Betriebswirtschaftslehre
Ende vergangenen Jahres ist es passiert. Die US-Immobilienblase ist geplatzt. Und das mit schweren Folgen. Von einem Tag auf den anderen standen Banken in den USA vor dem Ruin. Eilig versuchte die US-Notebank FED durch Zinssenkungen die Krise abzuwenden. Dies gelang ihr allerdings nur teilweise. Die Krise schwappte auch nach Europa und zwang sogar Landesbanken in die Knie. Ein Branchenexperte beleuchtet die US-Immobilienkrise, die genau genommen eine Subprime-Krise ist.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Solange die Musik spielt, geht es rund auf der Tanzfläche. Wenn die Musik aussetzt, gehen die ersten. Bleibt es still, gehen die Übrigen und die Tanzfläche leert sich endgültig. Das passiert oft genau dann, wenn die Party am schönsten ist.
Dieses Bild lässt sich auch auf die Investmentbranche übertragen. In den vergangenen Jahren verdienten clevere Investmentbanker durch so genannte Subprime-Verbriefungen eine Menge Geld.
Heute sitzen sie auf ihren Investments, die nahezu wertlos geworden sind. Die US-Immobilienblase ist geplatzt. Und der Knall schallte weit über die Grenzen der USA hinweg.
Was sind eigentlich Subprime-Engagements?
Als Subprime wird ein Teil des Hypothekenmarktes bezeichnet, der überwiegend mit Kreditnehmern der unteren Bonitätsschichten verbunden ist. Diese Kredite unterliegen einem gesteigerten Zahlungsausfallrisiko. Die Insolvenzwahrscheinlichkeit der Schuldner ist hier höher.
Doch wie kam es zu der Krise? Alles begann im Frühsommer 2007. Die zuvor deutlich gestiegenen Immobilienpreise in den USA stagnierten. Zum Teil begannen sie sogar zu fallen.
Viele Schuldner konnten die notwendigen Raten für ihre Kredite nicht mehr aufbringen. Der Grund hierfür lag in stetig steigende Zinsen, die Folge der Zinserhöhungen durch die US-Notenbank FED waren. Eine Zinsfestschreibung wie in Deutschland ist in den USA nicht üblich. Dutzende US-amerikanische Baufinanzierer, die auf das Subprime-Segment spezialisiert sind, meldeten in Folge dessen Gläubigerschutz gemäß Chapter 11 des US-amerikanischen Insolvenzrechts an.
Was bedeutet Gläubigerschutz?
Das deutsche Handelsgesetzbuch steht ganz im Zeichen des Gläubigerschutzes. So zwingt es beispielsweise über das Vorsichtsprinzip Unternehmen dazu, ihre finanzielle Situation in der Bilanz eher schlechter als besser darzustellen. Ziel dieser vorsichtigen Bewertung ist die Sicherung von Haftungsvermögen und damit auch Gläubigerschutz.
Anders in den USA. Hier ist der Gläubigerschutz ein Begriff aus dem Insolvenzrecht (Chapter 11). Darin ist geregelt, dass ein Unternehmen Schutz vor Gläubigern beantragen kann, um dadurch seine Geschäftstätigkeit zu sichern. Wird einem Unternehmen in den USA der Gläubigerschutz zugestanden, dann haben die Gläubiger keine Möglichkeit, Rückgriff auf das Vermögen des Unternehmens zu nehmen.
Schon lange war es gängige Praxis, die Subprime-Kredite zu bündeln und als verbriefte Forderungen zu verkaufen. Käufer waren Banken und Versicherer. Aber auch so genannte Hedgefonds, also Investmentsfonds, die durch eine spekulative Anlagestrategie gekennzeichnet sind, zählten zu den Käufern. Bereits zu Beginn der Krise wurde die Bewertung solcher Pakete sehr problematisch. Die Folge: Schlagartig zogen sich die Käufer zurück.
Der dadurch ausgelöste erhöhte Liquiditätsbedarf führte wiederum zu massiv steigenden Geldmarktzinsen. Dies brachte die Refinanzierung der Banken zunächst in den USA und später auch andernorts enorm unter Druck. Die Banken mussten nun selbst Liquidität für so manches verbriefte Investment bereitstellen, das sie vorher selbst gesponsert hatten.
Aufgrund dessen entschieden sich viele große Zentralbanken, dem Geldmarkt durch spezielle Refinanzierungsfenster und -instrumente zusätzlich Liquidität zuzuführen. Die FED stellte gar das Refinanzierungssystem als ganzes um und erweiterte die Refinanzierungsmöglichkeiten der Banken.
Was versteht man unter Refinanzierung?
Auch Kreditinstitute müssen sich Mittel beschaffen, bevor sie diese als Kredite an ihre Kunden weitergeben können. Dabei handelt es sich um eine so genannte Re- oder eine Gegenfinanzierung.
Refinanzieren kann sich ein Kreditinstitut zum Beispiel durch Termingelder der eigenen Kunden oder bei der Notenbank. Es gibt ferner Refinanzierungsinstitute.
Ungezählte Hedgefonds mussten geschlossen und liquidiert werden. Speziell die auf Subprime-Kredite ausgerichteten Hypothekenbanken in den USA beantragten Gläubigerschutz. Und wieder versuchte die FED gegenzusteuern: Sie senkte im Zuge der anwachsenden Krise schnell und drastisch die Zinsen.
