Soziologie
Monets Seerosen, Rodins Denker und Goethes Faust begeistern uns bis heute. Kaum einer käme auf den Gedanken, den künstlerischen Wert dieser Werke anzuzweifeln. Dagegen scheiden sich die Geister deutlich, wenn im Rahmen eines Happenings scheinbar beliebig Gegenstände zerstört oder verdreckt werden und obendrein im Publikum landen. Ob diese moderne Ausdrucksform noch Kunst ist oder dies letztlich immer im Auge des Betrachters liegt, klärt unser Wiener Kunstkenner.
Von Professor Dr. Alfred Smudits, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Die Kunstsoziologie beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Gesellschaft und Kunst. Dabei verweist schon diese einfachste Bestimmung des Faches auf eine Reihe von Problemen, die bei der Klärung des Gegenstandsbereichs auftreten: Kunstsoziologie ist an der Schnittstelle von Gesellschaft und Kunst und dementsprechend an der Schnittstelle von sozial- und kulturwissenschaftlichen Traditionen angesiedelt. Wesentlich ist also die Frage, ob die Analyse von der Gesellschaft oder vom künstlerisch-ästhetischen Phänomen aus erfolgen soll? Tatsächlich wird Kunstsoziologie nur mit Vorkenntnissen in Bezug auf die in Frage kommenden künstlerisch-ästhetischen Phänomene möglich sein, wenngleich die sozialen Bestimmungsfaktoren im Vordergrund zu stehen haben.
Ein weiteres Problem ist mit der lapidar erscheinenden Frage verbunden, um was es sich bei Kunst handelt. Hier reicht das Spektrum von der bürgerlich-romantischen Konzeption von Kunst über einen Kunstbegriff, bei dem auch schon Phänomene der Volks- und Populärkultur eingeschlossen sind bis hin zu einem Verständnis von Kunst als einen Bereich von Phänomenen, bei denen die ästhetische Dimension im Vordergrund steht oder zumindest eine entscheidende Rolle spielt. Eine Kunstsoziologie, die sich nicht von vornherein einer umfassenden Analysemöglichkeit berauben will, wird zweifellos von einem breitestmöglichen Verständnis von Kunst ausgehen müssen, um zum Beispiel Veränderungen des gesellschaftlichen Stellenwerts von Kunst erkennen zu können. Im Folgenden soll daher Kunst als umfassender Begriff für Phänomene (Artefakte, Texte, Praktiken) verstanden werden, bei denen die ästhetische Dimension (die Dimension der unmittelbar sinnlichen Wahrnehmung) eine wesentliche Rolle spielt. Im Falle der Literatur sind es die inneren Bilder, affektiven Konnotationen, die im Vordergrund stehen.
Sehr eng mit der Frage Was ist Kunst? ist die Frage verbunden, ob angesichts der Tatsache, dass es verschiedene Kunstgattungen gibt, nicht besser von einer ‚Soziologie der Künste' gesprochen werden müsse. Jedenfalls sollte sich Kunstsoziologie nicht nur mit den traditionellen, also der Bildenden Kunst, Musik, Literatur, Theater, sowie den neueren, mittlerweile etablierten Kunstgattungen wie Fotografie, Film und neuerdings Computerkunst befassen. Auch die in Bezug auf ihren künstlerischen Stellenwert umstrittenen Bereiche wie Comics, Design, Werbung und natürlich alle Varianten der Populärkultur gilt es gewissenhaft zu untersuchen. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass es möglicherweise sinnvoller wäre, anstelle von Kunstsoziologie von einer Soziologie der Ästhetik zu sprechen. Hierdurch wären einige Missverständnisse von vornherein aus dem Weg geräumt. Wenn im Folgenden weiterhin der Terminus ‚Kunstsoziologie' verwendet wird, ist dieser Aspekt daher immer mit zu bedenken.
