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Titelbild zum Beitrag: Drohende Gefahr
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Drohende Gefahr

Globale Leistungsbilanzungleichgewichte

Auch große Volkswirtschaften können über ihre Verhältnisse leben. Die USA geben zum Beispiel deutlich mehr Geld aus, als sie verdienen. Dies muss nicht per se in eine Katastrophe führen. Allerdings stellen die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte eine drohende Gefahr da - für das Defizitland ebenso wie für die Weltwirtschaft. Was sich genau dahinter verbirgt und wie damit umzugehen ist, verrät unser Experte aus Gütersloh.

Von Dr. Thieß Petersen, Gütersloh

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Seit Ende der 1990er Jahre haben sich weltweit hohe Leistungsbilanzungleichgewichte aufgebaut. In den USA betrug das Leistungsbilanzdefizit zwischen 2005 und 2008 jeweils rund 700 bis 800 Milliarden US-Dollar und damit fünf bis sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). In Spanien und Portugal liegen die Defizite seit einigen Jahren bei bis zu 10 Prozent, in Griechenland sogar zwischen 10 und 15 Prozent. Den Defizitländern stehen Überschussländer wie Deutschland, Japan und China gegenüber.

Seit Mitte der 2000er Jahre erreicht China jedes Jahr Leistungsbilanzüberschüsse in Höhe von 9 bis 11 Prozent des eigenen BIP. Die aktuelle Wirtschaftskrise hat diese Leistungsbilanzungleichgewichte wegen des Rückgangs des internationalen Handels zwar etwas abgebaut, mit dem globalen konjunkturellen Aufschwung nehmen die Leistungsbilanzüberschüsse oder -defizite jedoch wieder zu. Der vorliegende Beitrag untersucht, wie diese globalen Ungleichgewichte zu bewerten sind.

Enges Geflecht: Makroökonomische Zusammenhänge

Die von einer Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres produzierte Menge an Gütern und Dienstleistungen (Y) kann entweder von den privaten Haushalten konsumiert (C), für die Vergrößerung des Produktionsapparates verwendet - also investiert - (I), vom Staat verbraucht (G) oder ins Ausland exportiert werden (EX). Die Konsummöglichkeiten des Inlands werden durch den Import von Gütern und Dienstleistungen aus dem Ausland (IM) erweitert. Damit gelten folgende Zusammenhänge:

(1) Y + IM = C + I + G + EX oder Y - (C + I + G) = (EX - IM)

Die Komponenten C, I und G stellen den inländischen Verbrauch dar. Dabei gelten definitionsgemäß folgende Zusammenhänge:

(2a) Y > (C + I + G) → (EX - IM) > 0

(2b) Y < (C + I + G) → (EX - IM) < 0

Erläuterung der verwendeten Abkürzungen[1]

Im Fall (2a) verbraucht die Volkswirtschaft nicht alle Güter und Dienstleistungen, die sie hergestellt hat. Diese Volkswirtschaft lebt unter ihren Verhältnissen. Die nicht verbrauchten Güter werden ins Ausland exportiert. Die Volkswirtschaft exportiert mehr Güter und Dienstleistungen, als sie importiert. Per Saldo weist sie daher einen Exportüberschuss auf. Der Fall (2b) ist analog zu erklären. Hier verbraucht die Volkswirtschaft mehr Güter und Dienstleistungen, als sie hergestellt hat. Diese Gesellschaft lebt über ihre Verhältnisse und weist einen Importüberschuss auf.

Gleichung (1) kann nun um die Staatseinnahmen (T) erweitert werden. Hierzu werden auf jeder Seite der Gleichung (1) die Staatseinnahmen abgezogen.

(3) Y - T = C + I + G - T + (EX - IM)

Der Ausdruck (Y - T) stellt das verfügbare Einkommen der Volkswirtschaft dar. Der Teil dieses Einkommens, der nicht für Konsumausgaben verwendet wird, entspricht der volkswirtschaftlichen Ersparnis (S). Ersparnisse bedeuten ökonomisch gesehen - sowohl einzelwirtschaftlich als auch gesamtgesellschaftlich - einen Konsumverzicht.

