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Wer bin ich? Diese Frage nach der eigenen Persönlichkeit hat sich sicherlich jeder schon einmal gestellt. Der economag.de Experte aus der Lausitz kann diese Frage für jeden einzelnen von uns zwar nicht beantworten, dennoch zeigt er auf, wie Persönlichkeit in der Wissenschaft definiert wird, wie sie entsteht und als Instrument der Mitarbeiterführung in Unternehmen und Organisationen eingesetzt werden kann.
Von Professor Dr. Hans Jung, Hochschule Lausitz
Menschen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht und das nicht nur durch ihr Aussehen, durch ihre Hautfarbe, das Geschlecht oder die Herkunft. Auch das Handeln und die Verhaltensweisen sind unterschiedlich. Die einen sind offener gegenüber anderen Menschen, während andere Probleme haben auf ihre Mitmenschen zuzugehen und sich ihnen zu öffnen. Andere reagieren grundlos mit Ablehnung auf andere Menschen.
Eines ist allen aber gemein: Sie suchen nach Antworten auf Fragen wie:
Die Frage, wie man Persönlichkeit definieren kann, ist auch unter Psychologen nicht einfach zu beantworten. Der Begriff Persönlichkeit ist davon abhängig, wer ihn in welchem Zusammenhang definiert, das heißt nach theoretischer Zuordnung oder Forschungsstadium. Generell versteht man unter dem Begriff Persönlichkeit einen Menschen mit gefestigtem Charakter. Das Wort Person stammt vom lateinischen persona und bedeutet so viel wie „Maske des Schauspielers". Eine Persönlichkeit entwickelt sich im Laufe der Biographie eines Menschen.
Jeder Mensch nimmt für ihn typische Charakterzüge und Verhaltensweisen wie eine Rolle an, die er nur schwer wieder ablegen kann. Viele Menschen erkennen bewusst oder unbewusst den eigenen Charakter und versuchen gerade in der Arbeitswelt den eigenen Charakter zu verstecken. Der Persönlichkeitstypologie geht es darum, die Person objektiv zu ergründen und hinter die Maske des Menschen zu blicken. Über die Jahrhunderte hinweg gab es viele soziologische und psychologische definitorische Annäherungsversuche an den Begriff der Persönlichkeit. Einige Beispiele seien hier exemplarisch angeführt.
Pawlik (1973):[1] „Gesamtheit reliabler inter- und intraindividueller Unterschiede im Verhalten, sowie deren Ursachen und Wirkungen"
Guilford (1974):[2] „Die Persönlichkeit eines Individuums ist seine einzigartige Struktur von Persönlichkeitszügen (Traits)... Ein Trait ist jeder abstrahierbare und relativ konstante Persönlichkeitszug, hinsichtlich dessen eine Person von anderen Personen unterscheidbar ist."
Fiedler (2007):[3] „Persönlichkeit und Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen sind Ausdruck der für ihn charakteristischen Verhaltensweisen und Interaktionsmuster, mit denen er gesellschaftlich-kulturellen Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen und seine zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Suche nach einer persönlichen Identität mit Sinn zu füllen versucht. Dabei sind jene spezifischen Eigenarten, die eine Person unverkennbar typisieren und die sie zugleich von anderen unterscheiden, wegen ihrer individuellen Besonderheiten immer zugleich von sozialen Regeln und Erwartungen mehr oder weniger abweichende Handlungsmuster."
Gerade im Berufsleben von Führungskräften spielt die Kenntnis über die Besonderheiten bestimmter Charaktertypen eine wichtige Rolle. Bereits vor über 1500 Jahren sagte Augustinus, dass die Hand nur das Werkzeug des Geistes sei.[4] Der Bedeutungszuwachs der Unternehmenskultur zieht eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Charakteren oder Persönlichkeiten im Unternehmen nach sich und kann so langfristig zum Unternehmenserfolg beitragen.
