Titelthema
Vor wenigen Jahren stellte der US-amerikanische Autor Nicholas Carr öffentlich den Sinn von IT-Abteilungen provokant in Frage. Die Folge war eine intensive und teilweise sogar polemische Debatte über die Sinnhaftigkeit unternehmerischer Investitionen in Informationstechnologien. Ob IT-Abteilungen künftig um ihre Existenz bangen müssen oder ob sie auch weiterhin einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten, erläutert ein Stuttgarter Informatikprofessor.
Von Professor Dr. Thomas Kessel, Berufsakademie Stuttgart
Im März 2003 erschien in der bekannten Zeitschrift Harvard Business Review ein Artikel von Nicholas Carr mit dem provokanten Titel „IT doesn't matter". Darin wurde eine Reihe von Thesen aufgeführt, die in der damaligen IT-Welt und sogar darüber hinaus eine Art Erdbeben auslöste, deren Schockwellen zum Teil noch bis heute zu spüren sind.
Die zentrale Aussage des Artikels war, dass die Informationstechnologie keinen strategischen Vorteil mehr für Unternehmen bietet. Die Investitionen in Informationstechnik sind folgerichtig zu reduzieren und die IT-Abteilungen werden in den Unternehmen langfristig verschwinden, da IT-Dienstleistungen analog zu Strom, Wasser oder Gas künftig von großen IT-Infrastrukturanbietern (vergleichbar den großen Energieversorgern) bezogen werden.
Doch was ist dran, an Carrs provokanten Thesen?
Die drei Carrschen Thesen im Überblick
1. IT verliert ihren strategischen Vorteil
Proprietäre Technologien sind Technologien, die einzelnen Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen, da diese exklusiv über Herstellungsverfahren, Produkte oder Dienstleistungen verfügen und über Patente geschützt sind. Ein lizenzrechtlich geschütztes Medikament stellt zum Beispiel für ein Pharmaunternehmen eine proprietäre Technologie dar, die nur ausschließlich von ihm oder seinen Lizenznehmern genutzt werden kann. Laut Carr sind IT-Dienstleistungen aber eher als Infrastrukturangebote zu sehen, die zunehmend ihre strategische Vorteile verlieren, da sie einerseits von jeder beliebigen Firma genutzt werden können und es andererseits auch im Interesse des Infrastrukturanbieters liegt, diese Dienste möglichst breit anzubieten, um so von Skaleneffekten profitieren zu können.
2. Die Standardisierung der Informationstechnologie führt zur IT als Gebrauchsgut
Nicholas Carr sieht die Standardisierung von IT-Dienstleistungen und dem daraus resultierenden Status als Gebrauchsgut begünstigt durch seine Eigenschaften, dass (1) IT ein Transportmedium ist, (2) es einfach zu vervielfältigen ist und (3) IT Produkte und Dienste ständig günstiger werden. Das heißt:
3. Empfehlungen für Unternehmen
Aus dem Punkt, dass IT-Dienstleistungen in Form einer Infrastruktur verfügbar sind, wurde nun abgeleitet, dass es wenig sinnvoll ist, darauf die Wettbewerbsstrategie oder die Wertschöpfung eines Unternehmens aufzubauen. Weiterhin sollten Unternehmen die IT-Investitionen vor allem defensiv (statt wie bislang offensiv) angehen. Eine solche Strategie hat zur Konsequenzen, dass
Die Reaktionen auf die obigen Thesen waren sehr vielfältig und führten vor allem zu einer längeren, zum Teil sogar polemisch geführten Debatte über den Beitrag der IT zur Wertschöpfung im Unternehmen.[1] Denn letztlich ging und geht es genau um diesen Punkt: inwieweit ist das IT-Budget gerechtfertigt und führt zu einem strategischen Vorteil für das Unternehmen?
Die Diskussion ist natürlich auch in ihrem historischen Kontext zu verstehen, als in einer generellen Begeisterung für neue IT-Investitionen, die entsprechenden IT-Budgets wuchsen, ohne dass deren betriebswirtschaftliche Relevanz und Wertbeiträge klar waren. Man denke in diesen Fällen nur an die Exzesse der damaligen „New Economy", getrieben durch den Internet-Hype.
