Volkswirtschaftslehre
Bevölkerungswachstum, Wettbewerbsvorteile und sagenhafte Bodenschätze. Das zeichnet die Boom-Ökonomie China aus. Wie sich solche Rahmenbedingungen auf die Leistungsbilanz einer Volkswirtschaft auswirken, zeigt unser Experte im zweiten Teil seines Beitrags über die Leistungsbilanz. Er legt dabei vor allem den Fokus auf die Mechanismen zum Leistungsbilanzausgleich und beleuchtet diese am Beispiel von Überschuss- und Defizitländern.
Von Dr. Thieß Petersen, Gütersloh
Ein Leistungsbilanzausgleich erfolgt bei einem flexiblen Wechselkurs primär über eine Wechselkursänderung. Wenn ein Land einen Leistungsbilanzüberschuss aufweist, bedeutet dies, dass es eine hohe Nachfrage nach der Währung dieses Landes gibt, weil Exporte letztendlich immer in der Währung des Exportlandes bezahlt werden müssen: Die Produzenten der Exportgüter müssen ihre Löhne, Steuern und Abgaben sowie die meisten Vorprodukte in der heimischen Währung zahlen.
Der Exportüberschuss bewirkt damit eine Aufwertung der heimischen Währung. Diese verteuert die Exporte, was zu einem Exportrückgang führt. Zudem verbilligt die Aufwertung die Produkte aus dem Ausland, was zu einer Importzunahme führt. Beide Entwicklungen wirken auf einen tendenziellen Ausgleich von Exporten und Importen hin.
Im Fall eines Leistungsbilanzdefizits kommt es zu einer Abwertung, die die Exportchancen des Landes verbessert, die Importnachfrage wegen der Verteuerung der ausländischen Waren verringert und so das Leistungsbilanzdefizit über steigende Exporte und sinkende Importe ebenfalls abbaut.
Die Abwertung der Währung eines Defizitlands erschwert zudem die Verschuldung dieses Lands im Ausland. Eine Abwertung reduziert aus Sicht der Gläubigerländer den Wert von Forderungen gegenüber dem Defizitland. Kredite werden dann nur gegen höhere Zinsen gewährt, um so abwertungsbedingte Vermögensverluste zu kompensieren. Alternativ kann sich das Defizitland in der Währung der Gläubigerstaaten verschulden. Dies würde jedoch die Abwertung der Währung des Defizitlands verstärken.
Das Spiegelbild dieser Abwertung ist eine Aufwertung der Währungen der Gläubigerländer. Dies erhöht aus Sicht des Defizitlands den Wert seiner Auslandsschulden, also auch den Wert der später zu leistenden Tilgungszahlungen. Die Opportunitätskosten einer Verschuldung im Ausland nehmen damit zu, was eine Verschuldung im Ausland immer unattraktiver macht und so über die Finanzierungsseite das Leistungsbilanzdefizit abbaut.
Auch im Fall fester Wechselkurse - oder im Fall einer Währungsunion mit einer Einheitswährung wie dem Euro - ist theoretisch ein Leistungsbilanzausgleich zu erwarten. Der Ausgleich erfolgt dann vor allem über Preisänderungen. In einem Überschussland (EX - IM > 0) kommt es tendenziell zu einer Preissteigerung, die die Exporte verteuert. Diese Preissteigerung resultiert aus der hohen Nachfrage nach Gütern des Überschusslandes. Zudem bedeutet die hohe Exportnachfrage eine hohe Nachfrage nach Produktionsfaktoren, was zu einem Anstieg der Löhne und Zinsen führt.
Schließlich erhöht der Zufluss an Devisenbeständen die Geldmenge, was inflationäre Tendenzen zur Folge hat und so einen generellen Preisanstieg bewirkt. Die Preissteigerung führt zu einem Rückgang der Exportgüternachfrage. Gleichzeitig werden die heimischen Konsumenten verstärkt auf die - relativ gesehen - preiswerteren Produkte aus dem Ausland zurückgreifen, sodass die Importe zunehmen. In einem Defizitland (EX - IM < 0) stellt sich die entgegengesetzte Preisentwicklung ein, sodass dort die Exportgüternachfrage steigt und die Importgüternachfrage sinkt.