(4) S = Y - T - C

Wird Gleichung (4) in Gleichung (3) eingesetzt, resultiert daraus folgender Zusammenhang:

(5) S = I + (G - T) + (EX - IM)

Der Ausdruck (G - T) beschreibt den Saldo der staatlichen Ausgaben und Einnahmen. Wenn (G - T) positiv ist, gibt der Staat mehr Geld aus, als er einnimmt, das heißt es liegt ein Staatsdefizit vor. In nahezu allen Volkswirtschaften ist dies gegenwärtig der Fall. Für die folgenden Ausführungen wird daher davon ausgegangen, dass die betrachtete Volkswirtschaft ein Staatsdefizit (G - T > 0) besitzt. Die gesamtgesellschaftlichen Ersparnisse oder der volkswirtschaftliche Konsumverzicht kann also im Inland für zwei Zwecke verwendet werden: zur Bildung oder Finanzierung von Investitionen und zur Finanzierung des Staatsdefizits (die Wirtschaftssubjekte stellen dem Staat Güter und Dienstleistungen zur Verfügung, die er sich mit seinen Einnahmen sonst nicht leisten könnte). Sofern nach der Bildung von Investitionen und der Finanzierung des Staatsdefizits noch Güter und Dienstleistungen übrig sind, können diese dem Ausland zur Verfügung gestellt werden. Für Gleichung (5) gelten daher definitionsgemäß folgende Zusammenhänge:

(5a) S > I + (G - T) → (EX - IM) > 0

(5b) S < I + (G - T) → (EX - IM) < 0

Im Fall (5a) sind die Ersparnisse größer als zur Bildung der Investitionen und der Deckung des Staatsdefizits erforderlich. Die Gesellschaft kann einen Teil ihrer Wirtschaftsleistung dem Ausland zur Verfügung stellen, das heißt sie exportiert mehr Güter, als sie importiert. Auch hier lebt die Gesellschaft unter ihren Verhältnissen, denn sie könnte sich mit den Ersparnissen mehr Investitionen oder ein höheres Staatsdefizit leisten. Im Fall (5b) spart die Volkswirtschaft zu wenig. Die eigenen Ersparnisse reichen nicht aus, um die heimischen Investitionen zu tätigen und das eigene Staatsdefizit zu finanzieren. Diese Volkswirtschaft verbraucht also mehr Güter und Dienstleistungen für den privaten Konsum, die Investitionen und die staatlichen Ausgaben, als sie selbst hergestellt hat. Die fehlenden Ressourcen kommen aus dem Ausland.

Wenn eine Volkswirtschaft einen Exportüberschuss erwirtschaftet, gibt sie damit im Außenhandel weniger Geld aus, als sie einnimmt. Das Einkommen der Volkswirtschaft wird also nicht vollkommen ausgegeben, die gesamtgesellschaftliche Ersparnis ist positiv. Umgekehrt muss ein Land mit einem Importüberschuss diesen finanzieren. Ein Land, das mehr Güter und Dienstleistungen importiert, als es selbst exportiert, muss sich dafür entweder im Ausland verschulden (Kreditaufnahme) oder es muss seinen Konsum mit dem Verkauf von Vermögenstiteln finanzieren (Gold, Devisen oder Beteiligungen am Produktivkapital in Form von Aktien oder Direktbeteiligungen).

Ein Exportüberschuss hat somit für das betreffende Land einen Vermögensaufbau (ΔV) gegenüber dem Ausland zur Folge. Dies kann entweder in Form von zusätzlichen Finanztiteln (ΔF), also Aktien, Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Forderungen etc. erfolgen oder in Form von Währungsreserven (ΔW) wie Gold und Devisen. Da alle ausländischen Vermögenstitel in der Währung des Auslands bewertet sind, müssen die Vermögenswerte noch mit dem Wechselkurs (w) in die heimische Währung umgerechnet werden. Umgekehrt bedeutet ein Importüberschuss, dass das Vermögen des Landes geringer wird - entweder direkt, weil Finanztitel oder Währungsreserven verkauft werden, oder indirekt, weil die Schulden des Landes gegenüber dem Ausland steigen und das Reinvermögen (Vermögen abzüglich der Verbindlichkeiten) schrumpft.