Ab den 1960er Jahren setzt im Bereich der Kunstsoziologie eine Entwicklung ein, die aus heutiger Sicht durchaus als Paradigmenwechsel anzusehen ist. Dem liegen neben zahlreichen die gesamte gesellschaftliche Entwicklung betreffenden Phänomenen (Konsumgesellschaft, Wohlfahrtsstaat) vor allem zwei Faktoren zugrunde, die das Fach im engeren Sinne betreffen: Zunächst einmal ist auf die Einbeziehung strukturalistischer, semiotischer und kommunikationstheoretischer Konzepte in die Kunstsoziologie hinzuweisen. Für diese Ansätze, zum Beispiel Rolande Barthes, Umberto Eco, Marshall McLuhan, sind künstlerische Phänomene nur ein Teil des Universums von symbolisch-expressiven Zeichen. Damit findet gleichsam en passant eine deutliche Ausweitung des Gegenstandsbereiches - hin zur Populärkultur - statt. Zum anderen ist eine deutliche Zunahme von WissenschaftlerInnen zu konstatieren, die aus den zumeist mittleren Gesellschaftsschichten stammen. Diese bringen nunmehr ihre spezifischen Erfahrungen im Umgang mit künstlerisch-ästhetischen Phänomenen, die eben sehr oft der Populärkultur zuzurechnen sind, in ihre wissenschaftlichen Ansätze mit ein.
Spätestens seit der breiteren Rezeption der kunst- und kultursoziologischen Analysen Pierre Bourdieus, aber auch im Anschluss an zahlreiche Arbeiten, die im Rahmen der Cultural Studies, des Poststrukturalismus beziehungsweise der Postmoderne oder des ‘Production of Culture'-Ansatzes entstanden sind, ist unumstritten, dass die Konzeption von Kunstsoziologie im traditionellen Sinne genauso wenig aufrechtzuhalten ist wie die (hegemoniale) Konzeption des traditionellen, also des sich seit dem 18. Jahrhundert etablierenden bürgerlich-romantischen Kunstbegriffs. Dieser ist charakterisierbar durch Produktorientierung wie Originalität, universelle Gültigkeit des Werks, durch Medien der Vermittlung, die lebendige Teilhabe abverlangen wie Konzert- und Opernhäuser, Theater, Museen, Buchlektüre, sowie durch kontemplative Rezeptionshaltung. Nicht zuletzt wird er gerne mit dem Geniebegriff und mit Hochkultur assoziiert. Entsprechend den genannten neueren Ansätzen gilt es als zumindest soziologische Selbstverständlichkeit, davon auszugehen, dass Kunst ein Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen beziehungsweise - in der Begrifflichkeit der Cultural Studies - gesellschaftlicher Verhandlungen ist. Das heißt, alles und jedes kann als Kunst, als künstlerisch wertvoll angesehen werden, wenn sich nur eine gesellschaftliche Gruppierung findet, die mächtig genug ist, eine entsprechende Werthaltung gesellschaftlich durchzusetzen, zu einer gesellschaftlich legitimen Werthaltung zu machen.
Vor diesem Hintergrund können nunmehr für die aktuelle Situation des Faches in Bezug auf den Gegenstandsbereich und das Erkenntnisinteresse folgende Sachverhalte zusammengefasst werden:
Bei der Kunstsoziologie handelt es sich nicht um Bemühungen, das Wesen der Kunst abzuklären, gleichsam die allgemein gültigste Funktion von Kunst schlechthin zu finden. Es geht vielmehr darum, auf der Basis einer gründlichen, empirisch fundierten Analyse der jeweils herrschenden strukturellen Bedingungen im künstlerischen Feld, die gesellschaftliche Nutzung und Bewertung der Hervorbringungen aus dem künstlerischen Feld zu untersuchen und zu fragen, welche gesellschaftlichen Gruppierungen zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt welche Interessen in dieser Hinsicht verfolgen bzw. in welcher Weise sie Kunst instrumentalisieren. Für eine zeitgemäße Kunstsoziologie ist dabei, wie eingangs gesagt, ein möglichst offenes Verständnis von Kunst unabdingbare Voraussetzung. Folglich wäre vielleicht besser von einer Soziologie der Ästhetik zu sprechen.
Professor Dr. Alfred Smudits lehrt an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.