Betriebswirtschaftslehre
Der Ölpreis ist und bleibt auf einem hohen Niveau. Die Gründe für dieses Phänomen sind nicht nur in dem fast unstillbaren Energiehunger Chinas und Indiens zu suchen. Auch Spekulanten, die nach der jüngsten Ölpreisexplosion gute Geschäfte witterten, tragen dazu bei. Unser Experte Michael Bloss beleuchtet die Gründe für die Ölpreissteigerung genauer. Er geht im Rahmen dessen auch auf die bewegte Geschichte des Ölpreises ein.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Das Schreckensgespenst der Inflation geht wieder um. Auslöser sind nicht zuletzt die in den vergangenen Monaten weltweit enorm gestiegenen Rohstoffpreise - allen voran der Ölpreis. Die Preisexplosion beim Öl ist schon lange nicht mehr allein Folge der weltweit gestiegenen Nachfrage. Beim Öl gilt vielmehr die alte Börsenweisheit: Die Hausse nährt die Hausse. Vielerorts wird zwar davon ausgegangen, unter anderem wegen der Ölpreissubvention durch China, dass sich der Preis für das schwarze Gold konsolidieren wird, doch die Sorge über die Folgen des hohen Ölpreises ist dennoch gegenwärtig.
Doch was ist Öl eigentlich? Keine leicht zu beantwortende Frage, denn die gehandelten Mineralöle unterscheiden sich, beispielsweise in Bezug auf die enthaltenen Schwefelkonzentrationen. Besonders die "guten" schwefelarmen Ölsorten sind es, deren Förderkapazität deutlich rückläufig ist. Für uns bedeutend ist entweder das US-amerikanische West Texas Intermediate (WTI) oder die Ölsorte Light Sweet Crude. Beides sind schwefelarme und somit süße Ölsorten. Und: Beide Ölsorten sind aufgrund ihrer Beschaffenheit weltweit sehr nachgefragt.
Gehandelt wird Erdöl an den Terminbörsen. Herauszuheben sind hierbei das New York Board of Trade (NYBOT) und die Intercontinental Exchange (ICE), die früher International Petrolium Exchange hieß. In Asien ist der Hauptbörsenplatz die Singapore International Monetary Exchange (SIMEX). Die weltweit größte Warenterminbörse ist die New York Mercantile Exchange (NYMEX).
Handelsplattform für Öl und Orangensaft
Die NYMEX entstand 1994 aus einem Zusammenschluss der New York Mercantile Exchange mit der New York Commodities Exchange (COMEX). Es werden hier ausschließlich Waren, wie beispielsweise Metalle, Energieprodukte, aber auch Orangensaft (FCOJ) gehandelt. Der Handel an der NYMEX findet sowohl elektronisch wie auch auf dem Parkett statt.
An der NYMEX kann Öl auf Termin - also in Zukunft - ge- und verkauft werden. Der Handel erfolgt in der Regel in Kontrakten mit physischem Settlement. Das heißt, das Öl wird auch tatsächlich körperlich und damit physisch ausgetauscht. Daneben gibt es auch Kontrakte, die ein so genanntes Cash Settlement haben. Diese Kontrakte nutzen meist Spekulanten, die lediglich auf ein Steigen oder Fallen des Ölpreises spekulieren, an einem physischen Austausch von Öl allerdings keinerlei Interesse haben.
Die Höhe des Ölpreises ist in den letzten Jahrzehnten immer wieder ein heißes Thema gewesen. 1973 begann die erste Ölkrise, als die Organisation Erdölexportierender Länder (OPEC) bewusst die Fördermenge reduzierte. In der Folge stieg der Ölpreis drastisch von knapp 3 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) auf über 11 US-Dollar an. Das Ergebnis dieser Maßnahme ging unter dem Begriff „Ölembargo" in die Geschichtsbücher ein.
Eine zweite Ölkrise folgte in den Jahren 1979/80. Durch Fördermengenausfall und durch Verunsicherungen aufgrund terroristischer Aktivitäten schnellte der Ölpreis erneut in die Höhe, von über 15 US-Dollar auf rund 38 US-Dollar pro Barrel. In den 1990er Jahren kam es, abgesehen von kurzfristigen Preisanstiegen beispielsweise aufgrund des Golfkriegs, eher zu einer Stabilisierung des Ölpreises. Erst Anfang 2001 begann der Ölpreis wieder kräftig zu steigen: Am 6. Juni 2008 stieg er für die Sorte WTI an der NYMEX in New York erstmals auf über 139 US-Dollar pro Barrel an.
Süßliches Rohöl
West Texas Intermediate (WTI) ist ein leichtes, süßliches Rohöl. Durch seinen unter anderem geringen Schwefelgehalt eignet es sich hervorragend für die Mineralölraffinierung und die Herstellung von Benzin. Der Preis pro Barrel WTI-Öl entspricht in der Regel dem der leichten Nordseesorte Brent Crude, kann aber geringfügig abweichen. Der Preis für beide Rohölsorten ist jedoch miteinander gekoppelt.
