Zum Oldenbourg Wissenschaftsverlag

Titelbild zum Beitrag: Zahlenkünstler
.

Zahlenkünstler

Die Deutsche Finanzagentur im Fokus

Der Bund hat nahezu eine Billionen Euro Schulden. Und dies in erster Linie bei institutionellen Investoren. Ein solcher Schuldenberg muss kompetent gemanagt werden. Diese Aufgabe übernimmt die „Bundesrepublik Deutschland - Finanzagentur GmbH". Sie arbeitet eng mit dem Bundesfinanzminister und der Bundesbank zusammen. Euer Wissenschaftsmagazin economag.de sprach mit Boris Knapp von der Finanzagentur über Staatsschulden, die Spielregeln bei der Schuldenaufnahme und die Rolle, die dabei die Bundeskanzlerin spielt. 

Die Fragen stellte Rainer Berger

.

PDFDiesen Beitrag als PDF.

.

>> Wie viele Schulden hat eigentlich die Bundesrepublik Deutschland?

Die Verschuldung des Bundes betrug zum Stichtag 31. März diesen Jahres rund 920 Milliarden Euro. Darin nicht enthalten sind die Schulden von Ländern, Gemeinden und kreisfreien Städten sowie der Sozialversicherungssysteme. Zusammen bilden sie die öffentliche Gesamtverschuldung. Auf der Homepage der Finanzagentur, dem zentralen Dienstleister für die Kreditaufnahme und das Schuldenmanagement des Bundes, wird der Stand der Bundesschuld quartalsweise veröffentlicht. Die nächste Veröffentlichung erfolgt Mitte Juli zum Stichtag 30. Juni 2008.

 

>> Und bei wem hat der Staat diese Schulden aufgenommen?

Der größte Teil - rund 98 Prozent - der Kreditaufnahme des Bundes erfolgt an den internationalen Finanzmärkten gegenüber institutionellen Investoren. Dazu legt die Finanzagentur im Auftrag und für Rechnung des Bundes großvolumige Einmal-Emissionen auf. Das können beispielsweise Bundesanleihen, -obligationen, -schatzanweisungen sowie unverzinsliche Schatzanweisungen im Volumen von jeweils 5 und 9 Milliarden Euro sein. Dabei halten wir uns an einen genau festgelegten und veröffentlichten Fahrplan - den so genannten Emissionskalender.

Diese Bundeswertpapiere werden im Rahmen von Auktionsverfahren begeben. Teilnehmer dieser Auktionsverfahren sind aktuell 33 nationale und internationale Banken und Investmentunternehmen. Sie erwerben Teile dieser großvolumigen Emissionen, halten diese im Eigenbestand oder verkaufen sie im Sekundärmarkt weiter. Das Emissionsprogramm des Bundes umfasst in diesem Jahr Einmalemissionen in Höhe von rund 213 Milliarden Euro. 

 

>> Bei den Privaten ist der Bund folglich nur mit rund zwei Prozent verschuldet?

Das ist korrekt. Der aktuelle Anteil des Privatkundengeschäfts an der Kreditaufnahme des Bundes beträgt rund zwei Prozent. Dieser Anteil soll allerdings in den nächsten Jahren auf drei bis fünf Prozent ausgebaut werden.

Zum Zwecke der Kreditaufnahme gegenüber privaten Anlegern legt der Bund so genannte Daueremissionen auf - also in aufeinander folgenden Serien begebene Bundeswertpapiere: Finanzierungsschätze und Bundesschatzbriefe. Seit dem 1. Juli 2008 ergänzt die Tagesanleihe des Bundes das Produktangebot des Bundes in diesem Bereich. Weitere neue Produkte sollen in den kommenden Jahren folgen, um die geplante Steigerung des Anteils des Privatkundengeschäfts an der jährlichen Kreditaufnahme des Bundes zu erreichen.

