handelsbeziehungen. Heidelberg.
Deutsche Bundesbank (1999): Die deutsche Zahlungsbilanz im Jahr 1998. In: Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 51. Jg., Nr. 3, S. 45-62.
Haas, Hans-Dieter (2007): Direktinvestitionsforschung in der Wirtschaftsgeographie. In: Arbeitsmaterialien zur Raumordnung und Raumplanung: 30 Jahre Lehrstuhl Wirtschaftsgeographie und Regionalplanung Bayreuth, Heft 258, S. 59-83.
Haas Hans-Dieter; Neumair, Simon-Martin (2006): Internationale Wirtschaft: Rahmenbedingungen, Akteure, räumliche Prozesse. München.
Oppenländer, Karl Heinrich; Gerstenberger, Wolfgang (1992): Direktinvestitionen als Ausdruck zunehmender Internationalisierung der Märkte. In: Ifo-Schnelldienst, 45. Jg., Nr. 10, S. 3-11.
UNCTAD [United Nations Conference on Trade and Development] (2008a): Key Data from WIR Annex Tables.
(URL: http://www.unctad.org/Templates/Page.asp?intItemID=3277&lang=1).
UNCTAD [United Nations Conference on Trade and Development] (2008b): World Investment Report 2007.
(URL:http://www.unctad.org/Templates/webflyer.asp?docid=9001&intItemID=4361&lang=1&mode=downloads)
Werneck, Till (1998): Deutsche Direktinvestitionen in den USA. Determinanten und Wirkungen am Beispiel der Bundesstaaten Georgia, North Carolina und South Carolina (= Wirtschaft & Raum, Band 1). München.
Zentes, Joachim; Swoboda, Bernhard; Schramm-Klein, Hanna (2006): Internationales Marketing. München.