(6) (EX - IM) = ΔV = w (ΔF + ΔW)

Schließlich haben Export- oder Importüberschüsse noch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Ein Land mit einem Exportüberschuss produziert mehr Güter und Dienstleistungen, als es verbraucht. Würde es nur die Dinge produzieren, die es selbst benötigt, wäre dies mit einem geringeren Einsatz von Produktionsfaktoren verbunden, also auch mit einem geringeren Arbeitseinsatz. Der Exportüberschuss wirkt sich daher positiv auf das gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsniveau aus. Im Fall eines Importüberschusses hingegen ist das Beschäftigungsniveau geringer, was zur Arbeitslosigkeit führen kann. So gesehen exportiert ein Land mit einem Exportüberschuss seine Arbeitslosigkeit in das Land mit einem Importüberschuss.

Frage der Balance: Zahlungsbilanz und Zahlungsbilanzausgleich

Die bisher beschriebenen Zusammenhänge werden in der Zahlungsbilanz eines Landes zusammengebracht (vgl. Petersen 2006a). Die Zahlungsbilanz erfasst sämtliche ökonomischen Transaktionen zwischen den inländischen und ausländischen Wirtschaftseinheiten, die innerhalb eines Jahres stattfinden. Auf der Aktivseite werden die Aktivitäten aufgeführt, die einen Zahlungseingang für das Inland darstellen: der Export von Gütern und Dienstleistungen (EX), Kapitalimporte, wie beispielsweise der Verkauf von Aktien und Wertpapieren an ausländische Wirtschaftseinheiten oder eine Schuldenaufnahme im Ausland (KIM), und schließlich der Verkauf von Gold- und Devisenbeständen der Zentralbank, was eine Gold- und Devisenbestandsverminderung bedeutet (GDBVer). Die Passivseite erfasst die Aktivitäten, die zu einem Zahlungsausgang für das Inland führen: der Import von Gütern und Dienstleistungen (IM), Kapitalexporte, wie beispielsweise der Kauf von Aktien und Wertpapieren von ausländischen Wirtschaftseinheiten oder eine Kreditgewährung (KEX), und schließlich der Kauf von Gold- und Devisenbeständen der Zentralbank im Ausland, der eine Erhöhung des Gold- und Devisenbestands bedeutet (GDBErh). Die Grundstruktur einer Zahlungsbilanz kann Tabelle 1 entnommen werden (vgl. Siebert 2000, S. 201).

In der Zahlungsbilanz werden alle Transaktionen doppelt gebucht. Der Export von Gütern gegen die Gewährung eines Kredits wird als Güterexport auf der Aktivseite und als Kapitalexport auf der Passivseite erfasst. Sieht man von statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen ab, ist die Zahlungsbilanz daher definitionsgemäß stets ausgeglichen.

(7) EX + KIM + GDBVer = IM + KEX + GDBErh

 

Die Umformung der Gleichung (7) stellt die definitorischen Zusammenhänge zwischen dem Handels- oder Leistungsbilanzsaldo (EX - IM), dem Kapitalbilanzsaldo (KEX - KIM) und dem Saldo der Gold- Devisenbilanz oder kurz dem Devisenbilanzsaldo (GDBVer - GDBErh) dar. Geht man von einem Devisenbilanzsaldo von Null aus, dann entspricht ein Leistungsbilanzüberschuss (EX > IM) einem Nettokapitalexport (KEX > KIM).

(8) (EX - IM) = (KEX - KIM) + (GDBErh - GDBVer)

Damit lassen sich als Zwischenfazit folgende makroökonomische Zusammenhängen feststellen:

Kurzfristige realwirtschaftliche Betrachtung: Ein Land mit einem Export- oder Leistungsbilanzüberschuss lebt unter seinen Verhältnissen. Es verbraucht nicht alle hergestellten Güter und Dienstleistungen. Die überschüssigen Güter und Dienstleistungen werden dem Ausland zur Verfügung gestellt.

Beschäftigungseffekte: Ein Land mit einem Export- oder Leistungsbilanzüberschuss hat ein höheres Beschäftigungsniveau als ohne diesen Überschuss. Das Land kann durch den Exportüberschuss seine Arbeitslosigkeit verringern.

