Volkswirtschaftslehre
Wo liegen die ersten Ursprünge ökonomischen Denkens? In Ägypten, in Babylonien, in Persien, im alten China oder in Griechenland? Die meisten Dogmenhistoriker votieren für die Griechen. Dieser Auffassung folgt auch unser Hamburger Experte, der im Folgenden auf spannende Art und Weise auf eine Entdeckungsreise in die Ursprünge der Ökonomie geht und die aristotelische Ökonomik beleuchtet.
Von Dr. Bernd Ziegler, Universität Hamburg
Nach Bertrand Russell, einem der bedeutendsten Philosophen und Mathematiker des 20. Jahrhunderts, ist die Entstehung der antiken griechischen Kultur, die innerhalb weniger Jahrhunderte eine erstaunliche Fülle herausragender Werke in Kunst, Literatur, Wissenschaft und Philosophie hervorbrachte, „eines der wunderbarsten Ereignisse in der Geschichte" (Russell 1992, S. 20). Vor allem unser wissenschaftliches Denken wurde durch dieses Zeitalter entscheidend geprägt. Begriffe wie Hypothese, Theorie, Methode, Postulat und Axiom sind ohne die antike griechische Philosophie nicht vorstellbar.
Zur Kennzeichnung der Beiträge der griechischen Philosophie wird der Begriff Präidee oder Uridee verwendet, der auf Fleck (2006) zurückgeht, der ihn in einer Schrift aus dem Jahr 1935 verwendet. Damit bezeichnet er in großer zeitlicher Distanz entstandene Ideen, die in den verschiedenen Denktraditionen weiterbestehen. Derartige Ideen, die nach Ansicht von Fleck häufig mehr oder weniger unklar sind, gibt es in den meisten Wissenschaften und zwar Jahre vor einer exakten wissenschaftlichen Begründung. Die Bedeutung derartiger Ideen liegt nicht in ihrem logischen oder sachlichen Gehalt, sondern in ihrer heuristischen Funktion als Entwicklungsanlage neuzeitlicher Theorien.
Auf der Suche nach historischen Präideen in der Geschichte des ökonomischen Denkens ist vor allem die Epoche der „Attischen Philosophie", mit Sokrates, Platon und Aristoteles als herausragende Repräsentanten, von Interesse (Baloglou/Peukert 1996). Und hier wiederum sind es in erster Linie die Werke von Aristoteles, in denen wir einige Reflexionen über ökonomische Probleme finden.
Wer war Aristoteles und wo wirkte er?
Aristoteles wurde im Jahre 384 v. Chr. in Stagira (im Grenzgebiet zwischen Thrakien und Makedonien) geboren und starb 322 v. Chr. in Chalkis. In jungen Jahren (367 v. Chr.) kam er nach Athen, um an Platons Akademie zu studieren. Fast 20 Jahre lang - bis zum Tode Platons - blieb er Mitglied der Akademie. Danach verließ Aristoteles Athen und kehrte erst zwölf Jahre später (335 v. Chr.) zurück. In dieser Zeit gründete er seine eigene Schule, das Lykeion. Nach dem Tode Alexander des Großen (323 v. Chr.), den er einst unterrichtete, verließ Aristoteles erneut Athen und starb kurze Zeit später (Schefold 1989). Der zweiten Athener Periode werden die meisten der uns überlieferten Werke von Aristoteles zugerechnet; einige beruhen auf Vorlesungsnotizen, andere stellen höchstwahrscheinlich Vorlesungsmitschriften seiner Schüler dar.
Bevor wir uns jedoch mit der aristotelischen Ökonomik näher beschäftigen, wollen wir auf einige Überlegungen von Xenophon (etwa 430 bis 354 v. Chr.) und Platon (427-347 v. Chr.) eingehen.