Banken mussten sich zusammenschließen, um nicht zusammenzubrechen. So wurde etwa die Countrywide Financial an die Bank of America verkauft. Im März 2008 gab die JPMorgan Chase & Co., eine der größten Banken in den Vereinigten Staaten, bekannt, dass sie mit Hilfe eines von der FED zur Verfügung gestellten Liquiditätspolsters die angeschlagene New Yorker Investmentbank Bear Stearns kaufen werde. Pikanter Nebenaspekt dabei war, dass Bear Stearns noch Tage zuvor Gerüchte über einen Zusammenbruch dementierte und sogar als unwahr zurückwies.
Die Subprime-Welle schwappte auch nach Europa: Auch in Deutschland konnten sich die Banken nicht dem Strudel der Finanzmarktkrise entziehen.
Die IKB Deutsche Industriebank, Jahrzehnte lang als Klassenprimus in der Finanzierung des deutschen Mittelstands gefeiert, musste wie auch die Sachsen LB bekannt geben, dass sie vor existenzbedrohlichen Liquiditätsengpässen steht. Beide Bankhäuser konnten sich nicht mehr am Geldmarkt refinanzieren.
In der Folge brachen auch andere Banken das Schweigen und legten ihre Bücher offen. Die Folge waren Abschreibungen in Milliardenhöhe. Nur durch zusätzliche Liquidität und staatliche Garantien konnte der Geschäftsbetrieb in vielen Instituten weitergeführt werden. So griff beispielsweise die staatliche KfW, als Hauptaktionär, der IKB mehrfach unter die Arme.



Was ist eigentlich eine Verbriefungsaktion?
Bei einer Verbriefung werden Forderungen durch Schaffung von handelbaren Wertpapieren (zum Beispiel MBS = Montage Backed Securities) übertragungsfähig gemacht. Im Regelfall veräußert der Verkäufer zukünftige Zahlungsströme an den Käufer. Der Käufer refinanziert seine Transaktion am Kapitalmarkt. Diese Verkäufe können als Einzelgeschäft (Single-Seller-Struktur) oder als Portfoliogeschäft (Multi-Seller-Struktur) durchgeführt werden. Werden Portfolios gebildet, so entstehen Kostenvorteile. Um eine Bewertbarkeit zu erreichen, vergeben Rating-Agenturen Kennzahlen und Risikoprofile.
Eine Frage, die vielen im Zusammenhang mit der Subprime-Krise auf den Nägeln brennt: Warum ist das risikoträchtige Subprime-Engagement in den Bilanzen nicht aufgefallen? Die Antwort ist einfach: Meist wurden für diese Verbriefungsaktionen so genannte Zweckgesellschaften gegründet. Diese Zweckgesellschaften wurden und werden auch heute noch außerhalb der Bank geführt und sind meist in so genannten Offshore-Bankplätzen zu Hause - unter anderem den Kaiman Inseln oder den Bahamas.
Die Gefahr einer lang anhaltenden und tiefgründigen Finanz- und Wirtschaftskrise - ausgehend von den Vereinigten Staaten - ist nicht von der Hand zu weisen. Nach Schätzungen des IWF belaufen sich die Verluste in Folge dieser Finanzkrise auf rund 945 Milliarden US-Dollar (vgl. Spiegel Artikel: Dramatische IWF Schätzung - Hypothekenkrise kostet eine Billion Dollar vom 8.4.2008).
Selbst wenn sich diese Schätzung nur zur Hälfte bewahrheitet, so wäre dies ein immenser und nicht leicht zu verdauender Verlust. Experten rechnen damit, dass sich der US-Immobilienmarkt erst Ende 2008 oder Anfang 2009 beruhigen und sich in Folge dessen auch die US-Konjunktur wieder stabilisiert wird.
Auch wenn es nicht zu einer starken Rezession, ausgehend von den USA, kommt, so ist dennoch mit einer längeren Phase schwachen Wachstums zu rechnen. In diesem Kontext ist insbesondere die anziehende Teuerungsrate in den USA problematisch, die ihre Ursache in den schnellen Zinssenkungen der FED hat.
Und außerhalb der USA? Für Deutschland signalisieren die Frühindikatoren ein sich abschwächendes Wachstum. Die Kosten für Lebensmittel und Energie treiben auch hier die Inflationsindikatoren kräftig in die Höhe. In Osteuropa kühlt sich, gemessen am realen Bruttoinlandsprodukt, das Wirtschaftswachstum ebenfalls ab. Die Inflation steigt dort sogar überproportional an. Auch Japan sieht sich den Problemen der steigenden Rohstoff- und Energiepreise ausgesetzt.
Alles in allem ein dramatisches Bild. Dennoch lässt sich aus dieser Finanzkrise auch etwas Positives ziehen:
Noch vor 50 Jahren hätte eine solche Krise eine Weltwirtschaftskrise auslösen können. Ein solches Szenario ist, dank des Einsatzes von Risikomodellen (Früherkennung, Risikosteuerung, Einsatz von Derivaten bzw. von alternativen Instrumenten sowie eine effektivere Zentralbankpolitik), heute allerdings eher unwahrscheinlich.
Dennoch verdeutlicht diese Krise einmal mehr, dass aufgrund der engen Vernetzung der Finanzmärkte die Probleme des Nachbarn sehr schnell zu eigenen Problemen werden können. Die wichtigste Aufgabe wird es nun sein, international Regeln und Maßnahmen zu beschließen, die eine solche Finanzmarktkrise künftig verhindern.
Michael Bloss ist Wertpapierspezialist und Prokurist der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Gleichzeitig ist er Lehrbeauftragter im Masterstudiengang International Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) Nürtingen. Sein Fachgebiet sind terminbörsengehandelte Derivate sowie deren Strategien. Er ist zudem Autor und Mitautor von diversen Publikationen zu terminbörsenrelevanten Themen.