Betriebswirtschaftslehre
Ganz egal, ob sich eine Airline ein neues Flugzeug oder eine Brauerei eine neue Abfüllanlage anschafft. Unternehmen investieren. Im Rahmen dessen binden sie Kapital. Ihr Ziel ist es, künftig mehr als die Anschaffungskosten der Investition zu erwirtschaften. Beim Investieren haben Unternehmer allerdings oft die Qual der Wahl, denn sie können sich meist zwischen unterschiedlichen Investitionsalternativen entscheiden. Hilfe dabei bietet die Investitionsrechnung. Eine Bremer Professorin geht auf zwei Methoden der Investitionsrechnung im Rahmen einer Fallstudie genauer ein.
Von Professor Dr. Martina Röhrich, Hochschule Bremen
Was ist eigentlich eine Investition? Investitionsentscheidungen gehen mit der Bindung von Kapital einher und garantieren Rückflüsse über einen längeren Zeithorizont. Demgemäß wird im Ausgleich für die Erwartung eines künftig höheren Gewinns auf heutigen Gewinn verzichtet.
Damit eine Investition lohnt, muss die Anschaffungsauszahlung wieder verdient werden. Und mehr noch: Ein darüber hinausgehender Betrag soll außerdem das Investitionsrisiko abdecken. Investitionsentscheidungen haben einen bedeutenden Einfluss auf die Fähigkeit einer Organisation, zum Beispiel eines Unternehmens, ihre Ziele zu erreichen.
Zur Prüfung von Investitionsalternativen stellt die Investitionsrechnung verschiedene Verfahren zur Verfügung. Sie stellt dabei sicher, dass die richtigen Informationen über alle Alternativen gesammelt und zusammengestellt werden und dass eine Entscheidung im Einklang mit den Zielen der Organisation, zum Beispiel des Unternehmens, getroffen wird. Aber: Die Empfehlungen der Investitionsrechnung können nur so gut sein wie die Daten, auf denen sie basieren. Alle Rechenmethoden erfordern es folglich, Daten zu verwenden, die sich direkt auf die Investition beziehen. Relevant sind marginale oder zusätzliche, durch die Investition verursachte Rückflüsse oder Gewinne, nicht die gesamten Rückflüsse oder der Gesamtgewinn des Unternehmens. Denn diese bleiben von der Entscheidung über eine neue Investition unbeeinflusst.
Doch welche Methoden sind im Rahmen der Investitionsrechnung denkbar? Einen Überblick über zwei Methoden gibt die folgende Fallstudie. Sie kann Stück für Stück erweitert werden, wenn man Liquidationserlöse, Ersatzentscheidungen, Unsicherheit, qualitative Entscheidungskriterien, Steuern, Inflation oder knappe Finanzmittel berücksichtigen möchte (vgl. Röhrich, M., 2007a und 2007b. Dort findet sich die folgende Fallstudie in einer ausführlichen Fassung mit allen Verfahren der Investitionsrechnung in deutscher und englischer Sprache.).
Je nachdem, ob man den zeitlichen Anfall der Ein- und Auszahlungen berücksichtigt oder nicht, unterscheidet man statische Verfahren der Investitionsrechnung und dynamische Verfahren der Investitionsrechnung.
Doch nun zur Fallstudie „Car-Sharing-Unternehmen"
In einer Pause zwischen zwei Vorlesungen kommt eine Gruppe von Studierenden auf die Idee, ein Car-Sharing-Unternehmen zu gründen. Jemand stellt für die Abwicklung des Geschäftsbetriebes ein gebrauchtes Notebook mit einem Drucker im Wert von 1.000 Euro zur Verfügung. Außerdem leihen sich die Studierenden 20.000 Euro zu 5 Prozent Zinsen bei einer Bank. Die vordringlichste Aufgabe für die Aufnahme des Geschäftsbetriebes ist die Anschaffung eines geeigneten Fahrzeuges. Da man sich nicht sicher ist, ob das Geschäft gut laufen wird, soll ein preiswertes Fahrzeug angeschafft werden, das man notfalls auch rasch wieder verkaufen könnte. Nach einer Vorselektion stehen ein AK Rasant der Archimedes Kunz Aktiengesellschaft und ein SM Samurai der Sayonara Motors Corporation in der engeren Auswahl.
Die Anschaffungskosten des AK Rasant betragen 9.000 Euro, die des SM Samurai 14.000 Euro. Beide weisen dieselbe maximale Leistungsfähigkeit von 35.000 Fahrkilometern pro Jahr auf. Diese Anzahl an Kilometern wird auch tatsächlich gefahren. Die Nutzungsdauer wird für den AK Rasant auf 2 Jahre, für den SM Samurai auf 3 Jahre prognostiziert. Dies ist eine sehr vorsichtige Schätzung, da man sich nicht sicher ist, wie sehr die wechselnden Fahrer die Fahrzeuge belasten werden.
Steuern und Versicherung fallen für beide Fahrzeuge in gleicher Höhe pro Jahr an, nämlich 2.000 Euro. Hinsichtlich der Wartung wird aufgrund der Herstellerangaben unterstellt, dass der SM Samurai etwas günstiger ist: Durchschnittliche fixe Wartungskosten von 1.000 Euro pro Jahr für den AK Rasant und von 800 Euro pro Jahr für den SM Samurai. Die durchschnittlichen Reparaturkosten werden für den AK Rasant mit 1.500 Euro pro Jahr und für den SM Samurai mit 1.000 Euro pro Jahr veranschlagt. Für den laufenden Betrieb nimmt man variable Kosten von 0,15 Euro je gefahrenem Kilometer für den AK Rasant und von 0,17 Euro je gefahrenem Kilometer für den SM Samurai an.
Die Studierenden rechnen damit, dass man für die Nutzung der Fahrzeuge unterschiedliche Preise verlangen kann. Der AK Rasant führt nach einer ersten vorsichtigen Schätzung zu Einnahmen von 0,49 Euro je gefahrenem Kilometer. Für den SM Samurai ist man wegen der etwas besseren Ausstattung optimistischer und schätzt Einnahmen von 0,51 Euro je gefahrenem Kilometer.
Die durchschnittliche Verzinsung einer Investition pro Periode zeigt an, in welcher Höhe sich das durch die Investition gebundene Kapital verzinst. Dabei ist eine einzelne Investition vorteilhaft, wenn die Rentabilität der Investition die vom Investor gewünschte Mindestverzinsung übersteigt. Vergleicht man zwei Investitionen, dann ist eine Investition 1 vorteilhafter als eine Investition 2, wenn ihre Rentabilität größer ist.