Neben diesen beiden zentralen Anpassungsmechanismen gibt es noch Wirkungszusammenhänge, die über die Kapitalbilanz auf einen Leistungsbilanzausgleich hinwirken. Wie in folgender Gleichung gezeigt, geht ein Leistungsbilanzüberschuss mit einem Nettokapitalexport einher.
Erläuterung der verwendeten Abkürzungen[1]
Im Defizitland bewirkt die Erhöhung des Kapitalangebots tendenziell einen Zins- oder Renditerückgang. Im Überschussland bewirkt der Kapitalabfluss einen Rückgang des Kapitalangebots und damit tendenziell einen Zins- bzw. Renditeanstieg.
Damit wird es für die Kapitalbesitzer im Überschussland immer unattraktiver, ihr Geld zur Finanzierung des ausländischen Leistungsbilanzdefizits zur Verfügung zu stellen. Dies gilt insbesondere dann, wenn im Zuge einer steigenden Auslandsverschuldung des Defizitlands dessen Bonität abnimmt. Ohne die Kredite aus dem Ausland wird es für das Defizitland zunehmend schwieriger, den Importüberschuss zu finanzieren. Das Defizitland müsste daher höhere Zinsen bieten, um die erforderlichen Kredite zu erhalten. Dies aber verteuert ein Leben über die Verhältnisse und baut so das Leistungsdefizit tendenziell ab.
Wenn sowohl im Fall flexibler als auch fester Wechselkurse theoretisch ein automatischer Ausgleich von Exporten und Importen zu erwarten ist, stellt sich die Frage, wie es in der Realität zu dauerhaften Leistungsbilanzüberschüssen und -defiziten kommen kann.
Bei dieser Ursachenanalyse ist zunächst auf die Bestimmungsgründe des internationalen Handels einzugehen. Grundsätzlich exportieren Länder die Güter, bei denen sie produktionstechnische oder ausstattungsbedingte Standort- und damit Preisvorteile besitzen. Derartige Preisvorteile ergeben sich, wenn ein Land einen technologischen Vorsprung hat, der zu einer hohen Produktivität führt, oder wenn das Land von einem Produktionsfaktor sehr viele Einheiten besitzt, sodass dieser Faktor relativ preiswert ist, oder wenn die Nachfrage nach einem bestimmten Gut in dem Land selbst sehr gering ist, sodass sich nachfrageseitig ein geringer Preis für dieses Gut einstellt (vgl. ausführlicher Petersen 2005).
Werden diese Ursachen für die Aufnahme von internationalen Handelsbeziehungen mit den weiter oben (siehe Teil 1 des Beitrags) skizzierten makroökonomischen Zusammenhängen kombiniert, ergeben sich für das Entstehen von Leistungsbilanzungleichgewichten folgende Voraussetzungen: Ein Land weist einen Exportüberschuss auf,
Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann es überhaupt zu einem Leistungsbilanzüberschuss kommen. Dauerhaft kann der Leistungsbilanzüberschuss dann nur sein, wenn die genannten Ausgleichsmechanismen nicht wirksam werden können.
Die eingangs (siehe Teil 1 des Beitrags) gestellte Frage, wie Leistungsbilanzungleichgewichte zu bewerten sind, lässt sich nach den bisherigen Überlegungen wie folgt beantworten: Zunächst einmal sind Leistungsbilanzüberschüsse oder -defizite per se weder gut noch schlecht. Leistungsbilanzungleichgewichte sind das Resultat autonomer ökonomischer Entscheidungen von Konsumenten und Produzenten und spiegeln somit deren Präferenzen wider.
Wenn ein Land mit hohen Produktionskapazitäten und Preisvorteilen einen Exportüberschuss erwirtschaften kann und die Konsumenten bereit sind, unter ihren Verhältnissen zu leben und stattdessen lieber Vermögen gegenüber dem Ausland aufbauen wollen, ist ein Leistungsbilanzüberschuss nicht zu verurteilen. Gleiches gilt für ein Land, das temporär über seinen Verhältnissen leben möchte und dafür bereit ist, in der Zukunft die Zeche zu zahlen (in Form von Zinszahlungen und der Tilgung der Kredite). Beide Situationen sind zudem unschädlich, wenn die beschriebenen Ausgleichsmechanismen wirksam werden, das heißt wenn Wechselkurs-, Preis- und Zinsanpassungen dazu führen, dass Leistungsbilanzungleichgewichte im Zeitablauf wieder abgebaut werden.