Finanzierungaspekte: Ein Land mit einem Export- oder Leistungsbilanzüberschuss bildet größere Ersparnisse als zur Finanzierung der heimischen Investitionen und des eigenen Staatsdefizits erforderlich sind. Die überschüssigen Ersparnisse werden verwendet, um dem Ausland einen Konsum über dessen Produktionsmöglichkeiten - also einen Importüberschuss - zu finanzieren (Nettokapitalexport).

Vermögensaspekte: Ein Land mit einem Export- oder Leistungsbilanzüberschuss erwirtschaftet im Außenhandel mehr Einnahmen als Ausgaben. Dies führt zu einem Vermögensaufbau gegenüber dem Ausland. Der Vermögenszuwachs äußert sich in einem Zuwachs der Forderungen (Kreditvergabe an ausländische Unternehmen oder Staaten), in steigenden Gold- und Devisenbeständen oder in einem Zuwachs der Unternehmensbeteiligungen im Ausland (Direktinvestitionen oder Aktien). Aus diesen Vermögensbeteiligungen resultieren Einkommen, zum Beispiel Dividenden oder Zinseinnahmen.

Langfristige realwirtschaftliche Betrachtung: Mit dem Verzicht auf Konsummöglichkeiten in der Gegenwart erwirbt ein Land mit einem Export- oder Leistungsbilanzüberschuss Ansprüche auf Konsumgüter aus dem Ausland. Sofern das Land mit einem Exportüberschuss irgendwann in der Zukunft seine Vermögensbeteiligungen zurücktauscht, erhält es dafür Güter und Dienstleistungen aus dem Ausland. Der Umstand, dass das Exportüberschussland jetzt unter seinen Verhältnissen lebt, eröffnet die Option, in der Zukunft über seine Verhältnisse zu leben.

Für ein Defizitland (Exporte geringer als Importe) ergeben sich die umgekehrten Konsequenzen: Das Land lebt in der Gegenwart über seine Verhältnisse, dies wird vom Ausland finanziert (Nettokapitalimport). Das Defizitland muss sich entweder im Ausland verschulden oder Teile des heimischen Vermögens (Gold, Devisen, Unternehmensbeteiligungen) an das Ausland abtreten. Irgendwann in der Zukunft muss das Defizitland mehr exportieren als importieren, um damit die Verschuldung wieder abzubauen. Das Leben über die Verhältnisse wird also erkauft durch ein Leben unter den Verhältnissen in der Zukunft.

In einem nächsten Schritt ist zu untersuchen, welche Konsequenzen sich aus diesen Zusammenhängen ergeben. Dabei ist zwischen Überschussländern (EX - IM > 0) und Defizitländern (EX - IM < 0) zu unterscheiden.

Abnehmendes Vertrauen: Herausforderungen für Defizitländer

Leistungsbilanzungleichgewichte stellen vor allem für die Defizitländer ein Problem dar. Auf dem Arbeitsmarkt kann der Importüberschuss zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen. Die Verschuldung im Ausland führt zu Zinszahlungen und Tilgungen, d. h. das Land muss in den Jahren nach dem Importüberschuss einen Teil der wirtschaftlichen Wertschöpfung an das Ausland abführen.

Besonders problematisch wird es, wenn die Leistungsbilanzdefizite über viele Jahre bestehen. Dies bewirkt einen permanenten Anstieg der Verschuldung im Ausland. Sofern das Ausland angesichts eines steigenden Schuldenstands das Vertrauen in die Bonität des Defizitlands verliert, ist das Ausland nicht mehr bereit, die Leistungsbilanzdefizite durch eine Kreditvergabe zu finanzieren. In diesem Fall muss das Defizitland entweder seine Gold- und Devisenbestände verkaufen - was sich angesichts gegebener Bestände nicht beliebig lange fortführen lässt - oder den Güter- und Dienstleistungsverbrauch reduzieren. Letzteres bedeutet vor allem eine Einschränkung des Konsums.