In Tabelle 1 führen wir den Alternativenvergleich durch. Ausgangspunkt der Rechnung sind die durch die Investition erzielbaren Umsatzerlöse pro Periode. Davon werden Abschreibungen und variable Kosten subtrahiert. Kalkulatorische Zinsen werden nicht in Betracht gezogen, da die Verzinsung der Investition ja gerade errechnet wird. Für das durchschnittlich gebundene Kapital multipliziert man die Hälfte der Anschaffungsausgabe mit dem kalkulatorischen Zinssatz, der hier 5 Prozent beträgt.

Aus Tabelle 1 leiten wir ab, dass die Investition mit der höheren Rentabilität die bessere ist, also der AK Rasant.
Die Kapitalwertmethode basiert auf dem Prinzip, dass eine Investition genau dann vorteilhaft ist, wenn die Rückflüsse aus der Investition die Anschaffungsauszahlung übersteigen. Zahlungen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten anfallen, können aber nicht direkt verglichen werden. Sie werden auf einen gemeinsamen Vergleichszeitpunkt bezogen, die Gegenwart oder den Entscheidungszeitpunkt.
Den Kapitalwert erhält man, indem man alle Ein- und Auszahlungen, die mit der Investition verbunden sind, auf den Zeitpunkt vor der Durchführung der Investition abzinst. Für das Abzinsen beziehungsweise die Diskontierung wählt man einen speziellen Zins i, nämlich den Marktzins, die Kapitalkosten des Fremdkapitals oder die Opportunitätskosten einer entgangenen Verwendung des Eigenkapitals. Allgemein wird der Kapitalwert wie folgt ausgedrückt:

