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Titelbild zum Beitrag: Verbaler Schlagabtausch im Klassenzimmer
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Verbaler Schlagabtausch im Klassenzimmer

Politische Bildung der Gegenwart: Die Talkshow

Talkshows wie Anne Will und Berlin Mitte ziehen regelmäßig viele Zuschauer vor die Fernsehschirme. In Formaten wie diesen wird neben politischem Detailwissen auch ein rhetorisch fein geschliffener und spannender Schlagabtausch geboten. Die Frage, ob die Talkshow auch ein Unterrichtsmodell für den Politikunterricht in der Schule ist, beantwortet unser Experte für Politische Bildung aus Bayern.

Von Professor Dr. Joachim Detjen, Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

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Die Talkshow ist ein populäres Fernsehformat, das ursprünglich aus den Vereinigten Staaten stammt. Dort kamen sie Mitte der 1950er Jahre auf.

Talkshows können sehr verschieden sein. Gemein ist jedoch allen Varianten, dass ein Moderator ein Gespräch mit einem Gast oder mit mehreren Gästen führt. Kern dieses Fernsehformats ist insofern immer entweder ein Zwiegespräch oder eine Gesprächsrunde.

Thematisch lassen sich im Wesentlichen die Politik-, die Personality- sowie die Bekenntnis-Talkshow unterscheiden.

Bei der Politik-Talkshow geht es um Themen von öffentlichem Interesse. In der Regel werden hierzu Entscheidungsträger - also Politiker - sowie Betroffene und Experten eingeladen. Regelmäßig treffen in der Politik-Talkshow unterschiedliche Auffassungen aufeinander. Eine besondere Form ist der Konfrontations-Talk, bei dem über ein kontroverses Thema in einer künstlich angeheizten Atmosphäre gestritten wird.

In der Personality-Talkshow unterhält sich der Moderator mit einem prominenten Gast. Dieser erhält dadurch die Chance, sich einem Millionenpublikum zu präsentieren. Thema dieser Talkshow ist gewissermaßen der Gast selbst.

Völlig anders verhält es sich mit der Bekenntnis-Talkshow. Hier diskutiert der Moderator mit nicht prominenten Gästen emotionale, oft tabuisierte Themen. Häufig geht es um persönliche und intime Belange. Ist ein Saalpublikum zugegen, erhält dieses Gelegenheit, sich mit Fragen oder Statements an der Diskussion zu beteiligen (Kuhn 2004, 118 ff.).

Sinnvoll: die Talksshow als Unterricht

Da das Fernsehen bei Jugendlichen zu den beliebtesten Medien zählt und ihnen daher Talkshows bekannt sind, ist die Politische Bildung durchaus gut beraten, ihren Gegenstand, sofern möglich, in Anlehnung an das Fernsehformat Talkshow aufzubereiten und zu vermitteln.

Dabei versteht es sich, dass hierfür nur die Politik-Talkshow in Betracht kommt. Vom Einsatz der Unterrichtsmethode Talkshow könnten positive Lerneffekte ausgehen, weil sie das genaue Gegenteil einer trockenen Informationsweitergabe ist. Denn sie verspricht im geglückten Falle einen rhetorisch geschliffenen Schlagabtausch der Akteure. Die Aufmerksamkeit der Schüler für das Geschehen dürfte auf jeden Fall gesichert sein.

Positive Lerneffekte sind auch deshalb zu erwarten, weil die Schüler sich in der Vorbereitungsphase intensiv auf die Sichtweise der Rolle einlassen müssen, die sie in der Talkshow vertreten.

Politikunterricht: weit mehr als nur Faktenwissen

Die Talkshow gehört zu den so genannten handlungsorientierten Unterrichtsmethoden. Hinter diesen Methoden steht die Auffassung, dass der Politikunterricht mehr sein sollte als die rein intellektuelle Aneignung von Wissen. Er sollte nicht ausschließlich, aber doch möglichst umfassend aus Handlungen oder Interaktionen bestehen. Denn die Politik selbst ist auch ein Handlungsmodus.

Die Erwartung lautet: Mit Hilfe von Methoden, die eine Ähnlichkeit mit dem politischen Handeln aufweisen, sollen sich die Lernenden wichtige politische Handlungskompetenzen aneignen (Massing 1998, 8 f.). Diese Kompetenzen sollen sie in die Lage versetzen, als Erwachsene im politischen Leben angemessen zu agieren.

