Betriebswirtschaftslehre
Das vornehme Baden-Baden und der malerisch gelegene Tegernsee zählen sicher zu den bekanntesten Kurorten in Deutschland. Daneben gibt es hierzulande allerdings auch eine Vielzahl weiterer Kurorte und Heilbäder in denen Jahr für Jahr nicht nur deutsche Gäste ihre Gesundheit stärken. Was diese Orte verbindet und wo Kurgäste beherbergt werden, verrät unser Experte in Sachen Gesundheitstourismus.
Von Diplom-Betriebswirt Waldemar Berg, Hochschule Deggendorf
Kurort ist ein Oberbegriff. Er bezeichnet gleich eine Vielzahl von Orten oder räumlich abgegrenzten Ortsteilen, die über natürliche Heilmittel des Bodens (etwa Schwefelquellen), des Meeres beziehungsweise des Klimas verfügen. Das allein reicht allerdings nicht aus. Diese Orte müssen sich zudem nach wissenschaftlichen Erfahrungen und Erkenntnissen bei Kur-Anwendungen in der Kurortmedizin bewährt haben. Kurorte sind also Tourismusorte mit Prädikat, die nach einer amtlichen Ordnungssystematik die staatliche Anerkennung als Kurort, Heilbad, Heilklimatischer Kurort, Kneippheilbad, Kneippkurort, Seeheilbad, Seebad, Luftkurort und Erholungsort - nach den relevanten Landesverordnungen und deren Durchführungsbestimmungen - erlangt haben.
Hotels sind jedermann zugänglich und verfügen in der Regel über mindestens ein Restaurant und eine große Bandbreite an mehr oder weniger umfangreichen Dienstleistungen. In Deutschland darf sich eine „Herberge" erst dann als Hotel bezeichnen, wenn sie über einen Empfang und mindestens 20 Gästezimmer verfügt. Ein erheblicher Teil dieser Zimmer muss außerdem über Dusche/Bad und WC verfügen. Auch hinsichtlich der Bettenmaße gibt es klare Vorgaben: Ein Einzelbett muss beispielsweise 90x180 cm groß sein, das dazugehörige Einzelzimmer eine Mindestgröße von acht Quadratmeter aufweisen. Pensionen unterscheiden sich von Hotels dadurch, dass die angebotenen Dienstleistungen eingeschränkt sind. So findet zwar wie im Hotel eine tägliche Zimmerreinigung statt, Mahlzeiten (feste und vorgegebene Menüfolge) werden aber nur zu bestimmten Uhrzeiten und ausschließlich für Hausgäste angeboten. Pensionen gelten gemein hin als weniger komfortabel, die Zimmer sind oft klein und zweckmäßig. Wellness-Einrichtungen, wie man sie vielfach in Hotels vorfindet, sind selten vorhanden. Ferienwohnungen sowie Apartments verfügen über mindestens ein Zimmer plus Bad und Küche. Hier ist die Möglichkeit der Selbstversorgung gegeben.
Spezifische Beherbergungsformen in Kurorten und Heilbädern sind nicht nur elegante Kurhotels. Es gibt vor Ort meist eine Vielzahl von Kurpensionen und so genannten Kurheimen sowie Kursanatorien beziehungsweise -klinken und außerdem Hospize. Ein Kurhotel liegt meist direkt in einem Kurort oder Heilbad und muss neben den üblichen Anforderungen an ein Hotel im Bedarfsfall medizinische Versorgung gewährleisten sowie diätetische Verpflegung anbieten. Deutlich schlichter sind Kurheime gehalten: Sie weisen Merkmale einer Pension auf. Die Gäste solcher Einrichtungen nehmen oft an ambulanten Kurmaßnahmen teil. Bei solchen Maßnahmen werden lediglich die Kuranwendungen vom Kostenträger übernommen, für die Übernachtung und Verpflegung gibt dieser lediglich einen minimalen Zuschuss. Im Gegensatz dazu ist ein Kursanatorium eine Therapie- und Beherbergungseinrichtung, die eine Anerkennung durch eine Gesundheitsbehörde benötigt. Sanatorien verfügen hingegen neben den hotelähnlichen Leistungen über eine einfache diagnostische und therapeutische Ausstattung und eine ständige hauptamtliche ärztliche und pflegerische Betreuung. Mehr im medizinischen Bereich bieten Kurkliniken. Sie sind Spezialkrankenhäuser zur kurmäßigen Behandlung bestimmter Heilanzeigen (Indikationen) und beherbergen in der Regel bettlägerige Gäste. So genannte Hospize sind Beherbergungsbetriebe im Eigentum einer kirchlichen oder karitativen Einrichtung.