Zudem muss das Defizitland seine über Jahre aufgelaufenen Auslandsschulden abbauen oder tilgen. Dies verlangt jedoch einen Exportüberschuss, also eine weitere Reduzierung der heimischen Konsummöglichkeiten. Sofern das Defizitland nur eine geringe Produktivität aufweist, muss es sehr viele Gütereinheiten hergeben, um entsprechende Exporterlöse zu erzielen. Im Ergebnis arbeitet das Land dann hauptsächlich nur noch, um die Forderungen des Auslands zu bedienen. Ein Großteil der heimischen Produktion wird exportiert, sodass die Konsummöglichkeiten der Bürger erheblich eingeschränkt werden, was gegebenenfalls zu gesellschaftlichen Unruhen führen kann.

Vom Weltmarkt abhängig: Herausforderungen für Überschussländer

Für Überschussländer sind globale Leistungsbilanzungleichgewichte relativ unproblematisch. Ein Exportüberschuss baut die Arbeitslosigkeit ab und mit ihr alle sozialen Folgekosten (geringe Staatseinnahmen, hohe staatliche Transferzahlungen an Arbeitslose, Verteilungsungleichheiten zwischen Erwerbstätigen und Arbeitslosen etc.). Die Exportüberschüsse erhöhen das Vermögen gegenüber dem Rest der Welt. Diese Vermögensbestände können in Krisenzeiten genutzt werden, um der Bevölkerung nach wie vor ein hohes Konsumniveau zu ermöglichen. Zudem erhöhen die ausländischen Vermögenstitel über die damit verbundenen Einkommenszuflüsse (Zinsen, Gewinne, Dividenden) das verfügbare Einkommen der Bevölkerung und damit ihre langfristigen Konsummöglichkeiten. Gerade für eine alternde Gesellschaft, in der zukünftig eine sinkende Zahl von Erwerbstätigen auf eine steigende Zahl von Rentnern und Pensionären trifft, stellt der Erwerb von Auslandsvermögen eine Option dar, um trotz der gesellschaftlichen Alterung den materiellen Lebensstandard nicht absinken zu lassen.

Dennoch sind globale Ungleichgewichte auch für die Überschussländer nicht vollkommen risikofrei. Die starke Exportabhängigkeit des Arbeitsmarktes führt zu einem raschen Rückgang der Beschäftigung, wenn der Welthandel infolge einer globalen Wirtschaftskrise einbricht. Der Zufluss von Gold- und Devisenbeständen erhöht die monetäre Basis der Volkswirtschaft, was gegebenenfalls zu inflationären Tendenzen führen kann. Das Vermögen gegenüber dem Ausland kann an Wert verlieren, wenn die Forderungen gegenüber dem Ausland wertlos werden (Bankrott der betreffenden Unternehmen oder sogar des Staats) oder wenn die Währung des Auslands stark abgewertet wird. In diesem Fall hätte das Überschussland seine Güter gegen wertlose Forderungen eingetauscht und damit letztendlich verschenkt.

Schließlich gibt es auch noch die These, dass Exportüberschuss ein Zeichen der wirtschaftlichen Schwäche sein kann. Diese Überlegung basiert auf dem Umstand, dass ein Exportüberschuss mit einem Nettokapitalexport (siehe Gleichung (8)) einhergeht. Der Abfluss von Kapital hat zur Folge, dass die Investitionen in dem Überschussland zurückgehen. Damit geht das Wirtschaftswachstum zurück. Die geringe Investitionstätigkeit hat zur Folge, dass zu wenige Arbeitsplätze im Überschussland entstehen. Das erlahmende Wirtschaftswachstum führt daher zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit, der die Kaufkraft oder Binnennachfrage schwächt. Zudem bewirkt die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust einen Anstieg des Angstsparens, was den Konsum im Überschussland weiter schwächt. Eine sinkende Binnennachfrage bedeutet einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse (siehe Gleichung (4)), und dies führt nach Gleichung (5) zu einem Anstieg des Exportüberschusses (vgl. dazu Sinn 2005, S. 36f.). Die ökonomischen Probleme des Überschusslandes - zu geringe Investitionen, ein abgeschwächtes Wirtschaftswachstum und damit verbundene Arbeitsmarktprobleme - nehmen damit zu. Mit Blick auf Deutschland spricht Hans-Werner Sinn daher von einem pathologischen Exportboom (Sinn 2006).

