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Titelbild zum Beitrag: Eine Hand kann nicht klatschen
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Eine Hand kann nicht klatschen

Emotionalität und Teamfähigkeit im arabischen Raum

Wer als deutscher Manager in Arabien ein Unternehmen oder ein Team führen möchte, muss das Verhältnis der Araber zu Emotionalität und Teamfähigkeit kennen. Unser Münchner Experte, der selbst viele Jahre in Kairo lebte, erklärt warum Diskussionen in Arabien ruhig geführt werden, es bei Geschäftsterminen aber durchaus turbulent zugehen kann.

Von Dr. Hartmut Kiehling, München

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Kommunikation vermittelt im arabischen Raum viele Emotionen. Man spricht viel, wiederholt sich, verwendet vielfach Gesten, schwört bei Gott und schreit auch laut, wenn man erregt ist. Mittel- und Nordeuropäer empfinden dies oft als theatralisch. Aber so denkt ein Araber nicht. Für ihn ist eine Rede oder ein Gespräch dann authentisch, wenn sie genau solche Elemente enthält.

Westliche Besucher müssen und können sich dem nicht vollständig anpassen, sie sollten sich aber bewusst sein, dass einfache, ruhige Sätze vielfach nicht gewürdigt werden. Ein Araber mag sich in einem solchen Fall fragen, ob das Gesagte auch ernst gemeint ist - nicht weil er den sachlichen Inhalt bezweifelt, sondern weil er eine Bestärkung erwartet. Der westliche Gesprächspartner tut in diesem Fall gut daran, emphatisch Ja, ja, ja! zu sagen. (Nydell 2002, S. 120f.)

Mehr subjektiv als objektiv

Araber sind es gewöhnt, die Welt unter einem persönlichen Blickwinkel zu betrachten. Der objektivierende Blickwinkel westlicher Ausländer erscheint ihnen oft als kalt und an den wesentlichen Dingen vorbei zu gehen. Persönliche Aspekte wiegen auch bei Entscheidungen schwer. Will man im arabischen Kulturraum überzeugend wirken, so sollte man seine Rede mit emotionalen Aspekten bereichern wie dem Hinweis auf eine bestehende Freundschaft. Regeln werden im arabischen Raum nicht als unveränderlich empfunden; sie müssen sich vielmehr im Lichte der Beziehungen zu anderen Personen bewähren.

Sie werden daher immer versuchen, durch persönliche Intervention Ausnahmen von belastenden Regeln zu erreichen. Das gilt für Behördengänge ebenso wie für Prüfungen und wirtschaftliche Verträge. Man macht in jedem Fall noch einen letzten Versuch der persönlichen Intervention, trotz ungenügender Voraussetzungen und Ablehnung einen Studien- oder Arbeitsplatz zu erhalten oder die Freistellung von Gebühren zu erreichen. Dementsprechend wichtig sind persönliche Gespräche. Einen Fall abzulehnen, ohne zu einem klärenden persönlichen Gespräch bereit zu sein, wird auf Unverständnis stoßen. Das geht vielfach so weit, dass vom Vorgesetzten Hilfe beim Ausfüllen von Formularen und die persönliche Intervention beim obersten Vorgesetzten des Empfängers erwartet wird. In der Tat macht eine solche Intervention Sinn, weil Entscheidungen in arabischen Ländern wirklich zentral gefällt und revidiert werden. Hat eine Intervention Erfolg, so zeigt das auch, dass der Intervenierende Einfluss hat, und er steigt im Ansehen aller Beteiligten.

Überzeugen als Kunst

Überzeugung ist also im arabischen Kulturraum nicht allein eine Sache der Logik. Argumentation und Überzeugung sind vielmehr interaktive Künste, argumentativ fein verwoben mit Emotionalität. Dabei haben Empörung und Freude ebenso ihren Platz wie sachliche und poetische Vergleiche, Stimmmodulation und emotionale Gesten. Solche Verhandlungen brauchen natürlich ihre Zeit. Vordergründig logische Argumentation transportiert oft nur eine tiefer gehende Emotionalität. Man sollte sie nie abrupt abbrechen; das wäre ein Affront gegenüber dem arabischen Gesprächspartner.

Gespräche und selbst Geschäftstermine laufen im arabischen Raum oft in großer Unruhe ab: Man trommelt auf den Tisch, das Telefon klingelt, ein Anwesender verlässt kurzzeitig den Raum, es werden Unterschriften eingeholt, man telefoniert selbst etc. etc. Das ist alles ganz normal, lässt sich nicht ändern und muss einfach einberechnet werden. Kennt man einander kaum oder sind die Hierarchie- oder Altersunterschiede zu groß, so werden Diskussionen dagegen auch im arabischen Raum recht ruhig ablaufen. Allerdings gibt es geografische Unterschiede: So sind die Menschen der arabischen Halbinsel im Allgemeinen deutlich ruhiger und distinguierter als die übrigen Araber. Straff geführte Diskussionen sind möglich, aber selbst in westlich orientierten Unternehmen oder Ländern die Ausnahme.