Eine Gemeinsamkeit verbindet die oben genannten Beherbergungsbetriebe: Es handelt sich oft um zum Teil „kleinere" familiengeführte Objekte. Sie sind damit keineswegs mit der klassischen Konzernhotellerie oder Großhotels an gut besuchten Urlaubsorten des Mittelsmeers oder der Ägäis vergleichbar. Die am Gast erbrachte Leistung ist meist sehr persönlich. Nicht selten wird sie sogar direkt von Familienmitgliedern des Eigentümers erbracht. Das geht mit Vorzügen einher, ist aber gegebenenfalls mit Schwankungen in der Leistungserbringung verbunden - zum Beispiel in nicht durchgängig einheitlicher Qualität. Ausnahme stellen einige Sanatorien und Kurkliniken dar, die als Art Filiale eines „Gesundheitskonzerns" geführt werden. Sie verfügen unter Umständen über eine bessere Einrichtung als die kleineren Familienbetriebe und über gezielt geschultes Personal, das eine sehr professionelle aber bisweilen unpersönliche Leistung am Gast erbringt.
Eines sollte dem Kurgast klar sein: Ein Aufenthalt in einem Kurort oder Heilbad ist nicht im Hinblick auf die Unterbringungen und das Lebens- und Aufenthaltsgefühl mit einem Strandurlaub vergleichbar. Die Beherbergung ist eine Notwendigkeit, die in erster Linie zweckmäßig sein muss. Im Vordergrund steht der Heilungsprozess und nicht das Beherbergungs- und Verpflegungserlebnis eines Fünf-Sterne-Hotels. Diesem Umstand ist gegebenenfalls auch das suboptimale Angebot oder der suboptimale Service vieler Beherbergungseinrichtungen geschuldet. Die Gesundheitskassen überweisen die Gäste vielfach an die Kurorte oder Heilbäder, der einzelne Gast hat deswegen wenig Möglichkeiten, sich bei Kostenübernahme der Kur durch einen Dritten, den Ort und das Sanatorium oder die Kurklinik auszusuchen.
Beherbergungsbetriebe in Kurorten und Heilbädern zeichnen sich folglich auch durch eine grundsätzlich andere Architektur aus. Tagungs- und Seminarräume, aufwändige technische Ausstattungselemente für Kongresse, Büroservice und andere für die Geschäftshotellerie typische Einrichtungen und Leistungen werden hier nicht benötigt. Dennoch gibt es in Kurorten und Heilbädern nicht den „typischen Beherbergungsbetrieb". Die Besonderheiten, unabhängig von der Kategorie beziehungsweise der Sterne, die einen solchen Ort auszeichnet, sind in erster Linie eine ruhige und verkehrsberuhigte Lage - idealerweise nahe parkähnlicher Grünflächen.
Bedingt durch die vielfältigen Reformen im Gesundheitswesen stehen viele Kurorte und Heilbäder als auch die dort angesiedelten Beherbergungsbetriebe in einem starken Wettbewerb. Der Anteil der Sozialkuren, also Kuren, die durch Gesundheitskassen, Knappschaften, Versicherungsträger etc. getragen werden, sinkt. Der Anteil der Privatkuren (Selbstzahler) steigt. Aus diesem Grund muss die Angebots- und Servicequalität von Beherbergungsbetrieben überprüft werden. DassHandlungsbedarf besteht, zeigt exemplarisch nachfolgender Erfahrungsbericht.
