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Wetten, dass…

Zertifikate - Finanzprodukte für Privatkunden?

Der Markt für Zertifikate boomt - und das schon seit Jahren. Salopp ausgedrückt ermöglichen Zertifikate Privatanlegern auf die Entwicklung von Kursen und Preisen zu wetten und hohe Renditen zu erzielen. Aber: Einige Zertifikate sind sehr komplex und durchaus riskant. Unser Finanzmarktexperte bringt Licht ins Dunkel des Zertifikatdschungels und verrät, welche Zertifikate sich für Privatanleger eignen, von welchen unerfahrene Anleger besser die Finger lassen sollten und was bei der Anlage zu beachten ist.

Von Michael Bloss, Europäisches Institut für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD), Frankfurt am Main

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Eine Bank kann auch eine Werkstatt sein. Natürlich zimmern Banker nicht an einem Haus oder schrauben an einem Auto. Sie entwickeln vielmehr Finanzprodukte für ganz unterschiedliche Zielgruppen - zum Beispiel den Privat- beziehungsweise Retail-Kunden. Zu diesen Produkten zählen seit knapp zwanzig Jahren auch Zertifikate.

Was dahinter steckt: Zertifikate sind Wertpapiere, die zum Beispiel von Banken emittiert werden. Sie werden nicht fest verzinst und besitzen in der Regel eine festgelegte Laufzeit. Der Handel findet meistens, aber nicht immer, außerbörslich statt. Der Besitzer eines Zertifikats ist gleichermaßen am Erfolg oder Misserfolg des Basiswerts, der von Experten auch als Underlying bezeichnet wird, beteiligt. Ein solcher Basiswert kann ein Aktienkurs, der DAX oder der Ölpreis sein.

Klassisch oder doch exotisch

Aus Sicht des Anlegers unterscheiden sich Zertifikate besonders hinsichtlich des Risikos und ihrer Komplexität. Am wenigsten komplex sind Delta 1 Zertifikate. Sie sind im Hinblick auf ihre Strategie auch für Laien leicht zu durchschauen, denn sie verbriefen die direkte und lineare Partizipation an einem Underlying (1:1) - zum Beispiel dem DAX. Ihr Risiko ist im Vergleich zu anderen Zertifikatarten als gering zu bewerten. Weitaus komplexer und durchaus riskanter sind exotische Zertifikate. Hier kann zum Beispiel auf die Entwicklung von exotischen Währungen oder Rohstoffpreisen spekuliert werden. Von diesen Zertifikaten sollten unerfahrene und risikoaverse Anleger die Finger lassen. Gleiches gilt für Anleger, die über keine Liquiditätsreserven verfügen.

Grundsätzlich werden drei Arten von Zertifikaten unterschieden:

