Betriebswirtschaftslehre
Flusskreuzfahrten sind attraktiv. Und dies ist nicht nur die Meinung gut situierter Senioren. Unser Kemptener Experte gibt einen interessanten Überblick über einen rund 400 Millionen Euro schweren Markt, klärt über die Produkt- und Schiffskategorien auf und stellt beliebte Fahrtgebiete vor, die unter anderem in Europa, Südamerika und Asien liegen.
Von Professor Dr. Axel Schulz, Fachhochschule Kempten
Bei Kreuzfahrten steht in erster Linie die bequeme Form des Reisens im Vordergrund. Besonders Flussreisen bieten eine optimale Verbindung aus Entspannung und Entdeckungen. Im geruhsamen Reisetempo fährt man durch unterschiedlichste Landschaften, vorbei an historischen Bauten, Burgen, Dörfern, Wäldern oder Weinbergen. Somit erhält man von Deck aus einen kulturellen Einblick in die verschiedensten Regionen und Länder. Aufgrund der oft nahe gelegenen Abfahrtshäfen innerhalb Europas bieten Flusskreuzfahrten auch eine ideale Voraussetzung für einen Kurz- oder Städteurlaub.

Der Vorteil der Flussreisen liegt darin, dass das Landerlebnis gleichberechtigt neben das Bordleben tritt und der Gast auf bequeme Weise die Landschaft genießen kann. Die Reise beginnt mit dem Einchecken an Bord, wobei das andauernde Aus- und Einpacken der Koffer entfällt. Jeden Tag wird in anderen Städten angelegt und der Gast hat durch organisierte oder individuelle Landgänge die Möglichkeit einen sehr guten Überblick zu erhalten. Die meisten Anlegestellen liegen sehr zentral, so dass sich die Gäste meist schon mit wenigen Schritten direkt im Zentrum befinden. Besonders die Zielgruppe der 50-plus Generation schätzt diese bequeme Form des Reisens sehr.
Flusskreuzfahrten gehören zu den am stärksten wachsenden Marktsegmenten in der Touristik. Die führenden Anbieter auf dem Flusskreuzfahrtenmarkt sind überwiegend See- und Flussreisenspezialisten (Viking River Cruise, Phoenix Flussreisen, A-Rosa, Nicko tours etc.). Die großen Touristikkonzerne (insbesondere TUI) bieten auch Reisen auf dem Wasser an, können mit ihren Umsätzen jedoch nicht konkurrieren.

In den letzen Jahren ist die Branche sehr dynamisch gewachsen und konnte Umsatz- und Passagierzahlen verdoppeln. So haben 2007 rund 334.000 Passagiere an einer Flusskreuzfahrt teilgenommen. Insgesamt hat die Branche hierbei einen Umsatz von 390 Millionen Euro erwirtschaftet. Für eine typische Reise haben die Passagiere etwa 1.200 Euro ausgegeben und waren etwa 7 Tage an Bord.
Ähnlich wie bei Hochseekreuzfahrten gibt es auch bei Flusskreuzfahrten verschiedene Angebotsbereiche. Es lassen sich jedoch deutliche Unterschiede in der Gestaltung des Programms und der Ausrichtung der Kreuzfahrt erkennen.
Traditionelle Flusskreuzfahrten: Auf einer traditionellen Flusskreuzfahrt dominiert ein älteres und wohlhabendes Publikum. Inhaltlich besteht diese Art der Flusskreuzfahrt aus einer Kombination von Städtereise und reizvoller Landschaft. Die Ausflüge sind zumeist auf Stadtführungen und Fahrten in die nähere Umgebung beschränkt. Im Gegensatz zu den Hochseekreuzfahrtschiffen halten die Flussschiffe vorwiegend über Nacht. Tagsüber sind die Hauptprogrammpunkte entweder die erlebte Landschaft vom Schiff aus oder angebotene Ausflüge. Ein weiterer Bestandteil ist eine komfortable Umgebung an Bord, hervorragender Service und eine umfassende qualitativ hochwertige Verpflegung.
Themenkreuzfahrten: Bei den Themenkreuzfahrten ist das gesamte Angebot der Reise, wie die Route, eventuell auch Termine, das Bordprogramm und die Ausflüge etc. auf ein bestimmtes Thema ausgerichtet. Beliebte Themenreisen sind Gourmet- oder Weinkreuzfahrten. Auf Gourmetkreuzfahrten kochen Spitzenköche für die Passagiere an Bord der Schiffe und es werden Menüs und Spezialitäten der jeweiligen Länder sowie Ausflüge in berühmte Restaurants empfohlen.
Weitere Angebote: Weitere Angebotsarten sind zum Beispiel Kennenlern- oder Schnupperreisen mit reduzierten Preisen, die in der Regel zwischen vier und sechs Tage dauern und bis auf wenige Ausnahmen in der Vor- bzw. Nachsaison (Winter) liegen.
Flusskreuzfahrtschiffe sind ihren Fahrtgebieten zumeist fix zugeordnet. So ist beispielsweise die Größe der Flussschiffe durch die Brücken, die unterquert werden, den Schleusenkammern oder auch durch die Breite der Kanäle begrenzt. Die Flusskreuzfahrtschiffe lassen sich in zwei Größenklassen einteilen.
Dabei orientiert man sich am Bettenangebot. Die „Großschiffe" verfügen in der Regel über eine Anzahl von rund 200 Betten und verkehren besonders auf der Donau, dem Rhein, der Mosel sowie auf den großen russischen und ukrainischen Flüssen. Die kleinere Kategorie verfügt über etwa 100 Betten.
Die neu in Dienst gestellten Flusskreuzfahrtschiffe entsprechen perfekt den Anforderungen an Technik und Sicherheit. Ermöglicht wurde dies durch geringere Maße, eine versenkbare Brücke und einen neuen (Pumpjet-)Antrieb. So verfügen die Schiffe über einen Doppelboden und drei durchlaufende Decks. Der Schallpegel in den Kabinen und Gesellschaftsräumen beträgt nicht mehr als 55 Dezibel.