In der Tat erfolgte in den letzten Jahren eine zunehmende Standardisierung der Hardware für PCs und auf so genannte Industriestandard Server, die auf Intel- oder AMD-Prozessoren und auf den Betriebssystemen Windows und Linux beziehungsweise UNIX basieren. Parallel erfolgte in den meisten Unternehmen ebenfalls die Ablösung von individuellen Softwarelösungen durch betriebswirtschaftliche Standardsoftware und die üblichen Office-, Kommunikations- und Informationsmanagementlösungen, zum Beispiel die Textverarbeitung, die Tabellenkalkulation oder die Präsentation von Folien.
Die Einführung von solchen einheitlichen Softwareprodukten wurde motiviert durch die möglichen Kosteneinsparungen, denn die Lizenz- und Wartungskosten liegen hier in der Regel deutlich niedriger als für entsprechende Eigenentwicklungen. In diesem Punkt hat Nicholas Carr durchaus Recht, aber seine Schlussfolgerungen sind wohl gerade nicht zulässig.
Die Konsolidierung der Hardware, egal ob es nun die PCs, die Server oder die Massenspeicher betrifft, hat normalerweise keine Auswirkungen auf die Geschäftsabläufe, denn für die Funktionalität ist die nächste Schicht, die Ebene der Anwendungen, zuständig. Eine Datenbank liefert dieselben Ergebnisse, unabhängig davon, ob sie unter Microsoft Windows oder Linux läuft, oder ob sie auf einem Server oder einem PC ausgeführt wird.
Was nun die analoge Vereinheitlichung betriebswirtschaftlicher Software betrifft, so ist zu sagen, dass selbst bei einem Einsatz derselben Anwendung innerhalb der gleichen Branche das Differenzierungspotenzial für die Geschäftsprozesse sehr groß ist, denn die Software bietet nur einen generischen Rahmen, der für jedes Unternehmen individuell ausgefüllt werden muss. Die Verwendung derselben Projektmanagemensoftware etwa nichts darüber aus, wie die einzelnen Projekte umgesetzt werden oder welche Ressourcen eingesetzt werden.
Kurzum, die Unternehmen haben in den letzten Jahren die Konsolidierung von Hardware und Software dazu genutzt, die IT-Abteilungen effizienter und produktiver zu gestalten, um so zu beträchtlichen Kostensenkungen zu gelangen. Dies hat nicht dazu geführt, dass die IT-Abteilungen auf- oder abgelöst wurden, sondern sie wurden dazu gezwungen sich Gedanken über ihren Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens zu machen. Sie wandelten sich somit in der Regel zum IT-Dienstleister.
Nicholas Carrs Artikel führte so indirekt dazu, dass die IT-Dienstleistungen wieder stärker unter Kostenaspekten betrachtet wurden und sie ihre Beiträge zum Gesamtergebnis des Unternehmens erbringen müssen. Die IT verlor damit vielleicht ihre einstmals privilegierte Rolle. Ihren Beitrag zur Wertschöpfung erbringt sie aber definitiv weiterhin.
Wie sieht es mit der Vision von Nicholas Carr aus, IT-Dienstleistungen von Infrastrukturanbietern zu beziehen - analog zu Strom, Wasser oder Gas von Energieversorgern? In der Tat gab es in der jüngeren Vergangenheit verschiedene Anläufe die Vision von flexiblen IT-Diensten umzusetzen.
Der erste Ansatz waren die Application Service Provider (ASP) - die Firmen, die die Nutzung einer besonderen Anwendung ermöglichten, wobei die Anwendung im Rechenzentrum des ASPs ausgeführt und dort auch die Daten der Benutzer aufbewahrt wurden. Die Schwachpunkte dieses Vorgehens waren die große Abhängigkeit vom Netzwerk, das die vertraulichen Daten übertragen muss, die mangelnden Rechenkapazitäten, die für alle Anwendungen vorgehalten werden mussten und vor allem gab es nur geringe Kosteneinsparungen - im Vergleich zur klassischen Lösung - aufgrund zu niedriger Skaleneffekte.