Die vergangenen Ölpreissteigerungen Anfang und Ende der 1970er Jahre sind auf Maßnahmen des OPEC-Kartells zurückzuführen. Doch worin liegen die Gründe für die jüngste Preisexplosion? Die Gründe für diesen enormen Preisauftrieb können nicht isoliert betrachtet werden. Zum einen ist die Preissteigerung Folge der weltweit höheren Nachfrage. Vor allem die großen Volkswirtschaften Indien und insbesondere China haben einen fast unbändigen Hunger nach dem schwarzen Gold entwickelt. Aber auch in Korea ist die Nachfrage kräftig gestiegen. Daneben zählen Lateinamerika und Russland ebenso wie die USA und selbstverständlich auch Europa zu den großen Ölnachfragern.
BRIC überflügeln G8-Staaten
Die Abkürzung BRIC steht für die Anfangsbuchstaben der vier Staaten: Brasilien, Russland, Indien und China. Sie wurde vom Goldman-Sachs-Chefvolkswirt Jim O'Neill im Jahre 2003 geprägt. Diese vier Staaten, drei von ihnen so genannte Schwellenländer, haben jährliche Zuwachsraten der Wirtschaftsleistung von 5 bis 10 Prozent - in der Europäischen Union lediglich etwa 2 Prozent. Prognosen sagen voraus, dass die BRIC-Staaten bis 2050 die G8-Staaten überflügeln werden. Damit würde die „westliche Welt", also Europa und Nordamerika, erstmals seit etwa 5 Jahrhunderten ihre dominierende Stellung in der Weltwirtschaft verlieren.
Die Globalisierung trägt neben technischem Know-how auch Wohlstand in viele zuvor schwach entwickelte Volkswirtschaften, besonders in die so genannten BRIC-Staaten. Dort wird heutzutage deutlich mehr Öl in Form von zum Beispiel Benzin und Kerosin verbraucht. Die Folge ist ein Nachfrageüberhang, der eine Preisspirale in Gang bringt.
Genau genommen wird bereits seit 1980 mehr Erdöl verbraucht als neues gefunden. Aufgrund intensiver Forschung und Weiterentwicklung ist man heute zwar in der Lage auch Ölsande zu nutzen oder durch die Beimischung von Bio-Ethanol Öl zu strecken, allerdings ist dies langfristig nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Doch neben der weltweit angestiegenen Nachfrage nach Öl, liegt ein weiterer Grund für die Preissteigerung in Spekulationen. Grundsätzlich kann man es keinem Spekulanten übel nehmen, wenn er auf einen auf einen steigenden Ölpreis und eine gleich bleibend hohe Nachfrage nach Öl setzt und damit über Risikokapital Geld verdient. Aber: Eben diese Spekulationen heizen den ohnehin steigenden Ölpreis weiter an.
Da nach dem 2. Weltkrieg Öl fast ausschließlich in US-Dollar gehandelt wurde, verwundert es nicht, dass der Ölpreis stets in Abhängigkeit zum US-Dollar zu sehen ist. Durch den drastischen Rückgang des US-Dollar-Kurses kletterte der Ölpreis an den Terminbörsen. Gleichzeitig muss jedoch auch erwähnt werden, dass durch die anhaltende Abwertung des US-Dollars die volle Ölpreisessteigerung - besonders bei den Verbrauchern in Europa - nicht angekommen ist.
Und wie geht es künftig weiter?
Aufgrund der Nachfragesituation ist davon auszugehen, dass der Ölpreis auch in den nächsten Jahren weiterhin auf einem hohen Niveau bleiben wird. Ob er mit derselben Dynamik weiter steigt, ist hingegen zu bezweifeln. Die Höhe der Energiekosten hat direkten und indirekten Einfluss auf eine Volkswirtschaft. Folglich ist davon auszugehen, dass bei weiter steil steigenden Preisen Alternativen zum Öl zügig entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Erste Überlegungen werden bereits heute in die Praxis umgesetzt. So liegen bereits Forschungsergebnisse mit langkettigen Kohlenwasserstoffmolekülen vor.
Ob diese jedoch zur Marktreife kommen, ist noch nicht abzusehen.
Die drastische Abhängigkeit der modernen Zivilisation von einer fossilen Energiequelle ist zu einem großen Risiko für den Wohlstand geworden. Weitere Alternativen zum Öl müssen entwickelt und effektiv in die Praxis umgesetzt werden.
Michael Bloss ist Wertpapierspezialist und Prokurist der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives im Masterstudiengang International Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Gastdozent an namhaften Universitäten und Hochschulen. Sein Fachgebiet sind terminbörsengehandelte Derivate sowie deren Strategien. Er ist Autor und Mitautor von diversen Publikationen zu terminbörsenrelevanten Themen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board des Masterstudienganges International Finance (IFMSc) der HfWU.
Michael Bloss, Dietmar Ernst, Joachim Häcker (2008): Derivatives. An authoritative guide to derivatives for financial intermediaries and investors, München.
Michael Bloss, Dietmar Ernst (2008): Derivate. Handbuch für Finanzintermediäre und Investoren, München.