Auf eine Tasse mit Michael Bloss
Politiker, Wirtschaftsbosse und Arbeitnehmer schauen gleichermaßen zufrieden auf das vergangene Jahr 2010: Die Konjunktur hat an Fahrt gewonnen, die Aktienindices entwickelten sich prächtig, die Steuereinnahmen sprudelten und die Arbeitslosigkeit sank. Doch was erwartet uns 2011? Unser Finanzexperte wagt eine Prognose.
Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main
Das Jahr 2010 neigt sich dem Ende zu. Viele Menschen schauen deswegen erwartungsvoll auf die kommenden zwölf Monate: Wie werden sich die Konjunktur und der Arbeitsmarkt entwickeln und was passiert mit den Rohstoffpreisen, da Vorräte weiter knapper werden? Eine Prognose:
In den zu den BRIC-Staaten zählenden Mega-Volkswirtschaften China und Indien läuft der Konjunkturmotor auch 2011 auf Hochtouren. Allerdings deutet sich dort eine erste Abkühlung des Wachstums an. Besonders in China mehren sich zudem die Zeichen, dass in den Metropolen des Landes eine Immobilienblase platzen könnte. Zinsanhebungen stehen China ins Haus, da die Inflation sonst nicht in den Griff zu bekommen ist.
In den hoch entwickelten Industriestaaten schwächt sich das Wachstum deutlich stärker ab als in Asien. Das Verhältnis von Aufträgen zu Lagerbeständen nimmt dort merklich ab. In der Folge entwickelt sich der Aktienmarkt im kommenden Jahr rückläufig. Nach Wolfe Trahan & Co. wird der Markt sogar zyklusbedingt in einen tiefen Abschwung eintreten.
2011 wird sich der Arbeitsmarkt nur teilweise weiter erholen. In vielen Staaten der Eurozone ist vielmehr davon auszugehen, dass sich die Arbeitslosigkeit auf dem aktuell hohen Niveau festfahren wird. Ein analoges Bild zeichnet sich auch in den USA ab.
Im Jahr 2011 beginnt eine Inflation. Die ersten Vorboten in Form von Zins- und Inflationsängsten und fehlender Realverzinsung zeichnen sich bereits heute in einigen großen Volkswirtschaften ab. Allerdings ist dies im nächsten Jahr noch kein Grund zur Panik, denn 2011 wird es noch keinen schnellen und allzu signifikanten Preisanstieg geben. Die ersten inflationären Tendenzen sind allerdings in den USA deutlich stärker zu spüren als in Europa und Asien. Der Grund: Die weiterhin expansive Geldpolitik der US-Notenbanker spiegelt sich dort drastischer in Preisreaktionen wider.
Rohstoffe wie Platin, Palladium oder die Metalle der Seltenen Erden werden rund um den Erdball immer begehrter - und knapper. Die Preise steigen deshalb 2011 kräftig an. Trotzdem bleibt die Nachfrage besonders in China ungebrochen hoch. Die Ursache dafür ist nicht nur in der Exportorientierung Chinas zu suchen. Schließlich steigt mit dem Lebensstandard auch der Konsumhunger der Chinesen zum Beispiel nach Autos. Dies treibt auch den Ölpreis immer weiter. Selbst Agrarrohstoffe verteuern sich auf den Weltmarkt deutlich.
In den nächsten 12 Monaten ist mit keiner deutlichen Leitzinsänderung der G4-Notenbanken (USA, Eurozone, Japan und Großbritannien) zu rechnen. Die Ursache: Die Zinsen sind bereits weltweit auf sehr niedrigem Niveau. Vielen Zentralbanken bleibt folglich auch im kommenden Jahr nichts anderes übrig, als Quantitative Easing (QE2) zu betreiben, wenn sie weiterhin expansive Geldpolitik betreiben möchten. Folglich werden sie auch 2011 Staatsanleihen aufkaufen, um so die Märkte mit frischem Geld zu versorgen. Die Spreads zwischen den Sorgenkindern Griechenland, Irland und Portugal und einer soliden Volkswirtschaft wie Deutschland klaffen dabei immer deutlicher auseinander.
Darüber hinaus drücken Haushaltsdefizite und eine ausufernde Staatsverschuldung auch im nächsten Jahr auf die Ratings vieler Volkswirtschaften. Auch dies belastet 2011 die Konjunktur. Politiker müssen folglich auch im kommenden Jahr großes Fingerspitzengefühl bei den Staatsausgaben und der Steuerpolitik beweisen, wenn sie im kommenden Jahr zunehmende Verteilungskämpfe verhindern möchten.
2011 wird einmal mehr ein schwieriges Jahr: Die Konjunktur wird nach der Hochphase 2010 wieder an Fahrt verlieren und die Rohstoffpreise explodieren weiter. Und: Viele Notenbanken halten trotz des niedrigen Zinsniveaus auch im kommenden Jahr an der expansiven Geldpolitik fest. Der Finanzmarkt steht darüber hinaus weiterhin nur auf tönernen Füßen. Eine Berg- und Talfahrt, der sich auch 2011 Ökonomen, Politiker und nicht zu letzt die Manager weltweit stellen müssen.
Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am Lehrstuhl für International Finance der European School of Finance an der HfWU und unterrichtet als Lehrbeauftragter an weiteren namhaften Universitäten und Hochschulen.