In seiner Schrift „Ökonomik" („Oikonomikos") schildert Xenophon das Idealbild einer kleinbäuerlichen Familie auf eigenem Grund und Boden - mit Anweisungen zur Feldbestellung und Viehzucht, Bodenmelioration und Grundstücksverkauf. Ökonomik wird definiert als „die Wissenschaft, durch welche die Menschen ihr Hauswesen empor zubringen imstande sind" (Xenophon, zit. nach Braeuer 1981, S. 38). Wir finden Hinweise über die Arten und die zu beachtenden Regeln des Ackerbaus, des Verhältnisses zwischen Grundbesitzern und Sklaven und über die ökonomischen und ethischen (sittlichen) Wirkungen der Arbeit einerseits und der Arbeitsscheu andererseits. Die Landwirtschaft wird als Quelle des Wohlstandes (sowohl des Haushaltes wie der Polis) betrachtet. Davon hängt das Wohlergehen von Handel und Gewerbe ab. Vergleichbare Aussagen finden wir später bei dem Physiokraten François Quesnay, der eine entsprechende Passage aus der Ökonomik von Xenophon an den Anfang seines Aufsatzes „Analyse du Tableau économique" stellt (erschienen erstmals 1766 im „Journal de l'Agriculture, du Commerce et des Finances", zit. nach Schneider 1965, S. 381 ff.). Die Frage nach der Quelle des volkswirtschaftlichen Wohlstands gehört zu den ersten ökonomischen Rätseln, die Diskontinuität und Kontinuität in der Geschichte des ökonomischen Denkens symbolisieren. Sie ist Bestandteil vieler Paradigmata, die Antworten unterscheiden sich aber beträchtlich (Fusfeld 1975, S. 24 ff.).
Eine weitere ökonomische Uridee oder Präidee, die wir bei Xenophon finden, ist der Begriff der Arbeitsteilung. Beschrieben wird die arbeitsteilig organisierte Zubereitung der Speisen am persischen Königshof. Hervorgehoben wird von Xenophon die geschmackliche Verbesserung der Speisen durch Spezialisierung der Köche. Neben der Berufsgliederung erwähnt er ebenfalls die Teilung der Arbeit innerhalb eines Handwerks. Wie bei Platon liegt auch bei Xenophon der Grund der Arbeitsteilung in der Verschiedenheit der Menschen - eine völlig andere Sichtweise als die, welche Adam Smith später in seinem „Wohlstand der Nationen" liefert. Gleichwohl wird diese Stelle bei Xenophon vielfach als erste Uridee dessen interpretiert, was Smith mehr als 2000 Jahre später an den Anfang seines Buches „Wohlstand der Nationen" stellte - die Arbeitsteilung als Instrument zur Förderung und Verbesserung der Arbeitsproduktivität (Salin 1951, Braeuer 1981). Auch Karl Marx zitiert im ersten Band seines Werkes „Das Kapital" Xenophon (Marx 1983, S. 388, Fn 81). Er weist ferner darauf hin, dass Xenophon bereits als einer der ersten die Stufenleiter der Arbeitsteilung als abhängig von der Größe des Marktes ansah.
Bei Platon sind unter dem Aspekt „ökonomische Präideen" seine Werke „Politeia" (Staat) und „Nomoi" (Gesetze) von Interesse. In der „Politeia" (1982a) entwirft er die Vision eines idealen Staates, wobei die Griechen den Staat als eine Stadt (Polis) dachten. Der Anstoß, ein Staatsmodell zu entwerfen, erfolgte dabei jedoch nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aus der Fragestellung heraus, wie Gerechtigkeit entsteht und was Gerechtigkeit ist. Das zu entwerfende Gedankengebäude beginnt mit den Anfängen staatlichen Lebens. Um die elementaren Bedürfnisse nach Nahrung, Wohnung und Kleidung besser befriedigen zu können, kommt es in den Anfängen der Stadtgründung zur Arbeitsteilung, je nachdem wie sich der einzelne als Bauer, Baumeister oder Weber eignet. „Keiner von uns (ist) von Natur aus ganz gleich ... wie der andere, sondern .. jeder (hat) verschiedene Anlagen .., der eine zu dieser, der andere zu jener Betätigung" (Politeia 370 a/b). Die Ursache der Arbeitsteilung als mitgestaltendes Prinzip des Staates wird somit wiederum in den verschiedenen Fähigkeiten der Menschen gesehen. Die Vorteile liegen in der qualitativen Verbesserung der Güter und dem Zuwachs an wirtschaftlichen Funktionen, das heißt mehrere Berufe werden notwendig. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität spielt in der Antike (noch) keine Rolle.
