Volkswirtschaftslehre
Wenn ein deutscher Mittelständler in Fernost einen Standort sucht, reicht es nicht aus, dass er die Immobilienanzeigen in asiatischen Zeitungen studiert. Zu Beginn muss er erst einmal genau die Faktoren identifizieren, die ihm vor Ort wichtig sind. Das sind oft nicht allein niedrige Lohnkosten. Auch das Innovationsklima oder das Kulturangebot können durchaus wichtige Kriterien sein. Die Standortsuche ist folglich komplex, da häufig nicht alle relevanten Informationen zu den potenziellen Standorten vorliegen. Ein geeignetes Hilfsmittel können Länderranglisten sein. Eine Stuttgarter Ökonomin zeigt auf, was bei der Standortwahl und der Interpretation solcher Ranglisten zu beachten ist.
Von Dr. Margit Kraus, Calculus Consult, Plochingen
Im Zuge der Globalisierung erhalten internationale Standortentscheidungen und Standortvergleiche auch für kleinere und mittlere Unternehmen eine zunehmende Bedeutung. Verschiedene Standorte weisen in der Regel sowohl Vor- als auch Nachteile auf, die den Unternehmen zum einen unterschiedlich hohe Kosten verursachen und zum anderen unterschiedliche Leistungen bereitstellen.
Die verschiedenen Einflussfaktoren, die für Unternehmen monetäre oder nicht-monetäre Kosten und Erträge verursachen und damit für die Standortwahl bedeutsam sind, werden als „Standortfaktoren" bezeichnet.
Generell werden in der Literatur drei Arten von Standortfaktoren unterschieden (siehe zum Beispiel Bathelt/Glückler 2002): Die so genannten harten Standortfaktoren, die weichen unternehmensbezogenen Standortfaktoren und die weichen personenbezogenen Standortfaktoren.
Als harte Standortfaktoren werden objektive und direkt quantifizierbare Größen bezeichnet, die die Geschäftstätigkeit beeinflussen. Hierzu zählen beispielsweise die Höhe von Steuern und Abgaben, die Arbeitskosten und Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Finanzierungsbedingungen.
Als weiche unternehmensbezogene Faktoren werden Einflussfaktoren bezeichnet, die der subjektiven Wahrnehmung unterliegen und nur in Form von Einschätzungen oder Näherungsgrößen quantifizierbar sind. Solche Faktoren sind beispielsweise das Verhalten der öffentlichen Verwaltung gegenüber Unternehmen, die Arbeitnehmermentalität oder das Innovations- und Vertrauensklima.
Unter weichen personenbezogenen Faktoren schließlich sind persönliche Präferenzen der entscheidenden Personen zu verstehen, die den Unternehmenserfolg nur indirekt beeinflussen. Hierzu gehören beispielsweise die Umweltqualität, der Freizeitwert oder das Bildungs- und Kulturangebot am entsprechenden Standort.
Die Vielzahl der zu berücksichtigenden Einflussfaktoren macht die Frage der Standortwahl zu einer multidimensionalen Entscheidungssituation. Die Gegenüberstellung und Abwägung der verschiedenen Faktoren ist schwierig. Von verschiedenen Organisationen werden deshalb so genannte Standort-Länderrankings als Entscheidungshilfen für Unternehmen und politische Entscheidungsträger angeboten.
Standort-Länderrankings sind summarische Ranglisten zur Bewertung der Standortqualität von Ländern, die auf der Aggregation von Bewertungen verschiedener Standortkriterien basieren. Hierbei werden zunächst als für die Zielsetzung der Rangliste relevant erachtete Themenfelder und Einzelkriterien ausgewählt und durch geeignete Kennzahlen repräsentiert. Anschließend werden in ein- oder mehrstufigen Aggregationsverfahren und unter Verwendung von Gewichtungsfaktoren diese themen- und kriterienbezogenen Kennzahlen zu übergeordneten Ranglisten verrechnet.
Wer gibt solche Länderrankings heraus?
Beispiele für bekannte internationale Standort-Länderrankings sind die Ranglisten des World Economic Forum, der Bertelsmann-Stiftung oder des Fraser-Instituts (für einen kritischen Überblick siehe zum Beispiel Ochel/Röhn 2006). Auch die Stuttgarter Stiftung Familienunternehmen gibt regelmäßig ein Länderranking heraus.
