Titelthema
Die Globalisierung betrifft jeden: Unsere Hemden werden in Asien geschneidert, die saftigen Trauben aus dem Supermarkt wurden in Südafrika gepflückt und die delikate Scholle vom Fischhändler um die Ecke wurde im Pazifik gefangen. Die Welt ist heutzutage enger verflochten denn je. Begünstigt wird dies durch Kommunikationstechnologien, globale Handels- und Produktionsstrukturen und last but not least den internationalisierten Finanzmarkt, auf dem Geld mittlerweile selbst zur Ware geworden ist. Unsere Politik-Expertin beleuchtet die Trends der Globalisierung und Regionalisierung genauer und beantwortet die Frage, ob das Bild des „Global Village" wirklich die Realität widerspiegelt.
Von Professor Dr. Christiane Lemke, Leibniz Universität Hannover
Das Weltwirtschaftssystem wird heute durch zwei gegenläufige Entwicklungen charakterisiert. Zum einen kommt es im Zuge einer rasch wachsenden globalen Interdependenz von Staaten und Volkswirtschaften zu einer Globalisierung des Weltmarkts. Wie die gegenwärtige internationale Wirtschafts- und Finanzkrise zeigt, nimmt dabei die Steuerungsfähigkeit von Staaten ab; die Volkswirtschaften sind immer enger mit dem globalen Weltmarkt verflochten. Zum anderen bilden sich im Zuge einer Regionalisierung unterschiedliche regionale Wirtschaftszentren heraus. Gegenwärtig lassen sich drei Handelszentren oder Wirtschaftsblöcke unterscheiden, die das Weltwirtschaftssystem strukturieren: Nordamerika (NAFTA), die Europäische Union und der asiatisch-pazifische Raum.
Im Jahr 1980 wurden in den Triade-Regionen Europa, Nordamerika und Asien-Pazifik 17,4 Prozent des gesamten Warenexports abgewickelt, im Jahr 2004 waren es bereits 23,5 Prozent. Mehr als die Hälfte des Welthandels erfolgt innerhalb der drei großen Wirtschaftsregionen und nur etwa ein Viertel zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern.
Welche Kriterien gelten als Kennzeichen der Globalisierung und worin besteht die neue Qualität der globalen Ökonomie? Inwieweit handelt es sich überhaupt um neuartige Entwicklungen oder inwiefern hat sich der Charakter der weltwirtschaftlichen Verflechtungen verändert?
In der wissenschaftlichen Literatur wird der Begriff Globalisierung verwendet, um neuere Tendenzen der Weltwirtschaft zu beschreiben, die in der Zunahme transnationaler Wirtschaftsbeziehungen und einem immer engeren Zusammenwachsen von Märkten für Güter, Finanztransaktionen und Dienstleistungen über die Grenzen einzelner Staaten hinaus bestehen. Indikatoren einer zunehmenden Verflechtung nationaler Volkswirtschaften mit dem Weltmarkt sind anwachsende Handelsverflechtungen, Produktionsverflechtungen und die Internationalisierung der Finanzmärkte.
So hat sich der Anteil der exportierten Waren und Dienstleistungen am Welt-Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 1948 und 2004 von acht auf über 27 Prozent erhöht. Hatte der Außenhandelsanteil der USA nach Angaben der OECD im Zeitraum 1981-90 noch 7,9 Prozent betragen, so stieg er im Jahr 2000 auf 14,8 Prozent und im Euro-Raum von 11,9 auf 19 Prozent. Die Bedeutung multinationaler Unternehmen, welche ihre Standorte in mehreren Ländern haben, nimmt stetig zu. Krisen an einem Standort haben daher unweigerlich Auswirkungen auf andere Standorte, wie das Beispiel der Krise in der Automobilindustrie zeigt (zum Beispiel General Motors in den USA und Opel in Deutschland).
Grundlage und Ausgangspunkt der Globalisierung ist die Liberalisierung des Welthandels- und Währungssystems. Als Leitmotiv der Weltwirtschaft gilt der Gedanke des Freihandels, der sich unter amerikanischer Hegemonie nach dem 2. Weltkrieg durchsetzte, auch wenn in vielen Ländern weiterhin ein Protektionismus zum Schutz eigener Produkte praktiziert wird. Grundlage der Liberalisierung des Handels wurde das 1947 geschlossene Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen GATT, das 1994 die Einrichtung der Welthandelsorganisation WTO als Internationale Organisation zur Folge hatte.
Im Vergleich zur Weltbank oder zum Internationalen Währungsfond (IWF) ist das WTO-Sekretariat mit seinen rund 650 Mitgliedern personell zwar eher bescheiden ausgestattet, verfügt aber durch seine Entscheidungskompetenz bei der Beseitigung von Handelshemmnissen über ein deutliches Machtpotential. Versuche, das Handelssystem strukturell umzugestalten, um etwa den unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedingungen in Schwellen- und Entwicklungsländern („fair trade") gerecht zu werden sowie soziale und ökologische Standards verbindlich zu regeln, sind dagegen bislang gescheitert. In der Folge hat sich in verschiedenen Ländern eine globalisierungskritische soziale Bewegung herausgebildet. Neue globale Protestbewegungen sowie internationale NGOs fordern eine stärkere Beachtung sozialer und ökologischer Standards und ein „gutes Regieren" („good governance") in der Weltwirtschaft ein.
Die Globalisierung mit der zunehmenden Verflechtung der Weltwirtschaft wird durch folgende Grundtendenzen charakterisiert.
Die Globalisierung hat die Unterschiede zwischen Ländern und Regionen nicht eingeebnet. Vielmehr hat sich die Kluft zwischen den reicheren und ärmeren Ländern der Welt in diesem Prozess vielfach vertieft. Aber auch innerhalb der Länder tun sich neue soziale Differenzierungen auf. Eine Folge globalen Wirtschaftens ist beispielsweise die transnationale Migration; so hat sich die Zahl der Migranten, die neue Beschäftigungsmöglichkeiten im Ausland suchen, in den letzten dreißig Jahren verdreifacht (von 85 Millionen 1975, auf 175 Millionen im Jahr 2000).
Besonders in den globalen Finanzzentren, den „global cities", aber auch an geografischen Schnittstellen zwischen Kontinenten verschärfen sich soziale Unterschiede. Untersuchungen zeigen, dass die Globalisierung zu neuen Prozessen der Inklusion und Exklusion in den Gesellschaften führt und die Gefahr einer „Gesellschaftsspaltung" beinhaltet. Globalität als Ziel wird es unter diesen Voraussetzungen kaum geben. Das Bild des „global village" spiegelt nicht die Realität der Weltpolitik wider. Zutreffender ist es, von fragmentierter Globalität, das heißt einer fortschreitenden weltweiten Ungleichheit bei gleichzeitig zunehmender wechselseitiger Abhängigkeit auszugehen.
Professor Dr. Christiane Lemke ist Professorin für Politische Wissenschaft an der Leibniz Universität Hannover und Sprecherin des Jean Monnet European Center of Excellence.