Da es nicht möglich ist, die Polis an einer Stelle zu gründen, an der sie keinerlei Zufuhren bedarf, ist es ferner notwendig, die inländischen Produkte nicht nur für den eigenen Bedarf zu produzieren, sondern einen Überschuss zu erwirtschaften, der dem entspricht, was von außerhalb benötigt wird. Die Ausfuhr und die Einfuhr jener Waren definiert Platon als Aufgabe der Großhändler. Innerhalb der Stadt soll die Bedarfsdeckung durch Kauf und Verkauf erfolgen. Dadurch kommt es zur Herausbildung von Märkten. In entwickelten Städten übernehmen Kaufleute (Krämer) den Warenaustausch. Mit der Einführung des Geldes als Zahlungsmittel wird dieser Tausch erleichtert. Dabei muss der Staat festlegen, was als token (Zeichen, Symbol) des Tausches gelten soll. Dieses Symbol, dessen Wert bei Platon unabhängig von seiner stofflichen Substanz ist (Schumpeter 1965, S. 94 ff.), hat zwei Funktionen zu erfüllen: Tauschmittel und allgemeiner Wertmaßstab. Inwieweit hier bereits Ansätze einer Geldtheorie und Werttheorie vorliegen, ist in der Literatur umstritten.
Zweifellos ist das Denken Platons über ökonomische Phänomene von Herkunft und Zielsetzung metaökonomischer Art und muss innerhalb der Institution der Polis gesehen werden, welche die Grenzen für das Individuum absteckt. Die Ökonomie ist weder autonom, folgt somit keinen eigenen Gesetzmäßigkeiten, noch spielen individuelle Werte eine Rolle (Salin 1951, S. 13 ff.).
Bei Aristoteles sind die Ausführungen zu wirtschaftlichen Fragen ebenfalls eingebettet in philosophische Betrachtungen. Die Wirtschaft ist kein von der Ethik und der Politik unabhängiger Bereich (Koslowski 1993, S. 49 f.). Insofern ist die aristotelische Ökonomik im weitesten Sinn eher eine „Politische Ökonomie" als eine „exakte Ökonomik". Einige systematische Betrachtungen zur Ökonomik finden wir im ersten Buch der „Politik", Kapitel 8-11, und im fünften Buch der „Nikomachischen Ethik" (im Folgenden: „Ethik"), insbesondere Kapitel 8. Welchen Einfluss Aristoteles auf die Entwicklung der modernen Ökonomie hat, wird in der Literatur allerdings kontrovers diskutiert (Polanyi 1979, Salin 1951, Finley 1971, Schumpeter 1965, Lowry 1987).
Werfen wir zunächst einen Blick in seine Schrift „Politik": Im ersten Buch werden der Haushalt und dessen Aufgaben in den Mittelpunkt gestellt. Nach Aristoteles muss die Frage nach der staatlichen Gemeinschaft bei der häuslichen Gemeinschaft als Ursprung des Staates beginnen. Der Haushalt (Oikos) ist die selbstverständliche Grundlage und von Natur aus ein Teil der Polis. Der Haushalt geht dabei dem Staat nicht voraus, sondern kann ohne die Polis nicht existieren. Das Haus oder der Haushalt ist in der Antike eher Herrschafts- als Wirtschaftsverband, sein Leitbild ist gerechte Herrschaft und Verwaltung und weniger eine effiziente Produktionsweise.
Produktion und Konsumtion finden im Haushalt statt. Sie werden jedoch ergänzt durch Warenaustausch auf dem Markt. Aristoteles unterscheidet zwei Formen der Erwerbs- bzw. Wirtschaftskunst: die Ökonomik und die Chrematistik. Die Ökonomik beschäftigt sich mit der Beschaffung und Bewahrung jener Güter, die für das Haus oder den Staat nützlich und notwendig sind. „In diesen Dingen besteht ja auch wohl einzig der wahre Reichtum." (Politik, 1256 b 30). Da die Menge an Werkzeugen bzw. Instrumenten, die den Reichtum der Haus- oder Staatsverwaltung bilden, nach Größe und Zahl nicht unbegrenzt sei, könne auch der Reichtum nicht unbegrenzt sein. Aristoteles verwirft somit die Auffassung, dass Reichtum keinerlei Grenze habe. Von daher gebe es für die Haushaltsvorstände und die Staatsmänner eine natürliche Erwerbskunst.
Dieser natürlichen Erwerbskunst stellt Aristoteles die Chrematistik entgegen, der es darum geht, durch einen als Selbstzweck betriebenen Tauschhandel, Geld zu akkumulieren. Die Chrematistik kristallisiert sich unter anderem als Folge der Einführung des Geldes als Tauschmittel heraus. Aristoteles gibt ihr die Schuld daran, dass man häufig meine, Reichtum und Besitz seien unbegrenzt. Die Kunst des Gelderwerbs oder der Bereicherung, von ihm auch als widernatürliche Erwerbskunst bezeichnet, betreibt Tausch nicht mehr um der Bedarfsdeckung des Hauses und des Staates Willen, sondern um Reichtum anzuhäufen. Reichtum wird dabei mit Gelderwerb gleichgesetzt.
