Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Die Deutschland AG musste im Zuge der Globalisierung in den letzten Jahren deutlich Federn lassen. Die finanziellen und industriellen Verbindungen der deutschen Unternehmen untereinander nahmen deutlich ab. Dies hat auch Auswirkungen auf die Stabilität des Wirtschaftsstandorts Deutschland - besonders in Krisenzeiten. Unser Finanzmarktexperte beleuchtet dieses Thema und beantwortet auch die Frage, welche Rolle Banken in der Deutschland AG spielten und künftig spielen werden.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Die deutsche Wirtschaft ist eng verflochten. Für die einen Ausdruck für zweckmäßige Kooperationsbereitschaft der Unternehmen untereinander und für die anderen ein Zeichen machthungriger Top-Manager, die sich mit Hilfe von Überkreuzbeteiligungen vor dem Einfluss der Kapitalmärkte schützten wollen.
Letztendlich resultiert die so genannte Deutschland AG aus dem Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, im Rahmen derer Unternehmen nicht nur konkurrieren, sondern auch kooperieren. In diesem Kontext wird auch häufig von organisierten Kapitalismus gesprochen. Aus diesen Kooperationen ergab sich für Deutschland durchaus ein enormer Vorteil: ein stabiler Wirtschaftsstandort und eine gesunde Volkswirtschaft.

Die Darstellung zeigt im Wesentlichen drei Verbindungsadern zwischen den Unternehmen. Eine finanzielle, eine industrielle und eine, welche finanzielle und industrielle miteinander verbindet. Darüber hinaus gibt es noch eine weitere Verbindung zwischen den einzelnen Unternehmen - sie ist personeller Natur: Viele Vorstandsvorsitzende sitzen bei anderen Unternehmen in wichtigen Gremien wie zum Beispiel Aufsichtsräten oder Beiräten.
Doch die früher rein innerdeutsche Deutschland AG scheint im Zuge der Globalisierung mehr und mehr zu verwässern oder besser gesagt weltweit auf Expansionskurs zu gehen. Seit einigen Jahren ist eine deutliche Umstrukturierung zu erkennen: Bereits seit 2002 dünnt sich das einst so starke Kapitalgeflecht zwischen den Unternehmen aus. Eine durch die Globalisierung bedingte Entwirrung der Deutschland AG ist klar zu erkennen.

Ausländische Investoren beteiligen sich zunehmend an der Deutschland AG. Auch der Einfluss der Banken steigt, die mehr und mehr auf das Investment Banking setzen und auf sehr innovative Art und Weise Kapital bereitstellen.
Da Kapitalmärkte keine Grenzen kennen, werden Großkredite an deutsche Unternehmen beispielsweise durch ein Konsortium verschiedener europäischer Banken vergeben. Für Banken stellen große Industriebeteiligungen heute oft kein Kerngeschäft mehr dar. Mehr noch, Banken stoßen ihre Industriebeteiligungen ab, da sie nicht mehr zum originären Bankgeschäft gehören.
Banken und Industrie beteiligen sich nur dann an anderen Unternehmen, wenn dies eine lukrative Investmententscheidung darstellt. Das Sichern des Wirtschaftsstandortes Deutschland ist für sie kein unmittelbares Ziel mehr.
Die jüngsten Beispiele zeigen, wie sehr eine Krise auch die Unternehmen der einst so starken Deutschland AG gefährden können: So war der SoFFin [1] Einstieg bei der Commerzbank AG nach der Übernahme der Dresdner Bank und im Zuge der Finanzmarktkrise [2] notwendig. Porsche hat sich mit seinem Plan VW zu übernehmen verhoben und wird nun selbst in dem VW-Konzern einverleibt. Die Schaeffler Gruppe hat ähnliche Probleme bei der Übernahme von Continental - als Deal des Jahres gefeiert, ist es heute eher ein Trauerfall.
Nach der Krise, die nun auch die Realwirtschaft zu erreichen scheint, scheint die Gründung einer Deutschland AG 2.0 wieder attraktiver zu werden. Natürlich nicht wie einst, vor der Globalisierung, jedoch mit neuen starken Verbindungen zwischen den Industrieunternehmen.
Die Banken werden allerdings, wenn überhaupt, nur am Rande in die Deutschland AG wieder einsteigen. Die Problematik der Bankbilanzen ist derzeit zu groß um dies wirklich annehmen zu können. Derzeit steht die Realwirtschaft in Deutschland, Europa und der ganzen Welt vor den Herausforderungen, welche verstärkt durch die Finanzmarktkrise auf uns zukommen.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD).
Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für "International Finance" der European School of Finance der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Lehrbeauftragter an namhaften Universitäten und Hochschulen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board der European School of Finance der HfWU.
[1] Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung
[2] vgl. Bloss, Ernst, Häcker, Eil: Von der Wallstreet zur Mainstreet, Oldenbourg 2009