Volkswirtschaftslehre
In der rund 150-jährigen Ölgeschichte gab es bereits viele Krisen: Die Suezkrise (1956), die iranische Revolution (1979) oder der Irakkrieg (2003-2008) waren nur drei Auslöser für Lieferausfälle von vielen Hundert Millionen Barrel. Die Ölpreisentwicklung ist in Krisenzeiten durch ein enormes Auf und Ab gekennzeichnet. Wie geht es mit dem Rohstoff weiter, der ohnehin in wenigen Jahrzehnten zur Neige gehen wird? Unser Ölexperte aus Hamburg beurteilt kundig die Ölkrisen der Vergangenheit und wagt einen interessanten Blick in die Zukunft.
Von Dr. Steffen Bukold, EnergyComment, Hamburg
Die Geschichte des Öls ist seit 1850 eine Wachstumsgeschichte. Mit Ausnahme weniger Kriegs- und Rezessionsjahre ist der globale Ölkonsum pausenlos gestiegen. Im Laufe der Jahrzehnte wurden immer mehr Anwendungsgebiete für Öl als Kraft-, Brenn- oder Rohstoff erschlossen.
Dieser Kontinuität auf der Nachfrageseite steht eine wechselvolle und unruhige Geschichte auf der Angebotsseite gegenüber. Aus dieser Perspektive ist die Geschichte des Öls eine Abfolge von Krisen, die immer wieder neue Lösungen erforderten, um der Branche und ihren Märkten eine stabile Struktur zu geben.
Die folgende Tabelle listet „klassische" Ölkrisen auf, die deutlich von normalen Marktphasen abgrenzbar sind. Die meisten Förderausfälle dieser Art traten in der Sowjetunion beziehungsweise Russland und im Nahen Osten auf. In den letzten zehn Jahren haben sich die Schwerpunkte allerdings verschoben und globalisiert (Lateinamerika, Afrika). Die zwei größten politisch bedingten Förderausfälle, ohne Produktionskürzungen der OPEC, entstanden durch den Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990ern und durch die Besetzung des Iraks seit 2003.
Die historische Analyse zeigt, dass manche Krisen notwendig waren, um tiefer gehende Probleme des Ölmarkts zu lösen (1973); andere Krisen wurden vor allem durch Fehlinterpretationen und unausgereifte Marktstrukturen erzeugt (1979).
Der Blick auf isolierte Einzelkrisen verstellt allerdings den Blick auf die größeren historischen Krisenzusammenhänge. Begreift man Krisen als Ausdruck von Entwicklungsproblemen des Ölmarktes, gelangt man zu einer etwas anderen Perspektive. Hier lassen sich auch die zukünftigen Herausforderungen analytisch sinnvoll einordnen.
Die Entwicklungskrisen der Ölversorgung lösten eine Suche nach einem neuen tragfähigen Fundament aus. Die neuen Lösungsmuster sollen hier - auch wenn der Begriff in letzter Zeit sehr strapaziert wurde - Paradigmen genannt werden. Die Entwicklung der Ölversorgung war aus dieser Sicht eine Abfolge von Krise, Paradigma, neue Krise, neues Paradigma und so weiter - dies zeigt Tabelle 2:
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts stagniert die Ölförderung außerhalb der OPEC, während die OPEC-Länder selbst ihre Produktion nicht ausweiten können oder wollen. Gleichzeitig stieg die Nachfrage bis zum Sommer 2008 stark an. Ähnlich wie Anfang der 1970er Jahre musste der Preis steigen.
Eine weitere Zuspitzung wurde durch die globale Banken- und Wirtschaftskrise verschoben. Die Nachfrage sinkt nun aus konjunkturellen Gründen, der Ölpreis fiel auf das Niveau von 2004.
So wünschenswert die niedrigeren Benzin- oder Dieselpreise für eine konjunkturelle Belebung sind, so bedenklich sind sie für die längerfristige Sicherheit der Ölversorgung. Das Investitionsniveau in der Ölbranche geht deutlich zurück, die Entwicklung von Alternativen wird gelähmt. Eventuell führen Budgetkrisen sogar zu innenpolitischen Krisen in wichtigen Produzentenländern.
Auch fällt der Ölkonsum nicht so stark, wie der Fall des Ölpreises von 147 $/b (Sommer 2008) auf 35 $/b (Ende 2008) vermuten lässt. Anfang 2009 lag die Nachfrage trotz Rekordpreisen im Sommer 2008 und Rekordrezession im Winter 2008 nur 3 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Nachfrage reagiert nur langsam, denn sie wird durch Subventionen, steigende Einkommen in Schwellenländern und starre technische Strukturen stabilisiert. In immer mehr Staaten (zum Beispiel in Südkorea, Japan und den USA) wird Öl sogar vermehrt zur Stromerzeugung verfeuert, da es billiger als Erdgas geworden ist.
Wenn die globale Ölnachfrage in wenigen Jahren wieder auf ihren alten Wachstumspfad zurückkehren sollte, wird es fast zwangläufig schon nach kurzer Zeit zu einer Verknappung kommen. Ungebremst würde dies eine Demand Destruction verursachen, die zu schweren sozialen Nöten, insbesondere in Entwicklungsländern, und zu volkswirtschaftlichen Verwerfungen weltweit führen könnte, zum Beispiel durch eine massive Subventionierung der Benzin- und Dieselpreise.
Ähnlich wie bei der aktuellen Bankenkrise wird der Ausweg deshalb durch ein internationales politisches Krisenmanagement gesucht werden müssen. Die Chancen dafür stehen besser, als weit verbreitete Sorgen über „Ressourcenkriege" oder „Post-Carbon-Zivilsationskrisen" vermuten lassen.
Ein „Post-Peak-Pakt" oder „Öl-Kyoto" könnte den Weg zu einer globalen Balance weisen. Ein differenziertes Steuersystem, das mit Hilfe der OPEC den Ölpreis auf einem hohen Niveau stabilisiert, könnte den bereits heute sichtbaren Rückgang der Ölnachfrage in Industrieländern beschleunigen, die Nachfrage etwa im Automobilbereich flexibilisieren (Ethanol, EV) und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Ölnachfrage in den Schwellenländern nur gedämpft wächst. Die Einsparpotenziale sind enorm: Allein schon die Modernisierung der amerikanischen PKW-Flotte und eine Stadtplanung in den Schwellenländern, die Bussen und Bahnen den Vorzug gibt, könnte den globalen Ölbedarf mittelfristig um 10-15 Prozent senken.
Die nächste Ölkrise kommt bestimmt. Aber sie kann rechtzeitig entschärft werden, wenn die Warnsignale dieses Mal früher ernst genommen werden, als dies bei der aktuellen Finanzkrise der Fall war.
Dr. Steffen Bukold ist Experte für Ölpolitik, Rohstoff- und Finanzmärkte sowie Gründer von EnergyComment in Hamburg.