Bei der Auswahl der in das Länderranking eingehenden Themengebiete und Kriterien muss zunächst Klarheit bestehen,
Im Idealfall sollte die Entscheidung hierüber in Zusammenarbeit mit der Zielgruppe getroffen werden und sich daran orientieren, was gemessen werden soll - nicht daran, welche Indikatoren verfügbar sind. Sind die Themengebiete oder Kriterien ihrerseits wiederum mehrdimensional, so können sie weiter in Untergruppen zerlegt werden. Eventuell bestehende theoretische und statistische Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Kriterien können mit Hilfe multivariater statistischer Verfahren wie Korrelationsanalysen, Faktor- oder Hauptkomponentenanalysen sowie Clusteranalysen untersucht werden (siehe zum Beispiel Giovanni et al. 2005, Nicoletti et al. 1999).
Ist die Entscheidung über die Kriterienwahl getroffen, so müssen Kennzahlen beziehungsweise Teilindikatoren zur Erfassung und Bewertung dieser Kriterien gefunden werden. Diese Teilindikatoren sollten so präzise wie möglich und klar interpretierbar sein. Sie sollten außerdem international vergleichbar definiert und über längere Zeiträume konsistent erhoben vorliegen, um die Fortschreibung der Rangliste zu ermöglichen.
Bei harten Standortfaktoren ist dies vergleichsweise einfach, da hier in der Regel klar definierte Begriffe und internationale Standards existieren, nach denen die wichtigsten ökonomischen Größen von den meisten Ländern fortlaufend erhoben werden. Schwieriger wird es bei der Messung weicher unternehmensbezogener und personenbezogener Standortfaktoren.
Welche Standortfaktoren lassen sich schwer messen?
Komplexe Konzepte wie das „Innovationsklima" sind besonders schwierig zu definieren und präzise zu messen. Da sie bereits von verschiedenen Personen subjektiv unterschiedlich wahrgenommen werden, ist eine internationale Vergleichbarkeit schwierig herzustellen. Hier muss häufig auf Daten aus Umfragen zurückgegriffen werden oder es müssen auch hier Näherungsgrößen herangezogen werden.
Bei der Aggregation der ausgewählten Teilindikatoren ist zu beachten, dass bei verschiedenen Kennzahlen manchmal ein höherer, manchmal ein niedrigerer Wert eine günstigere Bewertung des jeweiligen Landes kennzeichnet.
So sind im Fall der Arbeitsstundenproduktivität höhere, im Fall der Steuerbelastung hingegen niedrigere Werte als günstiger anzusehen. Zur Indexberechnung ist jedoch eine einheitliche Handhabung der Bewertungsskala erforderlich, auch wenn dies in manchen Fällen bedeutet, dass die inhaltliche Interpretation weniger intuitiv ist. Daher müssen zunächst alle Teilindikatoren auf eine einheitliche Bewertungsrichtung umskaliert werden.
Aber auch im Hinblick auf ihren Wertebereich können die verwendeten Teilindikatoren sehr unterschiedlich sein. Während manche Größen natürliche oder definierte Minimal- und Maximalwerte aufweisen (so beispielsweise Ergebnisse der PISA-Studie), ist dies für andere Variablen, wie etwa die Arbeitskosten oder die Arbeitsstundenproduktivität, nicht der Fall.
Auch die Größenordnungen verschiedener Teilindikatoren variieren sehr stark: Während sich einige Größen im Wertebereich zwischen Null und Eins bewegen (so beispielsweise der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt), sind andere Variablen in ihrem Wertebereich anders oder gar nicht beschränkt. Bei der Aggregation von Teilindikatoren können jedoch bereits geringfügige Skalierungsunterschiede erhebliche Verzerrungen verursachen und die Aussagefähigkeit des Indikators stark beeinträchtigen.
Um dies zu vermeiden, müssen die Daten vor der Aggregation auf einen vergleichbaren Wertebereich normiert werden. Hierzu gibt es verschiedene statistische Verfahren (Giovanni et al. 2005, Nicoletti et al. 1999). Gebräuchlich sind unter anderem die Vergabe von Rangplätzen für die verschiedenen Standorte - wodurch allerdings die Information über deren absolute Abstände verloren geht - die so genannte Z-Standardisierung, die die Werte auf eine Verteilung mit Mittelwert Null und Standardabweichung Eins umskaliert, und die Normierung auf einen festen Wertebereich, beispielsweise das Einheitsintervall.