Eine hohe Kunst (er)lernen: Argumentation und Rhetorik

Ohne Zweifel gehören Redehandlungen zur Politik. Ebenso sind argumentative Begründungen und Rechtfertigungen als Antworten auf kritische Fragen typisch für politische Situationen. Unterrichtsmethoden, die rhetorische und argumentative Fähigkeiten fördern, haben also einen besonderen Wert für die politische Bildung. Da die Talkshow genau dieses tut, verdient sie Aufmerksamkeit und Beachtung.

Die Talkshow als Unterrichtsmethode gehorcht den dramaturgischen Regeln des entsprechenden Fernsehformats. Die dramaturgischen Mittel bestehen in einem polarisierenden Thema, einigen polarisierenden Gästen und einem Moderator. Der Moderator setzt die Gesprächsimpulse, er provoziert und vermittelt. Die Gäste stellen ihre Sichtweisen prägnant dem Publikum vor. Das bedeutet unter anderem, dass der Ausgang eines solchen Streitgespräches nicht selten mehr interessiert als die Inhalte.

Die Talkshow: mehr als Rollenspiel, Plan-Spiel und Pro-Contra-Debatte

Die Talkshow weist deutliche Unterscheidungsmerkmale zu den anderen simulativen Methoden auf, die in der Politischen Bildung praktiziert werden, wie dem Rollenspiel, dem Planspiel und der Pro-Contra-Debatte. So übernehmen die Teilnehmer wie im Rollenspiel eine Rolle, aber diese Rolle ist nicht im Bereich der Lebenswelt angesiedelt.

Im Unterschied zum Planspiel fehlt in der Talkshow der Entscheidungsdruck. Denn in der Talkshow gibt es nichts zu entscheiden. Es besteht deshalb auch keine Notwendigkeit zur Konsenssuche oder zu Kompromissen. Dafür liefert die Talkshow Informationen über inhaltliche Positionen zu einem politischen Sachverhalt. Im Verhältnis zur Pro-Contra-Debatte fehlt die strenge Disziplin im Ablauf und in der Argumentation. Dafür bietet die Talkshow Chancen für die Selbstdarstellung der Beteiligten sowie für spektakuläre Überraschungen.

Eine kleine Runde: maximal sechs Gäste

Neben dem Moderator treten in der Talkshow vier bis höchstens sechs Gäste als Diskutanten auf. Jeder Gast repräsentiert eine bestimmte Rolle. So kann es sich um eine Gesprächsrunde aus Vertretern von Parteien handeln. Denkbar ist aber auch ein Gespräch zwischen je einem Vertreter der Wirtschaft, eines einschlägigen Interessenverbandes, der Kirchen und einer kulturellen Organisation. Belebend wirkt es, wenn ein Gast die Rolle eines von der jeweiligen Materie Betroffenen spielt.

Klare Rollenverteilung: Schüler als Talkmaster

Die Talkshow als Unterrichtsmethode bedarf einer intensiven Vorbereitung. Ganz zu Beginn muss der Lehrer in die Rolle des Sendeleiters schlüpfen, um ein tragfähiges Sendekonzept zu entwerfen. Das meint: Er muss sich eine Frage überlegen, über die kontrovers zu sprechen lohnt. Im Prinzip kann in der Talkshow über alles gesprochen werden. Gleichwohl dürften aktuelle Streitfragen aus der Politik, die nach Möglichkeit aus dem Unterricht hervorgegangen sind und zu denen es hinreichend viele kontroverse Sichtweisen gibt, besonders geeignet sein.

Der Lehrer muss sich auch Gedanken über die Sitzordnung des Moderators sowie der Gäste und des Publikums machen. Es bietet sich an, die Gäste links und rechts vom Moderator so zu platzieren, dass alle Sichtkontakt zueinander sowie zum Publikum haben. Bei einem Konfrontations-Talk kann die Klasse aber auch im Kreis um die Diskutanten platziert werden (Hexenkessel).


Das Gelingen der Talkshow hängt stark vom Moderator ab. Diese Rolle sollte ein eloquenter und durchsetzungsfähiger Schüler spielen. Notfalls muss der Lehrer diese Funktion übernehmen.

Nichts in kalte Wasser springen: Diskussionsrunde vorbereiten

Die Vorbereitung der Positionen der Gäste erfolgt in Arbeitsgruppen. Die Bereitstellung geeigneten Materials ist sehr wichtig. Um der Talkshow einen gewissen Tiefgang zu verleihen, müssen sich den Materialien nicht nur die Sichtweisen selbst, sondern auch rechtfertigende Begründungen entnehmen lassen. Während dem Moderator alle Materialien zur Verfügung gestellt werden, erhalten die Schülergruppen, welche die Rolle jeweils eines Gastes erarbeiten, nur die auf sie zugeschnittenen Informationen.