Die Ausstattung der Schiffe reicht von einfach bis luxuriös. Fast alle Schiffe bieten ausschließlich Außenkabinen mit eigener Veranda an. Die Kabinengröße variiert zwischen 8 bis 25 Quadratmetern. Auf allen Schiffen gibt es ein Restaurant, eine Bar, eine Bibliothek, eine Boutique und ein Sonnendeck mit Liegestühlen. Manche Schiffe sind zudem mit Swimmingpool und Fitnessraum ausgestattet. Die Küchen bereiten ein vielfältiges Speisenangebot. Auch Sonderwünsche der Gäste, wie Schon- oder Diätkosten, werden dabei berücksichtigt. Die Ansprüche der Gäste sind in den letzten Jahren stark gestiegen und diese möchten sich immer öfter „etwas gönnen". Auf dem Markt werden daher fast nur noch Vier-Sterne-Schiffe nachgefragt.
Das Angebot an Flusskreuzfahrtrouten in Europa ist sehr vielfältig. Insgesamt sind über 15.000 km in Europa auf dem Wasser befahrbar. Außerhalb Europas hat der Nil die größte Bedeutung. Seit Öffnung des Ostblocks werden auch Flusskreuzfahrten auf der Wolga angeboten. In Südamerika hat der Amazonas die größte touristische Anziehungskraft. Die beste Reisezeit ist in den Monaten von April bis Oktober.
Donau: Die Donau ist mit einer Länge von 2.888 km ein optimales Fahrgebiet für Flusskreuzfahrten und wird von 40 Prozent aller deutschen Flusskreuzfahrtpassagiere angesteuert. Für die meisten Fahrten ist Passau Ausgangsort. Jedes Jahr legen in Passau zirka 1.500 Kreuzfahrtschiffe an und transportieren dabei etwa 180.000 Passagiere. Viele angebotene Reisen führen nach Wien und weiter nach Budapest, einige auch bis hin zum Donaudelta.

Nil: Ungefähr 20 Prozent aller deutschen Flusspassagiere reisen auf dem Nil. Die Reiseveranstalter bieten Kreuzfahrten auf dem Nil größtenteils in Kombination mit Landaufenthalten im Rahmen von Studien- oder Rundreisen in Ägypten an. Rund 60 bis 85 Prozent aller Ägyptenurlauber buchen eine Kreuzfahrt auf dem Nil.
Rhein: Der Rhein gehört zu den traditionsreichsten Flusskreuzfahrtgebieten in Europa. Mit einer Länge von 1320 km ist er Deutschlands längster Fluss. Ursprünglich wurde der Fluss nur mit Tagesschiffen zwischen den Städten Köln, Koblenz und Mainz befahren. Heute fahren über 30 Flusskreuzfahrtschiffe auf dem Rhein. Eine Reise von Basel nach Amsterdam dauert im Schnitt sieben Tage.
Wolga: Die Wolga ist der längste und wasserreichste Strom Europas. Sie entspringt nordwestlich von Moskau und mündet nach 3530 km unterhalb von Astrachan ins Kaspische Meer. Durch die Breite des Stroms können hier die größten Passagierschiffe Europas mit einer Kapazität von bis zu 300 Personen eingesetzt werden. Zu einer der populärsten Strecken gehört eine Fahrt von Moskau nach St. Petersburg. Diese Fahrt dauert im Schnitt zwischen 8 und 13 Tagen.
Weitere Routen: In Deutschland bieten neben Rhein- und Donaurouten die Nebenflüsse Mosel, Saar, Main und Neckar viele Kombinationsmöglichkeiten mit einer Rheinreise an. Die Reisen auf den französischen Flüssen Sa?ne und Rh?ne sind in den letzten Jahren immer populärer geworden. In Italien ist der Po mit 600 km der längste Fluss. Weitere genutzte Strecken für Flusskreuzfahrten sind: Douro (Spanien/Portugal), Djnepr (Ukraine), Havel, Oder, Elbe und Moldau.
Im Gegensatz zu Hochseekreuzfahrten spielt das Thema Sicherheit bei Flusskreuzfahrt eine untergeordnetere Rolle. Eine Katastrophe - wie der Untergang der Titanic - ist auf Flüssen undenkbar. So beschäftigt sich auch eine beliebte Anekdote mit der Frage, was man machen soll, falls das Schiff leck schlägt und sinkt. Die einfache Antwort lautet: Einen letzten Capuccino in der Bar bestellen, sich dann in aller Seelenruhe auf das Sonnendeck begeben und sich das Spektakel trockenen Fußes von oben betrachten. Der Grund: Flusskreuzfahrtschiffe können zwar auf Grund laufen, aber aufgrund der zumeist geringen Flusstiefe nicht sinken.

Dr. Axel Schulz ist Professor für Tourismus- und Informationsmanagement an der Fachhochschule Kempten.
Weitere Informationen zu Verkehrsträgern unter www.tourismus-verkehr.de
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