Anreise: Samstags im Vier-Sterne Kurhotel mit ausgewiesenem „Ayurveda-Centrum"; Rezeption ist nicht besetzt; Begrüßung erfolgt sparsam und nicht herzlich; Zimmerzuweisung lässt keinen Raum für Wünsche die Unterbringung betreffend; die Termine für die einzelnen, schon vorab gebuchten Anwendungen im hauseigenen Kurzentrum wurden unkommentiert auf einem Zettel (handschriftlich) ausgehändigt; eine mündliche Belehrung über das Procedere die Mahlzeiten betreffend mahnt zur strikten Einhaltung der Uhrzeiten (Frühstück von 07.30 bis 08.30h, Abendessen von 18.00 bis 19.30h) und der rechtzeitigen Abgabe des Menüwunsches für das Abendessen (bis 09.00 Uhr des selben Tages); Abweichungen werden nicht geduldet.
Zimmer: Klein; nach kaltem Tabakrauch riechend; Möbel in dunkelbraun; Tapeten dunkelgrün, Teppichboden dunkel und fleckig; Einzelbett in den Maßen 1,80X0,90 cm, schmutziger Vorhang, keine Verdunkelungsmöglichkeit und mit Blick auf das Garagendach; nach Protest Zuweisung eines freundlicheren und rauchfreien Zimmers.
Weitere Räumlichkeiten: Terrasse sowie Wellnessbereich nicht barrierefrei zugänglich.
Kur-Anwendungen: Fünf von sechs gebuchten Anwendungen auf den vorletzten und die letzte Anwendung auf den letzten vollen Aufenthaltstag gelegt; auch nach Protest keine Anpassung der Termine.
Es liegt im Wesen eines Kuraufenthaltes, dass nach Kur- oder Heilanwendungen der Gast ruhen und entspannen muss. Aus diesem Grund sollten die Beherbergungsangebote in Kurorten und Heilbädern über geräumige, helle und freundlich eingerichtete Zimmer verfügen, die zumindest über eine zweckmäßige und komfortable Einrichtung verfügen. Weiterhin sollten großzügige gemeinschaftliche Aufenthaltsräume mit Leseecke und einer kleinen Bibliothek, Internet-Anbindung einer Kaffeebar sowie einem ansprechenden, nicht zu eng bestuhlten Speiseraum existieren. Baulich sollte das Gebäude barrierefrei sein, also über eine angemessene Anzahl großer Aufzüge verfügen, möglichst wenig Stufen- und Treppenabsätze aufweisen und architektonisch so angelegt sein, dass es sich durch kurze Wege auszeichnet. Nicht selten sind Kurgäste körperlich eingeschränkt. Diese harten Faktoren sind sicher wichtig. Hinzu kommen aber auch weiche Faktoren, etwa Service- und Dienstleistungsqualität. Mahlzeiten, unabhängig ob als Buffet oder als gesetztes Mahl, sind den jeweiligen Kundengruppen hinsichtlich der Mengen und der Zusammenstellung angepasst. Sonderwünsche, etwa diätische, laktose- oder glutenfreie, kalorienarme Nahrungs- und Lebensmittel sind zu beachten. Hilfestellungen bei Ausflügen und Transferdiensten sollten selbstverständlich sein.
Die Gründe für den Aufenthalt in einem Kurort oder Heilbad sind für den Gast oft nicht freiwillig. Meist geht es um das Abwenden einer Krankheit oder die Beschleunigung einer Heilung. Gerade deswegen sind die genannten harten und weichen Faktoren von besonderer Bedeutung.
Diplom-Betriebswirt Waldemar Berg ist Dozent für Reiserveranstaltungs- und Hotelmanagement an der Hochschule Deggendorf und seit 20 Jahren im Tourismus unter anderem als Fachbuchautor tätig.