Nicht mehr nur den harten Faktoren (Organisationsstruktur, Produkt und Steuerung/ Kontrolle), sondern auch den weichen Faktoren (Werte, Personal, Spezialkenntnisse und Führungsstil) eines Unternehmens wird eine immer stärkere Bedeutung beigemessen.[5]
Entscheidungen in der Unternehmenswelt werden nach den persönlichen Eindrücken der Entscheidungsträger gegenüber den Mitarbeitern getroffen. Die Persönlichkeitstypologie soll helfen diese Entscheidungen zu objektivieren, damit eventuelle Fehlentscheidungen beispielsweise bei der Personalauswahl, der Personalentwicklung oder der Personaleinsatzplanung minimiert werden können. Der Vorteil liegt auf der Hand! Soziale Konflikte und deren negativer Einfluss auf das Betriebsklima und den Unternehmenserfolg werden systematisch abgebaut.
Doch wie entsteht nun die Persönlichkeit des Menschen? Die Entwicklung einer Persönlichkeit erfolgt mit dem Zeitpunkt der Geburt und ist ein lebenslanger, dynamischer Prozess. Viele andere Personen, auch Bezugspersonen (z.B. Vater, Mutter, Geschwister) und Umwelteinwirkungen nehmen prägenden Einfluss.
Auch die genetische Struktur, der so genannte Phänotyp nimmt Einfluss auf die Entwicklung der inneren und äußeren Gestalt des Menschen. Zu den genetischen Faktoren lässt sich sagen, dass sie nicht nur für die äußerlichen Merkmale zuständig sind, sondern auch für persönlichkeitsbestimmende Charaktereigenschaften, wie zum Beispiel Emotionen und soziale Kompetenz. Auch die Umwelt hat einen Einfluss auf die Persönlichkeit des Menschen und setzt sich aus internen und externen Faktoren zusammen.
Die inneren Faktoren werden durch Gewohnheiten, durch zu lösende Konflikte im Alltag, durch Verarbeiten von Informationen und ähnlichen bestimmt. Die "externen" oder Umweltfaktoren sind ebenfalls sehr vielfältig. Sie werden durch die Familie, Freunde, Medien, den Beruf oder durch traumatische Erlebnisse bestimmt.
Die Umweltfaktoren können in vier große Gruppen unterteilt werden:
Der Mensch wird durch die Umwelt beeinflusst, aber er beeinflusst auch seine Umwelt. So ruft beispielsweise das gepflegte Äußere bei den meisten Menschen eine andere Reaktion hervor als ein ungepflegtes Erscheinungsbild. Nicht jeder Mann und jede Frau sind für Aufgaben gleich geeignet. Zielgerichtet soll die Mitarbeiterführung herausfinden, welche Menschen zu festgelegten Anforderungsprofilen passen.
Ist die Person beispielsweise ein „Leader", ein „Manager", ein „Networker" oder ein „Impressario".[6] Je vielfältiger die Anforderungsprofile, desto umfangreicher die Anforderungen an die Personalauswahl und Personalführung mittels der modernen Persönlichkeitstypologie.[7]
Seit Menschen Gedenken gibt es mehr oder weniger wissenschaftliche Ansätze zur Typologisierung des Menschen. Schon 4000 Jahre vor Christus haben Menschen im Tauschgeschäft oder im Rahmen der Diplomatie Verhandlungen geführt. Die Frage war damals wie heute dieselbe. Welche Strategie ist erfolgreich? Beginnend mit dem 18. Jahrhundert hat man begonnen mit modernen wissenschaftlichen Methoden sich der Sache zu nähern.
Der Tübinger Psychiater Kretchmer (1888 - 1964) zog die Beobachtung der äußeren Gestalt des Menschen zur Typologisierung heran. Ausgangslage war damals wie man psychisch kranken Menschen helfen kann. Erst mit Fritz Riemann (1902 - 1979) trennte sich von der Psychoanalyse die Persönlichkeitstypologie ab.[8] Die Grundlage der riemann´schen Arbeit ist, dass jeder Mensch beschreibbaren und widererkennbaren Grundformen der Angst ausgesetzt ist, die sein Verhalten dominieren. Die Angst vor Selbsthingabe, die Angst vor der Selbstwerdung, die Angst vor der Wandlung sowie die Angst vor der Ordnung und der Notwendigkeit. Sie prägen das menschliche Sein.
