Betriebswirtschaftslehre
Image und Reputation sind wesentliche Eckpfeiler der Unternehmenskommunikation. Und mehr noch: Beides sind trotz des immateriellen Charakters handfeste Werte, mit einer enormen wirtschaftlichen Bedeutung. Sie erleichtern den Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen, erlauben eine höhere Wertschöpfung und helfen außerdem dabei, im globalen Wettbewerb erfolgreich Flagge zu zeigen. Unser Stuttgarter Soziologieexperte beleuchtet die Phänomene Image und Reputation genauer und zeigt im Rahmen dessen auf, wie sie zu managen sind.
Von Professor Dr. phil. Eugen Buß, Universität Hohenheim, Stuttgart
Der moderne Konsument ist eine schillernde Figur. Unternehmen und Organisationen haben große Schwierigkeiten, ihn zu verstehen. Sie betreiben Markt- und Meinungsforschung, denken mehr über ihn als mit ihm nach, entwickeln Zielgruppenstrategien, taxieren Verbrauchsgewohnheiten, prognostizieren Lebensstil- und Milieuveränderungen.
Dennoch stellen sie regelmäßig verblüfft fest: Die tragfähige Bindung wird brüchig, das Vertrauen sinkt, Reputation und öffentlicher Ruf sind stets gefährdet. Diese Entwicklung in Mitteleuropa nötigt zum Umdenken traditioneller Marketing- und Kommunikationsstrategien. Sie nötigt insbesondere zu Antworten auf eine ganz neue zentrale Frage: Unter welchen Prämissen avancieren Image und Reputation zu Werttreibern für das Management?
Bei Image und Reputation handelt es sich um grundlegende Wertschöpfungsprinzipen in der Wirtschaft. Das Image ist eine zentrale Steuerungsquelle für die Orientierung im Markt, es ist Quelle von Wertschätzung oder Ablehnung einer Organisation, Chiffre von Loyalität oder Zurückweisung. Es dient als maßgebliches Kriterium für die Bewertung von Unternehmen.
Unter Image versteht man historisch begründete, bewertende, relativ dauerhafte und typisierende Vorstellungen, die in symbolischen, identitätsstiftenden Bildern verdichtet sind und zu einem bestimmten Handeln verpflichten oder mobilisieren. Oder in einer Metapher: Image ist das Gesicht einer Organisation. Image-Management beruht auf der Fähigkeit, Unternehmensprozesse bildhaft zu führen.
Nicht das Produkt oder die Marke an sich entscheiden über Zustimmung oder Ablehnung, sondern das Bild über sie. Nicht das Unternehmen selbst, nicht seine Leistungen und Erfolge steuern die Konsumentenentscheidung, sondern die Vorstellungen über sie. In ihnen liegt das eigentliche Wertschöpfungspotenzial.
Die wachsende Bedeutung von Image und Reputation in modernen Märkten geht auf eine ganze Reihe von institutionellen Rahmenbedingungen zurück:

Unternehmen haben die Aufgabe, neben einer Dienst- oder Sachleistung auch Akzeptanz und Ansehen zu produzieren. Erst beide zusammengenommen (Produkte und Akzeptanz) machen den wirtschaftlichen Erfolg einer Organisation aus. Führt man sich nämlich vor Augen, wie Unternehmenswert und Umsatzrendite beispielsweise durch Opportunitätskosten (verschenkte Reputationschancen), Transaktionskosten (zum Beispiel Aufwendungen für Krisenkommunikation) und Interaktionskosten (verschenkte Kunden- und Vertrauensbindungen) nachhaltig beeinflusst werden können, wird deutlich, dass Image- und Reputationsmanagement für die Wertschöpfung eines Unternehmens ebenso wichtig sein kann wie wirtschaftliche Erfolgszahlen: je nach Studie hängen zwischen 15 Prozent und 50 Prozent der Marktkapitalisierung eines Unternehmens von seinem Ansehen in der Öffentlichkeit ab.
Daher ist eines klar: Das Marken- oder Unternehmensimage bestimmt Firmenwert und Wachstumsperspektiven mehr als jede andere Vermögensposition im Jahresabschluss. Imagekapital ist nicht minder wichtig als das Stammkapital. Nicht der Bilanzwert, sondern der Ansehenswert ist entscheidend.
Würde morgen BMW abbrennen, alle Fabriken, alle Büros, und nichts bliebe übrig als nur die Marke, dieses schimmernde Abstraktum - dann könnte BMW-Chef Norbert Reithofer die Markenrechte noch während der Löscharbeiten als Sicherheit für einen 30 Milliarden Euro Kredit hinterlegen. Der Imagewert der Marke von BMW, der Wert des öffentlichen Ansehenskapitals, beträgt deutlich über 30 Milliarden Euro.
Image im Sinn öffentlicher Akzeptanz und Reputation ist folglich ein wirtschaftliches Gut. Es fungiert als eine Art Akquisitionswährung. Akquisition im Sinne von Kundenbindung, Mitarbeiterbindung und Öffentlichkeitsbindung.
Image- und Reputationsmanagement kann insofern als besondere Form einer unternehmerischen Ressource verstanden werden. Sein Nutzen ist auf Unternehmens- wie auf Kundenseite: Image entlastet das Unternehmen von direkten Vertriebsaufwendungen wie personalintensiver Fachberatung, Kosten-Nutzen-Analysen, Wettbewerbsvergleichen und vor allem Preiszugeständnissen.