An dieser Stelle finden wir in der „Politik" eine weitere ökonomische Uridee: den Begriff Wert und die Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. „Von jedem Besitzstück gibt es einen zweifachen Gebrauch; ... Der erste Gebrauch ist dem Dinge eigentümlich, der andere ist es nicht; ein Beispiel für beide Weisen des Gebrauchs ist etwa bei einem Schuh einerseits das Anziehen, andererseits seine Verwendung als Tauschobjekt. Beides ist ein Gebrauch des Schuhes. Auch wer ihn an jemanden, der ihn nötig hat, für Geld oder Lebensmittel eintauscht, gebraucht den Schuh als Schuh, nur nicht nach dem ihm eigentümlichen Gebrauch, da er ja nicht des Tausches wegen gemacht worden ist. ... Der Tauschhandel kann bei allen Dingen stattfinden und hat zuerst mit dem, was naturgemäß ist, angefangen, indem die Menschen von der einen Art von Produkten mehr, von der anderen weniger hatten, als sie brauchten." (Politik, 1257a 5-15).
Wegen ihrer engen Verwandtschaft gehen jedoch beide Wirtschaftskünste, Ökonomik und Chremastistik, ineinander über. Deshalb erblicken manche in der Hauswirtschaft die Aufgabe, dass vorhandene Kapitalvermögen zu vermehren. Sie verlangen deshalb nach unbeschränkten Mitteln, um dieses Verlangen befriedigen zu können. Der Wohlstand werde an das Übermaß des Besitzes geknüpft. Werde dieser Überfluss nicht durch natürliche Erwerbskunst erzielt, versuche man es auf anderen Wegen und mache von allen menschlichen Vermögen und Vorzügen einen widernatürlichen Gebrauch.
Neben dem Hausvorstand und dem Händler unterscheidet Aristoteles ein drittes Gewerbe - das des Wucherers. Dieses Gewerbe sei mit vollstem Recht verhasst, „weil es aus dem Gelde selbst Gewinn zieht und nicht aus dem, wofür das Geld doch allein erfunden ist. Das Geld ist für den Umtausch aufgekommen, der Zins aber weist ihm die Bestimmung an, sich durch sich selbst zu vermehren.
„Daher hat er auch ... den Namen tokos (Junges) bekommen; denn das Geborene (tiktomenon) ist seinen Erzeugern ähnlich, der Zins aber stammt als Geld vom Gelde. Daher widerstreitet auch diese Erwerbsweise unter allen am meisten dem Naturrecht" (Politik, 1258 b 5). Dem Schuldner werde mehr genommen, als ihm zuvor gegeben werde. Der Zins widerspreche damit dem Gebot der ausgleichenden Gerechtigkeit. Für das Verständnis dieser Sichtweise spielt sicher eine Rolle, dass in der Antike fast alle Darlehen eher konsumtiver Art waren. Der Gläubiger war gewöhnlich wohlhabend, der Schuldner eher arm.
Durch den Zins werde dem Armen ein weiterer Teil weggenommen, um ihn dem Reichtum des ohnehin Wohlhabenden hinzuzufügen. Strittig in der Literatur ist, ob Aristoteles als Vorläufer moderner monetärer Zinstheorien betrachtet werden kann. Von den meisten Autoren wird dies verneint. Aristoteles habe lediglich eine ethische Bewertung des Zinses vorgenommen, jedoch keine Erklärung geliefert, weshalb der Zins trotzdem gezahlt werde (Schumpeter 1965, S. 105 f.).
Kommen wir nun zur „Ethik": Im ersten Buch, Kapitel 1, wird als Ziel der Ökonomik bzw. Wirtschaftskunst der Reichtum definiert. Andererseits ist die Ökonomik der Staatskunst untergeordnet, so dass deren Ziel gegenüber dem Ziel der Wirtschaftskunst, wie auch denen der anderen Wissenschaften, als höherwertig betrachtet wird. Das Wohl des Gemeinwesens steht über dem Wohl des einzelnen Menschen, des Individuums.
