Ein Kessel Buntes
Sie sind aus Unternehmen nicht mehr wegzudenken: Zahlen. Sie stellen die Lage eines Unternehmens dar, decken Beziehungen zwischen Zulieferern, Unternehmen und Handel auf und sind ein allzu sensibles Gut. In Krisenzeiten gewinnen Zahlen in Unternehmen zudem an Gewicht. Doch woher kommen sie eigentlich? Eine Frage, die unser Wirtschaftsinformatik-Fachmann beantwortet.
Von Professor Dr. Thomas Kessel, Berufsakademie Stuttgart
Krise, Kostensenkung und Konjunkturprogramm - Worte wie diese laufen derzeit täglich über den Nachrichtenticker.
Die Finanzkrise hat sich zu einer veritablen Wirtschaftskrise entwickelt und ist nun endgültig im Bewusstsein und Geldbeutel der Verbraucher und Unternehmer angekommen. In Zeiten wie diesen wächst beinahe einem Naturgesetz folgend die Relevanz der Unternehmenszahlen. Der Grund: In einer Krise ist es für Manager und Controller umso bedeutender, jederzeit einen aktuellen Überblick über die finanzielle Situation ihres Unternehmens zu er- und vor allem zu behalten.
Doch wo werden alle unternehmensrelevanten Daten eigentlich erfasst, zusammengeführt und integriert? Die Beantwortung dieser Frage führt in die Welt der Wirtschaftsinformatik. Sie arbeitet oft im Verborgenen und bedient sich vielfältiger Informationstechnologien, um betriebswirtschaftliche Geschäftsabläufe zu unterstützen.
Während zu Hause ein einfaches Tabellenkalkulationsprogramm ausreicht, um Gehalt, Miete und Lebenshaltung zu erfassen und managen, stellt sich die Situation in einem Unternehmen deutlich komplizierter dar. Der Grund liegt in der Vielzahl der Geschäftsvorgänge und der Komplexität der einzelnen Transaktionen. Sie reichen zum Beispiel von Lohnbuchungen über das Begleichen von Lieferantenrechnungen, der Verbuchung von Handelsrabatten, der Steuerung von Warenströmen und der internen Verrechnung von Kosten.
In einigen Unternehmen werden mittlerweile nahezu alle Aufgaben von einer betriebswirtschaftlichen Standardsoftware übernommen, die im Idealfall jedweden Unternehmensbereich tangieren. Es handelt sich dabei um eine Enterprise Resource Planning Software: Sie kümmert sich um die Steuerung aller unternehmensrelevanten Ressourcen. Neben den finanziellen Transaktionen werden unter anderem durch diese Software das Personalmanagement, die Logistik oder der Vertrieb unterstützt. Weltweit und besonders in Deutschland hat sich das Anwendungspaket der SAP als ein de facto Standard durchgesetzt. Im besten Fall gibt es hier eine so genannten „Softwaresuite", also eine Reihe von Anwendungsprogrammen, die von einem Anbieter stammen und so durchgängig integriert sind. Diese integrierten Softwarepakete erlauben eine vollständige automatische Erfassung und Verarbeitung aller Firmendaten - ohne lästige Schnittstellenprobleme.
Häufig existieren jedoch in der Praxis innerhalb eines Unternehmens gleich mehrere Standardanwendungen von unterschiedlichen Herstellern, beispielsweise für die Finanzbuchhaltung oder die Produktionsplanung. Da aber auch diese Abteilungen Daten austauschen müssen, ist die Integration der unterschiedlichen Programme wichtig. Mit dieser Integration beschäftigt sich der Bereich des Enterprise Application Integration, der es erlaubt - trotz der unterschiedlichen Software - eine vollständige Sicht auf alle Unternehmensdaten zu erhalten. Erst eine solche Vernetzung von Anwendungen bildet die technologische Basis, um Daten aus unterschiedlichen Unternehmensbereichen auszutauschen und zusammenzuführen.
Die angesprochene Integration solcher Software klingt aus konzeptioneller Sicht banal. In der betrieblichen Praxis erfordert sie allerdings häufig einen sehr hohen Aufwand, denn die einzelnen Anwendungen müssen mittels individuell erstellter Softwarelösungen miteinander verbunden werden. Nahezu immer ein sehr kostspieliges Unterfangen.
Datenerfassung kann im Unternehmen also durchaus schwierig sein. Noch komplexer wird es zudem, wenn die eigenen Unternehmensgrenzen überschritten werden, wenn also Geschäftspartner wie Zulieferer oder der Handel entlang der Wertschöpfungskette verstärkt in die Informationstechnologien des Unternehmens eingebunden werden. Dies erfordert in Bezug auf die IT eine Öffnung des Unternehmens gegenüber anderen, ohne dabei die Sicherheitsstandards aus den Augen zu verlieren: Sensible Unternehmensdaten dürfen keineswegs an die Öffentlichkeit oder in die Hände von Wettbewerbern fallen.
Technologisch gesehen werden die jeweiligen Anwendungen der Zulieferer häufig über so genannte Web Services miteinander verbunden, die auf offenen Internet-Standards basieren und so problemlos miteinander kommunizieren. Der technologische Unterbau wird von einer modernen Softwareinfrastruktur, basierend z.B. auf Java Enterprise Edition oder Microsofts .NET Framework, geliefert.
Ist es geschafft, Daten aus unterschiedlichen Abteilungen und gegebenenfalls von Geschäftspartnern entlang der Wertschöpfungsklette bereitzustellen, dann müssen diese im nächsten Schritt zu übersichtlich(er)en Einheiten zusammengefasst und aufbereitet werden.
Für das Management müssen Übersichten generiert werden, aus denen zu erkennen ist, inwieweit die einzelnen Unternehmensfunktionen oder -bereiche im Plan liegen, um gegebenenfalls gegen zu steuern. Zum anderen sollten insbesondere die Analysten und Experten der Fachabteilungen, wie beispielsweise dem Controlling, mit detailliertem Zahlenmaterial versorgt werden, um die Ursachen für Probleme schnell und fachkundig identifizieren zu können.
Für all diese Belange stellt schließlich die Business Intelligence (BI) Methoden und Verfahren zur Analyse von Geschäftsdaten bereit, die dann der Unterstützung bei der Entscheidungsfindung dienen. Somit kann man z.B. besonders populäre Optionen, die von den meisten Kunden beim Neuwagenkauf gemeinsam geordert werden, identifizieren und dies dann in Form eines Sondermodells anbieten. Ein anderes klassisches Beispiel kommt aus dem Handel. Hier wurde festgestellt, dass Windeln und Bier gerne gemeinsam von Familienvätern gekauft werden, so dass es sinnvoll ist, beide Produktkategorien räumlich nah zu positionieren.
Die Wirtschaftsinformatik ist in Unternehmen überall präsent. Sie hilft heutzutage nicht nur dabei, Daten und Informationen in Unternehmen zusammenzuführen, sie hilft zudem auch bei der effizienten Einbindung von Partnern entlang der Wertschöpfungskette und schließlich und endlich auch dabei, die gewonnen Daten aufzubereiten und gegebenenfalls auch zu interpretieren.
Professor Dr. Thomas Kessel lehrt seit 2002 an der Berufsakademie Stuttgart im Studiengang Wirtschaftsinformatik, in den Bereichen Betriebssysteme, verteilte Systeme und Softwareentwicklung.