Protektionismus und Spekulationsblasen:
Herausforderungen für die Weltwirtschaft

Leistungsbilanzungleichgewichte können wegen der genannten Folgewirkungen Konsequenzen für die gesamte Weltwirtschaft haben und damit auch die Volkswirtschaften betreffen, die ausgeglichene Leistungsbilanzsalden besitzen. Zu nennen sind in diesem Kontext vor allem die Gefahr eines wachsenden Protektionismus und das Entstehen von Spekulationsblasen.

Sofern die Leistungsbilanzungleichgewichte in den Defizitländern den ökonomischen Problemdruck - steigende Arbeitslosigkeit inklusive sozialer Folgeprobleme, steigende Verschuldung im Ausland mit sinkender Bonität, Konsumeinschränkungen zur Bedienung der Schulden im Ausland - immer weiter erhöhen, besteht die Gefahr, dass einzelne Defizitländer dem permanenten Importüberschuss mit protektionistischen Maßnahmen begegnen. Die Einführung von Zöllen und anderen Handelsbeschränkungen durch ein Land führt häufig zu entsprechenden Maßnahmen der Handelspartner, die ihrerseits ebenfalls tarifäre und nicht-tarifäre Handelsbeschränkungen einsetzen. Im Ergebnis kann dies zu einem weltweiten Protektionismuswettlauf führen, der die internationale Arbeitsteilung und die damit verbundenen Wohlfahrtseffekte stark einschränkt (vgl. Petersen 2006b).

Für die Überschussländer bedeuten die Leistungsbilanzungleichgewichte einen Zufluss an Forderungen gegenüber dem Ausland, u. a. in Form einer Zunahme der Devisenbestände. So hat China durch die jahrelangen Exportüberschüsse mittlerweile Währungsreserven im Wert von rund 2.650 Milliarden US-Dollar angehäuft (Stand September 2010). Diese Reserven werden in der Regel für den Kauf von amerikanischen Wertpapieren, vornehmlich amerikanischen Staatsanleihen, verwendet. Die steigende Wertpapiernachfrage bewirkt einen Preisanstieg, der zum Entstehen einer Spekulationsblase führen kann. Leistungsbilanzüberschüsse erhöhen somit die Gefahr von Spekulationsblasen, sowohl bei Vermögenstiteln (Aktien, Staatsanleihen, Edelmetallen) als auch bei Währungen. Das Platzen einer Spekulationsblase - so wie das der US-Immobilienblase 2007/2008 - hat dann weltweit zahlreiche negative Konsequenzen für die Realwirtschaft (vgl. Petersen 2009).

Trotz dieser Gefahren haben globale Leistungsbilanzungleichgewichte auch positive Konsequenzen, weil sie eine optimale Kapitalallokation bewirken können. Aufstrebende Volkswirtschaften, die noch am Begin ihrer wirtschaftlichen Entwicklung stehen, verfügen nur über einen geringen Kapitalstock und damit auch nur über geringe Produktionsmöglichkeiten. Das Sparpotenzial ist ebenfalls gering. Aus eigener Kraft fällt es der Gesellschaft daher schwer, den Kapitalstock auszubauen und damit die Produktionsmöglichkeiten zu vergrößern. In diesem Fall kann ein temporäres Leistungsdefizit sinnvoll sein. Das Land erhält dann aus industriell höher entwickelten Volkswirtschaften Güter und Dienstleistungen. Diese erweitern entweder direkt den Kapitalstock der aufstrebenden Volkswirtschaft oder sie ermöglichen es, die Produktionskapazitäten für die Herstellung von Investitionsgütern zu nutzen, weil die Konsumgüter zur Versorgung der Bevölkerung aus dem Ausland kommen. Mit der Erhöhung der Produktionskapazitäten wird ein Wachstumsprozess in Gang gesetzt (vgl. Collignon, Cooper, Kawai, Yongjun 2010, S. 27-30). Das Wirtschaftswachstum versetzt die aufstrebende Volkswirtschaft dann auch in die Lage, die Zinsen für die Verschuldung im Ausland zu bezahlen und perspektivisch die Auslandsschulden zu tilgen. Die zwischenzeitliche Verschuldung im Ausland dient also der Vergrößerung der eigenen Produktionskapazitäten und kann daher als eine Investition in die Zukunft angesehen werden. Dies bedeutet aber auch, dass das Leistungsbilanzdefizit nur eine temporäre Erscheinung ist und das Land mittelfristig einen Leistungsbilanzüberschuss erreicht, um damit die Schulden im Ausland abzubauen. Langfristig sollte sich dann ein Leistungsbilanzausgleich einstellen. Zumindest in der Theorie erfolgt dieser Ausgleich automatisch.