 

>> Zu welchen Konditionen wird bei den verschiedenen Kapitalgebern Geld aufgenommen?

Sie unterliegen dem allgemeinen Zinsniveau und werden daher bei veränderten Marktbedingungen in unregelmäßigen Abständen angepasst. Börsennotierte Bundeswertpapiere unterliegen zudem den täglichen Kursschwankungen.

 

>> An welche Spielregeln hat sich der Bund bei der Schuldenaufnahme zu halten?

Die gesetzlichen Grundlagen für die Kreditaufnahme des Bundes sind das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das Haushaltsgrundsätzegesetz sowie das Haushaltsgesetz des Bundes für das jeweilige Haushaltsjahr. Diese geben dem Grundsatz und der Höhe nach das Regelwerk in diesem Bereich vor.

>> Welche Aufgaben hat die Deutsche Finanzagentur bei der Schuldenaufnahme?

Die Finanzagentur ist der zentrale Dienstleister des Bundes für dessen Kreditaufnahme und Schuldenmanagement. An den internationalen Finanzmärkten tritt sie dabei aber ausschließlich im Namen und für Rechnung des Bundes auf. Dabei umfassen die Aufgaben neben Dienstleistungen bei der Emission von Bundeswertpapieren auch die Kreditaufnahme mittels Schuldscheindarlehen, den Einsatz derivativer Finanzinstrumente, die Geldmarktgeschäfte zum Ausgleich des Kontos der Bundesrepublik bei der Deutschen Bundesbank sowie das Privatkundengeschäft mit Bundeswertpapieren.

Insgesamt ist die Agentur so aufgestellt, dass sie den schnell wechselnden Anforderungen der Kapitalmärkte Rechnung tragen kann. Die daraus gewonnenen Synergieeffekte liefern die Voraussetzungen, um die Bedingungen für die Finanzierung des Bundes nachhaltig zu verbessern, die Zinskostenbelastung mittelfristig zu senken und die Risikostrukturen im Schuldenportfolio des Bundes zu optimieren.

>> Mit welchen Organen arbeitet die Finanzagentur eng zusammen und wie ist das Verhältnis der Finanzagentur zur Bundesbank und zur EZB?

Alleiniger Gesellschafter der Finanzagentur ist der Bund, vertreten durch das Bundesministerium der Finanzen. Hier gibt es natürlich die engste Zusammenarbeit.

Des Weiteren arbeitet die Agentur eng mit der Deutschen Bundesbank zusammen. Hier wird das zentrale Konto des Bundes geführt, auf dem alle Zahlungsein- und -ausgänge verbucht werden. Die Auktionsverfahren zur Begebung von Einmalemissionen des Bundes werden hier ebenfalls unter Zuhilfenahme technischer Systeme der Bundesbank abgewickelt, so genannte BBS (Bund Bietungs-System). Darüber hinaus ist die Bundesbank an den Regionalbörsen für den Bund tätig.

>> Warum sitzt die Finanzagentur nicht in Berlin beziehungsweise warum haben Sie sich für den Standort Frankfurt entschieden?

Ein wesentlicher Grund für die Errichtung der Finanzagentur am Finanzplatz Frankfurt war die unmittelbare Nähe zum Markt. Heute ist die Agentur in der Financial Community etabliert und unterhält vielfältige Kontakte zu den Marktteilnehmern auf nationaler und internationaler Ebene. Dazu gehören Intermediäre genauso wie Investoren, Institutionen und Behörden.

Dennoch sind wir eng mit Berlin vernetzt: Die Kreditaufnahme und das Schuldenmanagement des Bundes unterliegen wegen seiner strategischen Bedeutung neben den üblichen Instanzen einer besonderen parlamentarischen Kontrolle. Haushaltsexperten der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien, zusammengeschlossen im Bundesfinanzierungsgremium, nehmen diese Aufgabe wahr. Die Finanzagentur bildet somit die Nahtstelle zwischen Politik und Markt.