Im weiteren Verlauf der „Ethik" finden wir erste Ansätze für Regeln zur „Quantifizierung" der Gerechtigkeit beim Warentausch. Dabei wird wiederum deutlich, dass ethische Fragestellungen dominieren, die Behandlung ökonomischer Aspekte von metaökonomischen Einflüssen geprägt ist. Aristoteles unterscheidet eine doppelte Bedeutung von Gerechtigkeit: erstens gesetzliche Gerechtigkeit (Achtung vor dem Gesetz) und zweitens Bewahrung der Gleichheit. Erstere wird von ihm auch als allgemeine Gerechtigkeit bezeichnet; letztere als besondere Gerechtigkeit, die wiederum aufgeteilt wird in: (a) verteilende Gerechtigkeit und (b) ausgleichende Gerechtigkeit. Die ausgleichende Gerechtigkeit betrifft den Tauschverkehr bzw. Tauschhandel. Aristoteles verwendet hier die Begriffe Gewinn (Vorteil) und Verlust (Nachteil). Gewinnen bedeutet danach mehr erhalten als man hatte; verlieren heißt weniger erhalten als man vorher besaß. Wenn jeder das Seinige erhält, dann sagt man, man mache weder Gewinn noch Verlust. In der Mitte zwischen Gewinn und Verlust liegt nach Aristoteles das Recht („Gerechte"): definiert als eine Situation, in der beide Tauschpartner nach wie vor das Gleiche haben.
Anschließend stellt er die Frage, ob diese Wiedervergeltung im Tauschverkehr („Jedem das Seinige") mit ausgleichender Gerechtigkeit identisch sei. In einem auf Gegenseitigkeit beruhenden Tauschverkehr gehe es nicht um eine Wiedervergeltung nach Maßgabe der Gleichheit, sondern nach Maßgabe der Proportionalität. Dadurch werde der Zusammenhalt der Gesellschaft gewahrt. Betrachten wir dazu eine Textstelle aus der „Ethik": „Das Entgelt nach Verhältnis kommt zustande durch eine Verbindung der Daten nach Maßgabe der Diagonale; zum Beispiel a sei Baumeister, b Schuster, c Haus und d Schuh. Der Baumeister muss nun vom Schuster dessen Arbeit bekommen und selbst ihm die seinige dafür zukommen lassen. Wenn nun zuerst die Gleichheit im Sinne der Proportionalität bestimmt ist, und dann der Ausgleich nach diesem Verhältnis stattfindet, so geschieht das, was wir meinen. Geschieht jenes aber nicht, so ist keine Gleichheit da, und ein geordneter Verkehr und Austausch kann nicht stattfinden." (Ethik 1133 a 5). Diese Passage wird in der Literatur zumeist zitiert, wenn es darum geht, Aristoteles als Vorläufer eines arbeitswerttheoretischen Ansatzes zu vereinnahmen (Priddat/Seifert 1987).
Verfolgen wir aber die weitere Argumentation von Aristoteles: Alles, was untereinander ausgetauscht wird, muss quantitativ vergleichbar sein, damit nach Maßgabe der Proportionalität entgolten wird. Dazu ist bei ihm das Geld bestimmt: „Denn das Geld misst alles und demnach auch den Überschuss und den Mangel; es dient also zum Beispiel zur Berechnung, wie viel Schuhe einem Haus oder einem gewissen Maß von Lebensmitteln gleichkommen." (Ethik 1133 a 15/20). „Ohne solche Berechnungen kann kein Austausch und keine Gemeinschaft sein." (Ethik 1133 a 25). Diese Berechnung setze voraus, dass die fraglichen Werte in gewissem Sinne gleich sind. „So muss denn für alles ein Eines als Maß bestehen, ... . Dieses Eine ist in Wahrheit das Bedürfnis, das alles zusammenhält. Denn wenn die Menschen nichts bedürften oder nicht die gleichen Bedürfnisse hätten, so würde entweder kein Austausch sein oder kein gegenseitiger." (Ethik 1133 a 25).
In der wechselhaften Interpretationsgeschichte aristotelischer Ökonomik wird diese Textstelle herangezogen, um Aristoteles als Urahn einer nachfrage- und nutzenorientierten Werttheorie zu rekrutieren (Priddat/Seifert 1987). Beide Beispiele sind Belege für die Heterogenität der Aristoteles-Interpretation in Sachen Ökonomik und zugleich ein Hinweis darauf, dass die Interpretationsweise häufig durch die jeweils herrschende ökonomische Theorie beeinflusst wurde.