Problematisch wird es jedoch, wenn die Leistungsbilanzungleichgewichte nicht das Ergebnis freier individueller Entscheidungen sind und wenn zudem die Ausgleichsmechanismen blockiert werden, sodass ein automatischer Leistungsbilanzausgleich verhindert wird. Beispiele für derartige Fälle sind:
Für derartige Maßnahmen gibt es aus Sicht der einzelnen Volkswirtschaften handfeste ökonomische Gründe. Vor allem der Abbau der Arbeitslosigkeit dürfte ein treibendes Motiv für Überschussländer sein, an ihren Leistungsbilanzüberschüssen festzuhalten. Angesichts der genannten Folgewirkungen für die Defizitländer, deren möglichen Gegenmaßnahmen und den damit verbundenen globalen Folgewirkungen (Protektionismus) sind dauerhafte Leistungsbilanzüberschüsse - ebenso wie die damit verbundenen Leistungsbilanzdefizite - nicht einmal im langfristigen Interesse der Überschussländer.
Die Bewertung der aktuellen Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite verlangt eine differenzierte Betrachtung der Volkswirtschaften, die die größten Leistungsbilanzungleichgewichte aufweisen. Zurzeit sind dies auf der Seite der Überschussländer die asiatischen Schwellenländer (vor allem China), Japan, die erdölexportierenden OPEC-Staaten inklusive Russland sowie einige europäische Staaten (zum Beispiel Deutschland, die Niederlande, Österreich und Finnland) und auf der Seite der Defizitländer die USA sowie einige europäische Staaten (zum Beispiel Portugal, Spanien, Griechenland und Italien). Abschließend sollen einige wenige Überlegungen zur Beurteilung der gegenwärtigen globalen Leistungsbilanzsalden präsentiert werden.
Mit Blick auf China ist festzustellen, dass die enormen Leistungsbilanzüberschüsse zum Teil auf dem Bevölkerungsreichtum dieses Landes basieren. Der Arbeitsreichtum Chinas bedeutet einen Wettbewerbsvorteil im Bereich der arbeitsintensiv produzierten Güter und Dienstleistungen. Dieser Vorteil spiegelt die internationalen Faktorknappheiten wider und ist marktkonform. Daneben resultieren die Exportüberschüsse aber auch aus einer künstlichen Verbilligung chinesischer Waren durch die Bindung der chinesischen Währung an den US-Dollar. Dies verhindert die Aufwertung der chinesischen Währung und blockiert so einen Leistungsbilanzausgleich über Wechselkursanpassungen.
Ein weiterer Treiber des chinesischen Exportüberschusses ist die hohe Sparquote (Anteil der gesamtwirtschaftlichen Ersparnis am BIP) Chinas von 40 bis 50 Prozent. Ob dieser Konsumverzicht freiwillig erfolgt, ist nicht eindeutig zu beurteilen. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass eine derart hohe Sparquote nicht dauerhaft aufrecht zu erhalten ist, sondern im Laufe der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung reduziert wird. Dies würde den chinesischen Leistungsbilanzüberschuss tendenziell abbauen.
Japan weist seit Jahrzehnten Leistungsbilanzüberschüsse auf. In den letzten Jahren blieb die damit zu erwartende Aufwertung des Yen jedoch aus. Ein wesentlicher Grund dafür sind die sogenannten Carry Trades: Nach dem Zerplatzen der japanischen Immobilien- und Aktienblase 1990/91 senkte die Zentralbank die Leitzinsen massiv, sodass seit Mitte der 1990er Jahre eine Nullzinspolitik (von 2000 bis 2006) erfolgte beziehungsweise eine Geldpolitik mit extrem geringen Leitzinsen im Bereich von 0,5 Prozent. Die japanischen Zinsen lagen damit unter den Zinsen der wichtigsten Industrienationen. Damit war es für internationale Investoren ökonomisch sinnvoll, Yen-Kredite aufzunehmen und damit auf den internationalen Kapitalmärkten Anlagemöglichkeiten zu suchen, um Zinsunterschiede auszunutzen.