>> Wer von Seiten der Regierung beantragt eigentlich einen „Kredit", der Finanzminister oder die Bundeskanzlerin?

Streng genommen beide. Denn das bereits erwähnte jeweilige Haushaltsgesetz bildet die gesetzliche Grundlage der Kreditaufnahme. Der Bundesminister der Finanzen legt den Bundeshaushalt nach Abstimmung mit den Ressortministern dem Bundeskabinett zur Beschlussfassung vor. Nachdem die Bundesregierung den Haushalt beschlossen hat, leitet die Bundeskanzlerin gemäß Artikel 110 Abs. 3 Grundgesetz den „Entwurf eines Gesetzes über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans" für das jeweilige Haushaltjahr zeitgleich den Präsidenten des Deutschen Bundestages und des Bundsrates zu.

Am Ende der nachfolgenden parlamentarischen Beratungen im Deutschen Bundestag und nach Herstellung des Benehmens mit dem Bundesrat erlangt der Bundeshaushalt Gesetzeskraft. Das Bundesministerium der Finanzen wird ermächtigt, zur Deckung der Ausgaben, die nicht durch Steuern und Verwaltungseinnahmen finanziert werden können, Kredite bis zu einer exakt festgelegten Höhe aufzunehmen.

>> Verfügen auch andere Länder der Welt über eine Finanzagentur oder wird die Schuldenaufnahme im Ausland anders geregelt als in Deutschland?

In Zeiten der Globalisierung und sich immer schneller verändernder Finanzmärkte haben  zunehmend mehr Nationen die Notwendigkeit erkannt, ihre Kreditaufnahme und das Management ihrer Schulden in die Hände von Experten zu legen. Dabei haben sie sich durchaus unterschiedlich organisiert:

Die meisten als Bestandteil des Finanz- oder Wirtschaftsministeriums beziehungsweise des Schatzamtes, so zum Beispiel in den Niederlanden, in Italien, Frankreich, Belgien oder Großbritannien. Agenturen anderer Staaten, beispielsweise in Irland und Österreich, sind ähnlich organisiert wie die deutsche Finanzagentur. Sie arbeiten im Auftrag und für Rechnung des staatlichen Emittenten.

Die älteste Tradition im europäischen Maßstab dürfte in diesem Bereich wohl Schweden haben, deren für das Schuldenwesen zuständige öffentlich-rechtliche, gegenüber dem Finanzministerium verantwortliche Institution bereits im Jahre 1789 gegründet wurde.

>> Und last but not least: Welche Fähigkeiten muss ein potenzieller Mitarbeiter bei der Finanzagentur mitbringen?

Die mitzubringenden Fähigkeiten und Ausbildungen richten sich nach der jeweiligen Aufgabe im Unternehmen und sind von Bereich zu Bereich verschieden. Allen gemein ist jedoch die Prägung eines modernen Finanzdienstleistungsunternehmens mit der Ausrichtung auf die Geld- und Kapitalmarktaktivitäten des Bundes.

Das Spektrum der in der Finanzagentur anzutreffenden Berufsgruppen reicht entsprechend vom Facharbeiter für Bürokommunikation bis hin zu hoch spezialisierten akademischen Berufen der Natur- und Geisteswissenschaften. Kaufleute, Betriebs- und Volkswirte, Juristen gehören ebenso dazu wie Mathematiker, Physiker und Informatiker. Seit der Übertragung der Verantwortlichkeit für das Privatkundengeschäft mit Bundeswertpapieren im August 2006 sind in der Agentur auch Verwaltungsangestellte und Beamte des öffentlichen Dienstes im Rahmen eines Gestellungsmodells tätig.

 

Zum Interviewten

Boris Knapp ist Leiter der Unternehmenskommunikation der „Bundesrepublik Deutschland - Finanzagentur GmbH" (Deutsche Finanzagentur) in Frankfurt am Main.

.
.