Es eröffnet zudem neue Handlungsspielräume für Innovationen. Umgekehrt wird der Kunde enthoben von zeitaufwendigen Produktvergleichen, vom Problem, Vertrauen gewinnen und anschließend kontrollieren zu müssen. Diese Form der Entlastung ist der moderne Mensch gerne bereit zu honorieren. Mit Image und Reputation sind also gegenseitige Loyalitäten verbunden, die wie Markteintrittsbarrieren für Konkurrenten wirken.
Direkte Werttreiber von Image und Reputation: Image und Reputation erhöhen die Markteintrittsbarriere für neue Wettbewerber; befreien von der Verpflichtung, jedem kurzfristigen Trend zu folgen; erhöhen die Kreditwürdigkeit und Bonität; ermöglichen, die Preis-Leistungsschere zu spreizen; erweitern die wirtschaftlichen und unternehmerischen Handlungsspielräume; reduzieren Marketingkosten und Vertriebsaufwendungen; reduzieren Einkaufs- und Supportkosten; reduzieren Kundenbindungs- und Kundengewinnungskosten; erhöhen die eigenen Human Resources; erhöhen Kooperationschancen.
Indirekte Werttreiber von Image und Reputation: Image und Reputation bringen Relevanzstrukturen in den anonymen Waren- und Informationsmarkt; signalisieren Reputationsunterschiede zwischen den Unternehmen/Organisationen; schaffen eine trennscharfe Abgrenzung gegenüber dem Wettbewerb; beschleunigen Entscheidungsprozesse von Konsumenten; schalten verfügbare Optionen aus; entlasten den Verbraucher von aufwendigen Produktvergleichen und Produktanalysen; schaffen Vertrauensbindungen zur Öffentlichkeit, Mitarbeiter und Kunden; sind Medium von Loyalitäten; erleichtern Verständigungs- und Akzeptanzprozesse in der Öffentlichkeit; bieten Identifikationsangebote und erkennbare „Persönlichkeiten"; bieten der Öffentlichkeit eine Selektionshilfe, bzw. einen Filter für eingehende Informationen; verhindern Mehrdeutigkeit; reduzieren eine komplizierte Sachlogik auf eine einfache Bildlogik; reduzieren Ungewissheit, Unsicherheit, Ambiguität und - dies scheint das Wichtigste; erzeugen Sinn.
Die Öffentlichkeit sucht nach Ruhepolen im Bilder- und Informationsrauschen der modernen Märkte. Einen solchen Ruhepol bilden Imagebilder. Sie wirken wie eine Navigationsmetaphorik im Strom der Informationen. Image- und Reputationsmanagement sind die eigentliche strukturelle Antwort auf die mit der Informationsüberflutung verbundenen Wahrnehmungsprobleme der Öffentlichkeit.
Es ist daher an der Zeit umzudenken. Der künftige Erfolg ist in hohem Maße abhängig von der öffentlichen Positionierung eines Unternehmens. Image- und Reputationsmanagement, richtig eingesetzt, können für die Entwicklung der Wertschöpfung ebenso wichtig sein wie ökonomische Erfolgszahlen. Daraus lassen sich drei Konsequenzen ziehen:
Professor Dr. phil. Eugen Buß vertritt an der Universität Hohenheim das Fach Soziologie und empirische Sozialforschung. Darüber hinaus lehrt er als Gastprofessor an der Kulturakademie in Riga / Lettland. Er ist Autor von Lehrbüchern der Sozialwissenschaften. Sein aktueller Forschungsschwerpunkt liegt in der Management-Soziologie.
Buß, E. (2008): Managementsoziologie. Grundlagen, Praxiskonzepte, Fallstudien. München
Buß, E. (2008): Traditionen und Werte. Die Seele der Unternehmenskommunikation, in: Bühler, H. und U. Dürig: Tradition kommunizieren, Frankfurt a.M.
Buß, E. (2007): Image und Reputation, in: M. Piwinger u. A. Zerfass: Handbuch Unternehmenskommunikation, Wiesbaden
Buß, E. (2007): Die deutschen Spitzenmanager. Wie sie wurden, was sie sind. München und Wien
Buß, E./U. Fink-Heuberger (2000): Image Management. Wie Sie Ihr Image-Kapital erhöhen. Erfolgsregeln für das öffentliche Ansehen von Unternehmen, Parteien und Organisationen, Frankfurt/M.
Giddens, A. (1995): Konsequenzen der Moderne, Frankfurt/M.
Kohtes und Klewes (Hrsg.) (o. J.): Corporate Agenda. Kommunikation in Zeiten unternehmerischer Transformation, Düsseldorf.
Lohrmann, S. (1995): Image und Unternehmenserfolg, unveröff. Diplomarbeit, Universität Hohenheim, Stuttgart.
Luhmann, N. (1973): Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, Stuttgart.
Rüßmann, K.H. (1989): Strahlkraft durch Kompetenz, in: Manager Magazin, Heft 4, Hamburg
Schulz, B. (1991): Strategische Planung von Public Relations, Frankfurt/M., New York.