Vertrauen ist Basis für Geschäfte

Europäer und Nordamerikaner unterliegen dem Vorurteil, kalt und emotionslos zu sein. Entsprechende Signale bestätigen und bestärken solche Vorurteile. Zu emotionslosen Menschen kann eine Araberin oder ein Araber kein Vertrauen aufbauen und Vertrauen ist die Basis für Geschäfte im Orient. Westliche Besucher und Expatriates sollten daher entsprechende Klippen vermeiden und nach Möglichkeit entkräften. So lieben jeder Araber und vor allem jede Araberin Kinder. Es wirft deshalb ein sehr schlechtes Licht auf einen westlichen Besucher, wenn er erkennen lässt, dass er mit Kindern nichts anfangen kann. Das gilt natürlich besonders für Frauen. Wer keine Kinder liebt, zu dem kann man kein emotionales Verhältnis aufbauen und auch geschäftlich kein Vertrauen fassen. Araber haben große Achtung vor dem Alter. So besagt ein arabisches Sprichwort: Einen Tag älter als Du, ein Jahr weiser als Du!

Wenn westliche Besucher bei Gelegenheit zeigen, wie gern sie ihre Eltern haben, so sammeln sie (weitere) Sympathiepunkte. Auch Mitleid ist außerordentlich positiv besetzt. Ein westlicher Expatriate kann durch kaum etwas so schnell Sympathie erringen wie durch Mitgefühl, besonders gegenüber seinen Mitarbeitern. Distanziertes Verhalten in einer Mitleid heischenden Situation wird auch dem zupackendsten Manager übel genommen.

Soziale Wesen mit hohen Werten

Araber sind in starkem Maße soziale Wesen. Auf die Frage, wie Individuen ihre Lebensqualität erhöhen könnten, optierten in Ägypten mit 30 Prozent so wenige Personen wie in keinem anderen Land für größtmögliche Freiheit. Mehr als zwei Drittel entschieden sich für die Alternative, der konstanten Sorge um die Mitmenschen, selbst wenn dies die individuelle Freiheit beeinträchtigen sollte (Trompenaars 1997, S. 51). Ägypter sind allerdings auch unter den Arabern ungewöhnlich verträglich. Hingegen sind die Bewohner der arabischen Halbinsel distanzierter, Maghrebiner gelten als impulsiver und aggressiver. Im Vergleich zu Europäern sind Araber aller Regionen jedoch vergleichsweise höflich und verträglich. Sie legen viel Wert auf freundschaftliche Kontakte und sind sehr erpicht darauf, im Guten auseinander zu gehen.

Während Sozialisation und Ideale im arabischen Raum auf Verträglichkeit zielen, bewirkt die weithin repressive Erziehung in Schulen und vielen Familien Neurotizismus. Hohe Werte bedeuten emotionale Labilität, Nervosität, Neigung zu körperlichen Schmerzen, Ärger, Ängste und Stressanfälligkeit. Sie führen zu unausgeglichenem Verhalten und (Auto-) Aggression. Da Höflichkeit und Rücksichtnahme mit der sozialen Distanz zunehmen und Emotionalität sozial weithin akzeptiert ist, gehen in arabischen Ländern bei manchen Auseinandersetzungen die Wogen hoch; man schreit einander an, wenn ein Auto den Weg blockiert oder im Verkehr ein Blechschaden entstanden ist, greift einander an den Kragen und wird nur mit Mühe von den Umstehenden zur Raison gebracht. Anschließend kann es durchaus sein, dass man im nächsten Café zusammen einen Tee trinkt.

Rangunterschiede gefährden Teamarbeit

Araber lieben es zusammenzuarbeiten. Es gibt eine ganze Reihe von Sprichwörtern, die das thematisieren, zum Beispiel eine Hand allein kann nicht klatschen (das heißt Kooperation ist notwendig) oder die Hand Gottes schützt die Gruppe (das heißt Einigkeit macht stark).

Teamwork ist daher im Regelfall kein Problem in arabischen Ländern. Araber sind meist sogar ungewöhnlich teamfähig, weil sie kommunikationsfreudig sind und sich gut in Gruppen einordnen. Allerdings sollte man bei der Zusammensetzung von Teams darauf achten, dass die Teammitglieder in etwa denselben Rang haben. Ansonsten bestimmt der Ranghöchste und die anderen verstummen. Da informeller Rang und formale Stellung nicht zwangsläufig deckungsgleich sein müssen, empfiehlt es sich dabei zumindest für den unerfahrenen Expatriate, arabische Vertrauenspersonen zu befragen.

 

Autor

Dr. Hartmut Kiehling war bis 2007 Professor an der German University in Cairo.

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