  1. Anlagenzertifikate, Themenzertifikate, Delta 1 Zertifikate: Hierbei handelt es sich um einfache Zertifikate, die zum Beispiel einen Themenbereich wie Bank oder Automobil abdecken. Durch den Erwerb des Zertifikats kann der Anleger auf eine einfache und transparente Art vom Underlying profitieren. Diese Zertifikate ermöglichen Anlegern auch auf ein abstraktes Instrument wie zum Beispiel einen Index zu wetten. Dies könnte man zwar auch mittels einer Fondslösung, jedoch hat sich das Zertifikat als praktikabler, kostengünstiger und fungibler erwiesen. Die Schattenseite jedoch besteht im Emittentenrisiko, welches bei Fonds, da diese als Sondervermögen gelten, nicht vorhanden ist.
  2. Multi Callable-, Bonus- und Discount-Zertifikate sowie Aktienanleihen: Hierbei handelt es sich um Zertifikate, welche ein bestimmtes Rückzahlungsmuster verbriefen, so genannte Payoffs. So werden bei Bonuszertifikaten Bonusbeträge bezahlt, wenn eine im Voraus festgelegte Kursschwelle des Underlying nicht durchschritten wird. Bei Aktienanliehen handelt es sich um Inhaberschuldverschreibungen mit Tilgungswahlrecht des Emittenten. Dieses ist ebenfalls an eine Kursschwelle gebunden. Wird diese durchschlagen so erfolgt die Rückzahlung nicht mehr zum Nominalbetrag, sondern es erfolgt eine Aktienlieferung oder ein Cash Settlement im Gegenwert der aktuellen Aktienposition. Die Zinszahlung erhält der Investor in jedem Fall. Genau gleich funktionieren Discount-Zertifikate, welche anstatt der Zinszahlung einen Discount gewähren. Die Konstruktion ist jedoch dieselbe. Unter Multi Callable-Zertifikaten versteht man Zertifikate, die beispielsweise beim Erreichen einer Kursschwelle gekündigt werden können. Dieses Sonderkündigungsrecht wird jedoch nur beim Erreichen der Kursschwelle ausgeübt. Wird diese nicht erreicht, so läuft das Zertifikat bis zum Laufzeitende durch.
  3. Hebelzertifikate: Hebelzertifikate setzen auf durchaus spekulatives. Sie ermöglichen es dem Investor beispielsweise auf eine steigende oder fallende Marktlage eines Index zu setzen, diese Möglichkeit offerieren ihm sonst nur Termingeschäfte. Im Idealfall versprechen solche Zertifikate zwar hohe Gewinne, im schlimmsten Fall kann der Privatanleger aber einen Komplettverlust seines eingesetzten Kapitals erleiden.

Mit Nischenmärkten Geld verdienen

Zertifikate erfreuen sich bei Privatanlegern außerordentlich großer Beliebtheit, denn sie können durchaus ein lukratives Geschäft sein. Einsteigen können Privatanleger oft schon mit einem geringen Einsatz. Zudem haben sie die Möglichkeit, durch ein Zertifikat mit attraktiven Nischenmärkten, die ihnen bis dato verwährt waren, Gewinne zu erzielen.

Neben dem Risiko und der Komplexität sollten private Zertifikatanleger auch auf die Kosten achten, zum Beispiel Verkaufs- oder Handelsprovisionen. Hohe Kosten können sich auch hinter dem Spread verstecken. Dabei handelt es sich um die Differenz zwischen Geld- und Briefkurs. Die Höhe des Spreads steigt mit dem Risiko des Basiswerts und der Komplexität des Zertifikats an.

Laut einer Studie des Handelsblatts wurden im ersten Halbjahr 2007 rund 136 Milliarden Euro Umsatz in Zertifikaten generiert. Die Nachfrage ist selbst in der Krise hoch. Und dies obwohl das in letzter Minute verschärfte Abgeltungssteuergesetz Zertifikate kalt erwischt hat: Sie zählen nun zu den einzigen Wertpapieren, für die der Staat keine anlegerfreundliche Übergangsfrist eingeräumt hat.

Durch den Bankrott von Lehman Brothers wurde jedoch auch die klare Schattenseite von Zertifikaten offenbar. Es handelt sich um Inhaberschuldverschreibungen des Emittenten. Folglich beinhaltet jedes Zertifikat ein Emittentenrisiko. Diesem Umstand müssen sich Anleger immer im Klaren sein.

 

Die obige Tabelle zeigt die CDS-Raten (Credit Default Swaps) der einzelnen Emittenten und deren Veränderung gegenüber dem Vormonat an. Je höher diese Raten sind, desto negativer ist dies zu beurteilen.

 

Autor

Michael Bloss ist Abteilungsdirektor im Wealth Management der Commerzbank AG und Direktor des Europäischen Instituts für Financial Engineering und Derivateforschung (EIFD). 
Er lehrt als Associate Professor und Director for Derivatives am „Chair of International Finance" der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen und unterrichtet als Gastdozent an namhaften Universitäten und Hochschulen. Herr Bloss ist Mitglied des Management Board des Masterstudienganges International Finance (IFMSc) der HfWU. 

 

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