In einem Bereich hat sich diese Variante des Hosting aber durchgesetzt: im Webumfeld ist die Kombination der Bereitstellung von Rechenleistungen durch einen dedizierten Server und die Verfügbark von Netzwerkbandbreite eine Standarddienstleistung geworden. Dies ist möglich weil die Server automatisch verwaltet werden können und die Anwendung, der Webserver, sehr einfach ist.
Der nächste Schritt war das Utility Computing, mit dem es möglich ist, zusätzliche Rechenleistungen abzurufen. Dies kann entweder über weitere Prozessoren in den existierenden Servern erfolgen, die neu hinzu geschaltet werden, oder über externe Server, die zeitweilig dem Netzwerk hinzugefügt werden. Dieser Ansatz setzt aber voraus, dass die Berechnung über mehrere Rechner verteilt werden kann.
Parallel zu diesen technischen Lösungsansätzen entwickelte sich das Auslagern von IT Dienstleistungen (Outsourcing) zu einem sehr wichtigen Trend. Hierbei stehen vor allem die Kosteneinsparungen bei den IT Aufwendungen im Vordergrund. In gewisser Weise ist dieser Weg die pragmatische Umsetzung von Carrs Vision, denn man bindet sich für längere Zeit an einen IT Dienstleister.
Ob man sich dabei für das Auslagern der vollständigen IT oder nur für ausgewählte, gut abgrenzbare Funktionalitäten (Netzwerkmanagement, PC-Desktopmanagement usw.) entscheidet, ist dann eine Frage der Unternehmensstrategie, inwieweit man sich durch bestimmte Dienste noch differenzieren kann oder ob man diese als Gebrauchsgut bei einem externen Anbieter einkauft.
Insbesondere die Wirtschaftsinformatik kann einen wertvollen Beitrag zur Integration von Fach- und IT-Abteilungen leisten, denn sie beschäftigt sich intensiv mit der Optimierung von Geschäftsprozessen oder mit der möglichst weitgehenden Automatisierung und Integration der Geschäftsabläufe durch angepasste Standardsoftware, so dass die IT Abteilung ihr spezifisches Wissen einbringt und so wesentlich zur Wertschöpfung beiträgt.
Oder es werden für die Fachabteilung spezifische Werkzeuge für die Analyse der Kundendaten im Bereich des Business Intelligence geliefert. Die Anforderungen an die IT-Abteilungen wachsen, denn es ist nicht mehr ausreichend nur die IT-Systeme zu verwalten oder die benötigte Netzwerkbandbreite bereit zu stellen.
Von der IT-Abteilung werden vielmehr strategische Vorteile durch die Nutzung von differenzierten technischen Features erwartet, die sich in konkrete Wettbewerbsvorteile umsetzen lassen, oder durch klare Beiträge zur allgemeinen Kostensenkung, indem zum Beispiel die Lager- oder Produktionszeiten reduziert werden.
Die Lehre von Nicholas Carrs Thesen ist, dass die IT, genauso wie andere Unternehmensabteilungen ihren Beitrag für die Wertschöpfung des Unternehmens erbringen muss. Falls dies nicht mehr möglich ist, kann es zu einer selektiven oder vollständigen Auslagerung von IT-Diensten kommen. Die Wirtschaftsinformatik fokussiert sich genau auf den Aspekt, inwieweit die Fachabteilungen durch spezifische IT-Dienste ihre Wertbeiträge erhöhen können und somit auch den der IT.
Professor Dr. Thomas Kessel lehrt seit 2002 an der Berufsakademie Stuttgart im Studiengang Wirtschaftsinformatik, in den Bereichen Betriebssysteme, verteilte Systeme und Softwareentwicklung.
[1] Die zahlreichen (positiven) Publikationen der englischsprachigen Presse, die sich auf Nicholas Carrs Papier beziehen sind auf seiner Webseite www.nicholasgcarr.com/doesitmatter.html aufgelistet und dort, falls frei verfügbar, auch im Original nachzulesen.