Die Entscheidungskriterien der Kapitalwertmethode lauten:
Vergleicht man zwei Investitionen, dann ist eine Investition 1 vorteilhafter als eine Investition 2, wenn ihr Kapitalwert größer ist.
Nun führen wir den Alternativenvergleich mit der Kapitalwertmethode durch. Im Unterschied zu den statischen Methoden berechnen wir keine Abschreibungen. Abschreibungen resultieren aus einer Konvention des Rechnungswesens, die es erlaubt, die Anschaffungsausgabe einer Investition über die geschätzte Nutzungsdauer zu verteilen. Sie führen aber nicht zu Auszahlungen.
Die übrigen Kosten führen zu Auszahlungen in gleicher Höhe und werden daher auch bei der Kapitalwertmethode berücksichtigt (Tabelle 2). Wir unterstellen, dass diese in einem Betrag am Jahresende anfallen. Die Anschaffungsauszahlung fällt im Entscheidungszeitpunkt an und wird daher nicht diskontiert. Die Abzinsung erfolgt mit Hilfe des angegebenen Diskontierungssummenfaktors oder Rentenbarwertfaktors.

Beide Kapitalwerte sind positiv, womit beide Investitionen grundsätzlich vorteilhaft sind. Wir sehen, dass der SM Samurai einen um 3.298 Euro höheren Kapitalwert hat und damit zu bevorzugen ist.
Doch was bedeutet ein Kapitalwert von 8.058 Euro eigentlich?
Falls die Investition mit Eigenkapital finanziert wird, dann wird das eingesetzte Kapital zurückgewonnen und im Vergleich mit einer Geldanlage auf dem Kapitalmarkt ein Überschuss in Höhe von 8.058 Euro erwirtschaftet. Falls die Investition mit Fremdkapital finanziert wird, dann kann der Kredit bedient werden, und wiederum wird ein Überschuss in Höhe von 8.058 Euro erwirtschaftet.
Wir stellen die Ergebnisse der beiden Methoden in der folgenden Tabelle 3 zusammen:

Führen die Rechnungen zu Widersprüchen hinsichtlich der Vorteilhaftigkeit einer Investition, so ist zu klären, welche Methode der Investitionsrechnung die bessere ist. Nicht jede Methode ist für jedes Entscheidungsproblem gleich gut geeignet.
Mit Hilfe der errechneten Rentabilitätskennziffern sind Aussagen über die absolute Vorteilhaftigkeit einer Investition möglich. Das Ergebnis lässt sich unmittelbar mit der Rendite alternativer Anlagemöglichkeiten oder mit der angestrebten Rentabilität für Investitionsobjekte vergleichen. Aber die Rentabilitätsvergleichsrechnung gehört zu den statischen Verfahren der Investitionsrechnung. Man arbeitet mit einperiodischen Durchschnittswerten der anfallenden Kosten und Erlöse, nicht mit den tatsächlichen Ein- und Auszahlungen. Eine finanzmathematische Basis fehlt. Daher können statische Verfahren immer nur Näherungswerte angeben.
Voraussetzung für die sinnvolle Anwendung der Kapitalwertmethode ist eine zuverlässige Prognose aller Rückflüsse, die mit der Investition verbunden sind. Die Auswahl eines Investitionsprojektes erfolgt durch den automatischen Vergleich mit dem Kapitalmarkt. Die Kapitalwertmethode hat keine schwerwiegenden Mängel. Sie liefert eine gute Entscheidungshilfe für Investitionen.
In dem hier betrachteten Fallbeispiel wäre also der SM Samurai das bessere Fahrzeug.
Professor Dr. Martina Röhrich lehrt Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Rechnungswesen, Controlling und Public Management an der School of International Business der Hochschule Bremen.
Kruschwitz, L., Investitionsrechnung, 11. Aufl., München 2007.
Megginson, W. L., S. B. Smart und B. M. Lucey, Introduction to Corporate Finance, London 2008.
Röhrich, M., Fundamentals of Investment Appraisal: An Illustration based on a Case Study, München 2007a.
Röhrich, M., Grundlagen der Investitionsrechnung: Eine Darstellung anhand einer Fallstudie, München 2007b.
Ross, S. A., R. W. Westerfield und B. D. Jordan, Essentials of Corporate Finance, 6. Aufl., New York 2007.