Auf den Devisenmärkten bedeutete dies ein hohes Angebot an Yen bei einer gleichzeitig hohen Nachfrage nach US-Dollar, Euro, britischem Pfund etc. Dies bewirkte trotz der Exportüberschüsse eine Abwertung des Yen, die die japanischen Exporte weiter verbilligte und den Exportüberschuss dadurch noch vergrößerte. Mit der 2008 ausgebrochenen Finanzmarktkrise kamen die Carry Trades jedoch zum Erliegen. Dies führte zu einer rasanten Aufwertung des Yen (beispielsweise um 31 Prozent gegenüber dem Euro und um 62 Prozent gegenüber dem britischen Pfund). Der damit verbundene Einbruch der japanischen Exporte hatte zur Folge, dass Japan Anfang 2009 zum ersten Mal seit 35 Jahren ein Leistungsbilanzdefizit hinnehmen musste (vgl. Hilpert 2009, S. 2).
Für die Zukunft ist nicht davon auszugehen, dass die Carry Trades wieder das Niveau von vor Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise erreichen, sodass auch die damit verbundene Unterbewertung des Yen nicht wieder eintreten dürfte. Zudem benötigt Japan wegen der demografischen Entwicklung (Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung) in zunehmendem Maße Güter und Dienstleistungen für den eigenen Verbrauch (vor allem Alten- und Krankenversorgung), sodass auch von dieser Seite her die Exportüberschüsse zukünftig geringer ausfallen dürften.
Die Leistungsbilanzüberschüsse der erdölexportierenden OPEC-Staaten und Russlands haben ihre Wurzeln vor allem in den hohen Exporterlösen aus dem Verkauf von Erdöl. Angesichts der Begrenztheit der Erdölvorräte und der gleichzeitig wachsenden Weltbevölkerung ist in den nächsten Jahren mit einem tendenziellen Anstieg des Erdölpreises zu rechnen. Der steigende Erdölpreis dürfte die Leistungsbilanzüberschüsse der erdölexportierenden Volkswirtschaften erhöhen. Allerdings zwingt die Begrenztheit der Erdölvorräte diese Volkswirtschaften, die eigene Wirtschaftsstruktur umzubauen, um für die Nach-Öl-Ära gerüstet zu sein. Die damit notwendigen Investitionen steigern die Binnennachfrage beziehungsweise die Importe von Kapitalgütern und reduzieren so die Leistungsbilanzüberschüsse.
Die aktuellen Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands basieren zu einem erheblichen Teil auf der Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften. Diese Zurückhaltung hat dazu geführt, dass die Lohnstückkosten in Deutschland von 1996 bis 2008 mehr oder weniger konstant geblieben sind, während sie in den wichtigsten Vergleichsländern gestiegen sind (siehe Abbildung 1). Mit der Lohnzurückhaltung geht eine Schwächung der Binnennachfrage einher, sodass die Waren für einen Export zur Verfügung stehen. Sofern es zukünftig zu stärkeren Lohnsteigerungen kommen sollte, würde dies die Exportüberschüsse sowohl über eine steigende Binnennachfrage als auch über eine sinkende internationale Wettbewerbsfähigkeit abbauen.

Bei den europäischen Defizitstaaten wie Portugal, Spanien, Griechenland und Italien dürften die Leistungsbilanzdefizite vor allem auf die mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein. Mit der Einführung des Euros können diese Staaten derartige Wettbewerbsnachteile nicht mehr durch eine Abwertung der eigenen Währung kompensieren. Erforderlich sind stattdessen Preissenkungen und damit letztendlich die Senkung der Produktionskosten. Dies hat dann auch Lohnsenkungen zur Folge.