Bevor aus den normierten Teilindikatoren ein Gesamtindex errechnet werden kann, muss nun noch über die Gewichtung dieser Teilindikatoren entschieden werden. Oft wird bei zusammengesetzten Indikatoren gemäß des aus der Statistik bekannten „Prinzips des unzureichenden Grundes" eine Gleichgewichtung verwendet.
Allerdings sollte man, wählt man diese Vorgehensweise, nicht der Illusion anheim fallen, dass durch sie die Gewichtungsfrage vermieden werden kann: Auch die Gleichgewichtung beinhaltet ein Urteil über die Relevanz der Teilindikatoren, nämlich dass alle Indikatoren gleich bedeutsam sind. Außerdem kann bei einer mehrstufigen Aggregation aus der durchgehenden Verwendung einer Gleichgewichtung in einer - nicht beabsichtigten - ungleichen Repräsentation der Teilindikatoren im Gesamtindex resultieren.
Eine weitere Möglichkeit, Gewichtungsfaktoren zu bestimmen, sind Experten- oder Zielgruppenumfragen, was den Vorteil hat, dass die Gewichtung auf die Zielgruppe des Standortrankings zugeschnitten werden kann.
Schließlich können Gewichte auch mit Hilfe statistischer Verfahren wie der Hauptkomponenten- oder Faktorenanalyse bestimmt werden (Giovanni et al. 2005, Nicoletti et al. 1999). In diesem Fall können jedoch Gewichtungsfaktoren resultieren, die den Interessen der Zielgruppe nicht entsprechen; außerdem werden in der Regel die Gewichte bei einer Aktualisierung des Index von Berichtsjahr zu Berichtsjahr variieren, was im Hinblick auf die Periodenvergleichbarkeit der Rangliste nicht unproblematisch ist.
Unabhängig davon, für welche Methode man sich entscheidet, ist mit der Wahl der Gewichte immer ein Werturteil über die relative Bedeutung der einbezogenen Kriterien verbunden.
Mit der Konstruktion von Ranglisten ist also eine ganze Reihe von Entscheidungen verbunden, die die Wahl der Indikatoren, der Normalisierung, der Gewichtungs- und Aggregationsmethoden betreffen. Nicht selten wird deshalb die Aussagefähigkeit und Robustheit solcher Ranglisten angezweifelt. Sensitivitäts- und Robustheitsanalysen können dazu beitragen, Bedenken dieser Art zumindest teilweise Rechnung zu tragen. In solchen Analysen wird untersucht, wie sich die Ergebnisse verändern, wenn andere Normierungsverfahren verwendet werden, einzelne Teilindikatoren aus der Aggregation ausgeschlossen oder mit anderen Gewichtungsfaktoren versehen werden.
Der Vergleich von Rangpositionen und -abständen der Länder vor und nach solchen Variationen gibt Aufschluss darüber, wie empfindlich eine Rangliste gegenüber Veränderungen in solchen Entscheidungen ist.
Die in den Ranglisten ausgewiesenen Werte für die Gesamtindikatoren liefern nur einen Ausgangspunkt für eine Standortentscheidung. Länderranglisten können aber noch weitreichendere Informationen über die Standortqualitäten verschiedener Länder liefern.
So können durch Analyse der Kennzahlen oder Teilindikatoren der einbezogenen Themengebiete Aufschlüsse über deren Interdependenzen gewonnen und aussagefähige Stärken-/Schwächenprofile für die untersuchten Länder erstellt werden (Giovanni et al. 2005).
Regressions- und Korrelationsanalysen der Teilindikatoren geben Auskunft über positive und negative Zusammenhänge des Abschneidens von Ländern in verschiedenen Teilbereichen, und damit über Synergie- oder Trade-Off-Effekte unterschiedlicher Standortfaktoren. Eine Darstellungsweise für Stärken-/Schwächenprofile sind so genannte „Spinnennetz-Diagramme", in denen die Bewertung verschiedener Länder simultan für mehrere Teilindikatoren abgebildet wird (siehe nachstehende Abbildung).
Wie ist ein Spinnennetz-Diagramm zu interpretieren?
Je größer die Fläche ist, die ein Land in einem solchen Diagramm abdeckt, desto vorteilhafter ist dieser Standort. Ein „idealer" Standort, der bei allen betrachteten Faktoren den ersten Rang innehat, würde die volle Fläche des Diagramms abdecken. Ein Standort, der in allen Kriterien auf dem letzten Platz liegt, hätte dagegen auf allen Achsen eine Nullbewertung und wäre demnach nur als Punkt in der Mitte des Diagramms dargestellt.