Riemann entwickelt hieraus vier Persönlichkeitsstrukturen mit spezifischen Kennzeichen. Es handelt sich hierbei jedoch um gesunde Strukturen. Die vier großen Neuroseformen sind dann die Grenzformen.
Mit dieser Typologie gelingt es, für die normal ausgeprägten Angstzustände, Charakterzüge und Verhaltensweisen zu beschreiben, so dass neben der charakterlichen Beschreibung eine berufliche Zuordnung möglich ist. So sind z.B. stark schizoide Persönlichkeiten vorrangig geeignet für exakte und genaue Berufe wie z.B. Forscher, Mathematiker und Astrologen. Die Depressive Persönlichkeit eignet sich dagegen eher für soziale, dienende oder charitative Berufsfelder, wie z.B. Sozialarbeiter, Erzieher und Pfarrer. Die Berufswahl für zwanghafte Menschen sollte geprägt sein von klarer Systematik des Berufs (Beamte, Juristen, Buchhalter). Die Hysterische Persönlichkeitsstruktur findet man vorzugsweise in kreativen Berufen wie z.B. Werbefachleute, Designer und Musiker.
Riemanns Forschung ist das Kernstück der Persönlichkeitstypologie.
Für die Praxis ein deutlicher Hinweis wie und wo Menschen in einer Unternehmung einsetzbar sind oder wie Einstellungsgespräche optimal gestaltet werden können. Darüber hinaus hat die moderne Typologisierungsforschung prozessorientierte Theorien aufgestellt. Beispielsweise werden mit der Transaktionsanalyse nach Eric Berne[9] und Thomas Harris[10] die Kommunikation und die Zusammenarbeit zwischen Menschen und die Verbesserung der eigenen Charakterkenntnis und Verhaltensweise optimiert.
Eine Analyse der Inhalts- und Prozesstheorien ermöglicht es in der Praxis so genannte Testingverfahren zu generieren. Im Assessment-Center, bei Gruppenprozessanalysen, bei biographischen Fragebögen oder im Personalgespräch und Interviews, sind Kenntnisse der Persönlichkeitstypologie besonders wichtig. Unabhängig an welcher Stelle der Mitarbeiterführung - an einer Auseinandersetzung mit der Persönlichkeitstypologie kommt die innovative Führungskraft von heute nicht mehr vorbei!
Professor Dr. rer. pol. Hans Jung lehrt an der Hochschule Lausitz Betriebswirtschaftslehre und Personalmanagement.
[1] Pawlik, K.: Zur Frage der psychologischen Interpretation von Persönlichkeitsfaktoren, Arbeiten aus dem Psychologischen Institut der Universität Hamburg Nr. 22, Hamburg 1973, S. 3.
[2] Guilford, J.: Persönlichkeitstypologie, 4. Aufl., Weinheim 1974, S. 6.
[3] Fiedler, P.: Persönlichkeitsstörungen, 6. Aufl., Weinheim 2007, S.2.
[4] Vgl. Eiguer, A.: Ganz gewöhnliche Scheusale und wie man sie erkennt, Originalausgabe, München 2002.
[5] Vgl. Jung, H.: Personalwirtschaft, 8. Aufl., München/Wien 2008, S. 836 ff.
[6] Wunderer, R./Dick, P.: Personalmanagement quo vadis?, Neuwied Kriftel Taunus, 2000, S. 166.
[7] Vgl. Jung, H.: Persönlichkeitstypologie, Instrument der Mitarbeiterführung, 3. Aufl., München/Wien 2009.
[8] Vgl. Riemann, F.: Grundformen der Angst. Eine tiefpsychologische Studie, 38. Aufl., München/Basel 2007.
[9] Vgl. Berne, E.: Die Transaktions-Analyse in der Psychotherapie: Eine systematische Individual- und Sozial- Psychiatrie, 2. Aufl., Berlin 2006.
[10] Vgl. Harris, T.: Einmal o.k., immer o.k: Transaktionsanalyse für den Alltag, 13. Aufl., Berlin 1990.