Die Ausführungen von Aristoteles zum Warenaustausch stellen ebenfalls für Marx eine Quelle der Inspiration dar („Das Kapital", Bd. I, S. 74). „Das Genie des Aristoteles glänzt darin, dass er im Wertausdruck der Waren ein Gleichheitsverhältnis entdeckt. Nur die historische Schranke der Gesellschaft, worin er lebte, verhindert ihn herauszufinden, worin denn ‘in Wahrheit' dies Gleichheitsverhältnis besteht." Der Hinweis auf die historische Schranke erinnert daran, dass die damalige griechische Gesellschaft durch Sklavenarbeit geprägt war, die Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskraft somit als von Natur aus gegeben betrachtet wurde. Deshalb sei Aristoteles daran gescheitert, eine Werttheorie zu entwickeln.
Was den monetären Sektor der Ökonomie betrifft, so finden wir einige Aussagen zu den Funktionen des Geldes. Nach Aristoteles ist das Geld kraft Übereinkunft Stellvertreter des Bedürfnisses geworden, „und darum trägt es den Namen Nomisma (Geld), weil es seinen Wert nicht von Natur hat, sondern durch den Nomos, das Gesetz, und weil es bei uns steht, es zu verändern, und außer Umlauf zu setzen" (Ethik 1133 a 30). Geld dient aber auch als Wertaufbewahrungsmittel: „Für einen späteren Austausch ist uns, wenn kein augenblickliches Bedürfnis vorliegt, das Geld gleichsam Bürge, dass wir ihn im Bedürfnisfall vornehmen können". Zugleich weist Aristoteles bereits auf mögliche Inflationsgefahren hin: „Freilich geht es mit dem Geld, wie mit anderen Dingen: es behält nicht immer genau seinen Wert. Jedoch ist derselbe naturgemäß mehr den Schwankungen entzogen" (Ethik 1133 b 10). „Daher muss alles seinen Preis haben; denn so wird immer Austausch und damit Verkehrsgemeinschaft sein können. Das Geld macht also wie ein Maß alle Dinge kommensurabel und stellt dadurch eine Gleichheit unter ihnen her. Denn ohne Austausch wäre keine Gemeinschaft und ohne Gleichheit kein Austausch und ohne Kommensurabilität keine Gleichheit. In Wahrheit können freilich Dinge, die so sehr voneinander verschieden sind, nicht kommensurabel sein, für das Bedürfnis aber ist es ganz gut möglich." (Ethik 1133 b 15).
Zur Illustration entwickelt Aristoteles ein einfaches Tauschmodell: „a sei ein Haus, b zehn Minen, c ein Bett. a ist nun ½ b, wenn das Haus fünf Minen wert oder ihnen gleich ist. Das Bett c sei 1/10 b. So sieht man dann, wieviel Betten dem Haus gleich sind, nämlich fünf." (Ethik 1133 b 20/25). Für den Tausch habe es keine Bedeutung, ob man fünf Betten für ein Haus oder den Geldwert der fünf Betten gibt.
Wie für Platon, so ist auch für Aristoteles das Geld nur ein Zeichen zum Zwecke der Erleichterung des Warenaustausches; dem Geld wird kein innerer Wert beigemessen, sondern nur ein von menschlichen Entscheidungen bestimmter Wert. Alle Geldtransaktionen gehören somit in den Bereich der von Menschen gemachten Gesetze. Die dabei zu beachtenden Regeln ergeben sich nach Aristoteles aus dem Prinzip der Gerechtigkeit. Eine andere Interpretation liefert Schumpeter (1965, S. 103 ff.). Seiner Ansicht nach sind in der aristotelischen Geldtheorie zwei Lehrsätze enthalten: Die grundlegende Funktion des Geldes sei seine Verwendung als Tauschmittel. Damit es in dieser Funktion fungieren könne, müsse es ein Gegenstand sein, der selbst einen Tauschwert hat - unabhängig von seiner monetären Funktion. Die Ware Geld werde nach Gewicht und Qualität (Reinheit) gemessen. Aus Zweckmäßigkeitsgründen kann man ihr einen Stempel aufprägen, um ihren Wert nicht ständig neu feststellen zu müssen. Dieser Stempel sei aber nicht die Ursache des Geldwertes, sondern verberge nur die Quantität und Qualität der Ware, die in diesem Geld enthalten ist. Schumpeter charakterisiert daher die Ausführungen von Aristoteles als Metallismus oder metallistische Theorie des Geldes.
Was eine abschließende Würdigung der aristotelischen Ökonomik angeht, so bleiben aus heutiger Sicht die Fragen nach den Grenzen des Reichtums und des Zusammenhangs von Ökonomik, Ethik und Politik, die von unserer Gesellschaft eine ihren Wertvorstellungen angemessene Antwort verlangen.
Dr. Bernd Ziegler lehrt an der Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg.
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