Sofern diese sozialpolitisch nicht gewollt sind, äußern sich die geringen Produktivitätsfortschritte in einem Leistungsbilanzdefizit und einem Anstieg der Arbeitslosigkeit inklusive der finanziellen Folgekosten für den Staat (Steuerausfälle und hohe Sozialtransfers, also staatliche Defizite und ein Anstieg der Staatsverschuldung). Die Leistungsbilanzdefizite sind somit das Resultat einer geringen Produktivität bei gleichzeitiger Außerkraftsetzung des Preismechanismus. Damit kommt es zu einem dauerhaften Leistungsbilanzdefizit, das langfristig nicht aufrechtzuerhalten ist, weil der permanente Anstieg der Verschuldung im Ausland irgendwann zu einem Bonitätsverlust führt.
Das seit einigen Jahren größte Defizitland sind die USA. Die US-Leistungsbilanz war über den Zeitraum von 1970 bis zu Beginn der 1980er-Jahren mehr oder weniger ausgeglichen. Es folgten in den 1980er-Jahren Defizite in Höhe von unter zwei Prozent des BIP. 1991 gelang zum letzten Mal ein Leistungsbilanzausgleich. Seitdem wuchs das Defizit bis zum Jahr 2006 auf etwas über 800 Milliarden US-Dollar an, was sechs Prozent des amerikanischen BIP entspricht.
Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. Zunächst einmal ist die expansive Geldpolitik (vor allem zwischen 2001 und 2005) zu nennen. Sie hatte geringe Zinsen zur Folge. Die niedrigen Zinsen erlaubten einen kreditfinanzierten Konsumboom, der zu einer hohen Konsumquote und einer geringen Sparquote führte. Unterstützend kam eine expansive Fiskalpolitik hinzu. Auch sie steigerte über eine hohe Güternachfrage durch den Staat die Binnennachfrage. Obwohl die amerikanischen Exporte in dem betrachteten Zeitraum zunahmen, wuchsen die Importe wegen der hohen Binnennachfrage stärker, was zu einem Leistungsbilanzdefizit führte.
Die nachfrageseitig getriebene Steigerung der amerikanischen Leistungsbilanzdefizite wird unterstützt durch faktisch unbegrenzte Verschuldungsmöglichkeiten. Da der US-Dollar die einzig anerkannte Leitwährung der Welt ist, akzeptieren alle Exporteure US-Dollar. Selbst wenn sie die Dollars nicht halten wollen, können sie sie jederzeit gegen jede andere Währung umtauschen. Damit sind die USA - anders als alle anderen Volkswirtschaften - nicht unmittelbar auf die Kreditbereitschaft des Rests der Welt angewiesen.
Darüber hinaus können die USA sogar noch die Zinsen ihrer Verschuldung im Ausland beeinflussen. Durch eine Senkung der US-Leitzinsen oder den Aufkauf der US-Dollaranleihen wird eine Reduzierung der Zinsenzahlungen erreicht. Sollte die Kreditbereitschaft des Rests der Welt nachlassen, würde dies eine Dollarabwertung zur Folge haben. Auch dies wäre für die USA unproblematisch: Der in Dollar gerechnete Wert der amerikanischen Schulden bliebe konstant, während der Wert der US-Auslandsforderungen steigen würde, denn die Dollarabwertung bedeutet zugleich eine Euro- und Yuan-Aufwertung. Das Nettofinanzvermögen der USA würde daher steigen.
Zudem verbessert eine Dollarabwertung die Exportchancen der USA und reduziert über eine Beschäftigungszunahme in der Exportgüterindustrie die Arbeitslosigkeit. Die Gläubiger der USA - also China, die erdölexportierenden Länder sowie die übrigen Überschussländer - müssten hingegen eine Reduzierung ihres Nettofinanzvermögens hinnehmen. Die Forderungen dieser Länder gegenüber den USA und die von ihnen gehaltenen US-Wertpapiere würden abwertungsbedingt an Wert verlieren (vgl. Schulmeister 2009, S. 9). Die Gläubigerländer der USA haben daher ein vitales Interesse an einer Stabilisierung des Dollarkurses. Dies bedeutet, dass die Gläubigerländer weiterhin bereit sein werden, die US-Leistungsbilanzdefizite zu finanzieren.
