Betriebswirtschaftslehre
Demografischer Wandel und ein nur schwer finanzierbares Gesundheitssystem zwingen Arztpraxen, Kliniken, Medizinische Versorgungszentren, Rettungsdienste und Pflegeeinrichtungen dazu, ihre Medizinbetriebe effizient und zugleich effektiv zu managen. Unser Experte, Professor Seelos, verrät in Kürze, was genau hinter der jungen wissenschaftlichen Disziplin Medizinmanagement steckt.
Von Professor Dr. sc. hum. Dr. rer. pol. Hans-Jürgen Seelos, Institut für Medizinmanagement (ifm)
Erst in den letzten Jahren hat die Betriebswirtschaftslehre nach der Sachgüter- auch die Dienstleistungsproduktion als Forschungsgegenstand antizipiert. Die damit einhergehende Institutionalisierung der besonderen Betriebswirtschaftslehren einzelner Dienstleistungsbetriebe (zum Beispiel Handel, Banken, Versicherungen, Verkehrsbetriebe, Beherbergungsbetriebe) berücksichtigte jedoch die Gruppe der Medizinbetriebe bislang nur unzureichend, sieht man einmal von Krankenhausbetrieben ab. Dies ist umso bemerkenswerter, da innerhalb der Kontratieff-Zyklen[1] die Gesundheitsleistungsproduktion der Informationstechnik als sechster Zyklus folgt.
Der demografische Wandel und der medizinische Fortschritt werden die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen in den nächsten Jahren weiter steigern, damit aber auch die Finanzierung der Gesundheitsversorgung vor neue Herausforderungen stellen. Medizinbetriebe wie Arztpraxen, Praxiskliniken, Krankenhäuser, Pflegeheime oder Einrichtungen des Rettungswesens, sehen sich dabei nicht nur gestiegenen Erwartungen der Stakeholder an die Leistungsfähigkeit, Qualität und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsleistungsproduktion gegenüber, sondern sie müssen sich zugleich auch in einer komplexen und dynamischen Umwelt, insbesondere einem immer kompetitiveren Gesundheitsmarkt behaupten. Für sie ist daher eine effektive und effiziente Leistungserstellung innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen vorrangig.
Die noch junge wissenschaftliche Disziplin Medizinmanagement hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, Methoden und Konzepte zu entwickeln, mit deren Hilfe das Führen von und in Medizinbetrieben beschrieben, erklärt und gestaltet werden kann. Diese deskriptiven, theoretischen und pragmatischen Wissenschaftsziele beziehen sich damit sowohl auf die Führung und Organisation von Medizinbetrieben als auch auf die Führung der in den Prozess der Gesundheitsleistungsproduktion involvierten Personen (Beschäftigte, Patienten, Angehörige).
Professor Dr. sc. hum. Dr. rer. pol. Hans-Jürgen Seelos ist Alleingeschäftführer von mehreren Fachkrankenhäusern, Pflegeheimen, verbundenen Tageskliniken und Direktor des Instituts für Medizinmanagement (ifm). Er lehrt an Universitäten und Hochschulen im In- und Ausland. Außerdem arbeitet er als Unternehmensberater auf dem Gebiet Medizinmanagement.
[1] Nikolai Kontratieff (1892-1938) entwickelte eine Theorie zu Wirtschaftszyklen, die Theorie der langen Wellen.