Bei aktuellen Themen sollten Zeitungen herangezogen werden. Internetrecherchen bei denjenigen Organisationen, die durch einen Rollenträger in der Talkshow vertreten sind, können sinnvoll sein. Am Ende der Vorbereitung bestimmen die Arbeitsgruppen jeweils einen Schüler, der die Rolle des Gastes spielt.

Alle übrigen Schüler bilden das Publikum. Sie erhalten Beobachtungsaufgaben. Es empfiehlt sich, Beobachtungsgruppen zu bilden, die sich jeweils auf eine Person konzentrieren. Beobachtet werden sollten inhaltliche Darlegungen, rhetorisches Auftreten und Eingehen aufeinander.

Nicht vergessen: erhitzte Gemüter nach der Talkshow abkühlen

Die Talkshow beginnt damit, dass der Moderator das Thema nennt und dann mit jedem Gast ein kurzes Gespräch über dessen Person und Funktion führt. Danach eröffnet er das eigentliche Gespräch, indem er einen Gast nach dessen Auffassung fragt. Nach der Antwort wendet sich der Moderator einem anderen Gast zu, der eine konträre Position vertritt. Es kann sein, dass sich hiernach ein lebendiges kontroverses Gespräch entwickelt. Notfalls muss der Moderator auch provozieren (Detjen 2007, 382 f.).

Die Talkshow beschränkt sich im Regelfall auf den Moderator und die Gäste. Unter Umständen kann es aber zweckmäßig sein, die Gesprächsrunde zu vergrößern und dem Publikum die Möglichkeit einzuräumen, mit eigenen Fragen und Beiträgen einzugreifen. Wird dies zugelassen, hat das Auswirkungen auf die Auswertungsphase. Aber: Denn zugleich Beobachter und Gesprächsteilnehmer zu sein, kann Schüler überfordern.

Aufgrund des hohen Grades an Emotionalisierung muss nach Beendigung der Talkshow Gelegenheit zur Abkühlung und Rollendistanzierung gegeben werden.

Die Analyse: Moderator und Diskutanten unter der Lupe

Das Auswertungsgespräch sollte sich auf mehrere Gesichtspunkte beziehen. Ein Gesichtspunkt sollte die Überzeugungskraft der vertretenen Positionen sein. Dann sollte über die rhetorischen Leistungen gesprochen werden. Waren die Argumente verständlich? Waren die Argumente fachlich begründet und in sich konsistent? Oder wurden bloß plakative Meinungen ohne inhaltliche Begründung geäußert (Manzel 2007, 202)? Weiterhin sollte die vom Inszenierungscharakter der Talkshow ausgehende Verzerrung der politischen Wirklichkeit thematisiert werden.

Nur für die Oberstufe geeignet: Talkshow als Unterrichtsmethode

Die Methode der Talkshow kann frühestens am Ende der Sekundarstufe I, also etwa in der Jahrgangsstufe 10, eingesetzt werden. Die eigentliche Talkshow nimmt je nach Gegenstand 45 bis 90 Minuten in Anspruch. Nicht zu unterschätzen ist der Vorbereitungsaufwand, für den mehrere Stunden anzusetzen sind. Für die Auswertung ist eine Unterrichtsstunde anzusetzen.

Lernenden macht die Talkshow in der Regel Spaß. Sie wirkt motivierend. Die Talkshow setzt auch leicht Emotionen frei. Auf diese Weise kann es gelingen, Interesse für Politik zu wecken oder die Distanz zum gegebenen Thema zu verringern. Man darf aber nicht vergessen, dass in der Talkshow eine mediale Inszenierung simuliert wird, die aufgrund der Dominanz des Rhetorischen politische Lernprozesse auch blockieren kann (Detjen 2007, 384).

 

Autor

Professor Dr. Joachim Detjen ist Inhaber des Lehrstuhls für Politische Bildung (Didaktik der Sozialkunde) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

 

Literatur

Detjen, Joachim (2007): Politische Bildung. Geschichte und Gegenwart in Deutschland. München.

Kuhn, Hans-Werner (2004): Die Talkshow, in: Siegfried Frech/Hans-Werner Kuhn/Peter Massing (Hrsg.): Methodentraining für den Politikunterricht. Schwalbach/Ts., S. 117-144.

Manzel, Sabine (2007): Talkshow, in: Dirk Lange/Volker Reinhardt (Hrsg.): Basiswissen Politische Bildung. Handbuch für den sozialwissenschaftlichen Unterricht. Band 6: Methoden Politischer Bildung. Baltmannsweiler, S. 199-203.

Massing, Peter (1998): Handlungsorientierter Politikunterricht. Ausgewählte Methoden. Schwalbach/Ts.

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