Allerdings ist dieser Zustand nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten. Irgendwann erreicht auch die Auslandsverschuldung der USA eine Höhe, die die Bereitschaft der Gläubigerländer zur Gewährung weiterer Kredite zum Erliegen bringt. Das erschüttert dann die Akzeptanz des US-Dollars als Leitwährung, sodass andere Währungen - zum Beispiel der Euro, der Yuan oder eine neu zu schaffende supranationale Währung - diese Rolle übernehmen werden. Ab welchem Verschuldungsniveau der USA dies der Fall sein wird, lässt sich zwar nicht objektiv bestimmten, aber dass diese Entwicklung im Fall einer permanent steigenden US-Auslandsverschuldung eintreten wird, ist sicher. Spätestens dann kommt es finanzierungsbedingt zu einem abrupten Abbau des US-Leistungsbilanzdefizits.
Problematisch an den gegenwärtigen globalen Leistungsbilanzungleichgewichten sind weniger die Leistungsbilanzüberschüsse als die Leistungsbilanzdefizite. Dauerhafte Leistungsbilanzdefizite haben in den Defizitländern einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und der Verschuldung gegenüber dem Ausland zur Folge. Die steigende Auslandsverschuldung führt früher oder später zu einem Bonitätsverlust, der dann eine abrupte Reduzierung der Binnennachfrage verlangt, weil die Importüberschüsse nicht mehr finanziert werden können. Dies geht mit drastischen Abwertungen der Währungen von Defizitländern einher und schmälert so den Wert der Auslandsforderungen der Überschussländer.
Über die abwertungsbedingten Vermögensverluste werden Leistungsbilanzungleichgewichte auch für die Überschussländer zu einem gravierenden Problem. Die notwendige Reduzierung der weltweiten Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite wird damit zu einer Herausforderung, die sowohl die Defizit- als auch die Überschussländer betrifft. Ansatzpunkte dafür sind alle Faktoren, die für das Entstehen und die Aufrechterhaltung von Leistungsbilanzungleichheiten verantwortlich sind.
Stellschrauben für Defizitländer sind beispielsweise eine Erhöhung der Produktivität, eine Reduzierung der Produktionskosten (z. B. durch Lohnzurückhaltung), eine Reduzierung der Staatsausgaben (restriktive Fiskalpolitik) und damit zugleich eine Verringerung des Staatsdefizits, Steuererhöhungen zum Abbau des Staatsdefizits, eine Senkung der Konsumnachfrage (zum Beispiel durch Steuererhöhungen, die das verfügbare Einkommen der Konsumenten verringern, oder durch eine stärkere Besteuerung des Konsums) und damit eine Steigerung der Sparquote sowie die Akzeptanz einer Abwertung der heimischen Währung. Denkbar sind auch marktverzerrende Maßnahmen wie Exportsubventionen oder eine Beschränkung der Importe durch tarifäre und nicht-tarifäre Handelshemmnisse.
Dabei ist jedoch zu beachten, dass Maßnahmen zum Abbau eines Leistungsbilanzdefizits eventuell gegen andere wirtschaftspolitische Ziele verstoßen können. Eine Senkung der Konsumnachfrage kann ebenso wie eine Reduzierung der Staatsausgaben nachteilige Folgen für den Arbeitsmarkt haben. Die Abwertung der heimischen Währung erhöht den Wert der Schulden gegenüber dem Ausland, wenn sich das Defizitland nicht in der heimischen Währung, sondern in der Währung des Auslands verschulden muss. Zudem verteuert eine Abwertung die aus dem Ausland importierten Vorprodukte, was sich über steigende Produktionskosten negativ auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.
Stellschrauben für Überschussländer sind beispielsweise attraktivere Rahmenbedingungen für Investitionen, um so die Ersparnisse im Inland zu halten, eine Stärkung der Binnennachfrage (zum Beispiel durch eine Senkung der Konsumsteuern und eine Steigerung der Haushaltsnettoeinkommen), eine Steigerung der staatlichen Nachfrage nach heimischen Produkten sowie die Akzeptanz einer Aufwertung der heimischen Währung. Denkbar sind zudem marktverzerrende Maßnahmen wie Kapitalverkehrskontrollen, die einen Kapitalexport erschweren, oder Importsubventionen.