Ein Beispiel zeigt die nachstehende Abbildung: Wie aus dem Diagramm ersichtlich ist, liegen unter den betrachteten Standortkriterien die Stärken des deutschen Standorts im Bereich der öffentlichen Infrastruktur und Finanzierung, während die größte Schwachstelle der Bereich der Regulierung ist.

Weitere Möglichkeiten sind die Darstellung in Form von mehrfach untergliederten Balken- oder Tortendiagrammen, die den Beitrag der einzelnen Teilbewertungen zur Gesamtbewertung eines Landes anzeigen. Schließlich können auch „Ampel-Diagramme", in denen jedem Teilindikator die Farbe Grün, Gelb oder Rot zugeordnet wird, je nachdem, wie das Land in diesem Teilgebiet abschneidet, verwendet werden.
Die erwähnten Ranglisten des World Economic Forum, des Fraser Instituts, der Bertelsmann-Stiftung etc. sind an ein sehr breites Publikum aus Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft gerichtet.
Genauer auf besondere Bedürfnisse zugeschnitten, sind zielgruppenspezifische Länderranglisten. Ein Beispiel für ein solches Länderranking ist der im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen in Stuttgart entwickelte Länderindex. Der erstmals für das Jahr 2006 publizierte Index zielt auf einen internationalen Standortvergleich ab, der auf die spezifischen Bedürfnisse von Familienunternehmen zugeschnitten ist.
Wie ist ein Familienunternehmen in diesem Fall definiert?
Unter dem Begriff „Familienunternehmen" werden Unternehmen verstanden, bei denen unabhängig von der Rechtsform die mehrheitliche Kontrolle durch eine Familie ausgeübt wird, wobei familienfremdes Management zulässig ist. Im Focus stehen vor allem Unternehmen, die (im industriellen Bereich) ein Umsatzvolumen von mindestens 100 Millionen Euro aufweisen.
In der soeben publizierten Aktualisierung und Fortentwicklung des Index für das Jahr 2008 umfasst die Länderabdeckung 16 EU-Länder, die Schweiz und die USA. Als Standortkriterien werden die Besteuerung, die Kosten, Produktivität und Qualifikation von Arbeitskräften, die Regulierungsintensität, die Finanzierungsmöglichkeiten und in der aktualisierten Ausgabe des Länderindex 2008 außerdem die öffentliche Infrastruktur an den einzelnen Standorten untersucht.
Nachdem zunächst für jedes der genannten Themengebiete ein Index der Standortqualität berechnet wurde, wird anschließend ein zusammenfassender Länderindex bestimmt, der die Standortbedingungen für Familienunternehmen in den betrachteten Ländern vergleichend darstellt. Über den unmittelbaren Vergleich der Standortbedingungen hinaus erfüllt die Studie auch eine Service-Funktion für Familienunternehmen.
Indem vielfältige, für Familienunternehmen relevante Standort-Details komprimiert dokumentiert und ausgewertet werden, dient sie als ein aktuelles Kompendium der Bedingungen, die Familienunternehmen an unterschiedlichen Standorten vorfinden. Die aktuelle Fassung für das Jahr 2008 wurde im Juni 2008 veröffentlicht und kann von der Webseite der Stiftung, www.familienunternehmen.de, abgerufen werden.
Dr. oec. Margit Kraus ist Inhaberin der Calculus Consult in Plochingen bei Stuttgart, www.calculus-consult.com.
Bathelt, H. und J. Glückler (2002), Wirtschaftsgeographie. Ökonomische Beziehungen in räumlicher Perspektive, Stuttgart.
Bertelsmann Stiftung, Internationales Standort-Ranking, versch. Jahrgänge, Gütersloh.
Fraser Institute, Economic Freedom of the World, versch. Jahrgänge, Vancouver.
Giovanni, E. et al. (2005), Handbook on Constructing Composite Indicators: Methodology and User Guide, OECD Statistics Working Papers 2005/3, OECD.
Nicoletti, G., St. Scarpetta und Oliver Boylaud (1999), Summary Indicators of Production Market Regulation with an Extension to Employment Protection Legislation, Economics Department Working Papers No. 226-
Ochel, W. und O. Röhn (2006), Ranking of Countries - the WEF, IMD, Fraser and Heritage Indices, CESifo DICE Report 2006.
Stiftung Familienunternehmen (2006, 2008), Benchmarkstudie für Familienunternehmen, Stuttgart.
World Economic Forum, Global Competitiveness Report, versch. Jahrgänge. Genf.
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