 

Anmerkung

Die Fortsetzung zu diesem Beitrag wird in der Ausgabe 3/2011 veröffentlicht.

 

Autor

Dr. Thieß Petersen ist Diplom-Volkswirt aus Gütersloh.

 

Literatur

Collignon, S., Cooper, R.N., Kawai, M., Yongjun, Z.: Rebalancing the Global Economy: Four Perspectives on the Future of the International Monetary System, Europe in Dialogue 2010/01, Gütersloh 2010 (http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_32585_32586_2.pdf).

Dobson, W.: Rebalancing Global Growth: The G20's Difficult Challenge, Washington DC, 2010,

(http://www.gmfus.org/galleries/ct_publication_attachments/Dobson_rebalancing_Jun10_final.pdf;jsessionid=aFbjQl46rgF7otH6SM).

Hilpert, H. G.: Konjunktureller Absturz in Japan, SWP-Aktuell 13, März 2009, Berlin 2009.

Petersen, T.: Causes and Consequences of the Financial Crisis. Gütersloh 2009, 38 Seiten (http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-FD942410-A6AD9768/bst/Causes-and-Consequences-of-the-Financial-Crisis.pdf).

Petersen, T.: Monetäre Außenwirtschaftstheorie., in: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 35. Jg., 2006a, S. 466 - 472.

Petersen, T.: Zolltheorie, in: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 35. Jg., 2006b, S. 1380 - 1383.

Petersen, T.: Reale Außenwirtschaftstheorie, in: Das Wirtschaftsstudium (WISU), 34. Jg., 2005, S. 1488 - 1492.

Schulmeister, S.: Globalisierung ohne supranationale Währung: Ein fataler Widerspruch, in: ifo Schnelldienst 16/2009, S. 6 - 10.

Siebert, H.: Außenwirtschaft, 7. Aufl., Stuttgart 2000.

Sinn, H.-W.: Der pathologische Exportboom, in: ifo-Schnelldienst, 59. Jg., 1/2006, S. 3 - 4.

Sinn, H.-W.: Basar-Ökonomie Deutschland, in: ifo-Schnelldienst, 58. Jg., 6/2005, S. 3 - 42.

 


 

 [1] Y = Inlandsprodukt (Wert aller im Inland produzierten Güter und Dienstleistungen),
C = Konsum der privaten Haushalte (inländische und ausländische Güter),
I = Gesamtgesellschaftliche private und staatliche Investitionen,
G = Konsumausgaben des Staats,
T = Staatseinnahmen (Steuern, Sozialbeiträge, Gebühren, Zolleinnahmen etc.),
EX = Export von Gütern und Dienstleistungen ins Ausland,
IM = Import von Gütern und Dienstleistungen aus dem Ausland,
S = Gesamtgesellschaftliche Ersparnisbildung,
V = Vermögensposition des Inlands gegenüber dem Ausland,
F = Finanztitel (Aktien, Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Forderungen etc.),
W = Währungsreserven (Gold- und Devisenbestand der Zentralbank),
KIM = Kapitalimporte (zum Beispiel Verkauf von Aktien und Wertpapieren an ausländische Wirtschaftseinheiten oder Schuldenaufnahme im Ausland),
KEX = Kapitalexporte (zum Beispiel Kauf von Aktien und Wertpapieren von ausländischen Wirtschaftseinheiten oder Kreditgewährung),
GDBErh = Erhöhung des Gold- und Devisenbestands der Zentralbank infolge des Kaufs von Gold- und Devisenbeständen der Zentralbank im Ausland,
GDBVer = Verringerung des Gold- und Devisenbestands der Zentralbank in Folge des Verkaufs von Gold- und Devisenbeständen der Zentralbank,
w = Wechselkurs (Preis einer ausländischen Währungseinheit in Euro)

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