Auch hier können einzelne Maßnahmen, die dem Abbau des Leistungsbilanzüberschusses dienen, negative Auswirkungen auf andere makroökonomische Größen haben. Die Stärkung der Binnennachfrage durch eine größere Staatsnachfrage oder durch Steuersenkungen zur Erhöhung der Haushaltsnettoeinkommen wirkt sich negativ auf den Staatshaushalt aus und erhöht so die Staatsverschuldung. Die Aufwertung der heimischen Währung schwächt die internationale Wettbewerbsfähigkeit und kann damit Arbeitsplätze in exportorientierten Branchen gefährden, was zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führt.
In jedem Fall ist ein Abbau der Leistungsbilanzdefizite nur möglich, wenn die Überschussländer (vor allem China, Deutschland und Japan) bereit sind, ihre Importe zu steigern. Dies setzt gleichzeitig voraus, dass die Überschussländer ihre Binnennachfrage steigern und den Abbau der Arbeitslosigkeit nicht nur über eine exportorientierte Wirtschaftspolitik erreichen. Damit aber müssen die Überschussländer bereit sein, nationalökonomische Interessen zurückzustellen und stärker eine globalökonomische Verantwortung zu übernehmen. Ob die Überschussländer dazu bereit sind, muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt bezweifelt werden.
Dr. Thieß Petersen ist Diplom-Volkswirt aus Gütersloh.
Collignon, S., Cooper, R.N., Kawai, M., Yongjun, Z.: Rebalancing the Global Economy: Four Perspectives on the Future of the International Monetary System, Europe in Dialogue 2010/01, Gütersloh 2010 (http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_32585_32586_2.pdf).
Dobson, W.: Rebalancing Global Growth: The G20's Difficult Challenge, Washington DC 2010 (http://www.gmfus.org/galleries/ct_publication_attachments/Dobson_rebalancing_Jun10_final.pdf;jsessionid=aFbjQl46rgF7otH6SM).
Hilpert, H. G.: Konjunktureller Absturz in Japan, SWP-Aktuell 13, März 2009, Berlin 2009.
Petersen, T.: Causes and Consequences of the Financial Crisis. Gütersloh 2009, 38 Seiten (http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-FD942410-A6AD9768/bst/Causes-and-Consequences-of-the-Financial-Crisis.pdf).
Petersen, T.: Monetäre Außenwirtschaftstheorie, in: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 35. Jg., 2006a, S. 466-472.
Petersen, T.: Zolltheorie, in: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 35. Jg., 2006b, S. 1380-1383.
Petersen, T.: Reale Außenwirtschaftstheorie, in: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 34. Jg., 2005, S. 1488-1492.
Schulmeister, S.: Globalisierung ohne supranationale Währung: Ein fataler Widerspruch, in: ifo Schnelldienst 16/2009, S. 6-10.
Siebert, H.: Außenwirtschaft, 7. Aufl., Stuttgart 2000.
Sinn, H.-W.: Der pathologische Exportboom, in: ifo-Schnelldienst, 59. Jg., 1/2006, S. 3-4.
Sinn, H.-W.: Basar-Ökonomie Deutschland, in: ifo-Schnelldienst, 58. Jg., 6/2005, S. 3-42.
[1]EX = Export von Gütern und Dienstleistungen ins Ausland,
IM = Import von Gütern und Dienstleistungen aus dem Ausland,
KIM = Kapitalimporte (zum Beispiel Verkauf von Aktien und Wertpapieren an ausländische Wirtschaftseinheiten oder Schuldenaufnahme im Ausland),
KEX = Kapitalexporte (zum Beispiel Kauf von Aktien und Wertpapieren von ausländischen Wirtschaftseinheiten oder Kreditgewährung),
GDBErh = Erhöhung des Gold- und Devisenbestands der Zentralbank infolge des Kaufs von Gold- und Devisenbeständen der Zentralbank im Ausland,
GDBVer = Verringerung des Gold- und Devisenbestands der Zentralbank in Folge des Verkaufs von Gold- und Devisenbeständen der Zentralbank,